Lade Inhalt...

Die Gattungsproblematik der Autobiographie am Beispiel von Benjamin Leberts 'Crazy'

Hausarbeit 2005 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Über den Autor

3.1 Was ist eine Autobiographie?
3.2 Das Verhältnis zwischen Autobiographie und Roman
3.3 Zur Funktionalität autobiographischen Schreibens

4. Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

Während ich Benjamin Leberts „Crazy“ las, gingen mir einige Fragen nicht mehr aus dem Kopf. Immer wieder wunderte ich mich, wieso dieser 17 Jahre alte Junge seine Geschichte, inklusive vieler intimer und pikanter Details, veröffentlicht, an wen er sich damit wendet und was er aussagen möchte. Ich stellte mir also die Frage nach der Funktionalität.

Und auch, wenn ich das Buch absolut als Autobiographie gelesen habe, ergaben sich während der Erarbeitung des Themas einige Unklarheiten bezüglich der Gattung. Es geht mir hierbei in erster Linie um den Untertitel, der „Roman“ lautet und nicht Autobiographie. Des Weiteren hat mich die Struktur des Buches irritiert. Die voneinander eher unabhängigen Kapitel wirken auf mich wie Tagebucheinträge und nicht wie der Bericht über eine persönliche Entwicklung. Das Buch enthält einige stilistische Elemente, die dem Roman angehören, nicht der Autobiographie.

In dieser Arbeit möchte ich diesen Fragen auf den Grund gehen und klären, ob „Crazy“ eine Autobiographie, ein autobiographischer Roman oder ein Roman ist.

2. 1 Über den Autor

Benjamin Lebert ist 1982 in Freiburg im Breisgau, als Sohn eines Ingenieurs und einer Heilpraktikerin, geboren. Er hat seit seiner Geburt einen Halbseitenspasmus, weswegen er seine linke Körperhälfte nur mit Mühe bewegen kann.

1990 ist er mit seiner Familie nach München gezogen.

Wegen seiner schlechten schulischen Leistungen musste er auffallend oft die Schule wechseln. Das Internat Schloss Neuseelen, wo seine Geschichte spielt, ist bereits die fünfte Schule die er besucht. Seine Eltern haben die Hoffnung, er würde hier die achte Klasse und letztendlich auch sein Abitur bestehen. Leider schafft er das Schuljahr nicht und muss das Internat nach einem Jahr wieder verlassen.

Mit siebzehn Jahren schreibt er seinen ersten Roman „Crazy“. Der zweite folgt

2003 und trägt den Titel „Der Vogel ist ein Rabe“.

Seither hat er mit 21 Jahren seinen Hauptschulabschluss nachgemacht, ist nach Berlin gezogen und schreibt Kolumnen für verschiedene Tageszeitungen.

3.1 Was ist eine Autobiographie?

Sicher ist, dass es auf diese Frage keine kurze und eindeutige Antwort gibt.

Schon seit Jahren versuchen Literaturtheoretiker die Autobiographie von anderen Gattungen abzugrenzen, entwickelten dabei etliche Definitionen, Regeln und Merkmale, mit dem Ergebnis, dass die Autobiographie derzeit „als gattungswiderständiges Phänomen“ (Wagner- Egelhaaf: 2000, S. 50) einzuordnen ist. Georg Misch sagt: „ Sie läßt sich kaum näher bestimmen als durch Erläuterung dessen, was der Ausdruck besagt: die Beschreibung (graphia) des Lebens (bios) eines Einzelnen durch diesen selbst (auto).“(Misch: 1989, S. 38)

Auch wenn diese Definition kaum etwas über die charakteristischen Merkmale einer Autobiographie aussagt, ist diese, meiner Meinung nach, die eindeutigste.

