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Die Periodengrenze zwischen Altertum und Mittelalter nach Henri Pirenne

Seminararbeit 2003 15 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Theorien der Epochengrenze zwischen dem Altertum und dem abendländischem Mittelalter

3. Der Periodenwechsel nach Henri Pirenne
3.1 Die Thesen
3.2 Pirenne im Spiegel der Diskussion um den Epochenwechsel

4. Schluss

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Es gibt kein keckeres Unternehmen,

als (...) das Ende des Römischen Reiches

und die Grenze von Altertum und Mittelalter

feststellen zu wollen.“[1]

Heinrich Gelzer (1897)

Auf dem Weg von der Antike in das Mittelalter stellt die Auflösung des Weströmischen Reiches einen entscheidenden Einschnitt dar. Jede gängige Bezeichnung des Phänomens des Untergangs treffe jedoch nicht sein Wesen: es schwinge eine Konnotation und eine dazugehörige Untergangstheorie mit, so Alexander Demandt[2]. Deshalb spricht er vom „Fall Roms“[3]. In der Forschung werden er – der Fall – und das Ende der Antike gleichgesetzt[4], wobei das eine das andere bedingt.

Trotz scharfsinniger, origineller Thesen konnte bis jetzt keine universell gültige befriedigende Antwort auf die Frage nach dem Epochenwechsel oder der Periodengrenze gegeben werden[5], und dies ist wohl auch unmöglich. Die bisher gesetzten Epochenjahre weichen mitunter um 200 Jahre voneinander ab: Wolfgang Seyfarth fordert, die Forschung solle es aufgeben, nach einer Grenze zu suchen[6].

Dennoch: auch wenn eine solche Grenze dem Geschichtsfluss Gewalt antut, da die natürliche Metamorphose abrupt abgebrochen werde[7], so scheint eine Grenzziehung notwendig und faszinierend. Hierbei hätten die Historiker Jahrhunderte lang den Fehler begangen, die angelegten Epochen samt ihrer festgelegten Daten als selbstständige, unabhängige Einheit zu verstehen: es sei so nach Henri Pirenne ein schier unüberwindbarer Graben, eine Art no man’s land entstanden: die Spätantike[8].

Pirenne versuchte, über diesen Graben eine Brücke zu schlagen. Er zeigte auf, dass das Altertum wesentlich später ende und das abendländische Mittelalter demzufolge später beginne als gemeinhin angenommen. In seinem posthum veröffentlichtem Mohammed und Karl der Große,[9] das Paul-Egon Hübinger als „tragenden Pfeiler (...) der Geschichtsschreibung“[10] bezeichnet, geht er davon aus, dass die Völkerwanderung und der Einfall der Germanen keinen Bruch in der Einheit der Kultur des Mittelmeerraums darstellten. Der entscheidende Umbruch wird für ihn erst durch das Vordringen des Islam deutlich.

Nach einem kurzen Abriss der wichtigsten gängigen Theorien bezüglich der Periodengrenze werden die Thesen Pirennes vorgestellt. Anschließend werden diese auf ihre Beweiskraft hin untersucht und Reaktionen auf sie dargestellt und problematisiert.

2. Die Theorien der Epochengrenze zwischen dem Altertum und dem abendländischem Mittelalter

Während der Renaissance machten sich Historiker erstmals Gedanken um Epochen und ihre Festsetzung. Sie verstanden sich als Erbe der griechisch- römischen Kultur, die nach langen dunklen Jahren wiederbelebt wurde. Sowohl die Humanisten als auch die Aufklärer sahen die ‚Barbaren’ in einer ‚Katastrophentheorie’ als Zerstörer jener Kultur. Während das Christentum auflösend auf das Römische Reich wirkte, brachen die Germanen mit der Antike[11]. In den folgenden Jahrhunderten legten sich die Forscher auf verschiedene ‚Epochenjahre’ fest, zumeist 375 (Beginn der Völkerwanderung), 395 (Tod des Kaisers Theodosius I.), 454 (Tod des Aetius) und 476 (Absetzung des Romulus Augustulus durch den Skiren Odovacar), die in ihren Augen mit der Tradition brachen und das Mittelalter beginnen ließen.

