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Gleichstellung der Burschen und Mädchen unter besonderer Berücksichtigung der biologischen Perspektive

Diplomarbeit 2005 94 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die zwei Geschlechter
2.1 Befruchtung und Gene
2.1.1 Genotyp und Phänotyp
2.2 Dimorphismus der Chromosomen
2.3 Hormonabgaben
2.4 Experimente
2.4.1 Tierversuche
2.4.2 Studien am Menschen

3 Biologische Determinanten der Geschlechtstypisierung
3.1 Chromosomale Einflüsse
3.2 Hormonelle Einflüsse
3.2.1 Hormonelle Störungen bei Mädchen (Androgenüberschuss)
3.2.2 Hormonelle Störungen bei Buben (Androgenmangel)
3.3 Hirnlateralisation
3.4 Reifungsgeschwindigkeit

4 Soziokulturelle Determinanten der Geschlechtstypisierung
4.1 Bekräftigungstheorie
4.1.1 Grundannahmen
4.1.2 Drei Hypothesen der Bekräftigungstheorie
4.1.2.1 Hypothese differenzieller Erwartungen
4.1.2.2 Hypothese differenzieller Bekräftigung
4.1.2.3 Hypothese differenzieller Bekräftigungseffekte
4.1.3 Beispiele zur Bekräftigungstheorie
4.1.4 Widersprüche der Bekräftigungstheorie
4.2 Imitationstheorie
4.2.1 Drei Hypothesen der Imitationstheorie
4.2.1.1 Hypothese differentieller Beobachtungshäufigkeit
4.2.1.2 Hypothese selektiver Nachahmung
4.2.1.3 Hypothese der Elternidentifikation
4.3 Anlage kontra Umwelt

5 Geschlechtsunterschiede
5.1 Definition von Weiblichkeit und Männlichkeit
5.2 Genetisch verankerte Geschlechtsunterschiede
5.3 Verhalten und Denken
5.4 Reale und vermeintliche Geschlechtsunterschiede

6 Idealtypischer Verlauf der Geschlechtstypisierung
6.1 0 bis 3 Jahre (Früheste Kindheit)
6.2 3 bis 6 Jahre (Kindergartenalter)
6.3 7-11 Jahre (Volksschulalter)
6.4 Adoleszenz und Erwachsenenalter

7 Entwicklung der Geschlechtstypisierung
7.1 Bedeutung der Geschlechtsvariable
7.1.1 Biologische Bedeutung
7.1.2 Soziale Bedeutung
7.1.3 Individuelle Bedeutung
7.2 Entwicklungspsychologische Fragestellungen
7.2.1 Entwicklungsmerkmale der Geschlechtstypisierung

8 Entwicklung der Geschlechtsrolle
8.1 Hineinwachsen in die Geschlechterrolle
8.2 Medien und deren Einfluss
8.2.1 Kinderbücher
8.2.2 Schulbücher
8.2.3 Fernsehen
8.3 Unterschiedliche Zukunftsplanung
8.4 Androgynes Verhalten

9 Unterschiedliche Erziehungsziele
9.1 Eltern behandeln ihre Kinder geschlechtsspezifisch
9.2 Unterschiedliche Behandlung im Kindergartenalter
9.3 Unterschiedliche Behandlung in der Schule
9.4 Diskriminierende Geschlechtsrollenerziehung
9.5 Geschlechtsspezifische Erziehungsstile
9.6 Genetik des Erziehungsstils

10 Koedukation
10.1 Geschichtlicher Abriss
10.2 Pro und Contra der Koedukation
10.2.1 Mädchen, Buben und Computer
10.2.2 Schlussfolgerung

11 Schulpraktische Bedeutung
11.1 Schulbuchanalyse als Unterrichtsprojekt
11.2 Geschlechtsneutrale Sprache
11.3 Aufmerksamkeitsverteilung

12 Zusammenfassung

13 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Modell der Genom-Umwelt-Wechselbeziehung

Abbildung 2: Karyogramm eines Mannes

Abbildung 3: Karyogramm einer Frau

Abbildung 4: In welcher Hinsicht unterscheiden sich Mädchen, die im Mutterleib Androgen- (Gruppe 1) bzw. Gestageneinwirkung (Gruppe 2) vermännlicht wurden, von normalen Mädchen (Gruppe 3)?

Abbildung 5: Jim Lewis (links) und Jim Springer (rechts) im Alter von 39 Jahren

Abbildung 6: Francis Galton

Abbildung 7: Die Gleichung drückt den Phänotyp in Begriffen der zugrunde liegenden Ursachen aus

Abbildung 8: Typische Beschreibungsmerkmale von Maskulinität und Femininität

Abbildung 9: „Typisch weibliches“ und „typische männliches“ Verhalten

Abbildung 10: Geschlechtschromosomen und geschlechtsspezifisches Verhalten

Abbildung 11: Nachgewiesene Geschlechtsunterschiede im Fähigkeits- und Persönlichkeitsbereich

Abbildung 12: Maluma, weiblich

Abbildung 13: Takete, männlich

Abbildung 14: Gründe, warum sich Mädchen von Buben abgrenzen möchten

Abbildung 15: Strichliste

1 Einleitung

Soweit wir in der Geschichte zurück denken können, hat die Gesellschaft an Frauen und Männer aufgrund ihres Geschlechts unterschiedliche Erwartungen und Vorstellungen gehabt.

Schon in der Antike zeigte sich dies deutlich. Für Aristoteles war der Mann das Prinzip: das Schaffende, das Zeugende. Die Frau hingegen versinnbildlichte für ihn die Privation; sie verkörperte einen nicht „fertigen“, verstümmelten Mann.

Im Vergleich zum Christentum kann man sehen, dass Aristoteles zwar das Weibliche mit Schwäche und Passivität verband, jedoch nicht mit Sinnlichkeit oder dem Bösen. In der christlichen Tradition wird das dichotome[1] Frauenbild dargestellt. Die Figur der Eva verführt einerseits zur Sünde im Paradies, auf der anderen Seite verkörpert die Figur der Maria die Sinnlichkeit der reinen Magd, die den Heiland zur Welt brachte.

