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Luhmanns Begriff der Weltgesellschaft

Seminararbeit 2002 27 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Weltgesellschaft
2.1 Weltgesellschaft als theoretischer Begriff
2.1.1 Funktionale Differenzierung
2.1.2 Soziale Systeme
2.1.3 Funktionssysteme der Gesellschaft
2.1.4 Interaktion und Organisation
2.1.5 Die moderne Gesellschaft als Weltgesellschaft
2.2 Weltgesellschaft als empirisches Phänomen

3. Kontrollmöglichkeiten und die Rolle der Nationalstaaten

4. Schluß

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Feststellung des Zusammenhangs allen menschlichen Geschehens reicht zurück bis in die Antike. Die seit den 1970ern kontrovers geführten Diskussionen zum Phänomen Weltgesellschaft dienen nach wie vor der Erfassung dieses Umstands. Jedoch liegt bis heute keine einheitliche begriffliche Formulierung zur Bezeichnung dieser Zusammenhänge vor. Die Konzepte zur Umschreibung dieses Problems reichen von der These des internationalen Systems und des damit einhergehenden Machtverlusts der Nationalstaaten bis hin zur Konzeption einer one world.

Als Luhmann ab den frühen 70ern die Grundbegriffe seiner Gesellschaftstheorie ausarbeitet, geht er hinsichtlich der Gesellschaft von einer Weltgesellschaft aus. Dies als Reaktion auf real sich stellende Probleme einerseits und als Notwendigkeit der allumfassenden Konzeption seines Gesellschaftsbegriffs gegenüber andererseits. Aufgrund seiner gesamtgesellschaftstheoretischen Bestrebungen ist Luhmanns Konzept der Weltgesellschaft zwangsläufig in höchstem Maße abstrakt und komplex. Es liefert dafür aber auch einen umfassenden Blick auf das Phänomen Weltgesellschaft und ist zugleich Analysewerkzeug für Nationalstaaten überspannende Tendenzen und Wirkungen.

In dieser Arbeit soll Luhmanns Begriff der Weltgesellschaft eingehend dargestellt werden. Dazu wird es nötig sein, zuerst näher auf Luhmanns Gesellschaftstheorie einzugehen. Im Anschluß daran wollen wir das Alltagsphänomen Weltgesellschaft untersuchen. Ferner wollen wir uns mit den Folgen weltgesellschaftlicher Tendenzen beschäftigen, namentlich mit der Rolle der Nationalstaaten als Kontrollorgane der Gesellschaft.

2. Die Weltgesellschaft

Um uns dem Begriff der Weltgesellschaft zu nähern, wird zu klären sein, was die Theorie sozialer Systeme unter Gesellschaft versteht und weshalb ferner von Welt gesellschaft die Rede ist. Daneben gilt es, nicht zu vergessen, daß der Begriff etwas zu bezeichnen versucht, was in der Wirklichkeit existiert. Die Erörterung des Phänomens Weltgesellschaft wird demnach nicht nur aus einer Darlegung des systemtheoretischen Konzepts bestehen, sondern ebenfalls aus der Veranschaulichung, wie sich Weltgesellschaft realgesellschaftlich manifestiert.

Dieses Vorgehen wird uns einerseits in die Lage versetzen, erlebte gesellschaftliche Prozesse zu deuten, andererseits jedoch auch erlauben, das systemtheoretische Konzept gewissermaßen rekursiv auf seinen Anspruch hin zu untersuchen, Wirklichkeit zu erfassen.

2.1 Weltgesellschaft als theoretischer Begriff

Luhmanns Konzept der Weltgesellschaft ist Bestandteil seiner Systemtheorie. Sein Versuch, eine umfassende Gesellschaftstheorie vorzulegen, basiert auf der Annahme nur einer Gesellschaft. Und diese Gesellschaft konzipiert er als Weltgesellschaft. Um Luhmanns Vorstellung von Weltgesellschaft nachvollziehen zu können, müssen wir uns somit einiger Bausteine seiner Gesellschaftstheorie bedienen. Als Ausgangspunkt soll uns dabei Luhmanns Annahme dienen, die moderne Gesellschaft, die Weltgesellschaft ist, sei durch den Primat der funktionalen Differenzierung gekennzeichnet.

2.1.1 Funktionale Differenzierung

Wenn sich für Luhmann Weltgesellschaft in Form einer funktional differenzierten Gesellschaft offenbart, muß die moderne Gesellschaft, begriffen als System – und davon müssen wir ausgehen, wenn wir uns der systemtheoretischen Sichtweise und Begriffe bedienen – als etwas gedacht werden, das sich primär in weitere Teilsysteme differenziert, die alle eine bestimmte Funktion in der Gesellschaft erfüllen. Da jedes einzelne dieser Teilsysteme der Gesellschaft eine Funktion erfüllt, die von keinem anderen Teilsystem übernommen werden kann und diese Funktionen nicht bezüglich ihrer Wichtigkeit in eine Rangordnung gebracht werden können, ergibt sich daraus die Gleichrangigkeit der Teilsysteme eben über deren Ungleichartigkeit. Während die primär stratifikatorisch differenzierte alteuropäische Gesellschaft, die eine Rangdifferenzierung der sie konstituierenden Teile aufwies, eben dadurch einen das Gesamtsystem repräsentierenden Primat besaß, sei dies nun die Politik oder später die Wirtschaft, fehlt der modernen Gesellschaft aufgrund der Gleichrangigkeit ihrer Teile eine eigene Identität. Da die Grenzen der Nationalstaaten nicht die Grenzen der gesellschaftlichen Teilsysteme darstellen, was Weltgesellschaft zur Folge hat, können auch die Nationalstaaten nicht mehr als identitätstiftende Institutionen fungieren. Demnach ist die moderne Gesellschaft aufgrund der ungemein großen Heterogenität ihrer Teile nur in einer stark abstrahierenden Sichtweise als Einheit begreifbar.

