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Gesellschaftlicher Wandel und das Ende der Kategorie Geschlecht?

Bachelorarbeit 2006 53 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wirtschaftlicher und Technologischer Strukturwandel
2.1 Strukturwandel und Modernisierung
2.2 Gesellschaftlicher Wandel
2.3 Technologischer Wandel
2.4 Der Wandel von Wirtschaft und Arbeit

3. Geschlecht als Strukturkategorie
3.1 Die soziale Konstruktion von Geschlecht
3.2 Geschlecht und Technik
3.2.1 Einstellungen gegenüber der Informationstechnologie
3.2.2 Computer- und Internetnutzung
3.3 Geschlecht und Arbeit
3.3.1 Die Situation in den IT-Ausbildungsberufen
3.3.2 Informatikstudium und IT-Experten im Beruf
3.4 Der Bedeutungsverlust von Geschlecht

4. Frauen- und Technikförderung
4.1 Das Differenzmodell
4.2 Der kognitive Ansatz
4.3 Der individuumszentrierte Ansatz
4.4 Der sozialstrukturelle Ansatz

5. Zusammenfassung

6. Abstract

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

Im 18. Jahrhundert setzte in Europe ein umfassender Veränderungsprozess ein, der die mittelalterliche Ständegesellschaft in eine moderne Industriegesellschaft umwandelte. In dieser modernen Gesellschaftsform waren Frauen systematisch benachteiligt. Im öffentlichen Bereich verfügten sie über keinerlei Partizipationsrechte, bei der Produktion wurden sie vorwiegend in schlechtbezahlten, unqualifizierten Bereichen angestellt und im Privaten wurden sie ausschließlich auf ihre Gebärfähigkeit reduziert.

Seit den 1970er Jahren ist auch die Industriegesellschaft neuen technologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen ausgesetzt. Insbesondere in der Produktion sind massive Veränderungen zu konstatieren. Durch das Eindringen neuer Technologien (Computer, Roboter, Internet) in den Arbeitsprozess, ist Arbeit nicht mehr länger von körperlichen Fertigkeiten abhängig. Im Gegenzug gewinnen geistige Fähigkeiten, Wissen und Bildung immer mehr an ökonomischer und gesellschaftlicher Bedeutung. Besonders für die Stellung von Frauen sieht man mit dem Aufkommen der Neuen Technologien die Möglichkeit, Unterschiede hinsichtlich Status und Einkommen abzubauen. In Deutschland besitzen sie im Vergleich zu den Männern die höheren Bildungsabschlüsse und scheinen so, besser als diese, für die neuen Anforderungen des Arbeitsmarktes gerüstet zu sein.

Die Kerntechnologie der technologischen Veränderungen ist die Informatik. Es handelt sich dabei um einen von Männern dominierten Lebens- und Arbeitsbereich. Da beim Einsatz und bei der Herstellung von Hard- und Software jedoch neue Organisationsformen entstehen, ist anzunehmen, dass sich dort auch neue, egalitärere Formen des Geschlechterarrangements entwickeln. Die zentrale Frage meiner Arbeit lautet deshalb, ob sich bei der Benutzung und Entwicklung von Informationstechnologie die bekannten Muster der Geschlechterasymmetrie reproduzieren, oder ob es Anzeichen für eine Angleichung zwischen den Geschlechter gibt?

Die Arbeit gliedert sich in drei Abschnitte. Im ersten Teil gehe ich auf die gesellschaftlichen, technologischen und wirtschaftlichen Veränderungen im Übergang von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft ein. Im Anschluss werde ich im Hauptteil die Mechanismen darstellen, durch die Geschlechterunterschiede in Bezug auf Technik- und Arbeitskonzept geschaffen werden. Ergänzt werden diese theoretischen Betrachtungen durch empirische Belege, die aufzeigen, in welcher Art und Weise Geschlecht bei der Benutzung und Gestaltung von Informatik eine Rolle spielt. Ich gehe dabei davon aus, dass sich Geschlecht weiterhin als Merkmal für Ungleichheit erweisen wird. Aus diesem Grund stelle ich im letzten Abschnitt verschiedene Ansätze der Frauen- und Technikförderung dar.