Der Mann galt seit jeher als mutig und stark. Die Frau wurde aber als ängstlich und sesshaft gesehen. Ihr kam vor allem die Aufgabe der Knabenerziehung zu. Aufgrund dieser dem Mann stark untergeordneten Rolle wurden Frauen lange Zeit von politischen und kirchlichen Ämtern ausgeschlossen.

Im 14. Jahrhundert gab es zum ersten Mal „deutsche“ Schulen, an denen Mädchen und Buben gemeinsam unterrichtet wurden. Sie lernten miteinander Lesen, Schreiben und Rechnen. Diese Einstellung zur Erziehung und Bildung von Mädchen wurde im Laufe der Revolution und der Aufklärung im 18. Jahrhundert wider Erwarten nicht verstärkt. Obwohl das Motto „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ lautete, war das oberste Ziel der Mädchenerziehung immer noch Gehorsamkeit dem Gatten gegenüber, sittliches Benehmen, Schamhaftigkeit, Keuschheit und gute Haushaltsführung. Eine gewisse Basisbildung für Mädchen wurde zwar anerkannt, aber über die weiterführende Bildung gab es immer noch Uneinigkeit.

Der Funken einer Vorstellung der Gleichheit der beiden Geschlechter verschwand bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Auch Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) beschrieb das „typische“ Wesen einer Frau in seinen vielfach übersetzten und verkauften Romanen, wie z.B. „Die neue Heloise“ oder „Emile oder Über die Erziehung“. Die Frau war darin als

charakterschwach, neugierig, still, sanftmütig und vom Mann abhängig dargestellt. Es gab damals jedoch schon Ansätze zur Gleichstellung der Frau mit dem Mann. Der Schweizer Philosoph und Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) zeigte erstmals ein völlig anderes Bild der Frau auf. Bei ihm stand die tüchtige und tatkräftige Hausfrau und Mutter im Mittelpunkt. Pestalozzi und sein Schüler Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782-1852) stellten das Machtverhältnis der beiden Geschlechter in Frage und sie beeinflussten später die bürgerliche Frauenbewegung.

Aufgrund dieser langen, jedoch hier stark verkürzten Vorgeschichte zur Geschlechterdebatte kann man sehen, dass die Gleichstellung der Geschlechter heute, in der Zeit der Emanzipation, nach wie vor hoch aktuell ist.

Kommt ein Baby auf die Welt, wird es sofort geschlechtstypisch gekleidet. Das heißt, Buben tragen himmelblaue und Mädchen rosa Strampelanzüge. Die Gesellschaft erwartet von Geburt an ein typisch weiblich bzw. typisch männliches Verhalten von den Kindern. Auch für die Schule und damit für die Lehrer/innen ist dieses Thema von großer Bedeutung. Schließlich sind sie es, die heutzutage maßgeblich an der Erziehung der Kinder beteiligt sind.

Doch warum konnte mit all den Bemühungen, die Geschlechter gleichzustellen, noch immer keine befriedigende Lösung gefunden werden?

Fast alle glaubten früher an die „vorgegebene“ Natur der Geschlechter. Daher wurde auch geschlechtsspezifisch erzogen. Frauen kam die Aufgabe der Haushaltsführung und Kinderpflege zu, Männer sollten Geld verdienen, um die Familie ernähren zu können. Die Frage stellt sich nun, ob es tatsächlich von der Natur her festgelegte Verhaltensweisen gibt, die dann in der Erziehung weitergeführt oder vollendet werden. Vielleicht ist es aber auch ganz anders: Männer und Frauen könnten doch auch von Geburt an ein „unbeschriebenes Blatt“ sein, das erst durch die geschlechtsspezifische Erziehung und Stereotypisierung die Rollenerwartung erfüllen kann. Oder gibt es am Ende gar keine geschlechterorientierte Erziehung, da ohnehin schon alles genetisch vorbestimmt ist?

Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt bei der Frage nach den Geschlechtsunterschieden. Warum und wodurch gibt es Geschlechtsunterschiede? Welche Bedeutung und Auswirkung haben sie? Der zweite Schwerpunkt wird im erziehungswissenschaftlichen Bereich gesetzt. Wie entstehen Rollenbilder? Welche Auswirkungen haben sie in der Schule? Zum Abschluss wird noch die schulpraktische Bedeutung der Gleichstellung von Mädchen und Burschen erläutert. Es werden hilfreiche Tipps für Lehrer/innen angeführt, einen geschlechtsneutralen Unterricht zu führen bzw. wie man Schüler/innen auf die Geschlechterproblematik der heutigen Zeit sensibel machen kann.

2 Die zwei Geschlechter

Dass jeder Mensch ein Geschlecht hat, ist wohl unbestritten. Im täglichen Leben begegnen uns Mädchen und Jungen sowie Frauen und Männer. Darüber hinaus kann man das Geschlecht in „sex“, dem biologischen Geschlecht, und in „gender“, dem sozialen Geschlecht, unterteilen.[2] Mit der Trennung von Natur und sozialem Schicksal wollte man verdeutlichen, dass Geschlechterrollen menschliche Erfindungen seien.[3]

Doch warum gibt es überhaupt zwei Geschlechter? Wäre Parthenogenese nicht viel unkomplizierter für uns? Kein Konkurrenzkampf um Sexualpartner, keine lange Partnersuche, keine Enttäuschungen.

