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Die Frauengestalten in "Wilhelm Meisters Lehrjahre"

Bachelorarbeit 2004 43 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die schöne Seele
2.1. Einführung der schönen Seele in den Roman
2.2. Wesen und Wandel
2.3. Bedeutung für Wilhelm
2.4. Literarische Tradition und realer Hintergrund

3. Therese
3.1. Einführung Thereses in den Roman
3.2. Wesen
3.3. Augen
3.4. Wandel
3.5. Therese als Menschheitsideal
3.6. Bedeutung für Wilhelm
3.7. Literarische Tradition

4. Natalie
4.1. Einführung Natalies in den Roman
4.2. Wesen
4.3. Vergleich mit anderen Frauengestalten des Romans
4.4. Natalie als Menschheitsideal
4.5. Bedeutung für Wilhelm

5. Schluss

6. Primärliteratur

7. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Wilhelm Meister ist nicht nur Hauptfigur in Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre, nein, er ist vor allen Dingen ein Mann. Dazu ein recht junger Mann, der das erste Mal von Zuhause auszieht, um die große, weite Welt kennenzulernen. Es kommt also so, wie es die Umstände suggerieren: Wilhelm lernt die Reize des weiblichen Geschlechts kennen, verliebt sich - und das nicht nur einmal. Bei all den bezaubernden Frauen, die Wilhelms Weg kreuzen, bekommt man leicht den Verdacht, dass seine Hormone verrückt spielen müssen. Mariane, Philine, Mignon, die Gräfin, Aurelie, Therese und Natalie sind allesamt Damen, die Wilhelm verführen, verwirren, aber auch belehren und ihm den rechten Weg weisen.

In der folgenden Arbeit soll detailliert vorgestellt werden, welche Rolle die Frauen der Turmgesellschaft für Wilhelm spielen und welche Position sie innerhalb des Romans einnehmen. Dazu sollen die schöne Seele, Therese und Natalie durch gründliche Textbetrachtung in ihrem Wesen beschrieben und analysiert werden und mit damaligen literarischen Traditionen in Beziehung gesetzt werden.

2. Die schöne Seele

2.1. Einführung der schönen Seele in den Roman

Das erste Mal werden die Bekenntnisse einer schönen Seele von einem Arzt erwähnt, der Aurelies „überspringendes Fieber“ (364)[1] zu lindern gedenkt:

„Besonders verbarg er nicht, daß er diejenigen Personen sehr glücklich gefunden habe, die bei einer nicht ganz herzustellenden kränklichen Anlage wahrhaft religiöse Gesinnungen bei sich zu nähren bestimmt gewesen wären. Er sagte das auf eine sehr bescheidene Weise und gleichsam historisch und versprach dabei seinen neuen Freunden eine sehr interessante Lektüre zu einem Manuskript zu verschaffen, das er aus den Händen einer nunmehr abgeschiedenen vortrefflichen Freundin erhalten habe. „Es ist mir unendlich wert“, sagte er, „und ich vertraue Ihnen das Original selbst an. Nur der Titel ist von meiner Hand: ‚ Bekenntnisse einer schönen Seele ’.“ (365)

Kurz darauf verschlimmert sich Aurelies gesundheitlicher Zustand. Schließlich trifft das Manuskript des Arztes ein und

„Sie ersuchte Wilhelm, ihr daraus vorzulesen, und die Wirkung, die es tat, wird der Leser am besten beurteilen können, wenn er sich mit dem folgenden Buche bekannt gemacht hat. Das heftige und trotzige Wesen unsrer armen Freundin ward auf einmal gelindert.“ (370)

Die schöne Seele ist also – im Gegensatz zu Therese und Natalie – keine Figur, mit der Wilhelm direkt in Kontakt kommt. Zum Zeitpunkt, als der Arzt von seiner „vortrefflichen Freundin“ (365) erzählt, ist sie bereits tot. Sie tritt ausschließlich als Verfasserin der Memoiren auf, die das eingeschobene 6. Buch des Romans umfassen und aus denen Wilhelm Aurelie im Angesicht ihres Todes vorliest. Obwohl sie also nie aktiv in die Handlung des Romans eintritt, wird sie dennoch im weiteren Verlauf der Lehrjahre von anderen Personen beschrieben; besonders durch ihre Nichte Natalie findet sie immer wieder Erwähnung. Ihre Lebensgeschichte steht des Weiteren auch in direktem Bezug zu Wilhelms Bildungsweg, was in Paragraph 2.3. ausführlich beleuchtet wird.