2. Wirtschaftlicher und Technologischer Strukturwandel

Struktur wird hier als Sozialstruktur behandelt. Darunter versteht man die Gesamtheit an Normen, Werten, Handlungsmustern (z.B. soziale Rollen) und sozialen Gebilden (Institutionen, Organisationen) innerhalb einer Gesellschaft (vgl. Schäfers 2004: 3). Sozialstruktur ist nicht statisch angelegt, sondern wandelbar. Sie ist somit Gegenstand des „sozialen Wandels“, darunter versteht man „[…] die Gesamtheit der relativ nachhaltigen und verbreiteten, jedoch nicht notwendigerweise in eine bestimmte Richtung verlaufenden Veränderung gesellschaftlicher Struktur.“ (Hradil 2004: 17) Das Konzept der Modernisierung wird dazu genutzt, die Entwicklungstendenzen des sozio-strukturellen Wandels zu beschreiben, zu analysieren und vergleichbar zu machen.

2.1 Strukturwandel und Modernisierung

Modernisierung wird als ein historischer Prozess aufgefasst, der sich seit dem 16. Jahrhundert von Europa ausgehend in mehreren Etappen in ganz Europa, Nordamerika und Teilen Asiens ausbreitete und mit der Umwandlung aller wesentlichen Gesellschaftsbereiche verbunden ist (vgl. Geißler 1998: 642). Die Grundlagen und Leitlinien der Modernisierung sind in den Arbeiten der Philosophen, Staatsrechtler und Naturwissenschaftler wie René Descartes, Baruch Spinoza, Thomas Hobbes, Galileo Galilei und Sir Isaac Newton zu finden. Ab dem 18. Jahrhundert beginnen darauf aufbauend die Vertreter der Aufklärung wie Voltaire, Lessing und Hume daraus konkrete politische Forderungen abzuleiten. Ihre praktische Umsetzung finden diese in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung (1776), in der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (1789) oder im „aufgeklärten Absolutismus“ des Königs Friedrich II von Preußen (vgl. Hradil 2004: 18 ff.).

Eine gesamtgesellschaftliche Modernisierung setzt in Europa jedoch erst ab dem 19. Jahrhundert ein. Sie wird bedingt durch die Auswirkungen der Industriellen Revolution (z.B. Spinning Jenny, Dampfmaschine, Verbrennungsmotor) und dem Wandel der Ständegesellschaft in eine Industriegesellschaft. Die soziologischen Modernisierungstheorien interessieren sich vorrangig für diese letzt genannte Stufe der Modernisierung. Ulrich Beck bezeichnet diesen historischen Abschnitt mit dem Begriff „Erste Moderne“. Er fasst darunter so unterschiedliche Entwicklungen wie die Herausbildung von Nationalstaaten, die Entwicklung eines kapitalistisch geprägten Erwerbssystems sowie die Individualisierung und Spezifizierung gesellschaftlicher Institutionen wie Familie, Bildungseinrichtungen und Arbeitsformen zusammen.

Diesen Entwicklungen liegt der Glaube an Rationalität und Wissenschaft zugrunde. Beide Konzepte bilden die Grundlage eines auf Ausbeutung und Überwindung der natürlichen Umwelt beruhenden Naturbegriffes. Zudem bedingen sie Anthropolisierungs - und Naturalisierungsprozesse, die zur Legitimation scheinbar unveränderlicher und naturgegebener gesellschaftlicher Strukturen dienen. Diese Prozesse umfassen alle Teilsysteme der Gesellschaft und manifestieren sich u. a. in der Territorialbindung der Nation und der Produktion, der Kleinfamilie als Reproduktions- und Produktionsgarant, der geschlechtlichen Arbeitsteilung, den voneinander getrennten proletarischen und bürgerlichen Lebenswelten, der Ausdifferenzierung und gegenseitigen Abgrenzung gesellschaftlicher Teilsysteme wie Ökonomie, Politik, Kultur, Wissenschaft und Verwaltung sowie der Hierarchisierung und Umstrukturierung von Wissenssystemen. Letzteres trägt dazu bei, dass Rationalität, Naturbeherrschung und Theoriewissen aufgewertet und praktisches, alltägliches Erfahrungswissen abgewertet werden (vgl. Beck/ Bonß/ Lau 2001: 20-22).

