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Fotomontage als Instrument politischer Propaganda: Wenn Bilder die Wahrheit verzerren oder Können wir glauben, was wir sehen?

Seminararbeit 2005 22 Seiten

Medien / Kommunikation - Mediengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
Fotomontage als Instrument politischer Propaganda: Wenn Bilder
die Wahrheit verzerren oder Können wir glauben, was wir sehen?

2. Stalin und die schwarzen Löcher
2.1. Personenkult um Stalin und Machterhaltung
2.2. Damnatio memoriae

3. Propaganda im Dritten Reich
3.1. Führermythos
3.2. Propaganda

4. Resümée

5. Quellenverzeichnis

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Phänomen ist nicht neu: Seitdem es bildliche Darstellungen gibt, gibt es die Manipulation der Bilder, aber auch die Manipulation durch Bilder. Die Historie bietet genügend Beispiele dafür, dass besonders in der Politik oft­mals Fotos „bearbeitet“ wurden (und werden), um die öffentliche Mei­nung zu beeinflussen bzw. das Denken und Handeln der Menschen in eine be­stimmte (politische) Richtung zu lenken. Während in diesem Zusammen­hang „Bildbearbeitung“ meistens noch positiv verstanden wird, sind Beg­riffe wie „Manipulation“, „Fotomontage“ und spätestens seit dem Dritten Reich auch „Propaganda“ eher negativ konnotiert. Warum ist das so, zumal die (Foto-) Montage nicht ausschließlich als Synonym für Verfälschung von Bildmaterial stehen darf, sondern auch als Technik künstlerischen Arbei­tens verstanden werden muss?

Manipulation ist vom Wortsinn her nichts anderes als eine „kunstgerechte Handhabung“, „geschickt zu Werke gehen“ oder ein „Kunstgriff“; der Beg­riff stammt aus dem Lateinischen und bedeutet ursprünglich „mit der Hand füllen“ (von lat.: manu plere).

Propaganda leitet sich ebenfalls aus dem Lateinischen ab (von lat.: propagare = aus-, verbreiten) und hatte seine Wurzeln in der Kirchengeschichte, als im Hochmittelalter der Ketzerei durch die Weiterverbreitung des Katholi­zismus begegnet werden sollte. Später stand Propaganda für „Werbung“ oder auch „Bestrebung“ – eigentlich also kein negativer Begriff. Warum also der unangenehme Beigeschmack, mit einer Fotomontage etwas Fal­sches oder Verfälschtes vorgesetzt zu bekommen?

Dieser Frage soll die vorliegende Hausarbeit unter anderem nachgehen. Es wird herauszustellen sein, wie die Fotografie, zeitweilig aber auch die Male­rei in der Geschichte für politische Zwecke benutzt wurden. Am Beispiel des stalinistischen Regimes in der UdSSR (1929-1953) sowie der national­sozialistischen Diktatur in Deutschland (1933-1945) soll herausgearbeitet werden, wie politische Propaganda betrieben wurde und wie weit sie ging. Methodisch bietet sich hierfür ein Vergleich der Propaganda beider politi­schen Systeme an, wobei die Ausführungen aufgrund des begrenzten Rah­mens dieser Hausarbeit auf bildliche Darstellungen/Fotografie beschränkt bleiben soll.

Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema wurde auf diverse Literatur zurückgegriffen, besonders hilfreich war „Stalins Retuschen“ (1997) von David King, da hier eine äußerst umfangreiche Sammlung von aufgedeck­ten Fälschungen der Stalin-Ära zugrunde liegt, die recht aktuell ist. Willi Münzenbergs „Propaganda als Waffe“ ist zwar bereits 1937 erschienen, aber trotzdem bei der Bewertung der nationalsozialistischen Propaganda besonders wichtig, weil es ein zeitgenössisches Werk aus der Nazi-Zeit ist und die gezielten und niederträchtigen Inszenierungen des Reichspropa­gandaministeriums schon zu Zeiten der Hitler-Diktatur zu entlarven suchte – wenn auch aus dem Exil.

Ian Kershaws „Der Hitler-Mythos“ war hier zu berücksichtigen, da es zur Auseinandersetzung mit den Ausprägungen des Führermythos immer noch das Standardwerk schlechthin ist. Einige weitere Titel, die sich mit Propa­ganda („Der ferngelenkte Mensch?“ von v. Stackelberg), den Manipulatio­nen durch die Massenmedien („Wann und wie lügen die Massenmedien?“ von Arnold), aber auch mit Möglichkeiten der Manipulation im allgemeinen („Bilder, die lügen“) beschäftigen, wurden ebenfalls bei der Ausarbeitung aufgegriffen.

Zur Abrundung dieser Arbeit wurde exemplarisch Bildmaterial eingearbei­tet, das die Ausführungen unterstützend „am Objekt“ visualisieren soll. Bei der Auswahl der verwendeten Bilder war vor allem wichtig, dass die hier erörterten Faktoren besonders gut erkennbar waren. Das Internet war für diese Recherche eine sehr ertragreiche Quelle.

Fotomontage als Instrument politischer Propaganda: Wenn Bilder die Wahrheit verzerren oder Können wir glauben, was wir sehen?