2.2. Wesen und Wandel

Durch die Form der Autobiographie wird uns im 6. Buch eine weibliche Form der Lebensgestaltung vorgeführt, die sowohl von einem inneren als auch einem äußeren Entwicklungsprozess handelt.[2] Die schöne Seele, die keinen richtigen Namen besitzt („without a proper name“[3]), erzählt eine Lebensgeschichte, die nicht geradlinig verläuft, aber letztlich in einer starken Harmonie gipfelt.

Ihr Leben, das durchgängig von Krankheit und Leid geprägt ist, unterliegt einem Wandel: Zunächst scheint sie genau der traditionellen Frauenrolle zu entsprechen; sie strebt eine Ehe und damit ein konventionelles Familienleben an. Was dann folgt, nennt Blesken eine Abweichung „von vorgegebenen Orientierungs- und Denkmustern“[4]. Blessin stellt übereinstimmend fest, dass sie ihre Bestimmung im Sinne von Ehe und Familie verfehle.[5] Ihre Bestimmung ist eine höhere: Sie wendet sich Gott zu und drängt alle Männer aus ihrem Leben.

Schon in frühster Jugend kann man das Interesse der schönen Seele an Religion und besonders an Gott feststellen:

„Mein Hang zu dem Unsichtbaren, den ich immer auf eine dunkle Weise fühlte, ward dadurch nur vermehrt; denn ein für allemal sollte Gott auch mein Vertrauter sein.“ (375)

Dabei ist zu beobachten, dass das Mädchen zu keiner Bildung gezwungen wird. Blessin bestätigt, dass sie ganz natürlich zu einer „wachsende[n] und nicht von außen aufgedrungene[n] Glaubenserfahrung“[6] gelange.

Nach einer kurzen Phase in ihrer Jugend, in der sie sich in den sinnlichen und weltlichen Dingen verliert und Gott zu vergessen scheint, baut sie im Laufe ihrer Geschichte eine immer intimere Beziehung zu ihm auf. Dies geht so weit, dass „das unsichtbare Wesen“ (374) zu einem Rivalen für ihren zeitweiligen Verlobten Narziß wird:

„[...] er gab mir öfters Schriften, die alles, was man Zusammenhang mit dem Unsichtbaren heißen kann, mit leichten und schweren Waffen bestritten. Ich las die Bücher, weil sie von ihm kamen, und wußte am Ende kein Wort von allem dem, was darin gestanden hatte.“ (390)

Schon hier wird deutlich, dass Narziß den Kampf gegen „den Unsichtbaren“ (390) nicht gewinnen wird. Petritis sieht ebenfalls in dieser „religionsfeindlich[en]“[7] Einstellung bereits eine Vorausdeutung der späteren Trennung. Und in der Tat bekommt Narziß die Stelle nicht, die er benötigen würde, um die schöne Seele angemessen versorgen und damit heiraten zu können. Das Mädchen sieht diese Wendung als Zeichen, dass die Heirat ein Irrtum gewesen wäre und stößt Narziß aus ihrem Leben.

Neben diesen äußeren Umständen, die die Abkapselung von Narziß bevorteilen, wird in der Forschung eine spezielle Szene als d i e Szene angesehen, in der die schöne Seele zum ersten Mal ihre weibliche Identität erkennt und ihre Existenz Richtung Subjektivismus lenkt: die Spiegelszene.

Die schöne Seele und Narziß befinden sich auf einer Gesellschaft, als ihn ein eifersüchtiger Offizier blutig schlägt. Sie führt in sofort ihn ein anderes Zimmer, wo sie ihm beisteht und dabei selbst mit Blut befleckt wird. Als der Arzt eintrifft, um sich um Narziß zu kümmern, wir die schöne Seele entfernt:

„Nun führte mich die Hausfrau in ihr Schlafzimmer; sie mußte mich ganz auskleiden, und ich darf nicht verschweigen, daß ich, da man sein Blut von meinem Körper abwusch, zum erstenmal zufällig im Spiegel gewahr wurde, daß ich mich auch ohne Hülle für schön halten durfte.“ (384)