2.2 Gesellschaftlicher Wandel

Der Universalitätsanspruch der „Ersten Moderne“ wird seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts zunehmend durch verschiedenste Entwicklungen infrage gestellt. Laut Beck wird sie demnach von der „Zweiten Moderne“ abgelöst. Folgende Entwicklungen fasst er unter diesem Begriff zusammen: die wirtschaftliche, politische und kulturelle Globalisierung, die Individualisierung der Lebensformen, die u. a. mit der Erodierung der Kleinfamilie und der Auflösung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung einhergeht, die Entwicklung neuer Technologien und der Wandel des Normarbeitsverhältnisses sowie die globale ökologische Krise, die dem Naturkonzept der „Ersten Moderne“ entgegensteht (vgl. Beck/ Bonß/ Lau 2001: 23). Des Weiteren ist die „Zweite Moderne“ durch steigenden Wohlstand, Expansion von Bildungsmöglichkeiten, Höherqualifizierung der Gesellschaft, Differenzierung privater Lebensformen, Abbau sozialer und rechtlicher Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, Geburtenrückgang und zunehmende Alterung der Bevölkerung gekennzeichnet. Die soziale und wirtschaftliche Ordnung wird dabei zunehmend von technischen, rationalen und globalen Erwägungen bestimmt. Diese bringen das Schrumpfen des Mittelstandes und den Ausbau des Dienstleistungssektors mit sich. Bedingt durch den Wohlstand kommt es zu einem hohen Maß an sozialer Absicherung breiter Bevölkerungsteile (vgl. Geißler 1998: 643).

Doch nicht nur äußerlich lassen sich die strukturellen Veränderungen der Gesellschaft wahrnehmen. Auch die gesellschaftlichen Normen und Werte werden einem Wandel unterzogen. Der wachsende Wohlstand, das höhere Bildungsniveau breiter Bevölkerungsschichten, die materielle Absicherung durch den Ausbau der Wohlfahrtsstaaten, die Verbreitung von Massenmedien und die Minimierung einer realen Kriegsgefahr haben laut Ronald Ingelhart seit den 60er Jahren zu einem Wertewandel in den westlichen Gesellschaften geführt. Dieser ist dadurch gekennzeichnet, dass die jüngeren Geburtenjahrgänge weniger materialistische Werte wie physische und materielle Sicherheit, sondern vermehrt postmaterialistische Werte wie höhere Lebensqualität in ihrem Leben verfolgen. Der Fokus richtet sich auf die Befriedigung momentaner Bedürfnisse und wendet sich davon ab, den eigenen Wünschen und Neigungen erst in einer fernen Zukunft nachzukommen. Der individuelle Wertewandel hat auch Auswirkungen auf die politischen und gesellschaftlichen Systeme. Er bedingt die Aufweichung der sozialen und sexuellen Normen sowie der religiöser Orientierungen, das relative Verschwinden von Klassenkonflikten, der Legitimationsverlust nationaler Institutionen zu Gunsten von supranationalen oder lokalen Einrichtungen sowie Veränderungen in der politischen Partizipation (vgl. Ingelhart 1990: 5 ff.).

Parallel zu den neuen Freiheiten in der Lebensführung wird der einzelne Bürger andererseits mit steigenden sozialen Risiken und Gefahren konfrontiert, die mit dem Abbau des Wohlfahrtstaates, den Risiken der Neuen Technologien (Genmanipulation, Atomkraft) oder der Pluralisierung und Auflösung von Gemeinschaftsformen einhergehen. Angesichts dieser Gefahren werden die kognitiven Grundlagen der „Ersten Moderne“ wie Rationalität und Rationalisierung durch ihre eigenen Prämissen infrage gestellt. Es wird deshalb vermehrt auf alternative Wissensformen wie persönliche Erfahrung, ästhetische Urteile oder teilnehmende Verfahren zurückgegriffen. Durch die Anerkennung der Pluralität von Wissen, wird das einheitliche, wertneutrale Weltbild der „Ersten Moderne“ aufgelöst. Mit dieser Tendenz geht auch die Auflösung der Konnotation von Natur und gesellschaftlichen Teilsystemen ebenso wie die Pluralisierung von Naturkonzepten einher. Institutionen werden nicht mehr als natürlich und aus sich selbst heraus legitimiert angesehen, da der Begriff der Natur an sich vielfältiger und unklarer geworden ist (vgl. Beck/ Bonß/ Lau 2001: 33-37).