2. Stalin und die schwarzen Löcher

George Orwell schrieb 1949 in seinem Zukunftsroman „1984“ folgende Zeilen: „Tagtäglich und fast minütlich wurde die Vergangenheit aktualisiert. (...) Die Historie war ein Palimpsest, das genauso oft abgeschabt und neu beschriftet wurde, wie es nötig war.“[1] Ob Orwell wusste, dass seine fiktio­nale Vision in Stalins Sowjetunion bereits seit Jahrzehnten Realität war?

2.1. Personenkult um Stalin und Machterhaltung

Nach Lenins Tod 1924 inszenierte Stalin eine beispiellose Verehrungswelle für den großen Revolutionär und stilisierte ihn innerhalb kürzester Zeit zur politischen Ikone.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Abb. 2

Stalin bemühte die Malerei (Abb. 1) und geschickte Fotomonteure (Abb. 2), um sich im unmittelbaren Dunstkreis Lenins zu platzieren. Er stellte sich als enger Vertrauter und persönlicher Freund Lenins dar und verlagerte den Le­ninkult damit auf sich selbst. Es gilt aber als erwiesen, dass Lenin und Stalin sich weder freundschaftlich zugetan waren noch ein tiefes Vertrauensverhält­nis pflegten: Auf bildlichen Darstellungen war Stalins Nähe zu Lenin stets „montiert“. Stalin hatte die Realität in seinem Sinne umgedeutet, um sich zu Lenins rechtmäßigem Nachfolger zu erheben. Er versuchte durch seine Pro­pagandabemühungen Macht zu legitimieren, die er „aus der imaginären Nähe zur entrückten Kultfigur Lenin für sich beansprucht.“[2] In den dreißiger Jah­ren ließ er sich sogar „der Lenin von heute“ nennen.

Stalin sah sich als Bannerträger der kommunistischen Bewegung – eine gro­teske Selbsteinschätzung. Doch stand ihr der von ihm selbst forcierte Kult um seine Person in nichts nach. Stalin sah sich jedoch mit einem Problem konfrontiert: Als er 1922 zum Generalsekretär ernannt wurde, gab es von ihm nur eine Handvoll Fotos. Das machte es selbstverständlich schwierig, Stalin als großen Politiker abzubilden und es gestaltete sich noch schwieriger, ihn während der Oktoberrevolution zu zeigen, deren Teil er unbedingt sein wollte - auch, wenn es weit über seine historische Bedeutung hinausging. Es blieb also nur die Fälschung der begehrten Bilder. Auf sein Geheiß wurden Gemälde angefertigt, Bilder montiert und retuschiert, Denkmäler in Stein gehauen und in Bronze gegossen, um Stalin als das zu zeigen, was er gern sein wollte, die Realität ihn aber nicht sein ließ: Ein großer Revolutionär im Stile Lenins und ein brillanter Politiker, der es verstand, die Sowjetunion würdig durch alle Widrigkeiten zu steuern und dabei nicht die kommunisti­sche Ideologie aus den Augen zu verlieren:

„Seit Mitte der dreißiger Jahre versucht Stalin, seine Rolle als einziger „Führer“ in der Sowjetunion zu festigen. (...) Das Ministerium für Agitation und Propaganda kontrol­liert, welche Stalinbilder verbreitet werden: In der Regel zeigen sie Stalin mit einem ernsten, jedoch entspannten Gesichtsausdruck. Die Bilder sind geschönt, Stalins Teint ist glatt, seine Pockennarben nicht zu sehen. (...) Fotos mit begeisterten Anhängern sind nicht vorhanden. Fotomontagen und Collagen sollen die Nähe zum Volk suggerieren. Ein weiteres Mittel zur Popularisierung Stalins ist seine Darstellung im Spielfilm. Auch hier inszeniert er sein eigenes Bild, indem er selbst die Darsteller seiner Person auswählt und vorgibt, wie er zu zeigen ist.“[3]

Stalin überließ nichts dem Zufall, er achtete auf jedes Detail. Seine Port­rätauf­nahmen wurden so bearbeitet, dass er wie ein gottähnliches Wesen wirkte. Das hatte einen banalen Grund: Stalin sollte leuchten, über allem stehen und von jedem wahrgenommen werden – der allgegenwärtige, strahlende Sta­lin. Die Medien vermarkteten das Idealbild des sowjetischen Diktators überall und je­derzeit; durch dieses Permanenzprinzip wurde das Stalin-Regime unan­tastbar und unbesiegbar. Stalin wurde zum Übermensch, der niemals Fehler machte, alles besonnen im Blick behielt und mit scheinbar hellseherischer Fä­higkeit die Ereignisse der Zukunft abschätzen konnte. Auch ein Produkt des­sen, dass in der Sowjetunion die Vergangenheit und die Gegenwart so lange an den Lauf der Geschichte angepasst wurden, bis Stalin das Resultat gefiel.

[...]


[1] George Orwell: 1984, München 211949, S. 52.

[2] Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland [Hrsg.]: Bilder, die lügen. Begleitbuch zur Ausstellung der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn ²2000, S. 32.

[3] Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland [Hrsg.]: ebd., S. 37.

Details

Seiten
22
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638567626
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v63808
Institution / Hochschule
Universität Paderborn – Fakultät für Kulturwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Fotomontage Instrument Propaganda Wenn Bilder Wahrheit Können Proseminar

Autor

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Titel: Fotomontage als Instrument politischer Propaganda: Wenn Bilder die Wahrheit verzerren oder Können wir glauben, was wir sehen?