Die Antwort darauf gibt Charles Darwin. Nach ihm gibt es zwei Selektionen, die die Entwicklung einer Spezies bedingt haben: Zum einen die natürliche Selektion, bei der sich Anpassungen durch die Umwelteinflüsse sowie durch Konkurrenz mit anderen Gattungen entwickelten. Auf der anderen Seite steht die sexuelle Selektion, bei der sich Anpassungen im Kampf um den Geschlechtspartner und in der Verteidigung und dem Schutz der Nachkommen ausbildeten.[4]

Weibchen können nur eine begrenzte Anzahl an Nachkommen austragen und versorgen. Bei beinahe allen Tieren der Welt ist das weibliche Individuum für das Austragen der Jungen zuständig. Nach der Geburt kümmert sich zumeist ebenfalls das Weibchen um das Füttern, das Säugen und um die Verteidigung der Jungen. Männchen konkurrieren dagegen um die Weibchen. Sie müssen es schnell vor anderen Rivalen erreichen und sich mit ihm paaren, damit die Vererbung der eigenen genetischen Eigenschaften gesichert ist. Richard Dawkins bezeichnet dieses Rivalisieren, damit die Eigenschaften von anderen Männchen aussterben, als „Gensieb“[5]. Dabei bleiben einige Eigenschaften, die dem Überleben und der Vermehrung dienen, übrig, während andere, die die Art vernichten würden, verloren gehen.

Die Evolution dimorpher sexueller Eigenschaften[6] ist das Resultat des Wettbewerbs von Männchen um viele Weibchen und der Konkurrenz der Weibchen um das beste Männchen. Ausschlaggebend für die Wahl des Sexualpartners sind unter anderem die Statur (ist das Männchen muskulös und kräftig gebaut?), die Gesundheit oder bei manchen Tieren das Geweih (mit einem großen Geweih gewinnt man mehr Kämpfe, damit symbolisiert man Stärke). Ein stärkeres Männchen kann mehr Nachkommen zeugen als ein schwaches.[7] Rowe deutet, dass sich der Dimorphismus der äußeren Erscheinung mit dem des Verhaltens gemeinsam entwickelten.[8] Er gibt ein Beispiel dazu an: Werden die Waffen eines Männchens gegenüber anderen Männchen größer, so muss auch der Wille wachsen, sie zu benützen. Männchen nehmen sogar unter extremen Bedingungen eine gefährdete Position ein, nur um eine dominante Stellung zu erreichen.

Der Selektionsdruck zeigt sich im Skelett, da es beim Männchen besondere Anpassungen für Kämpfe und beim Weibchen Spezialisierungen für Trächtigkeit und Säugen gibt. Das hat auch Folgen für die Gehirnentwicklung, da auch hier eigene Spezialisierungen erfolgen. Diese logische Schlussfolgerung wird in Theorien über menschliche Geschlechtsunterschiede vernachlässigt, denn sie beachten körperliche Unterschiede nicht, sondern stellen nur die psychologischen heraus.

Das Ausmaß der geschlechtlichen Selektion ist bei den Spezies verschieden stark. Entscheidend sind hier die elterliche Fürsorge und Pflege. Bei manchen Gattungen investieren Männchen gar keine Zeit, bei anderen könnten die Jungen ohne beide Elternteile nicht überleben, wie es zum Beispiel bei vielen Vogelarten der Fall ist.

Der Mensch dürfte sich wohl in unbestimmter Weise in der Mitte zwischen totaler elterlicher Fürsorge und Verzicht des Männchens auf Fürsorge befinden. Schließlich herrscht beim Menschen kein solcher Selektionsdruck, da die malaiische Rasse die geringsten physischen Geschlechtsunterschiede aufweist. Wo hingegen bei Menschenaffen die größten Unterschiede auftreten.[9] Ein Beispiel für rein körperliche Verschiedenheiten wäre die Körpergröße. Außerdem sind Männer im Durchschnitt um 8% schwerer als Weibchen, männliche Primaten wiegen sogar das Doppelte von weiblichen. Der Geschlechtsdimorphismus ist bei Menschen deshalb nicht so hoch, da Männchen ebenfalls für die Fürsorge verantwortlich sind.[10]

2.1 Befruchtung und Gene

Das gesamte Erbgut eines Lebewesens ist im Chromosomensatz verankert. Dabei sind die Anzahl und die Form der Chromosomen arttypisch. Der Mensch hat 46 Chromosomen zu je 22 Paar Autosomen[11] und einem Paar Geschlechtschromosomen (Gonosomen[12] bzw. Heterosomen). Die meisten Körperzellen enthalten einen vollständigen, diploiden (zweifach mit 46 Chromosomen) Chromosomensatz. In den Geschlechtszellen oder Gameten (Ei- und Samenzellen) befindet sich ein haploider (einfach mit 23 Chromosomen) Chromosomensatz.[13] Bei der Befruchtung verschmilzt die Eizelle (X) mit einer Samenzelle (X oder Y). Es ist daher von der Samenzelle abhängig, ob ein weiblicher Embryo (XX) oder ein männlicher Embryo (XY) heranwachsen soll. Ob jetzt eine X- oder eine Y-Samenzelle in die Eizelle gelangt, kann man nicht vorherbestimmen. Fest steht, dass „jedes Elternpaar theoretisch 2²x²³ ≈ 70 Billionen genetisch verschiedene Kinder zeugen könnte“.[14]

Die eigentlichen Erbträger sind die Gene (Erbfaktoren) auf den Chromosomen. Gene sehen aus wie eine verdrillte Leiter, auch DNS genannt. Einzelne Gene (Allele), „die auf homologen Chromosomen am gleichen Genort lokalisiert sind“[15], sind ebenfalls paarig vorhanden. Zwei idente Allele nennt man homozygot, zwei verschiedene Allele heterzygot.[16] Lenz fasst zusammen: „Letztendlich besitzen aber fast alle Menschen die gleichen Gene (als lokale Abschnitte des Genoms mit bestimmter Funktionsweise) jedoch in unterschiedlicher Ausprägung.“[17]

2.1.1 Genotyp und Phänotyp

Alle Gene, etwa 100.000[18], werden als Genotyp (oder Genom) bezeichnet (Trautner berichtet in seinem Buch[19] von 1978 von nur 30.000 Genen!). Rowe definiert den Genotyp als „die genetische Ausstattung einer Person an einem Genlocus“.[20] Der Genlocus ist der physische Ort eines Gens auf einem Chromosom. In einer Population können die Gene an einem Genlocus völlig gleich zusammengesetzt sein (monomorph), oder sie treten in unterschiedlichen Formen auf (polymorph). Polymorphe Gene nennt man „Allele“.[21]