Es wird folglich deutlich, dass die „Zauberformeln“ der „Ersten Moderne“, die da sind: effizientere Technik und Wissenschaft, mehr wirtschaftliches Wachstum und bessere funktionale Differenzierung, ihr Potential Probleme zu lösen, eingebüßt haben. Was an ihre Stelle treten wird, ist noch unklar, da der Wandel von der ersten zur „Zweiten Moderne“ kein abgeschlossener Prozess ist, sondern sich täglich weiterentwickelt. Dabei muss beachtet werden, dass die beiden hier aufgezeigten Konzepte der Modernisierung eurozentrisch bzw. okzidental sind und sich nicht ohne weiteres auf alle Gegenden der Welt übertragen lassen (vgl. diess. 2001: 24). Zudem gibt es auch zwischen den europäischen und nordamerikanischen Gesellschaften erhebliche Unterschiede, in welcher Art und Weise sich der gesellschaftlichen Wandel vollzieht.

2.3 Technologischer Wandel

Modernisierungstheorien sind meistens technologisch determiniert, d.h., sie erklären den gesellschaftlichen Strukturwandel durch das Aufkommen neuer Technologien und Organisationsformen. In diesem Sinne war die von England ausgehende Industrialisierung der Produktion die Vorbedingung für die Entstehung der Industriegesellschaft der „Ersten Moderne“. Technologischer Wandel zwingt demnach alle wirtschaftlichen, politischen und sozialen Gesellschaftsstrukturen, einschließlich der Sozialstruktur und den menschlichen Denk- und Verhaltensweisen sich ebenfalls zu verändern (vgl. Hradil 2004: 26). Gegen den technologischen Determinismus spricht andererseits, dass eine Gesellschaft immer durch mehrere politische und sozialstrukturelle Mechanismen verändert wird. Selbst bei vergleichbarem technischem Stand führen unterschiedliche historische und politische Einflüsse zur Herausbildung verschiedener Gesellschaften (vgl. Bühl 1995: 37).

Der seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts andauernde technologische Wandel der „Zweiten Moderne“ vollzieht sich auf der Grundlage von Neuerungen in Elektronik, Mikroelektronik und Biotechnologie. Er ist u. a. durch starke Wissens- und Forschungsintensität, technische Komplexität, Miniaturisierung und Ressourcenminimierung gekennzeichnet. Wissenschaft und Technik stehen hierbei nicht länger unverbunden nebeneinander, sondern bilden neue synergetische Beziehungen. Technische Grundlagenforschung bezieht sich nicht mehr allein auf ein technisches Gebiet, sondern bedient mehrere Bereiche, die miteinander verbunden sind und zu „technologischen Familien“ oder auch Technologien zusammengefasst werden. Die Neuen Technologien zeichnen sich dadurch aus, dass sie einerseits zur Entwicklung neuer Produkte und Verfahren beitragen (z.B. Internet) und andererseits herkömmliche, technische Prozesse und Geräte verformen und durchdringen (z.B. digitale Fotoapparate). Es handelt sich dabei um Kerntechnologien wie Mikroelektronik, Informatik, Telekommunikation, Laser- oder Gentechnologie. Der Zusammenschluss mehrerer Kerntechnologien führt zur Entstehung einer Hochtechnologie. Darunter versteht Bühl „[…] eine Kombination von Technologien, durch die […] ein ganz neues technisches und industrielles Leistungsniveau erreicht bzw. ein gesamtwirtschaftlicher Wandel […] ausgelöst wird.“ (ders. 1995: 56) Beispiele für diese Art des Zusammenschlusses sind die Mikro-Mechanik, Mechatronik, die Bio-Technologie oder die Opto-Elektronik. Je mehr Kerntechnologien miteinander verbunden werden, desto komplexer werden die daraus entstehenden Technologien. Daraus ergibt sich der Vorteil, Wissen aus verschiedenen Bereichen zu bündeln. Andererseits bringt die Erhöhung der technologischen Komplexität auch Steuerungs- und Managementprobleme mit sich (vgl. ders. 1995: 55-56).

