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Die pietistisch-quietistische Erziehung Anton Reisers

Seminararbeit 1998 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Vorwort

1 Religiöse Strömungen im Deutschland des 17. und 18. Jh.
1.1 Der Pietismus
1.2 Der Quietismus

2 Der Guyonismus und seine Rezeption in Deutschland

3 Die religiöse Erziehung Anton Reisers
3.1 Die quietistischen Erziehungsmethoden des Vaters
3.2 Der pietistische Einfluß
3.3 Antons Lehrzeit beim quietistischen Hutmacher Lobenstein

4 „Anton Reiser“ als bittere Auseinandersetzung mit den pietistisch-quietistischen Erziehungsmethoden

5 Bibliographie
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

0 Vorwort

Die Autobiographie war – neben dem Tagebuch – die wichtigste literarische Gattung des Pietismus. Sie reflektierte – als eine erbaulich zu lesende Beschreibung des wundersamen Einwirkens Gottes auf die menschliche Seele – die vom Pietismus geforderte Beschäftigung mit dem Selbst und stellte die seelischen Erfahrungen des Pietisten in den Vordergrund.

Eben diese Auseinandersetzung mit dem Inneren, mit dem Ich, mit der eigenen Psyche charakterisiert auch Moritz’ Lebensbericht, nur daß „Anton Reiser“ alles andere als eine erbauliche Lebensbeschreibung bietet. Anstatt der Bekenntnisse einer formvollendeten Seele liefert sein sogenannter „psychologischer Roman“ eine bittere und sarkastische Abrechnung mit quietistisch-pietistischen Erziehungsmethoden.

Die vorliegende Arbeit will nun aufzeigen wie der Pietismus und der Quietismus, so wie sie von den Menschen in Anton Reisers Umgebung verstanden und gelebt werden, von Moritz in den ersten beiden Teilen des Romans karikiert und als Ursache für das zerrüttete Gemüt der Hauptfigur entlarvt werden.

1 Religiöse Strömungen im Deutschland des 17. und 18. Jh.

1.1 Der Pietismus

Die religiöse Bewegung des Pietismus kommt gegen Ende des 17. Jh. aus England über die Niederlande nach Deutschland wo sie bis ins 18. Jh. wirksam bleibt und die soziokulturelle Entwicklung nachhaltig beeinflußt. Im Verlangen nach gelebter Frömmigkeit und als Reformbewegung gegen die starren Formen des orthodoxen Protestantismus setzt der Pietismus auf die Liebesgemeinschaft der aufrichtig gläubigen Christen, die die Verbindung von Glauben mit Frömmigkeit, Gehorsam und Tugendstreben zu erreichen suchen und so die Vervollkommnung des Individuums anstreben.

Das oberste Ziel ist die Wiedergeburt des Menschen aus dem alten Sein, d.h. die Umkehr aus dem nicht selbstverschuldeten Zustand der Sünde, durch die wirkende Kraft der Gnade (lat. pietas). Dieser Gnadendurchbruch setzt den Bußkampf des einzelnen Menschen voraus und gilt als mehr oder weniger einmaliges Erlebnis, als einmalige Bekehrung und persönliche Heiligung im Leben.

Die so begründete individualistisch-subjektivistische Frömmigkeitsform schließt einerseits eine intensive Hinwendung zum Studium der Bibel, v.a. des Neuen Testaments, ein, betont andererseits aber auch die Wichtigkeit der Heidenmission und der praktischen Theologie, d.h. der religiösen Jugendunterweisung und der Aktivierung der Laien. Kennzeichnend für die pädagogischen Interessen und Ziele der Bewegung sind die privaten Erbauungsversammlungen (Konventikel), die individuelle Seelsorge und das reiche Liedgut.

Die aufmerksame Beschäftigung mit dem eigenen Inneren, der im Pietismus eine besondere Bedeutung zukommt, führt zu einer Verfeinerung psychologischer Fertigkeiten und zu einer Sensibilisierung für feinste Gemütsschwankungen. In der Literatur der Zeit – insbesondere in den Autobiographien und Bildungsromanen – begünstigte dies die Entwicklung moderner psychologischer Darstellungstechniken.

1.2 Der Quietismus

Auch der Quietismus hat ein inwendiges Christentum zum Ziel und fordert ein stetiges Nachempfinden der Leiden Christi. Anders aber als der Pietismus, der eine aktive, eine nach Außen gerichtete Komponente besitzt, betont er in erster Linie eine verinnerlichte, stark individuell geprägte Frömmigkeit mit passiver Grundhaltung.