Der Genotyp beeinflusst die Ausbildung sehr unterschiedlicher Phänotypen. Das Genom bleibt ein ganzes Leben lang, außer bei Einwirkung mutagener (radioaktiver oder kosmischer Strahlung) Einflüsse, konstant. Seine Folgen sind jedoch je nach Entwicklungsbedingungen veränderlich. Durch plötzlich auftretende Mutationen und durch die Neukombination von Genen werden Variationsmöglichkeiten von Allelkombinationen in einer Population geschaffen und dadurch das Risiko an Gendefekten verringert, da viele Gene in doppelter Ausführung in den Körperzellen vorhanden sind.[22]

Der Weg vom Genotyp zum Phänotyp ist lang. Die Entwicklung eines Individuums geschieht durch Rückkopplungseffekte zwischen genetischer und neuraler Aktivität, Verhalten und Umwelt, wie man in Abbildung 1 sehen kann.[23] Darüber hinaus bestehen Wechselwirkungen zwischen benachbarten Ebenen. Es ist also einerseits von den Allelen abhängig, wie groß der Einfluss der Umweltunterschiede auf Persönlichkeitsmerkmale ist und andererseits hängt es von den Umweltbedingungen ab, welchen Einfluss bestimmte Allele auf Persönlichkeitsmerkmale ausüben.[24]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Modell der Genom-Umwelt-Wechselbeziehung.[25]

Interessant erweist sich, dass Teile des Genotyps höherer Lebewesen nie aktiviert werden. Früher führten Forscher dies darauf zurück, dass Gene aus evolutionären Gründen weitergegeben werden. Man glaubt heute aber, dass je nach Umweltbedingungen diese „schlafenden“ Gene angeregt werden können und sich so eine Vielfalt von Entwicklungsmöglichkeiten ergibt.[26]

Bei psychischen Merkmalen spielen mehrere Gene zusammen, was man als Polygenie [27] bezeichnet. Welche Gene im einzelnen dafür bedeutsam sind, ist noch unbekannt. Trautner schreibt, dass „mindestens 150 Gene die prä- und postnatale Entwicklung beeinflussen[28]“. Diese Zahl beruht auf Untersuchungen von verschiedenen Formen geistiger Behinderung, für die mindestens 150 Gene verantwortlich sind.

Als Pleitropismus bezeichnet man „die gleichzeitige Beeinflussung u. Ausprägung mehrerer bis vieler Merkmale durch ein Gen (…)“.[29]

Der Weg von den Genen zum menschlichen Verhalten ist noch nicht zur Gänze erforscht. Asendorpf geht davon aus, dass die „Gene eines Menschen (…) weder Entwicklung noch Verhalten“[30] beeinflussen. Genaktivität und Umwelteinflüsse müssen aber in trivialer Weise in Korrelation stehen, da „ein Genotyp (…) ja nicht ohne Umwelt wirksam werden, und eine Umwelt alleine (…) ohne Genotyp auch keinen Effekt auf die Persönlichkeit haben“[31] kann. Allerdings ist die Frage, wie stark die Persönlichkeitsunterschiede genetisch bedingt sind, nicht trivial. Dies muss empirisch untersucht werden.

Man weiß aus Tierversuchen, dass es Zusammenhänge zwischen genetischen Einflüssen und dem Verhalten gibt.[32]

Beim Menschen sind derzeit zwei körperliche Merkmale aufgrund genetischer Defekte nachgewiesen: Phenylketonurie[33] und Albinismus. Weiters sind die Blutgruppenzugehörigkeit und gewisse Intelligenzdefekte auf Chromosomenaberrationen zurückzuführen. Auch ist eine „normale“ Entwicklung des Menschen genetisch festgelegt, wie zum Beispiel die Ausbildung der Extremitäten, Organe oder der Aufbau des Zentralnervensystems.

Exogene Einflüsse, wie zum Beispiel die Ernährung, können Auswirkungen vor und nach der Geburt auf genetisch festgelegtes Material haben.

2.2 Dimorphismus der Chromosomen

Nachdem die Eizelle befruchtet wurde, beginnt sich der Fötus zu entwickeln. Bis zur sechsten Schwangerschaftswoche lässt sich noch nicht feststellen, ob ein männliches oder weibliches Individuum heranwachsen wird. Es existiert also kein Unterschied zwischen den zunächst noch geschlechtsneutralen Gonaden (Keimdrüsen), die aus Rinde, Mark und eingewanderten Keimzellen bestehen.[34] Die undifferenzierten Keimdrüsen werden Primordialgonaden genannt. Außerdem gibt es in dieser Zeit doppelt angelegte männliche (Wolffsche) und weibliche (Müllersche) Geschlechtsgänge.[35]

In der siebenten Woche der Entwicklung in utero führt die im Y-Chromosom verankerte Erbinformation, dem H-Y-Antigen[36], beim männlichen Embryo (XY) zur Hodenausbildung. Für die Entwicklung eines Ovars beim weiblichen Embryo (XX) ist kein zusätzlicher genetischer Ablauf notwendig. Dieses weibliche „Urgeschlecht“ erscheint stammesgeschichtlich erklärbar, da sich Individuen ursprünglich durch Parthenogenese vermehrt haben und so nur weibliche Nachkommen zeugen konnten. Die Ausbildung der weiblichen Gonaden resultiert also durch Fehlen des Y-Chromosoms. Die Chromosomen sind ab diesem Zeitpunkt für die weitere Ausbildung der Keimdrüsen nicht mehr zuständig.