Autobiographien sind besonders vielfältige, sehr individuelle Arbeiten, die eng mit der Persönlichkeit, dem Stil und den Erfahrungen eines Autors verknüpft sind, wodurch sich automatisch jede Einzelne von der Anderen unterscheidet. Der Autor unterliegt während des Verfassens keinerlei strenger Richtlinien, die ihm vorschreiben er müsse sein gesamtes Leben, von der Kindheit bis heute, verschriftlichen, er dürfe sich nicht auf die Zukunft beziehen, er müsse in einer bestimmten Zeit schreiben oder muss eine vorgegebene Struktur befolgen. (vgl. Bruss: 1998, S. 276) Bruss sagt sogar, dass es kein einziges Merkmal gibt, welches die Autobiographie zwingend erfüllen muss, um eine Autobiographie zu sein. (vgl. Bruss: 1998, S. 265) Vermutlich ist das größte Problem der Autobiographie in Bezug auf ihre Gattungseinordnung sogar der Versuch der Einordnung selbst. Klassifikationen geben immer Regeln, Strukturen, Bedingungen und Formen vor, die auf das Schreibverhalten des Autors und auf das Leseverhalten des Lesers Einfluss haben. Selbstbiographien an sich, ihr Inhalt und Aufbau, sind aber zu eng mit ihrem Produzenten und der Zeit in der sie geschrieben werden verbunden, als das sie über Jahrzehnte hinweg ein und derselben Klassifikation unterliegen könnten. (vgl. Bruss: 1998, S. 258) Elizabeth W. Bruss spricht sich gegen die Vorgabe spezifischer Merkmale in Bezug auf die Autobiographie aus, da dies zu großen Einfluss auf das Schreibverhalten des Autors nehmen würde. Trotzdem sieht sie Autobiographien als eine Gattung an, deren Werke man dieser zuordnen kann. „Wie man in Texten, die sich voneinander unterscheiden, gleiche stilistische oder thematische Funktionen erkennt, so kann man auch Texte erkennen, deren Form sich unterscheidet, denen man aber gleichwohl mit Recht dieselbe Gattungsfunktion zuschreiben kann.“ (Bruss: 1998, S. 260)

Es gibt aber, trotz aller Unregelmäßigkeiten, eine verbindliche Regel, der die Autobiographie in jedem Fall unterliegt. Und zwar der des Wahrheitsanspruchs. “Die Information und die Ereignisse, über die im Zusammenhang mit der Autobiographie berichtet wird, müssen unbedingt wahr sein, wahr gewesen sein oder hätten wahr sein können.“ (Bruss: 1998, S. 274) Natürlich werden in der Autobiographie Ereignisse so geschildert, wie der Autor sie erlebt und empfunden hat, was dazu führt, dass sie faktisch nicht immer ganz richtig sind. Der Wahrheitsgehalt bleibt aber auch hier bestehen, solange der Autor von der Richtigkeit seiner Aussagen überzeugt ist. (vgl. Bruss: 1998, S. 274) Diese Grundregel tritt in jeder, die Autobiographie betreffenden, Definition auf. So definiert das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft die Autobiographie als „Gattung nichtfiktionalen Erzählens lebensgeschichtlicher Fakten des Autors.“ (Reallexikon; Band 1: 1997, S. 169)

Es bestehen noch weitere Merkmale, an denen man sich bei der Zuordnung von Autobiographien orientieren kann. Diese werden sehr präzise, wenn auch nicht allgemeingültig, in Lejeunes Definition festgehalten. Die Autobiographie ist hier ein „Rückblickender Bericht in Prosa, den eine wirkliche Person über ihr eigenes Dasein erstellt, wenn sie das Hauptgewicht auf ihr individuelles Leben, besonders auf die Geschichte ihrer Persönlichkeit legt.“ (Lejeune: 1998, S. 215)

In dieser Definition werden folgende Merkmale festgesetzt:

- Es ist eine Erzählung in Prosa.
- Die Erzählperspektive ist retrospektiv.
- Der Autor und der Erzähler sind identisch.
- Der Erzähler und die Hauptfigur sind identisch.
- Es geht um die individuelle Lebensgeschichte

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638560757
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v62927
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,3
Schlagworte
Gattungsproblematik Autobiographie Beispiel Benjamin Leberts Crazy

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Gattungsproblematik der Autobiographie am Beispiel von Benjamin Leberts 'Crazy'