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Leistung oder Politik? Zum Verhältnis von Leistungsorientierung und Entpolitisierung in der aktuellen Jugendgeneration

Hausarbeit 2005 17 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Leistung und Politik als theoretische Konstrukte
2.1. Grundstruktur der Motivationskrise nach Habermas
2.2. Gesellschaft und Führung nach Offe

3. Leistung und Politik in einer empirische Untersuchung
3.1. Leistungsorientierung und Besitzindividualismus in der heutigen Jugendgeneration
3.2 Entpolitisierung als Problem der aktuellen Jugend

4. Schlussbemerkungen

5. Literatur

1. Einleitung

Die heutige Jugendgeneration steht mehr im Fokus der Öffentlichkeit denn je. Ob Parteien, Wirtschaft, Medien oder die Gesellschaft an sich - jeder möchte der Jugend gefallen, möchte sie zu seinem Partner machen und stellt sich als ihr Anwalt dar.

Auch die Wissenschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Jugend zu erforschen, zu analysieren und wenn möglich sogar zu kategorisieren.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, zu untersuchen, wie es um das Verhältnis zwischen Entpolitisierung und Leistungsorientierung in der aktuellen Jugendgeneration steht.

Ist die Jugend wirklich so unpolitisch und leistungsträge, wie es ihr immer nachgesagt wird oder drücken sich gesellschaftliches Engagement und Leistungsbereitschaft einfach anders aus, als es die wissenschaftliche Kategorisierung zulässt?

Mit der von Jürgen Habermas benannten Motivationskrise und dem von Claus Offe beschriebenen Gesellschaftsbild der Führungsgruppe soll versucht werden, sowohl die empirisch feststellbaren Leistungsorientierungs-, als auch die Entpolitisierungstendenzen der Jugendgeneration zu erklären.

2. Leistung und Politik als theoretische Konstrukte

2.1. Grundstruktur der Motivationskrise nach Habermas

Die Motivationskrise sieht Habermas als eine Krise an, die durch Veränderungen im soziokulturellen Bereich entsteht. Sie stellt sich als eine Synthese zweier Ansätze dar. Zum einen den systemtheoretischen Ansatz, der die Motivationskrise als Problem der Steuerung ansieht, in dem das System selbst nicht genug Möglichkeiten zur Lösung zulässt. Und zum anderen den geschichtswissenschaftlichen Ansatz, der die Ursache der Krise darin sieht, dass sich die Nachgeborenen einer Gesellschaft in der Überlieferung nicht wiedererkennen und es so zu einer Identitätskrise kommt.

Das soziokulturelle System als solches schafft dabei einen wichtigen Beitrag - die privatistischen Motivationsmuster.

Habermas unterscheidet zwischen staatsbürgerlichem und familial-beruflichem Privatismus.

Während der staatsbürgerliche Privatismus ein „Interesse an den Steuerungs- und Versorgungsleistungen des administrativen Systems bei geringer, aber den institutionell vorgesehenen Chancen angemessener Beteiligung am legitimatorischen Prozeß"[1] und damit die Grundlage für eine entpolitisierte Öffentlichkeit liefert, stellt der familial-berufliche Privatismus die Familien- und Karriereorientierung in den Vordergrund. Das Handeln des Individuums wird also von zwei komplementären Richtungen bestimmt. Auf der einen Seite verlangt es ein stabiles soziales System, ohne jedoch daran in ausreichendem Maße aktiv partizipieren zu wollen und zum anderen strebt es nach individueller Nutzenmaximierung durch Verfolgung der eigenen Interessen. Habermas sieht darin den grundsätzlichen Dissens, warum Leistungsorientierung und Entpolitisierung zwei gegensätzliche Dimensionen ein und desselben Kontinuums darstellen.

Durch Veränderungen des soziokulturellen und -ökonomischen Systems kommt es zur Motivationskrise. Dies liegt zum einen an einer Erosion der Überlieferungen und zum anderen an der Unfähigkeit zur Reproduktion derselben durch bürgerliche Ideologien und die bürgerliche Kultur.

Die Erosion der Überlieferungen ist darin begründet, weil sich bürgerliche Ideologien nicht vollständig in bürgerlichen Gesellschaften abbilden lassen. Würden die bürgerlichen Ideologien vollständig wirken, käme es nicht zu entpolitisierenden Tendenzen, weil jedes Individuum an die Normen des bürgerlichen Formalrechts gebunden wäre, so dass es immer einer ausreichenden Partizipation am politisch-administrativen System genügen würde. Da jedoch der staatsbürgerliche Privatismus nach Habermas nicht die bürgerlichen Ideologien, sondern einen Motivationsbeitrag des soziokulturellen Systems darstellt, entsteht hier ein Gefahrenpotenzial, was den Weg zur Motivationskrise ebnet. Einzig und allein eine Mischung aus bürgerlichem Formalrecht und traditioneller Staatsethik kann hier Stabilität bringen. Der Preis für die Stabilität ist jedoch eine politische Kultur, die aktives Regieren, aber auch passives regiert werden wollen voraussetzt. Leider hat unsere Gesellschaft in der Moderne viel zu oft erfahren, dass das autoritäre Muster von Regierung und Untertan zu Diktatur und Unterdrückung führen kann.