Die Forschung ist heute noch nicht so weit, anzugeben, auf welchen Abschnitten der Geschlechtschromosomen "weibliche“ oder „männliche“ Merkmale liegen. Sicher ist aber, dass die Geschlechtschromosomen verantwortlich sind für die Produktion von Geschlechtshormonen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Karyogramm eines Mannes[37]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Karyogramm einer Frau[38]

2.3 Hormonabgaben

Hormone werden nun von den Gonaden abgegeben, die die Entwicklung der äußeren Geschlechtsorgane steuern. Diese Keimdrüsenhormone, Androgene, sind notwendig, um die männliche Entwicklung herbeizuführen und um die weibliche zu unterdrücken, während es für die weibliche keiner besonderen Hormonabgaben bedarf. Bleibt also die Androgenzufuhr aus oder die Geschlechtsorgane reagieren nicht darauf, werden weibliche innere und äußere weibliche Sexualorgane ausgebildet.[39] Lenz beschreibt die Ausbildung der Geschlechtsorgane genauer:

„Die Hoden wiederum setzten zwei Hormone frei: Das Anti-Müller-Hormon (oder auch Müllersches inhibierendes Hormon genannt) verhindert die Entwicklung der Müllerschen Gänge zu weiblichen inneren Geschlechtsorganen. Als zweites, von den Hoden gebildetes Hormon besitzt Testosteron dreierlei Wirkungen bei der Geschlechtsdifferenzierung: In einer kritischen Phase (um die 14. Schwangerschaftswoche) bewirkt Testosteron die Entstehung der inneren männlichen Genitalien durch Umbildung der Wolff’schen Gänge. Zudem wird es in Dihydrotestosteron umgewandelt, das – ebenfalls in einer kritischen Phase – die Ausdifferenzierung des (bei beiden Geschlechtern vorhandenen) bipotenten Vorläuferorgans zu den äußeren männlichen Geschlechtsorganen einleitet.“[40]

Die inneren Genitalien beim Mann sind die Hoden, die erst kurz vor der Geburt in den Hodensack wandern, und die Samenleiter; bei der Frau sind es Gebärmutter, Eierstöcke, Eileiter und der innere Teil der Vagina. Die äußeren männlichen Sexualorgane bilden sich in der 12. bis 16. Schwangerschaftswoche zu Penis und Scrotum[41] aus und die äußeren weiblichen werden zu Klitoris[42], Labia[43] und Vagina.[44]

Interessanterweise bilden sich die inneren Genitalien aus zwei verschiedenen Zellanlagen, während die äußeren Geschlechtsorgane aus der gleichen Zellanlage, dem Sinus urogenitalis, heranreifen. Es handelt sich hierbei also wieder um eine geschlechtsneutrale, nach zwei Seiten offene Anlage, die sich zum weiblichen äußeren Genital (Vagina) ausdifferenziert, wenn nicht während einer kritischen Phase durch Androgene die Ausbildung eines männlichen Genitals (Penis) veranlaßt [!] wird. Wenn keine Botenstoffe einwirken, kommt es also auch hier wieder zur Entwicklung weiblicher Genitalien .“[45]

Den Sexualhormonen kommt auch während der Pubertät eine bedeutende Aufgabe zu. Sie fördern nämlich zu dieser Zeit die Ausprägung der sekundären weiblichen und männlichen Geschlechtsmerkmale.[46]

Man kann also zusammenfassend sagen, dass es zwei wichtige Phasen in der menschlichen Entwicklung gibt, in denen Geschlechtshormone ausgeschüttet werden, die den dimorphen Geschlechtscharakter prägen. Nämlich während der Fötalzeit und der Pubertät.[47] Inwieweit sich die Sexualhormone allerdings in diesen Phasen auf die Differenzierung der äußeren Geschlechtsmerkmale, auf das Zentrale Nervensystem (Gehirn) und darüber hinaus auf das Verhalten auswirken, ist noch immer nicht restlos geklärt.[48]

Es gibt jedoch Hypothesen über das Verhalten aufgrund von Tierversuchen an Säugetieren (wie Ratten, Mäusen, Affen und Kaninchen) und klinischen Untersuchungen am Menschen.

Empirische Untersuchungen, um die Beziehung zwischen biologischen Komponenten und geschlechtscharakteristischen Verhaltensmerkmalen zu klären, kann man nach TRAUTNER auf zwei Arten vollziehen: „1. angenommene biologische Faktoren werden experimentell manipuliert und variiert; 2. natürlich vorkommende Variationen in biologischen Faktoren werden auf ihren Zusammenhang mit der Verhaltensvariation geprüft.“[49]

2.4 Experimente

Wie im vorigen Kapitel schon erwähnt, gibt es kritische Phasen, in denen Entwicklungen für die Geschlechtsorgane eingeleitet werden. Hier können immer wieder Störungen auftreten, die den Differenzierungsprozess negativ beeinflussen.

Anhand von Versuchen ist feststellbar, inwieweit Hormone auf die Entwicklung der weiblichen und männlichen Genitalien Einfluss nehmen und welche Auswirkungen dies mit sich bringt.

In Tierversuchen kann gezeigt werden, wie genetisch männliche Embryos verweiblicht und genetisch weibliche Embryos vermännlicht werden können. Beim Menschen erweist sich diese Forschung natürlich um vieles schwieriger, da wir nicht ohne Bedenken Embryos Hormonen aussetzen können.

