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Geriatrisches Assessment im deutschen Pflegewesen

Studienarbeit 2006 36 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Pflegemanagement

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundüberlegungen zum geriatrischem Assessment
2.1 Demographische Entwicklung in Deutschland
2.2 Problemaufriss im Kontext zur Diagnostik
2.4 Was führt zur Pflegeabhängigkeit?

3. Geriatrisches Assessment- Konzeption und Richtlinien
3.3 Zu bedenkende Anwendungsrichtlinien
3.4 Methodik und Ablauf
3.5 Bewertungskriterien von Assessment- Instrumenten

4. Vorstellung einzelner Assessment- Instrumente
4.1 Basis- Assessements
4.2 Fallbeispiel: Schmerzerfassung bei Demenz

5. Kritische Betrachtung des Geriatrischen Assessment
5.1 Vorteile und Nutzen

Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die demographische Entwicklung in Deutschland bleibt nicht ohne Auswirkungen auf den deutschen Pflegesektor: Der Wandel des Krankheitsspektrums mit steigender Anzahl chronisch kranker, alter und hochbetagter Menschen, die zunehmend komplexere Probleme durch Pflegebedürftigkeit und deren Begleitumstände mit sich bringen, verlangen neue Bewältigungsstrategien von allen an der Pflege beteiligten Personen. Zudem befindet sich die Pflege in Zeiten, in denen der Gesetzgeber Vorgaben zwecks ökonomischem Arbeiten (bedenke man § 12 SGB V und §29 SGBXI „Wirtschaftlichkeitsgebot“) vorschreibt und die Pflegepersonen selbst die Behandlungszwecke und –ziele ihrer Patienten stetig mehr unter Berücksichtigung der steigenden Qualitätssicherungsanforderungen (§80 SGB XI) begründen und rechtfertigen müssen.

Demnach ergibt sich die Frage, wie trotz der genannten Probleme und Anforderungen eine bestmögliche Behandlung und Therapie für den geriatrischen Patienten erreicht werden kann.

Eine diesbezügliche Methode impliziert das geriatrische Assessement, welches in der vorliegenden Arbeit erläutert werden soll. Das primäre Ziel dieser Arbeit besteht darin, das Konzept des deutschen geriatrischen Assessment transparent darzustellen, einige diesbezügliche Verfahren zu präsentieren und ggf. die Konzeption hinsichtlich der Struktur und Umsetzung kritisch zu durchleuchten. Zur Erreichung dieses Zieles werden in entsprechenden Textpassagen erlangte Kenntnisse bzgl. des Moduls „Assessment and Decision Making in Nursing“ integriert, welches meinerseits im Rahmen eines absolvierten Auslandssemesters an der Napier University Edinburgh/Schottland im Jahre 2005 besucht wurde. Somit besteht das sekundäre Ziel dieser Arbeit darin, durch die Integration der Auslandserfahrungen evtl. neuartige Impulse anzuregen.

So soll das zweite Kapitel der vorliegenden Arbeit Grundüberlegungen im Kontext zum geriatrischen Assessment zwecks eines besseren Verständnisses der Thematik widerspiegeln. Hier werden die Aspekte der demographischen Entwicklung, einige Probleme bei der Diagnosestellung eines alten Menschen, definitorische Ansätze von Pflegebedürftigkeit bzw. was führt hauptsächlich zu Pflegeabhängigkeit kurz vorgestellt.

Kapitel 3 bezieht sich konkret auf die Konzeption des geriatrischen Assessment, was sowohl die Definition, die Zielsetzung, die Zielgruppen und gewisse Anwendungsrichtlinien impliziert. Ferner wird in diesem Kapitel auf die Methodik und den strukturierten Ablauf sowie auf Bewertungskriterien eines Assessment- Instruments eingegangen. Im Kontext zu den Bewertungskriterien ist anzumerken, dass diese ausschließlich aus der Lehrveranstaltung im Rahmen meines Auslandssemesters stammen.

