Lade Inhalt...

Die Erzählerfigur in Hartmanns EREC.

Hausarbeit 2000 20 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. VORWORT

2. FORSCHUNGSMEINUNGEN ZUR ROLLE DES ERZÄHLERS

3. KONGRUENZ VON AUTOR UND ERZÄHLER?
3.1 REZEPTIONSHINWEISE IN DEN PROLOGEN HARTMANNS
3.2 VERHÄLTNIS ZUR QUELLE ALS VERSTÄNDNISHILFE

4. FORM UND FUNKTION DER ERZÄHLERKOMMENTARE (VERHÄLTNIS ERZÄHLER-PUBLIKUM)
4.1 WAHRHEITSBEKUNDUNGEN DES ERZÄHLERS
4.2 EMOTIONALITÄT UND KONSTRUIERTE UNGLAUBWÜRDIGKEIT
4.3 FIKTIVE BZW. FINGIERTE INTERAKTION
4.4 ERLÄUTERUNG DES EIGENEN ERZÄHLVERHALTENS

5. FAZIT

6. LITERATURVERZEICHNIS
6.1 PRIMÄRLITERATUR
6.2 SEKUNDÄRLITERATUR

1. Vorwort

In der vorliegenden Arbeit wird es darum gehen, eine Annäherung an die Natur und Funktion der Erzählerfigur im Erec Hartmanns von Aue zu leisten. Dabei werden vor allem die Fragen nach der Souveränität des Autors und nach der Identität von Erzähler und Autor auch angesichts der Regelhaftigkeit der Höfischen Literatur im Mittelalter im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen.

Zu Beginn wird dazu im Sinne einer Standortbestimmung zunächst ein Überblick über die bis zum heutigen Zeitpunkt aufgetretenen Untersuchungsergebnisse in diesem Bereich gegeben. Auf die aktuelleren wird im Laufe der Arbeit immer wieder zurückgegriffen werden, zumal sie eine gute Basis für die hier angestellten Überlegungen versprechen. Besonders die Arbeit von Paul Herbert Arndt1 scheint dazu geeignet, sie als Referenz und Orientierungmarke nutzen zu können.

Um sich daraufhin dem Erzähler angemessener nähern zu können, bedarf es zunächst der Klärung der Frage nach Kongruenz von Autor und Erzähler, um gerechter beurteilen zu können, wie die Erzählerbemerkungen zu verstehen sind, bzw. wem sie de facto zuzuschreiben sind: Hartmann selbst oder seinem Erzähler. In den anschließenden Betrachtungen sollen die verschiedensten Formen der Erzählerkommentare eruiert und auf ihre Funktion hin beleuchtet werden. Besonderes Augenmerk soll dabei auf das Verhältnis vom Erzähler zum Publikum und die mögliche Rollenhaftigkeit der Erzählerfigur gelegt werden. Dabei wird es wichtig sein, dem Text Rezeptionshinweise zu entnehmen und sie entsprechend zu deuten.

Zum Abschluß kann so zwar kein komplettes Bild vom Selbstverständis der mittelalterlichen Autoren gezeichnet werden, aber anhand eines der wichtigsten Autoren des Höfischen Romans eine Richtung angegeben werden, die den Dichter der damaligen Zeit vielleicht doch mehr als auctor als einen (im Wortsinn) Schriftsteller zeigt.

2. Forschungsmeinungen zur Rolle des Erzählers

Obwohl die Germanistik schon früh begann, sich für die Werke der mittelalterlichen Autoren und im Speziellen auch für den Erec Hartmanns von Aue - zumal er der erste deutsche Vertreter der Artusepik ist - zu interessieren, fiel die Aufmerksamkeit auf die Figur des Erzählers vergleichbar spät. In einer Unzahl von Publikationen2 zum Erec sind bislang mannigfaltige Einzelprobleme wie die aventiure, minne, die sogenannte Doppelung, Enites Schuld und diverse weitere erörtert worden, zur Rolle des Erzählers und seiner Funktion hingegen gibt es vergleichsweise wenig Sekundärliteratur. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nämlich rückte die Komponente des Mittlers der Geschichte in den Fokus der Untersuchungen und war der Grund kontroverser Diskussionen, da sich die Auffassungen als sehr unterschiedlich erweisen sollten.