2.4.1 Tierversuche

Durch Isolierung, selektive Zuchtforschung oder gezielte Manipulation der Umweltbedingungen lassen sich vermutete Gewichtsgrößen für Verhaltensdifferenzen überprüfen und verändern. Isolierung und selektive Zuchtforschung helfen bei der Klärung genetischer Determinanten, die Manipulation von Umweltbedingungen hingegen gibt Aufschluss über exogene Einflüsse auf das Verhalten, u. a. auch beim Menschen.[50]

Rowe berichtet in seinem Buch[51] über Tierversuche, die an Kaninchen durchgeführt wurden. Er schreibt, dass männliches Keimdrüsengewebe eines Kaninchens (XY) entfernt wurde. Es konnte beobachtet werden, dass sich nun ohne den Einfluss männlicher Hormone, ein im Aussehen und Verhalten weibliches Individuum entwickelte. Daraus konnte geschlossen werden, dass der grundlegende Bauplan sowohl bei männlichen (XY) als auch bei weiblichen (XX) Säugetieren weiblich war. Erst die Gene auf dem Y-Chromosom bewirken die Bildung des Gonadengewebes, das dann männliche Hormone produziert. Diese „verweiblichten“ männlichen Kaninchen weisen ein typisches weibliches Sozialverhalten auf. Sie zeigten sogar eine Anziehung zu Männchen und begaben sich in die typische Paarungsstellung des Weibchens, vorausgesetzt, man führte ihnen während der Geschlechtsreife noch zusätzlich weibliche Hormone zu.

Nun wurde der umgekehrte Weg untersucht. Man „vermännlichte“ ein Weibchen (XX), indem ihm während der Entwicklung männliche Hormone zugeführt wurden. Hormongaben während der Pubertät lösten wieder ein arttypisches männliches Sexualverhalten aus: Die Weibchen zeigten aggressives Verhalten und sexuelles Interesse an anderen Weibchen (typische männliche Paarungsstellung).

Bei ihrer Durchsicht der Literatur über Hormoneffekte bei Tieren und Menschen kamen Ellis und Ashley (1997) zu dem Schluß [!], daß [!] Hormoneffekte während des zweiten und dritten Monats der menschlichen Schwangerschaft für die Differenzierung der sexuellen Ausrichtung verantwortlich sind, während andere typische weibliche bzw. männliche Verhaltensweisen sich später zwischen dem vierten und sechsten Monat ausbilden.“[52]

2.4.2 Studien am Menschen

Beim Menschen erweisen sich „Versuche“ viel schwieriger als bei Tieren, da sie nicht mit unseren ethischen Grundsätzen konform gingen. Die Zusammenhänge zwischen genetischen und biochemischen Einflüssen beim Menschen sind unbeständiger und erfahrungsorientierter als bei Tieren.[53]

Man darf nicht ohne Bedenken Schlüsse von Tierversuchsergebnissen auf das menschliche Verhalten ziehen. Der Mensch hat schließlich eine ganz andere Stellung durch die Evolution erlangt. Er ist weit höher entwickelt und lernfähiger als Tiere.[54]

Genetische Störungen und Medikamente zeigen aber, dass Menschen wie Tiere auf Einflüsse (Hormongaben) bei der Geschlechterdifferenzierung reagieren.

Forscher wie Berenbaum, Hines, Imperator-McGinley, Guerrero, Gautier und Peterson, untersuchten das geschlechtstypische Verhalten aufgrund beeinflusster Gonaden bzw. beeinflusster Gehirnbereiche.[55]

Adrenale Hyperplasie[56]

Durch eine genetische Störung, die adrenale[57] Hyperplasie[58] oder adrenogenitales Syndrom, wird in der Nebennierenrinde überdurchschnittlich viel Testosteron produziert. Bei männlichen Individuen stört die übermäßige Hormonsekretion die Entwicklung nicht, während es bei weiblichen Individuen aber zu einem Virilismus[59] in der vorgeburtlichen Phase kommt. Das heißt, Mädchen zeigen abnormal entwickelte Genitalien. Neugeborene Mädchen werden deshalb oft für Buben gehalten, da sie mit vergrößerter Klitoris und teilweise geschlossenen Schamlippen geboren werden. Mädchen mit dieser Störung werden daher auch dementsprechend, also wie Jungen, erzogen. Außerdem weisen sie kein typisch „mädchenhaftes“ Verhalten auf, da sie wild herumtoben und kein Interesse an der Mutterrolle zeigen.[60] Bemerkt man die Störung gleich bei der Geburt, können ein operativer Eingriff und weitere Hormongaben die Vermännlichung verhindern.[61] Rowe berichtet hierzu von Versuchen von Berenbaum und Hines. Sie untersuchten viele Mädchen, die dieses Syndrom aufzeigten und auch dagegen behandelt wurden. Die Mädchen wurden auch als solche erzogen. Um ihre Vorlieben herauszufinden, durften die Kinder zwischen typischem Jungenspielzeug (Autos, Bausteine, Flugzeuge), typischem Mädchenspielzeug (Puppen, Buntstifte, Küchengeräte) und geschlechtsneutralen Spielsachen (Brettspiele und Bücher) wählen. Es wurden Kinder mit adrenaler Hyperplasie mit einer Kontrollgruppe (gesunde Schwestern und Cousinen) verglichen. Erwartungsgemäß spielten die kranken Mädchen mehr mit Jungenspielzeug. Mit den geschlechtsneutralen Spielsachen beschäftigten sich beide Gruppen gleich viel. Rowe schließt darauf, dass „Hormongaben möglicherweise Aktivitätsgrade, motorische Fähigkeiten oder Temperamentsmerkmale in den geschlechtsbezogenen Bereichen verändert haben“[62] könnten.

Die „Penis-mit-zwölf-Jahren“-Störung

Eine andere seltene genetische Störung, genannt „Penis-mit-zwölf-Jahren“ oder „5-alpha-Reduktase-Mangel-Syndrom“[63], kommt in Dörfern der Dominikanischen Republik vor. Hier fehlt das Enzym 5-alpha-Reduktase, das Testosteron in Dihydrotestosteron umwandeln sollte. Daher können die männlichen Genitalien nicht richtig reifen. Männliche Säuglinge (XY) sind genital unterentwickelt, die Gehirnform bleibt allerdings unbeeinflusst. Ausprägungen dieser Störung sind keine äußeren Hoden, diese befinden sich noch im Körper, und ein klitoris-ähnlicher Penis, der in einer Art Schamlippen versteckt liegt. Die genetischen Jungen sahen also aus wie Mädchen und wurden auch als solche erzogen. Erst im Pubertätsalter wird mehr Testosteron sekretiert. So kann der Hoden schließlich absteigen und der Penis wachsen. Dass diese Gegebenheit mehr als schockierend für die Beteiligten sowie das Umfeld ist, ist wohl verständlich. Die Jungen, die diese Störung aufwiesen, hatten allerdings kein Problem damit, sich sofort wie ein Mann zu fühlen. Sie kleideten und verhielten sich typisch männlich. Sie arbeiteten am Feld und gründeten eine Familie.[64]