Die neuen Informationstechnologien transformieren alle gesellschaftlichen Lebensbereiche, seien es Produktions- und Arbeitsprozesse, die Verkehrs- und Kommunikationssystem, Freizeitgewohnheiten oder Gebrauchsgüter. Durch Mikroprozessoren, digitalisierte Steuerung und Vernetzung verändern sich Lernprozesse, Bildungs- und Ausbildungserfordernisse, die Arbeitsorganisation, die Formen der Wahrnehmung (wobei die Visualisierung überwiegt) sowie das Raum- und Zeitbewusstsein (vgl. Schäfers 2004: 10). Auf der wirtschaftlichen Seite bedeutet dies, dass Entwicklung, Produktion, Vermarktung und Kundendienst weniger von Maschinen, sondern vermehrt vom System der elektronischen Datenverarbeitung und Steuerung bestimmt werden. So ist es möglich, flexibel auf Marktveränderungen zu reagieren und die sektorale, lokale und globale Differenzierung und Vernetzung auszubauen (vgl. Bühl 1995: 55). Vernetzung ist ein Begriff, der erst für die Entwicklungen der „Zweiten Moderne“ relevant zu sein scheint. Dem widerspricht, dass die Großen Technischen Systeme oder auch Großtechnologien wie das Eisenbahnnetz, das Telefonnetz und die Elektrizitätsversorgung während der „Ersten Moderne“ geschaffen wurden. Durch die Neuen Technologien gelingt es jedoch, die Vernetzung über die regionalen und nationalen Grenzen hinaus auszudehnen und zu internationalisieren. Nur so ist es beispielsweise möglich, die Infrastruktursysteme (Schienen-, Straßen- und Luftverkehr) und die Energieträger (Elektrizität, Gas, Erdöl und Kernenergie) effizienter zu steuern und zu kontrollieren. Dabei werden allerdings auch die Schwachstellen der Systeme sichtbar, die durch ihre weiträumigere Verbreitung anfälliger für Störungen und Sabotageakte werden.

Die Neuen Technologien zeichnen sich einerseits durch ihre Innovationskraft (z.B. das Entstehen neuer Produkte und Produktionsabläufe) und andererseits durch das Auftreten neuer Dimensionen der Rationalisierung (z.B. Arbeitskräfteabbau und Personaleinsparung) aus (vgl. Schäfers 2004: 191-193).

2.4 Der Wandel von Wirtschaft und Arbeit

Die eigentliche Basis der Vernetzung und Technisierung ist das Wirtschaftssystem. Schon ab dem 16. Jahrhundert haben Frühkapitalisten und Kolonialisten eine weltumspannende Ökonomie („Weltökonomie“) geschaffen (vgl. ders. 2004: 212). Auf der lokalen Ebene der Betriebsstruktur zeichnete sich die „Weltökonomie“ durch zunehmende Rationalisierung aus. Darunter versteht man die Arbeits- und Kapitalverwertung zu Gunsten von Effizienz- und Rationalitätskriterien, die funktionale Differenzierung und Zentralisierung der Produktion sowie die Entsubjektivierung und Abstraktion von Arbeit (vgl. Döhl et al. 2001: 219).