Einzelne Assessment- Instrumente werden im vierten Kapitel vorgestellt. Dabei war es mir wichtig, Instrumente in ihren wesentlichen Zügen zu präsentieren, die im deutschen Pflegewesen z. T. noch keinen hohen Bekanntheitsgrad genießen. Zu betonen ist, dass die Instrumente nur kurz vorgestellt werden können, da eine zu große Auswahl mein eigentliches Ziel der Arbeit in den Hintergrund schieben würde und somit den Rahmen dieser Studienarbeit sprengen würde. Die Schmerzerfassung bei Demenz wird unter Punkt 4.2 sowie unter Punkt 4.3 in Form einer Präsentation einer diesbezüglichen Assessment- Instruments. widergegeben; wobei auch hier die erlangten Kenntnisse des Auslandssemester integriert werden.

Das fünfte Kapitel steht ganz im Zeichen einer kritischen Beurteilung des geriatrischen Assessment. Vorteile sowie Nachteile und derzeitige Defizite der Konzeption werden hier im Hinblick auf die zukünftige berufliche Tätigkeit als Pflegemanagerin erläutert und im Fazit weitergeführt.

Wenn in dieser Arbeit von „Patienten“ oder „Pflegekräften“ etc. die Rede ist, dann ist sowohl das feminine als auch das maskuline Geschlecht gemeint. Des Weiteren werden Pflegebedürftige als Patienten bezeichnet, da das geriatrische Assessment sich auf eine Vielzahl von Pflegeversorgungseinrichtungen bezieht und nicht ausschließlich auf die stationäre Altenpflege.

2. Grundüberlegungen zum geriatrischem Assessment

2.1 Demographische Entwicklung in Deutschland

Nach Voigt (2004) leben gegenwärtig in Deutschland ca. 80 Millionen Menschen, was 23, 7 Millionen Menschen über 65 Jahren entspricht und wovon mehr als 300 000 Menschen älter als 90 Jahre sind, Tendenz steigend. Eine logische Folge bzgl. der steigenden Lebenserwartung ist das Risiko der Pflegebedürftigkeit. Hierzu erklärt Voigt (2004), dass die heutige Pflegequote bei den 90- bis 95- Jährigen bei 61, 1% liegt, bei den über 95- Jährigen bei 55%. Diese Zahlen lassen darauf schließen, wie der Anteil von alten Menschen, und somit auch die Gefahr von Pflegebedürftigkeit, in den kommenden Jahren stetig steigen wird: Für das Jahr 2010 wird der Anteil der über 65- Jährigen auf 30% der deutschen Gesamtbevölkerung geschätzt. Interessanterweise ist derzeit jede vierte Frau im Alter von 80-85 Jahren in der BRD pflegebedürftig, zwischen dem 85.und 90. Lebensjahr betrifft die Pflegebedürftigkeit etwa jede zweite Frau und am dem 90. Lebensjahr zwei von drei Frauen (Voigt, 2004).

2.2 Problemaufriss im Kontext zur Diagnostik

Es dürfte in der aktuellen Fachliteratur eine allgemeine Übereinstimmung darüber geben, dass bei der Diagnostik und Behandlung von älteren Menschen oftmals Probleme auftreten, die bei jüngeren Menschen seltener bei der Therapie von Bedeutung sind, was zum einen mit den häufig auftretenden multimorbiden Krankheitsbildern und zum anderen mit den zusätzlich auftretenden physischen, psychischen und sozialen Problemen alter Menschen zu begründen ist (Pientka, 2000).

Für Ärzte, Pflegekräfte und anderen Berufsangehörige, die an der Behandlung des alten Menschen beteiligt sind, ist es oft schwer zu erkennen und zu beurteilen, welche Probleme der eigentlichen Grunderkrankung (Stichwort Mulimorbidität) und welchen dem Alterungsprozess zugrunde liegen. Des Weiteren fällt damit die Entscheidung schwer, welche Probleme mit der Behandlung der Krankheit bereits mittherapiert werden bzw. welche davon unabhängig einer separaten Therapie bedürfen (Pientka, 2000). Darüber hinaus ist bei dieser Problematik der Aspekt des Therapieziels zu beachten: Während bei jüngeren Patienten überwiegend die Heilung vordergründig ist, steht bei alten Menschen „…eine Ausrichtung an den individuellen Ressourcen oder eine an der Optimierung der Lebensqualität ausgerichtete Behandlungsplanung…“ im Vordergrund (Pientka, 2000, S. 49).