Gudrun Haase3 gibt einen guten Überblick über den Verlauf und die Ergebnisse der Forschung den Erzähler betreffend. Auf sie möchte ich mich in der folgenden Zusammenfassung berufen.

Der erste, der zumindest den Vorschlag erwähnte, eine Interpretation von den Erzählerkommentaren ausgehen zu lassen, war 1963 Wolfgang Dittmann4. In eine Auseinandersetzung mit diesem geriet in den Folgejahren Ruh5, der die Auffassung vertrat, die Kommentare des Erzählers seien bloß Erläuterungen und Hilfen für ein deutsches Publikum, welches der Artusepik samt ihrer höfisch-moralischen Implikationen noch unkundig gewesen sei. Doch diese Beobachtungen waren eher beiläufige Kommentare im Rahmen einer anderen Schwerpunktsetzung. Laut Haase6 kam der „[...]eigentliche Anstoß zu späteren rezeptionsgeschichtlich orientierten Studien[...]“ von Günter Mecke, der erstmals mit einer gesonderten Arbeit der Beziehung Dichter-Publikum besondere Beachtung schenkte.7 In den Erzählerkommentaren seien nach Mecke nicht nur Hinweise auf die Haltung des Erzählers seinem Publikum gegenüber enthalten, sondern gerade dort gebe Hartmann seine Deutung des Erzählten und verweise auf die „höhere Wahrheit“ desselben. Meckes neue Impulse und die aufkeimende Kommunikationsforschung, die sich insbesondere auch mit der Sender-Empfänger-Beziehung befaßte, trugen dazu bei, daß die Rolle des Erzählers in der mittelalterlichen Literatur mehr in den Mittelpunkt der Analysen rückte.

Um die Erzählerkommentare in den Dienst der Interpretation stellen zu können, war zunächst die Frage zu beantworten, inwieweit der Erzähler vom Dichter in den mittelalterlichen Werken zu trennen ist. Für Mecke gilt in diesem Punkte so etwas wie eine formale Trennung zwischen Dichter und Erzähler, er glaubt aber, die Erzählerbemerkungen als „quasi biographisch“8 der Dichtermeinung gleichsetzen zu können. Jackson9, ähnlicher Auffassung, bezeichnete 1970 den Erzähler als Sprachrohr Hartmanns, der zwar nicht die Dichtermeinung in vollem Umfang wiedergeben könne, das was er sage aber mit den Ansichten Hartmanns übereinstimme. Kramer (1971)10 geht noch einen Schritt weiter, indem er sagt, die Trennung von Erzähler und Verfasser sei für die Literatur des Mittelalters nicht haltbar. Die Diskussion über den Erzähler und die Frage nach der Kongruenz von Dichter und Erzähler blieb auch in der Folgezeit in regem Gang.

Einen neuen Ansatz brachte 1980 Paul Herbert Arndt zur Sprache. In seiner Dissertationsschrift11 kommt er zu dem Schluß, daß der Erzähler in einer ihm von Hartmann zugedachten Rolle agiert. Durch eine systematische Katalogisierung der Erzählerkommentare aus allen vier Erzählungen Hartmanns ermittelte er ihre verschiedenen Funktionen. Sie setzen sich zusammen aus Quellenberufungen und Wahrheitsbeteuerungen zur Beglaubigung des Erzählten und aus Erläuterungen des Geschilderten und haben zudem gliedernde Funktion. Daraus und aus der Tatsache, daß Beglaubigungen sich bei Hartmann häufen, wenn sein Text von der Vorlage Chrétiens abweicht12, folgert Arndt, daß Erzähler und Dichter nicht als eins anzusehen sind, da sich Hartmann selbst andernfalls gegen seine Quelle versündigt hätte. So nennt Arndt den Erzähler einen „Sachwalter“ Hartmanns13, auf den der Dichter ganz bewußt Verantwortungen abwälze, um einen souveränen Umgang mit der Quelle zu gewährleisten. (Wie oben schon erwähnt, wird Arndt im Laufe dieser Arbeit noch öfter zu rate zu ziehen seien.)