Mit der Kenntnis dieser Sachverhalte wird zu klären sein, wie die moderne Gesellschaft trotz fehlender Rangdifferenzierung eine stabile Struktur hervorzubringen imstande ist und weiterhin, warum es letztlich gerechtfertigt ist, dennoch von einer Einheit der modernen Gesellschaft zu sprechen und worin diese besteht.

Um all das zu klären, müssen wir uns zuerst ganz grundlegend damit beschäftigen, was unter einem System zu verstehen ist, woraus es besteht, wie es funktioniert und in welcher Beziehung es zu seiner Umwelt steht.

2.1.2 Soziale Systeme

Ausgangspunkt für Luhmanns Analyse sozialer Systeme ist die Weltkomplexität. Die Welt, als der Raum alles Möglichen, bietet eine immense Anzahl an Handlungsmöglichkeiten, aus denen zwangsläufig selektiert werden muß. Nach Luhmann stellen soziale Systeme gewissermaßen die Lösung des Problems der doppelten Kontingenz dar, das dieser Selektionszwang mit sich bringt (Luhmann 1984, S. 151 ff.). Das Problem der doppelten Kontingenz ist das Problem der Verhaltensabstimmung zweier Gegenüber während der Selektion aus dem überhaupt Möglichen, genauer: das Problem, daß die Gegenüber ihre Entscheidung je an der des anderen orientieren wollen, um dies als Selektionshilfe nutzen zu können. Dieses ist als Dauer- oder immer wiederkehrendes Problem zu sehen, das demnach nicht nur den Anstoß zur Bildung sozialer Systeme gibt, sondern fortdauernd die Systembildung katalysiert (ebd.: S. 169-173). Das ständige Überwinden der doppelten Kontingenz erzeugt dauerhafte, immer wiederkehrende Operationen, an die man Erwartungen knüpfen kann. Durch diese je eigenen Operationen, als je eigene Antwort auf das Problem der doppelten Kontingenz, konstituieren sich soziale Systeme eben dadurch, daß spezifische Operationen erzeugt wurden, die sich von denen in der Umwelt unterscheiden, weil sie eine spezifische Auswahl darstellen. Durch das Erzeugen immer weiterer Operationen, die sich an den vorigen, systemeigenen Operationen orientieren, weil das die naheliegendste Lösung des Problems der doppelten Kontingenz darstellt, unterscheidet sich das System dauerhaft durch das Beziehen auf sich selbst von seiner Umwelt. Dabei ist es unerheblich, wer diese Operationen erzeugt, einerlei ob man dabei nun an Akteure, Individuen oder Menschen denkt. Weil einzig diese Operationen das System definieren und nur diese es sind, die das System von der Umwelt unterscheiden, ist es für Luhmann folgerichtig, das System als ausschließlich aus diesen Operationen bestehend zu betrachten. Diese das System konstituierenden Operationen sind nach Luhmann Kommunikationen. Die Grenze, die durch die spezifischen Operationen des Systems entsteht und dadurch das System von seiner Umwelt trennt, wird als System/Umwelt-Differenz bezeichnet. Ein soziales System erzeugt sich also selbst und besteht aus spezifischen Kommunikationen, die ausschließlich das System selbst erzeugt, aus denen wiederum weitere Kommunikationen hervorgehen, die das System fortsetzen. Das System setzt sich demnach selbst fort. Durch die immerwährende systemspezifische Kommunikation wird die System/Umwelt-Differenz operativ aufrechterhalten. Das System existiert nur, wenn es operiert. Sobald es operiert, existiert es. Es lohnt sich, sich diesen Punkt näher zu vergegenwärtigen. Zum einen muß das System kommunizieren, wenn es weiter bestehen will, und zum anderen bringt es zwangsläufig die für es typischen Kommunikationen hervor. Das System existiert (nur!) durch sich selbst und für sich selbst und kann ausschließlich sich selbst fortsetzen, sobald es operiert. Es operiert geschlossen (was auch als Autopoiesis des Systems bezeichnet wird). Jede Kommunikation des Systems ist Fortführung des Systems. Damit das so ist, muß sich Kommunikation an der System/Umwelt-Differenz orientieren, die als Unterscheidungskriterium in das System eingeführt wird. Das System kann sich hierüber selbst beobachten und operativ definieren. Ein System ist also nichts Gegenständliches, keine Ansammlung von Menschen etc. , sondern eine Operation. Das selbstreferentielle Operieren, das heißt, das operative Auf-sich-selbst-beziehen, des Systems haben wir als Folge des Zwanges zur Komplexitätsreduktion beschrieben. Diese Selbstreferenz des Systems erzeugt eine Eigenkomplexität, durch die die Umweltkomplexität reduziert wird. Das selbstreferenzielle Operieren und der Aufbau von Eigenkomplexität hängen also unmittelbar miteinander zusammen (Luhmann 1997, S. 135). Selbstreferenz ist zur Komplexitätsreduktion unumgänglich und hat darin seine Ursache. Es gilt, die Geschlossenheit des Systems als für dessen Existenz notwendige Voraussetzung zu begreifen.

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Details

Seiten
27
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638567510
ISBN (Buch)
9783638793131
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v63796
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1.0
Schlagworte
Weltgesellschaft Luhmann Systemtheorie soziale Systeme

Autor

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