Alfred von Gutschmid hielt das 'Epochenjahr' 476 in seiner 1863 erstmals erschienen Studie Die Grenze zwischen Altertum und Mittelalter für ungeeignet: Sowohl Odovacar als auch die Ostgoten seien an Italien spurlos vorübergegangen. Grundsätzlich sei auf dem Gebiet des Staates, der Kirche und der Literatur um 600 eine Grenze zu ziehen, wobei in Byzanz das Mittelalter später beginne als im Westen. Gutschmid geht jedoch weder von einem Jahr noch einer langen Übergangszeit aus; in der Zeit von zwei bis drei Generationen hätte sich der Umbruch vollzogen. Wer auf ein Einzelereignis bestünde, solle die Eroberung Pavias durch die Langobarden in Italien 572 wählen, da hierdurch tatsächlich ein Bruch eingeleitet werde: Die Germanen waren in der Folge die wichtigste Kraft.[12]

Als organisches, lebendiges Bindeglied zwischen spätrömischer und karolingischer Zeit sah Alphons Dopsch die Periode vom 5. bis zum 8. Jahrhundert. Er plädierte 1918/19 in seiner Studie Wirtschaftliche und soziale Grundlagen der europäischen Kulturentwicklung aus der Zeit von Cäsar bis auf Karl den Großen für eine Kontinuität statt einer Kulturzäsur zwischen der Antike und dem Mittelalter, wurde aber durch seine Zeitgenossen stark kritisiert.[13] Während einer von ihnen, Hermann Aubin, 1922 noch davon ausging, der römische Oberbau sei durch die germanische Völkerwanderung im Rheinland völlig zerstört worden, meldete sich schon bald der Belgier Henri Pirenne zu Wort: In kleineren Aufsätzen, die in der Revue belge de philologie et d’histoire erschienen, betrachtete er die Germanenstaaten als 'römisch', deren Könige ihre Augen auf den oströmischen Kaiser richteten. Allein der Islam ließe das Mittelalter beginnen: nur durch Mohammed sei wortwörtlich Karl der Große erst möglich geworden.[14]

[...]


[1] Heinrich Gelzer: Geschichte der byzantinischen Literatur. München 1897, S. 911.

[2] Vgl. Alexander Demandt: Der Fall Roms. München 1984, S. 170ff.

[3] Vgl. ebenda.

[4] Vgl. ebenda.

[5] Vgl. Stroheker: Germanentum, S. 275.

[6] Vgl. Wolfgang Seyfarth: Die Spätantike als Übergangszeit zwischen zwei Gesellschaftssystemen. Eigenständigkeit und Besonderheit der Jahrhunderte zwischen Sklavenhalterordnung und Feudalsystem. In: ZfG 15 (1967), S. 281- 290, hier: S. 281.

[7] Vgl. Stroheker: Germanentum, S. 275.

[8] Vgl. Henri Pirenne: Mahomet et Charlemagne. In: Paul-Egon Hübinger (Hg): Bedeutung und Rolle des Islam beim Übergang vom Altertum zum Mittelalter. Darmstadt 1968, S. 1-9, hier: S. 3.

[9] Henri Pirenne: Mohammed und Karl der Große. Untergang der Antike am Mittelmeer und Aufstieg des germanischen Mittelalters. Frankfurt a.M. 1985 (erstmals erschienen 1936 im französischen Original Mahomet et Charlemagne, übersetzt von Paul-Egon Hübinger, für die Neuausgabe durchgesehen von Wolfgang Hirsch ).

[10] Paul-Egon Hübinger: Einleitung. In: Hübinger: Islam, S. VIII.

[11] Vgl. Stroheker: Germanentum, S. 177-280.

[12] Vgl. alle Angaben dieses Absatzes: Alfred von Gutschmid: Die Grenze zwischen Altertum und Mittelalter, in: Kleine Schriften. Leipzig 1894, S. 393ff.

[13] Vgl. Stroheker: Germanentum, S. 289.

[14] Vgl. Pirenne: Mahomet. In : Hübinger : Islam, S. 9.

Details

Seiten
15
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638556538
ISBN (Buch)
9783656450856
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v62409
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Schlagworte
Periodengrenze Altertum Mittelalter Henri Pirenne

Autor

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Titel: Die Periodengrenze zwischen Altertum und Mittelalter nach Henri Pirenne