Fast beiläufig erwähnt die schöne Seele ihre gerade entdeckte Schönheit ihres Körpers. Greiner interpretiert dieses Erkennen des eigenen Körpers als einen „Akt der Identitätsbildung“. In dem Moment, da sie sich alleine im Spiegel betrachtet, löse sie sich aus dem Status heraus, Objekt Anderer zu sein; sie tilge mit dem Blut Narziß’ gleichzeitig die begehrenden Blicke des anderen Geschlechts. Dadurch entwickele die schöne Seele ihren Subjektivismus, der sie letztendlich zu der „Verweigerung gegenüber den tradierten Feldern der Versicherung weiblicher Identität“ und damit zu der Trennung von Narzß führe.[8]

Die schöne Seele hat bereits vor dieser prägnanten Spiegelszene sehr ambivalente Gefühle bezüglich der Ehe, die Bildung und Gelehrsamkeit ausschließt. Ihr Wesen fordert mehr Optionen, als ihr die Aussichten einer Ehe bieten können. Schon in frühen Kinderjahren zeigt sich eine große Wißbegierde: „Ich nahm nicht leicht eine Arzenei, ohne zu fragen: ‚Wo wachsen die Dinge, aus denen sie gemacht ist? Wie sehen sie aus? Wie heißen sie?’“ (374). Blesken folgert also passend, dass für eine Frau mit Bildungsanspruch und Unabhängigkeitssinn eine Ehe keine verlockende Lebensperspektive darstelle.[9] Als die Beziehung mit Narziß auseinandergeht, lässt sich die schöne Seele ihre Rolle in der Gesellschaft also nicht weiter vorschreiben; sie wird zu einer selbstbewussten Frau.

Neben ihrer generellen Ablehnung der Ehe aus genannten Gründen sieht Blessin in ihrer Abwehr gegen Männer ein „gestörtes Verhältnis zur Sexualität“[10], das auf Erfahrungen in ihrer Kindheit und frühen Jugend basiert. Von ihrem Vater wird sie „mißratener Sohn“ (376) genannt, sie spielt nicht mit Puppen; vielmehr ist es ihr „ein Fest“ (375), Tiere aufzuschneiden und sich mit ihrem Vater über „die Eingeweide“ (376) zu unterhalten. Blesken folgert, dass sie „nicht in die gängige Geschlechterstereotypie“[11] passe. Kowalik, deren Aufsatz auf Freuds Psychoanalyse basiert, sieht in der Formulierung des „mißratenen Sohnes“ den Wunsch des Vaters, sie solle sich für ihn nicht als eine mögliche Sexualpartnerin entfalten. Sein Wunsch sei es, dass sie ein Junge wäre. Um diesem Wunsch nachzukommen und seine Liebe zu gewinnen, identifiziere sich die schöne Seele mit ihrem Vater, um ein Junge zu sein.[12] Ihr Vater ist auch derjenige, der ihr gestörtes Verhältnis zur Sexualität verschlimmert, indem er in ihr eine Angst vor Selbiger aufkeimen lässt:

„Überdies hatte mir mein Alter einmal vertraulich eröffnet, daß mit den meisten dieser leidigen Bursche nicht allein die Tugend, sondern auch die Gesundheit eines Mädchens in Gefahr sei. Nun graute mir erst vor ihnen, und ich war schon besorgt, wenn mir einer auf irgendeine Weise zu nahe kam. Ich hütete mich vor Gläsern und Tassen, wie vor dem Stuhle, von dem einer aufgestanden war.“ (380)

Als ihr Französischlehrer, für den sie eine erste Verliebtheit empfindet, das Thema der Verführbarkeit von Frauen anspricht und Sexualität als etwas Bedrohliches darstellt, entwickelt sie eine Angst gegenüber Männern. Die schöne Seele empfindet ihre Triebe nunmehr als etwas Erschreckendes und Störendes, das kontrolliert werden muss. Um also gar nicht erst in Versuchung zu geraten, wendet sie sich von der ‚fleischlichen Lust‘ ab und dafür Gott und Jesus zu. Blessin sagt, sie überwinde ihren Körper[13], da sie diesen mit den Trieben gleichsetzt: Sie wird körperlos. Obwohl sich die schöne Seele gegen alles wehrt, was ihre Freiheit einzugrenzen droht, ist sie letztendlich nicht frei: Sie flüchtet vor allem Sinnlichen und somit auch vor ihrem eigenen Körper.[14]

