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Unterwegs in der Frühen Neuzeit - als Handwerker - Leben und Erfahrung auf der Wanderschaft

Seminararbeit 2001 18 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

Vorbemerkung I

1. Das Leben auf der Walz
1.1 Die Walz als Bildungsreise
1.2. Der Geselle auf der Herberge
1.3. Jahreszeiten und Krankheiten
1.4. Das wechselhafte „Gesicht“ der Walz
1.5. Obrigkeiten, Militärdienst und Räuber
1.6. Die Art, sich fortzubewegen
1.7. Arbeitslosigkeit und die Folgen

2. Die Walz eines Buchbindergesellen
2.1. Vorbemerkung II
2.2. Einige Wanderstationen und Erlebnisse des Gesellen

3. Schlußbemerkungen
3.1. Verläßlichkeit der Autobiographie Henß‘ und Bezüge zu dem in Sekundärquellen Dargestellten
3.2. Fazit

Literatur

Vorbemerkung I

Das Leben und die Erfahrungen eines Handwerksgesellen auf der Walz in der Frühen Neuzeit[1] stehen im Folgenden im Mittelpunkt.

Der Handwerksbursche, der zuvor oft noch nicht einmal im nächsten Ort oder der nächsten Stadt gewesen war, zog nun mit seinem Felleisen[2] auf dem Rücken in eine ihm unbekannte, fremde Welt[3].

Es soll zusammengetragen werden, unter welchen Bedingungen ein Geselle zu jener Zeit unterwegs war und was ihm während seiner Wanderschaft, die für ihn einen völlig neuen Lebensabschnitt darstellte[4], widerfahren konnte.

Nachdem über die Lebensumstände auf der Walz ein allgemeiner Überblick geschaffen wurde, soll geprüft werden, inwiefern sich die in der Sekundärliteratur dargestellte Situation eines Gesellen auf Wanderschaft in einer Handwerksautobiographie aus dem 18. Jahrhundert widerspiegelt.

Ebenfalls soll betrachtet werden, wie verläßlich solch eine Primärquelle im Bezug auf ein reales Abbild des Lebens eines wandernden Handwerkers in der Frühen Neuzeit ist.

1. Das Leben auf der Walz

1.1 Die Walz als Bildungserlebnis

Die Walz war für viele Gesellen eine Bildungsreise[5], wobei sie jedoch selten von neu erlernten Fähigkeiten, technischem Wissen über besondere Produktions- und Vertriebsformen oder Traditionen des Handwerks an den von ihnen bewanderten Orten erzählten - so berichtete zum Beispiel kein Wagenbauergeselle über technische Erfindungen im Wagenbau und kein Drechsler über neu erfundene Maschi-

nen[6]. Das kann unter anderem auch daran liegen, daß fremde Moden, insofern es sich nicht um kunsthandwerkliche Produkte handelte, nur selten dem lokalen Geschmack entsprachen[7]. Es war für den Wandernden daher eher von Bedeutung, seine schon in den Lehrjahren erlangten Fähigkeiten während der Wanderjahre für den heimischen Markt zu festigen und zu verbessern.

Paul Löbe erinnert sich beim Erzählen über seine Wanderzeit vor allem an Landschaften, Städte, Menschen und Sehenswürdigkeiten. Arbeit oder gar das Arbeiten in seinem Beruf erwähnt er fast überhaupt nicht[8]. Somit kann die Annahme entstehen, daß „Reiseimpressionen“, wie das Kennenlernen der Wälder, der Berge und des Meeres, die Bewanderung fremder Gegenden und die Kenntnis berühmter Sehenswürdigkeiten und Wahrzeichen einer Stadt[9] von größerer Bedeutung waren als das Erlernen neuer Fähigkeiten im eigenen Handwerk.