Die aufgezeigten Beispiele an Problematiken, die mit der Diagnostik, Behandlung und Therapie von älteren Menschen einhergehen, zeigen die Notwendigkeit spezieller „Hilfsmittel“, die diese Problemmerkmale berücksichtigen.

2.3 Zum Begriff „Pflegebedürftigkeit “

Würde man Laien die Frage stellen, was sie unter dem Begriff „Pflegebedürftigkeit“ verstehen, so dürfte man überwiegend die Assoziationen von „ Gebrechlichkeit, auf Hilfe angewiesen zu sein“ zu hören bekommen. Setzt man sich jedoch näher mit dem Begriff auseinander, kristallisieren sich verschiedene Definitionen und Ansatzpunkte heraus. Demnach sind im Sinne der Pflegeversicherung (SGB XI, § 14 Abs.1) Menschen pflegebedürftig

„…, die wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung für die gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens auf Dauer, voraussichtlich für mindestens sechs Monate, in erheblichem oder höherem Maße (§15) der Hilfe bedürfen“ (BMG, 2003).

Zentraler Punkt dieser Definition ist der regelmäßige nötige Hilfebedarf bei den alltäglich wiederkehrenden Verrichtungen, nicht jedoch ein allgemeiner Betreuungsbedarf oder eine vorübergehende notwendige Hilfe (BMG, 2003)[1].

Von dieser doch recht nüchternen und wirtschaftlich ausgerichteten Definition distanzieren sich Gerontologen und andere Experten auf diesem Gebiet, zumal der Gesetzgeber kognitive Einschränkungen, wie z. B. bei Demenz vollkommen außen vor lässt und demnach bei der Begutachtung des Pflegebedarfs keine Beachtung findet. So erklärt Sommeregger (2003) Pflegebedürftigkeit bzw. Hilfebedürftigkeit liegt vor, wenn eine unabhängige Lebensführung in den drei Ressourcenbereichen von körperlichen Fähigkeiten, kognitiven Fähigkeiten und psychischem Antrieb beeinträchtigt ist und der Betroffene nicht mehr in der Lage ist, sein Leben selbständig zu gestalten und sich selbst zu helfen. Dieser Ansatz zeigt deutlich, dass Pflegebedürftigkeit wesentlich komplexer ist und nicht auf einen festen Zeitraum festgelegt werden kann, wie es der Gesetzgeber als Basis für eine Pflegeeinstufung vorgibt. Mit anderen Worten ausgedrückt, ist das Merkmal des geriatrischen pflegebedürftigen Menschen die bedrohte oder reduzierte Alltagskompetenz, die auch als Einschränkung des Selbstpflegepotentials beschrieben werden kann (Runge& Wahl, 2003).

2.4 Was führt zur Pflegeabhängigkeit?

Nachdem der Begriff der Pflegebedürftigkeit erläutert wurde, stellt sich die Frage, was zur Pflegeabhängigkeit führt. Die folgenden Komponenten sind eine Auswahl bzgl. der häufigsten Ursachen und erheben demnach keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Der dementielle Abbau, Immobilität bzw. hochgradige Mobilitätseinschränkung sowie Stürze mit Schwierigkeiten/ Unfähigkeit wieder aufzustehen, Verletzungen und Verletzungsfolgen (Frakturen, Schädel- Hirn- Trauma) und psychische Traumatisierungen sind laut Sommeregger (2003) die Hauptursachen für die Aufnahme in ein Pflegeheim.

Zu beachten ist außerdem, dass andere Faktoren wie Inkontinenz, Selbstfürsorgedefizite bei der Körperpflege und An- und Auskleiden meistens im Kontext zum fortschreitenden kognitiven Abbau stehen und nicht als eigenständige Krankheit angesehen werden dürfen (Sommeregger, 2003).

3. Geriatrisches Assessment- Konzeption und Richtlinien

3.1. Definition und Zielsetzung

Das aus dem Englisch stammende Wort „Assessment“ bedeutet soviel wie „Feststellung, Bewertung und Einschätzung“ (Pons Wörterbuch, 2003). Seinen Ursprung fand das geriatrische Assessment in Groß Britannien ca. 1930. Die Briten erkannten bereits damals die Notwendigkeit von methodischen Vorgehensweisen bzgl. geriatrischer Funktionsbeurteilungen, um Fehlversorgung zu vermeiden. Seitdem wurden Assessment- Verfahren weiterentwickelt und wurden zum festen Bestandteil der Pflege (Steele 2005; Stich& Deuflard 2004).