Der familial-berufliche Privatismus dagegen ist geprägt von bürgerlichen Wertvorstellungen wie Besitzindividualismus und Leistungsorientierung und hat seine Wurzeln in religiösen Überlieferungen. Die von Max Weber proklamierte protestantische Arbeitsethik stellt Selbstdisziplin und die Pflicht zur Arbeit, die nicht in Frage gestellt werden darf, in den Fokus der bürgerlichen Werte. So muss Arbeit „ als gottgewollter Lebenszweck betrachtet werden, sie muss so gut wie möglich verrichtet werden und Arbeit muss als Pflicht gelten, die man erledigt, weil sie erledigt werden muss“.[2]

Zu den bürgerlichen Wertvorstellungen gehört weiterhin eine Bildung, die sich aus einer Komposition von Familienstruktur und Erziehungstechnik ableitet. Die Bildung beinhaltet nicht nur die reine Vermittlung von Wissen, sondern auch die Vermittlung von Wert- und Normenvorstellungen, die sich in moralischen Instanzen, wie dem Über-Ich oder dem Gewissen manifestieren.

Das Grundproblem hierbei besteht jedoch darin, dass es nicht eine allgemein gültige bürgerliche Bildung gibt, sondern der Stand der Bildung von der sozialen Herkunft abhängt. Dies haben vor allem die Ergebnisse der PISA - Studie aus dem Jahr 2000, bei der die Lesekompetenz im Fokus stand, eindeutig bewiesen. Dort zeigte sich bei der Analyse des deutschen Datensatzes ein linearer, aber nicht deterministischer Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und der Lesekompetenz von 15-jährigen Schülern. Die soziale Herkunft ist demnach für ein überdurchschnittlich hohes Maß an Ungleichheit in der Lesekompetenz verantwortlich, was im internationalen Vergleich ein eher unterdurchschnittliches Kompetenzniveau widerspiegelt.[3]

Da also weder die bürgerliche Bildung, noch die bürgerliche Kultur, auf die jedoch nicht weiter eingegangen werden soll, einen ausreichenden Motivationsbeitrag leisten können, ist eine stetige Reproduktion der Überlieferungen nicht mehr gewährleistet.

2.2. Gesellschaft und Führung nach Offe

Claus Offe, ein Mitarbeiter von Habermas und damit ebenso Vertreter der Frankfurter Schule hat 1970 mit seiner Dissertation zum Thema „Leistungsprinzip und industrielle Arbeit" einen wichtigen Beitrag geliefert, der schon damals die sozialen Brennpunkte benannte, die im Reibungsfeld von industrieller und sozio-kultureller Gesellschaft entstehen und an denen unser Land, wie wohl viele andere industrielle Nationen auch, immer noch krankt.

Schon Ende der sechziger Jahre wurde der zunehmende Einfluss der Demographie auf die Entwicklung der Gesellschaft analysiert. Auch Offe sah ein großes Problem auf die Gesellschaft zukommen: zum einen die immer länger andauernden Ausbildungsphasen, die durch eine breitere, dem technologischen Fortschritt angepasste Vielseitigkeit des Wissens notwendig geworden sind und zum anderen die verlängerte Lebenserwartung, die die Gesellschaft immer älter werden lässt. Bei konstantem Renteneintrittsalter ergibt sich so eine stetige Verkürzung der Erwerbsphase. Diese Problematik wirft die Frage nach der Leistungsgerechtigkeit in der Leistungsgesellschaft auf. Ist es gerecht, dass immer weniger Erwerbstätige für immer mehr Leistungstranferbezieher Abgaben leisten? Ist dies noch unter den Schlagwörtern „Generationengerechtigkeit“ und „Generationenvertrag“ zu subsumieren, wenn heute 100 Arbeitnehmer die Bezüge von etwa 50 Rentnern finanzieren und im Jahr 2040 auf 100 Beitragszahler voraussichtlich schon 84 Rentner kommen?[4] Fast symptomatisch für dieses Problem und diese Fragen sieht Offe das Allgemeinwohl eher als eine „Abwesenheit von Massenelend". Diese negativ gestimmte Sichtweise ist weniger eine Zukunftsangst, als war es vielmehr damals schon ein Aufruf an die Politik in diesem Land sich endlich aus den Zwängen von Meinungsumfragen und Wiederwahlwahrscheinlichkeiten zu befreien und endlich den immensen Problemen durch mutige und vielleicht sogar gesellschaftlich unpopuläre politische Reformen zu stellen. Gerade heute, da die Staatsfinanzen marode sind und die sozialen Sicherungssysteme vor dem Zusammenbruch stehen, ist die Aktualität der von Offe 1970 geschilderten Probleme erschreckend.