Im Unterschied zur „Weltökonomie“ bietet die heutige „globale Ökonomie“ bedingt durch die weltweite Vernetzung die Möglichkeit, Kapitalströme, Arbeitsmärkte, Absatzmärkte, Informationen, Rohstoffe, das Management und die Arbeitsorganisation weltweit miteinander zu verbinden. Besonders das Kapital profitiert von den Vernetzungsmöglichkeiten. In diesem Sinne gilt auch das Banken- und Börsenwesen als hauptsächlicher Antrieb der globalen Ökonomie (vgl. Schäfers 2004: 212). Die globalen Veränderungen des Wirtschaftssystems wirken sich auch auf die interne Organisation der Unternehmens- und Arbeitswelt aus. Die Rationalisierung der Produktion erfährt eine Zuspitzung, die sich u. a. durch das Wegfallen der Grenzen zwischen äußerem Markt- und innerem Betriebsgefügen, Dezentralisierung, Auslagerung von Produktionsprozessen, Reorganisation der zwischenbetrieblichen Arbeitsteilung und der Individualisierung der Arbeitsverhältnisse auszeichnet. Die Segmentierung, Auslagerung und Automatisierung von Unternehmenseinheiten führen innerhalb der Betriebe dazu, dass die alt hergebrachten, auf Koordination und Kontrolle beruhenden, internen Hierarchien wegfallen und durch eigenverantwortliche, marktförmige Strukturen ersetzt werden. Unternehmensteile müssen sich nicht mehr allein auf dem externen Markt beweisen, sondern sich auch im internen Betriebgefüge ihren Platz erkämpfen. Während einerseits Unternehmensteile verstärkt untereinander in Konkurrenz treten, zeichnet sich auf der anderen Seite die Tendenz zur Kooperation und Integration von Unternehmen ab. Synergieeffekte und Innovationsfähigkeit der Unternehmen, die sich durch die interne Dezentralisierung minimieren, werden durch das Knüpfen neuer externer Unternehmensnetzwerke ersetzt. Die gegenseitigen Markt- und Konkurrenzbeziehungen der Unternehmen werden dabei teilweise außen vorgelassen. Folglich werden betriebsintern hierarchisch strukturierte Zugriffs- und Kontrollmöglichkeiten abgebaut, um extern neu geschaffen zu werden und so weiterhin ein funktionierendes Wirtschaftsgefüge zu garantieren (vgl. Döhl et al. 2001: 219-225).

Der Wandel des Wirtschaftssystems betrifft auch die Lohnarbeit. Ab den 70-er Jahren kommt es in der BRD zu einer Erweiterung des Arbeitsbegriffes und einem neuen Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit. Nach dem Fall der Mauer lassen sich ähnliche Entwicklungen auch für die ehemalige DDR feststellen. Das Normalarbeitsverhältnis der „Ersten Moderne“, d.h., die „abhängige, unbefristete, sozialversicherungspflichtige und außerhäusliche Vollbeschäftigung“ (Pilz 2004: 136), verliert zunehmend an Bedeutung. Neben der Absicherung der materiellen Versorgung der Familie garantiert die Vollbeschäftigung gleichzeitig die gesellschaftliche Teilhabe und Anerkennung der Arbeitnehmer. Am Normalarbeitsverhältnis orientiert sich auch die gesellschaftlich anerkannte Familienform (Kleinfamilie mit männlichem Versorger). Außerdem basieren auf ihm die Leistungen des Sozialstaates, wobei zu bemerken ist, dass dieses Beschäftigungsverhältnis nur für den männlichen Teil der Arbeiter und Angestellten zur Normalität zählt (vgl. Brandl/ Hildebrandt 2002: 63). Mit der erstarkenden Frauenbewegung, dem Wandel der Familie, steigender Arbeitslosigkeit sowie zunehmender Ausdifferenzierung und Flexibilisierung der Erwerbsarbeit, erobern neue Arbeitsformen (beispielsweise Teilzeitarbeit, Leiharbeit, befristet und geringfügige Beschäftigungsverhältnisse) den Markt. Die Ursachen für den Umbruch liegen in neuen Produktionsverfahren und –stukturen begründet, z.B. die Just-in-time-Produktion, computergesteuerte Planungs- und Produktionsprozesse, zunehmende Bedeutung der Datenverarbeitung und dem Einsatz von Kommunikationsmedien. Hinzu kommt die Verschiebung des Erwerbstätigkeitsschwerpunktes weg von der Industrie hin zu den Dienstleistungen. Es entstehen neue Formen der Arbeitsorganisation, die sich durch flache Hierarchien, Teamarbeit und stärkere individuelle Verantwortung des Arbeitsnehmers auszeichnen (Schäfers 2004: 191-194). Da der Staat weiterhin seine Sozialpolitik am Standard des Normalarbeitsverhältnisses orientiert, entwickeln sich die neuen Beschäftigungsformen abseits des kollektiven Standards der staatlichen Sicherheits- und Kontrollinstanzen. Des Weiteren sind Teilzeit- oder Leiharbeit durch geringe Arbeitsplatzsicherheit und eine kaum vorhandene betriebliche Interessenvertretung gekennzeichnet (Brandl/ Hildebrandt 2002: 71-73).