Blessin folgert, sie begebe sich in einen „Kult der Innerlichkeit“[15]. Von Natalie wird sie als eine Person beschrieben, die „vielleicht zuviel Beschäftigung mit sich selbst“ (542) genosssen hätte und deren Licht „nur wenigen Freunden [...] leuchtete“ (543). Subjektivismus bestimmt das Leben der schönen Seele: Sie zieht sich immer mehr aus der Welt zurück und isoliert sich in ihrem Inneren. Sie vereinsamt dabei zusehends und Blesken glaubt, einen „Eindruck von Asozialität“[16] wahrnehmen zu können. Dieser werde aber nur in Momenten ihrer Kompromisslosigkeit bestätigt; in anderen Momenten pflege sie ihren Vater und kümmere sich um die Schwester und die Nichten. Blesken stellt allerdings fest, dass soziale Kontakte nach dem Tod ihres Vaters „sie aber letzten Endes unbefriedigt“[17] ließen. Fleischer deutet diese Einsamkeit und Zurückgezogenheit als ein „removal from the arena of conflict“, d.h. die schöne Seele könne nur in Harmonie mit sich selbst leben, wenn ihre Wünsche und ihre Moral nicht durch ein beispielweise sinnliches Umfeld auf die Probe gestellt würden. Ihre Freiheit habe damit den Preis, in Einsamkeit zu leben und sich aus der vermeidlich sinnlichen Welt zurückzuziehen.[18] In einem Gespräch mit ihrem Oheim wird diese Einseitigkeit kritisiert:

„ ‚Sie haben vollkommen recht, und wir sehen daraus, daß man nicht wohltut, der sittlichen Bildung einsam, in sich verschlossen nachzuhängen; vielmehr wird man finden, daß derjenige, dessen Geist nach einer moralischen Kultur strebt, alle Ursache hat, seine feinere Sinnlichkeit zugleich mit auszubilden, damit er nicht in Gefahr komme, von seiner moralischen Höhe herabzugleiten [...].‘ “ (426)

Der Oheim tadelt die schöne Seele, indem er die Wichtigkeit von Sittsamkeit u n d Sinnlichkeit betont und sie damit auf ihre Einseitigkeit aufmerksam macht.

Dieses Desinteresse an allem Äußeren schließt auch die Kunst mit ein:

„Ich hatte vieles von Kunst gehört und gelesen; Philo selbst war ein großer Liebhaber von Gemälden und hatte eine schöne Sammlung; auch ich selbst hatte viel gezeichnet; aber teils war ich zu sehr mit meinen Empfindungen beschäftigt und trachtete nur das Eine, was not ist, erst recht ins reine zu bringen, teils schienen doch alle die Sachen, die ich gesehen hatte, mich wie die anderen weltlichen Dinge zu zerstreuen.“ (421)

Zwar löst das Haus des Oheims „Bewunderung“ (419) bei ihr aus; auch findet sie seine Gemälde „reizend“ (426), aber dieser Eindruck währt nicht lange. Petritis stimmt zu, dass Kunst keine Wandlung in ihr bewirken könne[19], was an späterer Stelle auch explizit von ihr selbst bestätigt wird:

„Die sonderbaren Erfahrungen, die ich in jenem neuen Kreise gemacht hatte, ließen einen schönen Eindruck bei mir zurück; doch blieb er nicht lange in seiner Lebhaftigkeit, obgleich der Oheim ihn zu unterhalten und zu erneuern suchte, indem er mir von Zeit zu Zeit von seinen besten und gefälligsten Kunstwerken zusandte und, wenn ich sie lange genug genossen hatte, wieder mit andern vertauschte. Ich war zu sehr gewohnt, mich mit mir selbst zu beschäftigen, die Angelegenheiten meines Herzens und meines Gemütes in Ordnung zu bringen und mich davon mit ähnlich gesinnten Personen zu unterhalten, als daß ich mit Aufmerksamkeit ein Kunstwerk hätte betrachten sollen, ohne bald auf mich selbst zurückzukehren.“ (429f.)