Einem weiteren Aspekt, nämlich der Komik und Ironie der Erzählerkommentare, nahm sich Ursula Kuttner14 an. Ihr Blick richtet sich hauptsächlich auf die Zwischenreden und deren Funktion im Hinblick auf die Erzähltechnik. Mit seiner neuartigen Präsentation eines bekannten maere gehe es Hartmann im Gegensatz zu Chrétiens darum, die Unwahrscheinlichkeiten der Handlung durchaus zu entlarven und zu ironisieren.

Damit, so Kuttner, gehe es also nicht allzu vorrangig um den Inhalt des Erzählten als viel mehr um das Erzählen selbst.

Pörksen und Kramer versuchen darüber hinaus noch die Funktion der so neuartigen Stoffpräsentation zu ergründen. Sie beide sehen die Verquickung von didaktischem Anspruch und bewußten Illusionsbrüchen in den Erzählerkommentaren. Bei Pörksen sind die Erzählereinschübe stilistisches Instrumentarium einer „Exempelepik“,15 Kramer sieht in ihnen die Absicht Hartmanns, seinem Publikum ein neues Ideal ritterlichen Lebens nahezubringen, ohne den Hörern die Arbeit der Deutung vorwegzunehmen.16

Der Versuch, die Kommentare des Erzählers für eine Gesamtdeutung nutzbar zu machen, wurde schließlich von Thomas Heine (1981) unternommen.17 Dieser sah allein die Tatsache des Vorhandenseins der Erzählerkommentare oder deren Abwesenheit als ein eminentes Rezeptionssignal für die Konsumenten an. Um dies zu beweisen zeigt er, wie sich die Erzählperspektive in Bezug auf die Figur des Erec verschiebt. Bis zur Rückkehr des Paares nach Karnant liege Erecs Inneres weitestgehend offen dar, sowohl durch Selbstgespräche/Gedanken als auch durch Äußerungen des Erzählers. Danach jedoch sei zu beobachten, daß jegliche Hinweise auf Erecs Charakter fehlen und auch der Erzähler nicht mehr dazu Stellung nehme.18 Für Heine nur die konsequente Umsetzung der Einheit von Form und Inhalt, soll hier doch die gesellschaftliche Isolation Erecs auch für den Leser/Hörer erfahrbar werden.

[...]


1 Arndt; 1980.

2 Siehe z.B. Neubuhr, 1977.

3 Haase, 1988.

4 Dittmann, 1963, S. 150-161.

5 Ruh, 1977.

6 Haase, 1988, Zitat S.198

7 Mecke, 1965.

8 Mecke, 1965, S.5, S.32.

9 Jackson, 1970.

10 Kramer, 1971.

11 Arndt, 1980.

12 Ebd., 1980, S. 43.

13 Ebd., 1980, S. 185.

14 U. Kuttner, 1978.

15 Pörksen, 1971, S. 208.

16 Kramer, 1971, S. 129f., 156, 166.

17 Heine, 1981.

18 Ebd., S. 104.

Details

Seiten
20
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638567275
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v63760
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Lehrstuhl für Ältere Deutsche Literatur
Note
1,0
Schlagworte
Erzählerfigur Hartmanns EREC Proseminar Hartmann Erec

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Erzählerfigur in Hartmanns EREC.