Einhergehend mit dem Wandel der Produktionsbedingungen kommt es auch zu einer Veränderung der Fertigkeiten und Kompetenzen, sprich des Wissens, welche zur Aufnahme einer Arbeit wichtig sind. Ausbildung, Beruf und Arbeitsmarkt werden entkoppelt, da auf Grund des schneller werdenden technologischen Wandels nicht mehr sichergestellt werden kann, dass während der Ausbildung erworbene Kompetenzen auch im Berufsleben nachgefragt werden. Dies ist bedingt durch Veränderungen der Arbeitsorganisation. Die für die „Erste Moderne“ charakteristische berufliche, innerbetriebliche Arbeitsteilung wird durch prozessorientierte, flexible Arbeitsgruppen ersetzt. In dieser Konstellation verliert die Erstausbildung an Bedeutung und wird durch unterschiedliche Formen der Fort- und Weiterbildung ergänzt. Man fasst diese Entwicklung unter dem Begriff „lebenslanges Lernen“ zusammen (vgl. Mayer 2000: 384).

Parallel zu den Krisenerscheinungen der Erwerbsarbeit wurde unter Bezugnahme auf den von Inglehart prognostizierten Wertewandel die Herausbildung eines neuen Verständnisses von Arbeit diskutiert. Der Umbruch ist durch die Auflösung der Trennung von Arbeit und Leben gekennzeichnet. Die menschliche Lebensplanung kann so zu einem offenen Projekt werden, welches sich entweder auf Erwerbsarbeit oder auf andere Arbeitsbereiche wie Eigenarbeit (Hausarbeit, Heimwerken) und ehrenamtliches Engagement konzentriert. Es ist jedoch auch denkbar, dass die offene und individuelle Lebensplanung zu einer höheren Erwerbsorientierung aller Bevölkerungsteile führt. Da es nur durch Erwerbsarbeit möglich ist, ein abgesichertes und zugleich freies, individualisiertes Leben zu führen (vgl. Mutz/ Kühnlein 2001: 195 ff.).

3. Geschlecht als Strukturkategorie

Der Wandel in Gesellschaft, Technik und Arbeit scheint geschlechtsneutral zu verlaufen. Es ist jedoch fraglich, ob Männer und Frauen davon in gleicher Weise betroffen sind? In der Soziologie der Geschlechterverhältnisse wird untersucht, wie die Beziehungen zwischen Männern und Frauen historisch organisiert und institutionalisiert sind. Geschlecht wird so zu einer Strukturkategorie um gesellschaftliche Phänomene zu analysieren. Dabei geht es um die Frage, wie Geschlecht in derlei Phänomene (hier: technologiescher-wirtschaftlicher Wandel) hergestellt wird. Geschlecht gilt in dieser Sichtweise als soziale Konstruktion (vgl. Degele/ Dries 2005: 206-207).