Offe beschreibt in Anlehnung an Oskar Negt das Bild einer mit politischer Macht ausgestatteten Führungsriege, die sowohl einer „hocheffizienten Leistungsordnung“ unterworfen, als auch gegen aktive Partizipation am politischen Prozess war. Zentrale Figur einer jeden Leistungsgesellschaft sei der Unternehmer, so der Jahresbericht des BDI 1966. Die einfachen Struktur der Einzelunternehmung zeichnet sich dadurch aus, dass die Entscheidungsbefugnisse zentralisiert sind, so dass jede Entscheidung dem Entscheider, nämlich dem Unternehmer selbst, direkt zurechenbar ist.

Im Zuge des industriellen Wandels jedoch verändern sich auch die Anforderungen, die an die Unternehmen gestellt werden. Komplexitätsgrad[5] und Dynamik[6] der externen Umwelt bestimmen die Konfiguration der Unternehmen. So werden nach der Konsistenztheorie Henry Mintzbergs weiterhin vier verschiedene Konfigurationen unterschieden: outputorientierte Bürokratie (z.B. Autobauer), professionelle Bürokratie (z.B. Hochschule), divisionalisierte Struktur (z.B. Konzern) und Adhocratie (z.B. Unternehmensnetzwerke).[7]

In den Funktionsgruppen, also den Spitzen der Bürokratie und auch bei den Kapitaleignern besteht die generelle Problematik, dass Entscheidungen nicht mehr direkt dem Einzelnen zurechenbar sind, weil es den einzelnen Entscheider oftmals gar nicht mehr gibt, sondern viele Entscheidungen in Gruppen gefällt werden. Die Initiativfunktion, durch unternehmerischen Leistungswillen einen positiven Beitrag zur gesamtgesellschaftlichen Produktivität zu leisten und damit die Privilegien zu erklären, die den Angehörigen dieser Eliten zur Verfügung stehen, ist immer schwerer erkennbar. Dieser Verlust an Legitimation bedeutet zum einen ein Zerfallen der Einheitlichkeit der Funktionsgruppen und zum anderen eine gewisse selbst geschaffene Entpolitisierung der Gesellschaft. Wo sich zeigt, dass Effizienz und Optimierung das gesamte gesellschaftliche Leben dominieren und dass dadurch manche gesellschaftliche Bedürfnisse wie beispielsweise Kultur, Kunst oder Kreativität nicht befriedigt werden können, dort verliert das Leistungsprinzip per se seine Intention Gerechtigkeit zu schaffen, weil jede Kritik an der mangelnden Bedürfnisbefriedigung sofort als Kritik an den Maßen Effizienz und Effektivität, also an der Leistungsordnung als solche missverstanden wird. Die Kritiker werden diskreditiert und von der Gesellschaft als Verleumder und Schwarzseher an den Pranger gestellt. Immer weniger trauen sich zu artikulieren, was eigentlich alle betrifft und so kommt es zur schrittweisen Entpolitisierung der gesamten Gesellschaft. Die sich auftuende Lücke wird entweder durch Demagogen oder den interessanten Stand des Berufspolitikertums geschlossen. Interessant deswegen, weil nie ganz klar ist, ob der Berufspolitiker als solcher nun mehr die Interessen seiner Wähler oder mehr seine eigenen Interessen vertritt. Doch sind es nicht wieder nur selbstgekürte Eliten, also kleine Kreise mit extrem viel Macht, die über das zukünftige Schicksal des Landes bestimmen? Viele Politiker selbst sprechen von einer regelrechten Sucht, die sie in der Politik bleiben lässt und fest an diese bindet. Für andere dagegen ist es die wirkliche Verpflichtung den Bürgern und der Jugend gegenüber gute Arbeit zu leisten und deren Belangen eine Stimme zu verleihen.

[...]


[1] Habermas 1973, S. 106

[2] Himanen 2001, S. 27

[3] Baumert/Schümer 2001, S. 386f.

[4] http://www.1-versicherungsvergleich.de/news/20041005093711.htm ( Stand: 28.08.2005)

[5] gemeint ist damit das Maß des erforderlichen Wissensbestandes

[6] gemeint ist damit die Vorhersagbarkeit

[7] Mintzberg 1992

Details

Seiten
17
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638555203
ISBN (Buch)
9783638955034
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v62244
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft
Note
2,7
Schlagworte
Leistung Politik Verhältnis Leistungsorientierung Entpolitisierung Jugendgeneration Habermas Offe

Autor

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