Kunst stellt für die schönen Seele nur einen kurzen Reiz dar, der schnell vergessen ist und keinen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlässt: „[...] der Oheim mochte in seinen Briefen, mit denen er seine Kunstwerke erläuterte, reden, was er wollte, so blieb es mit mir doch immer beim Alten“ (430).

Die schöne Seele ist eine sittlich vollkommene Frau, die in absoluter Harmonie mit sich und der Welt lebt. Sie ist dabei von Idealismus geprägt; sie strebt stets nach etwas Höherem und arbeitet dabei kritisch an sich selbst. Durch ihren Glauben und ihren Umgang mit Gott gewinnt sie an Stärke und wird schon in frühen Jahren sehr selbständig. Blessin nennt ihren Glauben einen „unorthodoxen und fast schon philosophisch freieren Glauben“[20]. Blesken ergänzt, dass sie beschließe, „ihre Gottesbindung als einzigartig und für sie allein gültig anzusehen“, d.h. sie entziehe sich „allen Versuchen einer externen Einbeziehung oder ‚Führung´“[21], die im Roman z.B. durch die herrnhutische Glaubensgemeinschaft vertreten wird.

Greiner nennt die Bekenntnisse einer schönen Seele eine „alternative Bildungsgeschichte“[22]. Sie spiegeln die damaligen Bildungschancen für Frauen wieder, die eine individuelle Entfaltung ausschließlich im religiösen Raum zuließen. Buse ergänzt, die schöne Seele schaffe sich ihren „individuellen Freiraum“ als Stiftsdame; dafür muss sie aber auf jegliche Sexualität und Sinnlichkeit verzichten.

2.3. Bedeutung für Wilhelm

Obwohl Wilhelm nur Vermittler der Bekenntnisse einer schönen Seele ist und die Stiftsdame nicht im realen Leben kennenlernt, hat sie doch Einfluss auf ihn. Indem Ladendorf ihre Lebensgeschichte als „Bindeglied zwischen Theaterwelt und Turmwelt, zwischen Realität und humanistischer Utopie“[24] beschreibt, wird deutlich, dass ihm die schöne Seele neue Werte vermitteln muss, die es ihm ermöglichen, eine neue Stufe der Bildung und eine komplett andere Sphäre, die Turmwelt, betreten zu können.

Hass schreibt den Bekenntnissen die „Funktion einer Zwischenmusik“[25] zu: Die epische Pause zwischen Wilhelms Abreise vom Theater und seinem Eintritt in den Kreis Lotharios werde von den Memoiren der Stiftsdame ausgefüllt. Mit der Gestalt des Oheims und Natalies würden auch gleichzeitig Personen eingeführt, die für den weiteren Verlauf des Romans eine wichtige Rolle spielen; gewisse Lebens- und Geisteshaltungen würden angedeutet, die auch für Wilhelms zukünftige Bildung nicht unwesentlich sein werden.[26] Auch Hesse unterstützt diese These, dass der Inhalt später „immer dringlicher als unentbehrlich in die Zusammenhänge“[27] eintrete. Er fügt hinzu, dass der Leser am Ende sogar genötigt sei, die Bekenntnisse noch einmal nachzulesen, um den Verstrickungen der Personenkonstellationen nachzugehen und um wichtige Fäden nicht zu verlieren. Dadurch gewinne „diese scheinbar plumpe Form der Unterbrechung ein[en] Reiz mehr“, auf den man sich geradezu freue.[28]

In der Tat lernt Wilhelm durch die Bekenntnisse dazu: Schlechta sagt, er werde in das Phänomen des Religiösen und in eine „ganz neue Art Frömmigkeit“[29] eingeführt. Die Religion stellt ein Bildungselement dar, mit dem Wilhelm bis hierhin noch nicht in Kontakt getreten ist und das sich nun in eine Kette von – wenn auch nicht erlebten - Bildungserfahrungen einreiht.

Der Bildungsweg der schönen Seele, der durch Irrtümer und Umwege geprägt ist, wird sowohl von Buse als auch von Hass in Analogie zu Wilhelms Bildungsweg gesehen.[30] Hass sagt, dass „manche der Belehrungen, die der Stiftsdame zuteil werden“, auch unmittelbar hätten Wilhelm gegeben werden können.[31] Im Mittelpunkt dieser ‚indirekten‘ Belehrungen Wilhelms stehen vor allen Dingen die Gespräche zwischen der schönen Seele und dem Oheim. Als ihre Schwester heiratet, besucht sie zu diesem Anlass das Anwesen des Onkels, der gleichzeitig einen Einblick in die bis dato unbekannte Welt des Turmes gewährt.