3.1 Die soziale Konstruktion von Geschlecht

In der Denkweise der modernen westlichen Welt wird das „Biologische“ als natürliche, organische und genetisch festgelegte Grundlage des Lebens betrachtet. Ihm gegenüber steht das „Soziale“, welches den kulturellen und gesellschaftlichen Rahmen in dem das Leben stattfindet, absteckt. Natur und Kultur werden so als Gegensatzpaare und mit unterschiedlichen Eigenschaften gedeutet. Natur gilt dabei als unveränderlich und statisch, wohingegen Kultur als veränderlich und entwicklungsfähig definiert wird (vgl. Maurer 2002: 70). Auch Geschlecht wird in diesen Gegensätzen gedacht. Im Zuge des technologischen und gesellschaftlichen Wandels der „Zweiten Modern“ werden aber nicht nur die Verhältnisse zwischen Natur und Kultur, sondern auch das Zusammenspiel von weiblich und männlich neu hinterfragt.

Seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts unterscheidet man in den englischsprachigen Sexualwissenschaften zwischen „sex“ und „gender“. „Sex“ bezeichnet die physischen, anatomischen und physiologischen Grundlagen, anhand derer man das Geschlecht bestimmt. Diese Merkmale sind demnach jenseits des sozialwissenschaftlichen Zugriffs angesiedelt. „Gender“[1] hingegen benennt das soziale Geschlecht. Darunter versteht man Eigenschaftszuschreibungen, soziale Positionierung und die kulturell determinierten Verhaltenserwartungen, die an Frauen und Männer gerichtet werden. Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern wird so nicht auf der Grundlage körperlicher - biologischer Unterschiede, sondern im Zusammenhang mit soziokulturellen Normierungen hinterfragt. Durch die Unterteilung in „sex“ (Natur) und „gender“ (Kultur) gelingt es, Geschlecht auch sozialwissenschaftlich zu analysieren. Allerdings wird die weiblich-männliche Bipolarität von Geschlecht dabei nicht infrage gestellt.

In Deutschland versuchten Frauenforscherinnen in den 70er Jahren die Unterschiede der Geschlechter durch den Rückgriff auf unterschiedliche Sozialisationserfahrungen zu erklären. Dabei ging man davon aus, dass automatisch per Geschlechtszugehörigkeit die Entwicklung bestimmter Eigenschaften, Interessen und Fähigkeiten begünstigt würde. Dieser Ansatz geriet durch zwei Entwicklungen zunehmend an seine Erklärungsgrenzen. Erstens war der Rückgriff auf feste Eigenschaften, anhand derer man die Geschlechter voneinander unterscheiden kann zu nah an einem biologistischen Erklärungsmuster. Das eigentliche Ziel, den Einfluss der Biologie bei der Geschlechterdefinition zurückzudrängen, konnte so nicht erreicht werden. Zweitens verloren durch zunehmende Individualisierung und Ausdifferenzierung der Gesellschaft die genau definierten weiblichen und männlichen Eigenschaften an Bedeutung (vgl. Gildemeister 2001: 65-67).

Aus diesen Gründen kam es Anfang der 90er Jahre zu einer Vielzahl an Untersuchungen, die das Verhältnis zwischen Natur und Kultur, und damit auch das Geschlechterverhältnis, neu hinterfragen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass eine klare Trennung zwischen den beiden Kategorien nicht möglich ist und dass man folglich aus einem biologischen Geschlecht keine soziale Geschlechterordnung ableiten kann. Umgekehrt können aber in einer Geschlechterordnung Genitalien zu Geschlechtszeichen werden und so Bedeutung erhalten. Geschlecht gilt in dieser Lesart als sozial konstruiert. Unter Konstruktion versteht man einen dynamischen, permanenten und lebenslangen Prozess, mit dem die soziale Wirklichkeit erzeugt wird. Im Laufe unserer Sozialisation erwerben wir Wahrnehmungskategorien, Einstellungen und Verhaltensweisen, welche wir als „natürlich“ betrachten und auf die wir in der alltäglichen Interaktion zurückgreifen.

[...]


[1] Wenn ich im Folgenden von Geschlecht spreche, beziehe ich mich immer auf das soziale Geschlecht bzw. „gender“.

Details

Seiten
53
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638570992
ISBN (Buch)
9783638735049
Dateigröße
653 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64227
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) – Kulturwissenschaftliche Fakultät
Note
1,5
Schlagworte
Gesellschaftlicher Wandel Ende Kategorie Geschlecht

Autor

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