Anhand der Untersuchungen dieser Störungen kann man deutlich sehen, dass die Geschlechtsdifferenzierung von chromosomalen sowie von hormonellen Einflüssen abhängig ist und vorerst weniger von der Erziehung, da ja die Jungen mit dem „5-alpha-Reduktase-Mangel-Syndrom“ sofort als Mann weiterlebten, obwohl sie bis zum 14. Lebensjahr weiblich-orientiert erzogen wurden. Allerdings sind die „Zusammenhänge zwischen biologischen Faktoren und der Verhaltensdifferenzierung der Geschlechter (…) viel geringer als die zuvor aufgezeigten Zusammenhänge zwischen der chromosomalen, hormonellen und morphologischen Geschlechterdifferenzierung“.[65] Speziell räumliche Fähigkeiten und Aggressivität werden mit der biologischen Komponente verbunden.[66]

3 Biologische Determinanten der Geschlechtstypisierung

Trautner teilt die biologischen Determinanten in vier Gruppen ein: Chromosomale Einflüsse, hormonelle Einflüsse, Hirnlateralisation[67] und Reifungsgeschwindigkeit.[68]

3.1 Chromosomale Einflüsse

Die Chromosomen XX (weiblich) oder XY (männlich) sind nicht nur für die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale von Bedeutung.[69] Abhängig vom Erbgang (dominant oder rezessiv) können weitere Geschlechtsunterschiede hervorgehen. Ein (rezessiver) Defekt am X-Chromosom beim Mann scheint ganz sicher im Phänotyp auf, während sich ein X-rezessives vererbtes Merkmal bei weiblichen Individuen nur dann zeigt, wenn beide X-Chromosomen mit diesem Defekt belastet sind. Da die Wahrscheinlichkeit hierfür geringer ist, erklärt dies, warum so viele Männer farbenblind oder von der Bluterkrankheit betroffen sind.

Da auch die räumlichen Fähigkeiten hypothetisch X-chromosomal rezessiv vererbt werden, nahmen Forscher (Bock und Kolakowski, Hartlage, Stafford, Yen)[70] in den 1960er und 1970er Jahren an, dass das der Grund dafür war, wieso Männer bei Tests, die räumlich orientierte Fähigkeiten überprüften, besser abschnitten als Frauen. Allerdings wurde diese Vermutung bereits widerlegt. Es gibt Untersuchungen mit Menschen, die am Turner-Syndrom leiden. Diese Personen haben nur ein X-Chromosom und kein korrespondierendes X- oder Y-Chromosom (XO). Gonadal sowie morphologisch sind diese Individuen allerdings weiblich und haben eine normale Intelligenz. Bei räumlichen Aufgaben schneiden sie jedoch wider Erwarten schlecht ab, da man annahm, räumliche Fähigkeiten würden sich rezessiv vererben.

3.2 Hormonelle Einflüsse

Ein zentrales Thema für die Forschung der Geschlechterdifferenzierung stellen hormonelle Einflüsse während der Entwicklung dar. Durch den Hypothalamus gesteuert, werden bei der Frau zyklisch (Luteinisierendes Hormon LH, Follikelstimulierendes Hormon FSH und Prolaktin PRL) und beim Mann regelmäßig die selben Sexualhormone (LH, FSH) ausgeschüttet. Bei der Frau wirken sie in den Eierstöcken auf die Produktion von Östrogen. Östrogen bewirkt über den Hypothalamus in der Hypophyse die Ausscheidung von LH, was wiederum den Eisprung auslöst und die Gelbkörperbildung bewirkt. Beim Mann wirkt das Interstitialzellen-stimulierendes Hormon IZSH auf die Hormonproduktion in den Hoden (Testosteronbildung).[71]

Interessant erweisen sich Untersuchungen von Tierversuchen[72] und Studien am Menschen. Man möchte dabei die vorgeburtlichen Auswirkungen, sowie die Entwicklungsgänge während der Pubertät erforschen. Man kann die Bedeutung hormoneller Einflüsse bei Menschen sehen, die während dem pränatalen Stadium Hormonen ausgesetzt waren.

Bei Mädchen und Buben lassen sich unterschiedliche hormonelle Störungen feststellen, die in den Kapiteln 3.2.1 und 3.2.2 beschrieben werden.

3.2.1 Hormonelle Störungen bei Mädchen (Androgenüberschuss)

Bei Mädchen können folgende hormonelle Störungen auftreten: der gestagen-induzierte Hermaphroditismus und das adrenogenitale Syndrom (oder adrenale Hyperplasie).[73] Bei beiden Störungen kommt es zur Vermännlichung der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane.

Werdende Mütter wurden in den 1950er Jahren bei drohender Fehlgeburt mit Gestagenen behandelt. Das hatte allerdings zur Folge, dass die Töchter, die die Gestagene zu einem bestimmten Zeitpunkt der Schwangerschaft erhielten, mit vermännlichten äußeren Geschlechtsorganen zur Welt kamen (gestagen-induzierter Hermaphroditismus).

[...]


[1] griech. dichótomos= zweigeteilt (http://www.duden.at)

[2] Vgl. Korte/Schäfers, 2002, S. 86.

[3] Vgl. Lehmann, 2003, S. 32.

[4] Vgl. Rowe, 1997, S. 217.

[5] Vgl. http://www.amleto.de/zitate/zdawkins.htm [14.1.2005]

[6] Vgl. Rowe, 1997, S. 217.

[7] Vgl. ebenda, S. 218.