Zusammenfassend in Bezug auf die gegenwärtige Fachliteratur lässt sich sagen, das geriatrische Assessment stellt ein diagnostischer Prozess in dokumentierter und standardisierter Form dar, mit dem die gesundheitliche Situation des geriatrischen Patienten/ Bewohners umfassend und multidimensional erfasst und bewertet wird; mit dem Ziel, weitere Interventionen zu planen (Therapieplan), durchzuführen und in ihrem Verlauf zu evaluieren. Von besonderer Bedeutung dieser Definition ist der Aspekt der Multidimensionalität, was in diesem Sinne die Erfassung von

- physischen Funktionen (akut und chronische Krankheitsfolgen),
- kognitiven Funktionen (z. B. Demenz, Schizophrenie),
- emotionalen Funktionen (z. B. Depressionen),
- ökonomische Funktionen (z.B. finanzielle Ressourcen, häusliche Umgebung),
- sozialen Funktionen (z. B. Lebensqualität, familiäre bzw. soziale Kontakte)

beinhaltet (Bartholomeyczik et al., 2001; Halek, 2003; Luksch, undatiert; Pientka, 2000; Sommeregger, 2003). Anhand dieser Dimensionen ist zu erkennen, dass das geriatrische Assessment neben der gängigen medizinischen Diagnostik seinen primären Schwerpunkt auf eine quantifizierbare Funktionsdiagnostik legt, was nicht nur die Diagnostik der Organfunktionen umfasst, sondern eben vielmehr eine objektiv nachvollziehbare Erfassung bzw. Messung der Alltagsfunktionen, die anhand der ADL’s erfasst werden.[2]

Auf diese Weise soll ein umfassender Betreuungs-, Behandlungs- und Therapieplan für den Patienten/ Bewohner im interdisziplinären Team erstellt werden.

Ein weiteres charakteristisches Merkmal des geriatrischen Assessment ist zudem die Berücksichtigung der Langzeitperspektive : Es geht in erster Linie nicht um die Beherrschung von Akutsituationen, sondern um eine langfristige Begleitung des Patienten (Bartholomeyczik et al., 2001; Luksch, undatiert; Pientka, 2000; Sommeregger, 2003; Zukunftsforum Demenz, 2002).

Nach Pientka (2000) besteht die Grundstruktur eines jeden geriatrischen Assessment aus den drei Elementen der Zuweisung, dem geriatrischen Assessment selbst (z. B. Skalen) und der darauf aufbauenden konzipierten Behandlungsplanung und Behandlungsdurchführung.

Die Ziele des geriatrischen Assessment ergeben sich größtenteils aus den Kriterien des multidimensionalen Ansatzes und sind demnach kaum von der Definition zu trennen. Die nachstehenden Ziele sind sowohl in Krankenhäusern, Hausarztpraxen, Pflege- und Rehabilitationseinrichtungen von Bedeutung:

Zum einen dient das geriatrische Assessment aus medizinischem und pflegerischem Blickwinkel zur Verbesserung der diagnostischen Genauigkeit , zur Optimierung der medizinischen Behandlung und zur objektivierbaren Verlaufs- und Qualitätskontrolle der Behandlung . Zum anderen bestehen die Ziele in der Verbesserung der funktionellen Fähigkeit und somit in der Erreichung bzw. Erhaltung größtmöglichster Selbständigkeit und Prävention von Behinderung . Des Weiteren soll der geriatrische Patient durch Hilfe des Assessment eine Steigerung der Lebensqualität erlangen, was mitunter das Ziel der angemessenen Unterbringung bzw. den rationalen Einsatz der ambulanten Dienste impliziert (Heimaufnahmen sollen nach Möglichkeit vermieden werden). Die abgestimmte Rehabilitationsplanung ergänzt die Zielsetzung (AWO GmbH, 2005; Luksch, undatiert; Pientka, 2000; Sommeregger, 2003).