Doch wer nun schlußfolgert, daß das Leben auf der Walz ein rein Vergnügliches war, der irrt. Die verschiedensten Schwierigkeiten und Hindernisse erwarteten den Gesellen, und das Wandern war in Wahrheit ein oft sehr mühevolles, zuweilen gefährliches und auf jeden Fall gesundheitsschädigendes Unterfangen[10].

1.2. Der Geselle auf der Herberge

Die Wanderung entwickelte im Laufe ihrer Ausprägung in fast allen größeren Orten die Handwerksherberge[11], in der der Wandernde gegen ein geringes Entgelt Kost und Logis erhielt[12]. In kleineren Orten wurde der Wanderbursche jedoch noch bis in die Spätzeit des alten Handwerks vom jeweiligen Meister seines Gewerbes aufgenommen und verpflichtete sich damit, für diesen bei Bedarf bis zu 8 Tagen zu arbeiten[13].

Betrat nun ein fremder Geselle die Herberge, um Unterkunft und Arbeit am Ort zu erhalten, mußte er den „Handwerksgruß“ seines Gewerbes vortragen, um zu beweisen, daß er kein Landstreicher, sondern ein rechtmäßiges Mitglied seines Handwerks war[14]. Der Handwerksgruß war eine Art Verhör zwischen dem Handwerksburschen und dem Altgesellen am Ort[15]. Er wurde allen Außenstehenden streng verheimlicht und bestand oft aus etlichen Strophen. Stockte der Geselle beim Aufsagen oder vergaß auch nur ein Wort, so mußte er an seinen letzten Aufenthaltsort zurückkehren, um den korrekten Gruß zu holen[16].

Hatte sich der Fremde richtig ausgewiesen, so erhielt er das „Willkomm“, eine Lage Bier, an der alle in der Herberge anwesenden Gesellen teilnahmen[17].

Die anschließende Übernachtung in der Herberge barg für den Wandernden jedoch oft schon die ersten gesundheitlichen Risiken[18]. In einer Wanderbelehrung wird dem Gesellen deshalb geraten, ‚bei der Wahl [...] seines Nachtlagers mit aller Vorsicht zu Werke zu gehen. Denn es ist ein gar häufiges Schicksal [...], [...] sich hier ekelhafte Krankheiten und Ungeziefer zuzuziehen.‘[19]

Fand der Geselle am Ort keine Arbeit, so erhielt er das „Geschenk[20]“ und zog meist nach einer Nacht weiter[21].

Doch nicht alle Gesellen waren darum bemüht, immerfort nach Arbeit zu suchen. So entschloß sich der Bäckergeselle Bechstedt angesichts schönen Wetters und der Tatsache, daß ‚die Herberge in einem sehr hübschen Gasthof ist‘ spontan zu einer Reiseunterbrechung: ‚Ei‘, dachte ich, ‚willst heute Rasttag machen und morgen, frisch drauf, in größeren Tagesmärschen nach Straßburg wandern.‘[22]

In Wien waren sogar spezielle Gasthäuser für diejenigen Gesellen eingerichtet, die ihre Zeit nicht zum Arbeiten nutzen, sondern sich lieber erholen wollten[23].

1.3. Jahreszeiten und Krankheiten

Ein Großteil der Gesellen begann die Wanderung in den wärmeren Monaten von

März bis September, denn neben allgemein schönerem Wetter wurde das Wandern nicht durch Schnee, Morast oder Glatteis erschwert[24].

Außerdem positiv im Sommer war, daß die Ärmsten unter den Gesellen barfuß gehen konnten, um das Schuhwerk für die kälteren Monaten zu schonen. Auch konnte bei hohen Temperaturen im Freien übernachtet und das Geld für die Herberge gespart werden[25].

Ein weiterer Grund für das Wandern in den wärmeren Monaten waren die besseren Möglichkeiten zur Körperhygiene, da sich der Wandernde in fließenden Gewässern waschen konnte, was zur Vorbeugung gegen viele Krankheiten diente. Mangelnde Hygiene hingegen begünstigte die Ansteckung mit Haut- und Infektionskrankheiten, was gerade in der Herberge als Sammelplatz vieler Menschen wahrscheinlich war[26].