Das quietistische Gebot lautet, seinen Pflichten sich nicht zu entziehen, es befiehlt aber nicht, sich irgendwelche aufzubürden: es ist, von diesem äußeren Standpunkt aus betrachtet, eine höchst individuelle Art des Sichtreibenlassens, die alles dem Ermessen des Einzelnen anheim stellt. Die eigentliche Bewährung, die Reinigung des Einzelnen ist nur in der „dunklen Nacht“ möglich; für ihren Verlauf kann keine Regel angegeben, für ihren Ausgang keine Gewähr gegeben werden.[1]

Wie der Nihilismus, so kreist auch der Quietismus mit allen seinen Gedanken und Vorstellungen um das Nichts. Der Quietist betrachtet die Vernichtung im mystischen Tod – auch „mortificatio“ oder „dunkle Nacht“ genannt – als Vorbedingung für ein neues wesentliches Sein. Er sucht die „mortificatio“, weil nur im Nichts, in der völligen Leere das letzte Ziel quietistischen Strebens die „unio mystica cum Deo“ – das Erfülltwerden mit Gott – möglich wird.

Die wichtigsten Begründer und Vertreter der quietistischen Grundsätze waren der spanische, 1687 von Papst Innozenz XI verdammte, Geistliche Miguel de Molinos und die französische Mystikerin Jeanne-Marie Guyon de la Motte, die wegen ihrer Schrift „Moyen court est très facile pour l’orasion“ (1685) ebenfalls in Konflikt mit der Kirche geriet und mehrmals inhaftiert wurde.

2 Der Guyonismus und seine Rezeption in Deutschland

In Deutschland findet in erster Linie der von Jeanne-Marie Guyon de la Motte geprägte Quietismus – der sogenannte Guyonismus – Verbreitung. Ihr Gesamtwerk umfaßt an die 40 Bände. Für ein erstaunliches Aufsehen sorgen Ende des 17. und Anfang des 18. Jh. in ganz Europa und besonders in Deutschland ihre Briefe, ihre Autobiographie, ihre Lehre von den „geistlichen Strömen“, ihre Lieder, ihre mystische Bibelauslegung und die Bücher „vom inneren Gebet“ und „von der Kinderzucht“. Auch Fénelons „Les aventures de Télémaque“ (1699), die erste „zusammenhängende Erzählung“ die Anton Reiser „mit der größten Begierde und mit wahrem Entzücken“ liest, propagierte im Deutschland der Religionskämpfe die quietistisch-guyonistischen Thesen in einer abgeschwächten literarischen Form.

Über den Inhalt der Guyonschen Doktrin schreibt Moritz:

Die Lehren, welche in diesen Schriften enthalten sind, betreffen größtenteils jenes schon erwähnte völlige Ausgehen aus sich selbst, und Eingehen in ein seliges Nichts, jene gänzliche Ertötung aller sogenannten Eigenheit oder Eigenliebe, und eine völlig uninteressierte Liebe zu Gott, worin sich auch kein Fünkchen Selbstliebe mehr mischen darf, wenn sie rein sein soll, woraus denn am Ende eine vollkommne, selige Ruhe entsteht, die das höchste Ziel aller dieser Bestrebungen ist. (S. 9)

Schon auf den ersten Seiten berichtet K. Ph. Moritz spöttisch von der Lehre der französischen Quietistin und bereitet so den Leser auf die bittere Auseinandersetzung mit dem Guyonismus, die vor allem die ersten beiden Teile des „Anton Reiser“ durchzieht, vor:

Weil nun die Mad. Guion sich fast ihr ganzes Leben hindurch, mit nichts als mit Bücherschreiben beschäftigt hat, so sind ihrer Schriften eine so erstaunliche Menge, daß selbst Martin Luther schwerlich mehr geschrieben haben kann. Unter andern macht allein eine mystische Erklärung der ganzen Bibel wohl an zwanzig Bände aus.

Diese Mad. Guion mußte viel Verfolgung leiden, und wurde endlich, weil man ihre Lehrsätze für gefährlich hielt, in die Bastille gesetzt, wo sie nach einer zehnjährigen Gefangenschaft starb. Als man nach ihrem Tode ihren Kopf öffnete, fand man ihr Gehirn fast wie ausgetrocknet. (S.9 f.)

[...]


[1] vgl. Minder 1936, 109.

Details

Seiten
16
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638138345
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6203
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für deutsche Sprache und Literatur
Note
2
Schlagworte
Bildungsroman Pietismus Quietismus Guyonismus Erziehung Pädagogik Religion religiöse Strömungen

Autor

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Titel: Die pietistisch-quietistische Erziehung Anton Reisers