3.2 Zielgruppen

Wenn das geriatrische Assessment effektiv bzw. erfolgreich unter Berücksichtigung der aufgeführten Ziele (Punkt 3.1) durchgeführt werden soll, so ist es unabdingbar, die richtige Zielgruppe an Pflegebedürftigen „herauszufiltern“ und dementsprechend das passende Assessment- Verfahren anzuwenden. Ein immobiler, dementiell erkrankter Patient kann z. B. keinen Fragebogen ausfüllen, somit wäre das Assessment nicht von Nutzen.

In Bezug auf Pientka (2000) sei hervorgehoben, dass normalerweise drei „geeignete“ Patientengruppen für das Assessment in Frage kommen:

1. Selbständige Patienten ohne Probleme beim IADL- Bereich (i ndependent a ctivity of d aily l iving) sowie bei den ADL’s
2. Gebrechliche Patienten mit Problemen wie z. B. Inkontinenz, Mangelernährung, Immobilität, Sturzgefahr und anderen starken Defiziten im Bereich der ADL’s
3. Extrem beeinträchtigte Patienten mit stark fortgeschrittener Demenz, terminalen Erkrankungen oder bereits maximaler Rehabilitation.

Ferner erklärt Pientka (2000), eine alleinige Ausrichtung am chronischen Alter, wie früher auf Basis zahlreicher Studien angenommen, ist nicht sehr spezifisch für geriatrische Probleme und führt zu einem nicht profitierenden Assessment- Ergebnis. Als generelle Altersrichtlinie wird in der Fachliteratur das Alter von 65 Jahren aufwärts genannt.

Einen etwas anderen Ansatz bzgl. der Zielgruppenfindung bietet Sommeregger (2003): Hier heißt es, ältere Patienten, bei denen eine beginnende Gebrechlichkeit prognostiziert werden kann (in der angloamerikanischen Literatur als „frail elderly persons“ bekannt), seien für das Geriatrische Assessment geeignet. Des Weiteren erklärt Sommeregger (2003), sehr hochaltrige autonom wirkende Patienten, die einen oder mehrer Krankenhausaufenthalte aus nicht geriatrischen Gründen hinter sich haben, seien für das Assessment geschaffen, da auf diese Weise Defizite aufgedeckt werden können und durch bedürfnisgerechte Maßnahmen eine Stabilisierung des Gesundheitszustandes erreicht werden kann. Auffallend bei Sommereggers Zielgruppenfestlegung ist allerdings, dass sie keinerlei Altersangaben explizit nennt.

Interessanterweise gibt Sommeregger (2003) außerdem an, das Geriatrische Assessment sei nicht für bereits hochgradig pflegebedürftige Menschen geschaffen. Leider begründet sie ihre These nicht und an dieser Stelle ist Veto einzulegen: Aufgrund der eigenen pflegerischeren Praxiserfahrungen auf einer Langzeitintensivpflegestation kann gesagt werden, dass gewisse Assessment- Instrumente wie z. B. die Braden- Skala, die zwecks Dekubitusgefährdung eingesetzt wird, durchaus effektiv zur Einschätzung der Dekubitusgefahr ist und weit im deutschen Pflegesektor verbreitet ist.

Ein anderes Beispiel zur Widerlegung Sommereggers These stellt außerdem die Glascow- Coma Scale dar, die bei komatösen bzw. bei Appalikern seit Jahren im Ausland und auch hier in Deutschland sowohl im Krankenhaus als auch in Rehabilitationskliniken (der derzeitige Hauptanwendungsbereich des geriatrischen Assessment) und entsprechenden Altenpflegeeinrichtungen eingesetzt wird.

[...]


[1] Zu ergänzen ist hier das Bundessozialhilfegesetz (BSHG), welches im Unterabschnitt 10 ebenfalls Pflegebedürftigkeit in Anlehnung an den aufgezeigten §14 Abs.1 SGB XI regelt (Kittner 2003).

[2] Die deutsche Geriatrie hat aus der angelsächsischen Pflegeforschung das von Nany Roper entwickelte Konzept „activities of daily living „ (ADL) übernommen (Runge & Wahl 2003).

Details

Seiten
36
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638562225
Dateigröße
611 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v63100
Institution / Hochschule
Hochschule Bremen
Note
1,0
Schlagworte
Geriatrisches Assessment Pflegewesen Gerontologie

Autor

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Titel: Geriatrisches Assessment im deutschen Pflegewesen