Desweiteren war die Gesundheit im Winter allgemein gefährdeter, denn Erkältungen sowie Erfrierungen waren nie ausgeschlossen[27].

Deshalb war es für den Handwerksgesellen ratsam, im Winter eine Anstellung zu finden und die Wanderung erst wieder im Frühjahr fortzusetzen.

Doch unabhängig von der Jahreszeit war der Geselle grundsätzlich in Gefahr, wegen der dauernd wechselnden Lebensbedingungen zu erkranken. Typisch dabei

waren Brüche, Arthritis, Lungentuberkulose, chronische Bronchitis, Bandscheibenvorfälle, Eisenmangelanämie, Krätze, Fieber, Brustfellentzündungen, Fleck –und Gelbfieber, Masern, Durchfall, Auswurf, Herzerkrankungen und Asthma[28].

[...]


[1] Der hier behandelte Zeitraum umfaßt das 15. bis frühe 19. Jahrhundert.

[2] Ein aus Fellen oder Leder bestehender Sack bzw. Ranzen, der mit einer Eisenstange verschlossen wurde und die Habseligkeiten des Wandernden beinhaltete. In: Versuch eines vollständigen grammatisch=kritischen Wörterbuches der Hochdeutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der oberdeutschen, Bd. 2, hrsg. v. Johann Christoph Adelung, Leipzig 1775 u. Deutsches Wörterbuch, Bd. 4., hrsg. v. Jacob u. Wilhelm Grimm, Leipzig 1862.

[3] Vgl. hierzu Bohnenkamp, Möbus, S. 28 f.

[4] Anne Bohnenkamp u. Frank Möbus (Hrsg.), Mit Gunst und Verlaub! Wandernde Handwerker: Tradition und Alternative, Göttingen 1989, S. 27.

[5] Vgl. hierzu Rainer S. Elkar, Umrisse einer Geschichte der Gesellenwanderung im Übergang von der Frühen Neuzeit zur Neuzeit, in: Ders. (Hrsg.), Deutsches Handwerk im Spätmittelalter und Früher Neuzeit (=Göttinger Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Bd. 9), Göttingen 1983, S. 106.

[6] Vgl. hierzu Elkar, Umrisse, S. 108.

[7] Vgl. hierzu Rainer S. Elkar, Auf der Walz. Handwerkerreisen, in: Hermann Bausinger, Klaus Beyer, Gottfried Korff (Hrsg.), Reisekultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus, München 1991, S. 61.

[8] Vgl. hierzu Stefanie Hose, „Inhaber ist wegen Abweichens von der Reiseroute mit 24 Std. Arrest bestraft und wegen mangelnden Reisegeldes über die Grenze zurückgewiesen.“ Wandernde Handwerkergesellen im 19. Jahrhundert, in: Kieler Blätter zur Volkskunde 23 (1991), S. 191.

[9] Vgl. hierzu Ottó Domonkos, Reiserouten der wandernden Handwerksgesellen und die technisch-historische Bedeutung der Gesellenwanderschaften, in: 1. Internationales Handwerksgeschichtliches Symposium. Veszprém 20.24.11.1978, Veszprém 1979, S. 13.

[10] Vgl. hierzu Uwe Puschner, Gesellenwandern um 1800. Eine bayrische Fallstudie, in: Gewerbliche Migration im Alpenraum. La migrazione artigianale nelle alpi, hrsg. v. Ursus Brunold, Bozen 1994, S. 103.

[11] Vgl. hierzu Helmut Bräuer, Gesellen im sächsischen Zunfthandwerk des 15. und 16. Jahrhunderts. Untersuchungen zu ihrem sozialen Platz, ihrer Organisation und gesellschaftlichen Bewegung. Leipzig 1986, S. 60.

[12] Vgl. hierzu Bohnenkamp, Möbus, S. 28.