[8] Vgl. ebenda.

[9] Vgl. Kasten, 1996, S. 1.

[10] Vgl. Rowe, 1997, S. 218f.

[11] Vgl. Pschyrembel, 1994, S. 144: „alle Chromosomen, die keine Geschlechtschromosomen (Heterosomen) sind“.

[12] Vgl. Pschyrembel, 1994, S. 564: „Geschlechts- od. Heterosomen, v. deren Genen die somat. Geschlechtsentwicklung bestimmt wird (beim weibl. Geschlecht zwei X-, beim männl. ein X- u. ein Y-Chromosom). Auf dem menschl. Y-Chromosom sind m. Sicherheit bisher nur geschlechtsdeterminierende Gene nachgewiesen; das rel. große X-Chromosom trägt daneben auch zahlreiche andere Gene.“

[13] Vgl. Rowe, 1997, S. 55.

[14] Vgl. Asendorpf: Entwicklungsgenetik der Persönlichkeit. In: Schneewind, 1994, S. 110.

[15] Pschyrembel, 1994, S. 40.

[16] Vgl. Trautner, 1978, S. 168f.

[17] Lenz, 1999, S. 89.

[18] Vgl. ebenda, S. 88.

[19] Vgl. Trautner, 1978, S. 169.

[20] Rowe, 1997, S. 55.

[21] Vgl. ebenda, S. 55.

[22] Vgl. Lenz, 1999, S. 89.

[23] Vgl. Asendorpf: Entwicklungsgenetik der Persönlichkeit. In: Schneewind, 1994, S. 110f.

[24] Vgl. Lenz, 1999, S. 91f.

[25] Quelle: Asendorpf: Entwicklungsgenetik der Persönlichkeit. In: Schneewind, 1994, S. 111.

[26] Vgl. Asendorpf: Entwicklungsgenetik der Persönlichkeit. In: Schneewind, 1994, S. 111.

[27] Polygenie = „Abhängigkeit eines Erbmerkmals von mehreren Genen“. (Pschyrembel, 1994, S. 1223)

[28] Trautner, 1978, S. 169.

[29] Pschyrembel, 1994, S. 1207.

[30] Asendorpf: Entwicklungsgenetik der Persönlichkeit. In: Schneewind, 1994, S. 110.

[31] Asendorpf: Entwicklungsgenetik der Persönlichkeit. In: Schneewind, 1994, S. 112.

[32] Siehe Kapitel 2.4.1.

[33] Pschyrembel, 1994, S. 1185: „ (…) autosomal-rezessiv erbl. Stoffwechselstörung“ durch „Mangel an Phenylalanin-Hydroxylase“, was zu „vermehrter Bildung von Phenylbrenztraubensäure“ im Urin führt. Verursacht eine Intelligenzminderung.

[34] Vgl. Kasten, 1996, S. 5.

[35] Vgl. Lenz, 1999, S. 98.

[36] Vgl. Kasten, 1996, S. 5.

[37] Quelle: modifiziert übernommen aus: http://www.webmic.de/karyogramm.htm [30.1.2004]

[38] Quelle: modifiziert übernommen aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Chromosom#Karyogramm [30.1.2004]

[39] Vgl. Trautner, 1991, S. 359.

[40] Lenz, 1999, S. 100.

[41] Lat. scrotum = Hodensack (http://www.duden.at)

[42] Griech. kleitorís, eigtl.= kleiner Hügel (Med.): Kitzler. (http://www.duden.at)

[43] Lat. labium = Lippe, anatomisch: lippenförmiger Rand (http://www.duden.at)

[44] Vgl. Trautner, 1991, S. 359.

[45] Kasten, 1996, S. 6.

[46] Vgl. Trautner, 1991, S. 359.

[47] Vgl. Lenz, 1999, S. 101.

[48] Vgl. Trautner, 1991, S. 359.

[49] Trautner, 1991, S. 360.

[50] Vgl. Trautner, 1978, S. 188f.

[51] Vgl. Rowe, 1997, S. 211.

[52] ebenda, S. 212.

[53] Vgl. Trautner, 1991, S. 360.

[54] Vgl. Trautner, 1978, S. 188.

[55] Vgl. Rowe, 1997, S. 212ff.

[56] Kasten bezeichnet diese Störung auch als „androgenitales Syndrom“: Vgl. Kasten, 1996, S. 8.

[57] lat. ad "zu, hinzu", lat. ren "Niere", Med: die Nebennierenrinde betreffend. (http://www.duden.at),

[58] griech. hyper = über, übermäßig; griech. plásis = Bildung, Form, Med: Vergrößerung eines Organs od. Gewebes (http://www.duden.at)

[59] Med: Vermännlichung (bei Frauen) (http//www.duden.at)

[60] Vgl. Lenz, 1999, S. 104.

[61] Vgl. Tücke, 1999. S. 64f.

[62] Rowe, 1997, S. 213.

[63] Vgl. Lenz, 1999, S. 105.

[64] Vgl. Rowe, 1997, S. 214f.

[65] Trautner, 1991, S. 360.

[66] Vgl. ebenda.

[67] Lat. lateralis = seitlich, auf der Seite. (Vgl. Pschyrembel, 1994, S. 851)

[68] Vgl. Trautner, 1991, S. 360f.

[69] Siehe Kapitel. 2.1.

[70] Vgl. Trautner, 1991, S: 361.

[71] Vgl. Kasten, 1996, S. 15.

[72] Siehe Kapitel 2.4.1.

[73] Vgl. Trautner, 1991, S. 362.

Details

Seiten
94
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638560269
ISBN (Buch)
9783638710084
Dateigröße
2.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v62862
Institution / Hochschule
Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien / Krems – Pädagogische Akademie Diözese St. Pölten
Note
Gut
Schlagworte
Gleichstellung Burschen Mädchen Berücksichtigung Perspektive

Autor

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Titel: Gleichstellung der Burschen und Mädchen unter besonderer Berücksichtigung der biologischen Perspektive