[...]


[1] Alle mit runden Klammern gekennzeichneten Seitenangabe beziehen sich auf folgende Quelle: Johann Wolfgang Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Stuttgart 1982.

[2] Vgl. Karl Blesken, „Von der pietistischen Selbstschau zum weiblichen Lebensentwurf. Anmerkungen zu Goethes Bekenntnisse einer schönen Seele“, in: Michaela Holdenried (Hrsg.), Geschriebenes Leben: Autobiographik von Frauen, Berlin 1995, S. 155-171, hier S. 155.

[3] Stefan Fleischer, „Bekenntnisse einer schönen Seele: Figural representation in Wilhelm Meisters Lehrjahre“, in: Modern Language Notes, vol. 83, 1986, S. 807-820, hier S. 809.

[4] Blesken, Anmerkungen zur schönen Seele, S. 55.

[5] Stefan Blessin, “Wilhelm Meisters Lehrjahre”, in: Stefan Blessin (Hrsg.), Goethes Romane. Aufbruch in die Moderne, Paderborn [u.a.] 1996, S. 86-207, hier S. 191.

[6] Ebd., S. 192.

[7] Aivars Petritis, Die Gestaltung der Personen in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahren und Wilhelm Meisters Wanderjahren, Inaugural-Dissertation, Köln 1967, hier S. 287.

[8] Bernhard Greiner, „Weibliche Identität und ihre Medien: Zwei Entwürfe Goethes“, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft, 1991, S. 33-56, hier S. 50f.

[9] Blesken, Anmerkungen zur schönen Seele, S. 164.

[10] Blessin, Lehrjahre, S. 197.

[11] Blesken, Anmerkungen zur schönen Seele, S. 164.

[12] Jill Anne Kowalik, „Feminine identity formation in Wilhelm Meisters Lehrjahre“, in: Modern Language Quarterly, vol. 53, 1992, S. 149-172, hier S. 155.

[13] Blessin, Lehrjahre, S. 198.

[14] Vgl. ebd. S. 198.

[15] Ebd. S. 199.

[16] Blesken, Anmerkungen zur schönen Seele, S. 164.

[17] Ebd., S. 163.

[18] Fleischer, Schöne Seele, S. 814.

[19] Petritis, Wilhelm Meister, S. 291.

[20] Blessin, Lehrjahre, S. 194.

[21] Blesken, Anmerkungen zur schönen Seele, S. 162.

[22] Greiner, Weibliche Identität, S. 43.

[23] Diana Buse, „Die Symbolik der Frauengestalten in Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre“, in: Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 1998, S. 53-61, hier S. 59.

[24] Ingrid Ladendorf, Zwischen Tradition und Revolution: die Frauengestalten in Wilhelm Meisters Lehrjahren und ihr Verhältnis zu deutschen Originalromanen des 18. Jahrhunderts, Frankfurt a. M. 1990, hier S. 108.

[25] Hans Egon Hass, „Goethe. Wilhelm Meisters Lehrjahre”, in: Benno von Wiese (Hrsg.): Der deutsche Roman. Von Barock bis zur Gegenwart, Düsseldorf 1963, S. 132-210, hier S. 189.

[26] Vgl. ebd. S. 189.

[27] Hermann Hesse, „Wilhelm Meisers Lehrjahre“, in: Hans Mayer (Hrsg.), Goethe im XX. Jahrhundert. Spiegelungen und Deutungen, Hamburg 1967, S. 120-135, hier S. 132.

[28] Ebd. S. 132.

[29] Karl Schlechta, Goethes Wilhelm Meister, Frankfurt am Main 1953, hier S. 29.

[30] Vgl. Buse, Frauengestalten, S. 60; Hass, Lehrjahre, S. 189.

[31] Hass, Lehrjahre, S. 191.

Details

Seiten
43
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638554961
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v62216
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Schlagworte
Frauengestalten Wilhelm Meisters Lehrjahre

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Titel: Die Frauengestalten in "Wilhelm Meisters Lehrjahre"