[13] Vgl. hierzu Helga Schultz, Das ehrbare Handwerk. Zunftleben im alten Berlin zur Zeit des Absolutismus, Weimar 1993, S. 73.

[14] Vgl. hierzu Schultz, S. 74.

[15] Vgl. hierzu Martina Kuba, Passauer Handwerker. Gesellenwanderung im 19. Jahrhundert (=Passauer Studien zur Volkskunde, Bd. 3), Passau 1990, S. 19.

[16] Vgl. hierzu Schultz, S. 74.

[17] Vgl. hierzu Schultz, S. 76.

[18] Als Beispiel für die wahrscheinlich katastrophalen hygienischen Zustände in den Handwerkswerksherbergen seien zwei Drechslergesellen zitiert: ‚Für je 15 Pfennig bekamen wir gemeinsam ein Bett zugewiesen [...] Kaum hatten wir uns niedergelegt, da begann auch schon ein Jucken und Beißen. Alles Kratzen half nichts. [...] Wir sahen [...] nach der Ursache der Ruhestörung und wußten bald Bescheid: Da wimmelte es auf dem [...] Leintuch nur so von kleinen Tierchen, die wir [...] als Wanzen deklarierten. Ganz sicher waren wir nicht, denn sie waren uns neu. Aber der Gestank, der sich verbreitete, als wir einige töteten, konnte nur der bekannte Wanzengestank sein, von dem wir schon gehört hatten.‘, zitiert nach Bohnenkamp, Möbus, S. 30.

[19] Zitiert nach Bohnenkamp, Möbus, S. 30.

[20] Das „Geschenk“ konnte aus einem gemeinsamen Umtrunk, einer Wanderunterstützung von einigen Groschen oder meist beidem bestehen. Es war keine Art des Bettelns, sondern anerkanntes Recht. Nur, wenn der Geselle trotz des „Geschenks“ noch am Ort bettelte, wurde dies eingetragen, damit er in Zukunft dort kein „Geschenk“ mehr erhielt; vgl. hierzu Schultz, S. 76 sowie Hose, S. 212.

[21] Vgl. hierzu Schultz, S. 76.

[22] Zitiert nach Andreas Grießinger, Das symbolische Kapital der Ehre. Streikbewegungen und kollektives Bewußtsein deutscher Handwerksgesellen im 18. Jahrhundert, Frankfurt a. M., Berlin u. Wien 1981, S. 67.

[23] Vgl. hierzu Grießinger, S. 67.

[24] Vgl. hierzu Kuba, S. 55; Ein Beispiel für das erschwerte Unterwegssein im Winter ist die Aussage eines Gerbergesellen, der sich zur kalten Jahreszeit auf der Walz befand: ‚Man sagte, daß bei Mannesgedenken noch kein so großer Schnee gefallen sei, man kann sich nun vor stellen, wie einem Handwerksburschen, der jeden Tag sein Geld zu Ende gehen sieht, bei solchem Wetter, ohne Pfad, zu Mute wird, wenn er so einsam, sich ganz seinen Gedanken überlassen, auf der Straße nur mit der größten Mühe vorwärts kommt, und wenn man sich fast zu Tode anstrengt und seine ganze Leibeskraft zusammen rafft, doch im Tage nur 2 bis 3 Stunden Weges machen kann.‘, zitiert nach Bohnenkamp, Möbus, S. 31.

[25] Vgl. hierzu Kuba, S. 55.

[26] Vgl. hierzu Kuba, S. 55.

[27] Vgl. hierzu Kuba, S. 55.

[28] Vgl. hierzu Puschner, S. 114, Anm. 126.

Details

Seiten
18
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638139779
ISBN (Buch)
9783638864343
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6396
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Friedrich-Meinecke-Institut
Note
2,5
Schlagworte
Unterwegs Frühen Neuzeit Handwerker Leben Erfahrung Wanderschaft Proseminar

Autor

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