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Strukturierte soziale Ungleichheit - Ein Produkt der Moderne

Essay 2006 14 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Soziale Ungleichheit ist zweifelsohne ein “hausgemachtes“ Phänomen. Ähnlich wie Um-weltprobleme, Bevölkerungsdynamik und absehbare Konflikte um Energieversorgung ist soziale Ungleichheit ein weltumspannendes Ereignis, für dessen Entwicklung der Mensch selbst verantwortlich zeichnet. Und mit dieser These rücke ich bewusst von der Vorstel- lung des Aristoteles ab, der Ungleichheit als einen naturgegebenen Zustand erklärt (vgl. Dahrendorf 1967, 355). Um diese Ansicht zurückzuweisen, bedarf es keines intensiven Soziolgiestudiums und auch keiner Kenntnis empirischer Studien. Allein die Früchte der Aufklärung – samt dem Postulat der Gleichheit aller Menschen – und die Erfahrung von mehr als zweihundert Jahren entfeudalisierter Industriegesellschaft lehrten das Gegenteil.

Wenn ich nun also die Entstehung sozialer Ungleichheit in die Verantwortung des Menschen lege, so denke ich da zu vorderst an die Industrielle Revolution und die Trans-formation von der feudalen Agrar- zur modernen Zivilgesellschaft und die neue Form legitimierter strukturierter Ungleichverteilung von Kapital und Lebenschancen. Und vor allem die Soziologie, als eine aus dieser Transformation entstandene Wissenschaft (Schäfers 2002)[1], beschäftigt sich seit jeher mit der Entstehung und Heraufkunft dieses gesellschaftlichen Phänomens und produzierte in der Vergangenheit mehr oder minder gelungene Erklärungsversuche.

Ich werden nun im folgenden einige dieser Erklärungsversuche vorstellen und dabei, der soziologischen Tradition folgend, einen Querschnitt von der Klassen- über die Schichtungs- bis hin zur Milieu- und Lebensstilforschung bieten. Während dieses ersten Teils werden auch die verschiedenen Dimensionen sozialer Ungleichheit herausgetsellt. Der zweite Teil des Essays beschäftigt sich dann mit der Ungleichheitsdarstellung in Herbert Marcuse´s Werken „Der eindimensionale Mensch“ sowie „Ideen zu einer kritischen Gesellschaft“. Es werden dabei Marcuse´s Ansichten über die Verantwortun-gen einzelner Strukturen der Gesellschaft an sozialer Ungleichheit beleuchtet und kritisch diskutiert.

1. Die Tradition der Ungleichheitsdarstellung in der Soziologie

1.1 Begriffsklärung

Wenn wir den Begriff der sozialen Ungleichheit untersuchen, ist es vorher zwingend not-wendig, eine gültige Definition zu liefern: zum einen muss der Unterschied zu biolo-gischer Ungleichheit und zum anderen zu sozialer Differenzierung verdeutlicht werden.

Nach Dahrendorf meint also soziale Ungleichheit die „soziale Schichtung nach An-sehen und Reichtum als Rangordnung des sozialen Status“ (1967). Ich möchte an dieser Stelle Dahrendorfs Definition sozialer Ungleichheit um den Aspekt der Exklusion, ba-sierend auf der vorgenommenen Einstufung, ergänzen, d.h. wenn ein differenter Zugang zu Ressourcen aufgrund des sozialen Status vorliegt. Hierbei kann es sich um direkte oder indirekte Exklusion handeln. Eine direkte Art von Ausschluss würde beispielsweise vorliegen, wenn einem Individuum der Zugang zu einem exklusiven Club aufgrund des Einkommens oder der gesellschaftlichen Stellung verweigert wird. Indirekte Exklusion meint nun den versperrten Zugang zu einer Institution, beispielsweise einer höheren Schule wenn, wie in einem solchen Fall, die Erziehung der Eltern diesen Ausschluss be-dingt. Diese Definition impliziert also, das Benachteiligung bzw. Vorrecht nicht mittels biologischer Merkmale eines Menschen begründbar ist.

Eine Abgrenzung sozialer Ungleichheit zu sozialer Differenzierung ist hingegen we-niger einfach und klar. Es ist mithin durchaus denkbar, eine arbeitsteilige Gesellschaft rein nach sozialer Differenzierung zu betrachten. So muss eine berufliche Stellung nicht zwingend mit sozialer Benachteiligung einher gehen. Doch ist diese theoretische These in der Praxis nur selten verwirklicht. Für Parsons ist laut Dahrendorf an dieser Stelle der Begriff der Bewertung entscheidend, d.h. die Bedeutung von Bewertung führt von so-zialer Differenzierung zu sozialer Ungleichheit (Dahrendorf 1967), doch darauf werde ich später noch näher eingehen. Ebenso verhält es sich mit anderen Dimensionen sozialer Differenzierung, wie beispielsweise die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie oder Religion. Nicht selten jedoch verschränken sich diese Unterschiede mit Dimensionen sozialer Ungleichheit (vgl. Kreckel 1992, 16). Deutlich wird dies am Beispiel ethnischer Minderheiten, wenn Rex analysiert: „None the less I concluded that there was a denial of access to housing, producing quasi-ghettos, that the ethnic minorities were partially confined to the least acceptable jobs and that there was increasing segregation in inferior schools. To some extent, therefore, I saw them constituting an underclass in the specifically British sense of those who did not benefit from incorporation in the welfare state.” (Rex 1986, 75).

Ebenso verhält es sich mit der Zugehörigkeit zum Geschlecht. Eine unbewertete Dif-ferenzierung ist auch in einer vermeintlich geschlechtliche Gleichbrechtigung postulie-renden Gesellschaft noch nicht möglich, wenn Vester und Gardemin feststellen, dass Frauen in einer leistungsorientierten Arbeitswelt auch bei gleicher Qualifikation syste-matisch in tieferen beruflichen Positionen zu finden sind (Vester/Gardemin 2001).

[...]


[1] Schäfers schreibt: „Soziologie als sich verselbständigende Sozialwissenschaft entstand – [...] – gegen Mit-te des 19. Jahrhunderts vor allem in den Ländern Deutschland, Großbritannien, Frankreich und den USA.“

Details

Seiten
14
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638571180
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64247
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Sozialwissenschaften Philosophische Fakultät III
Note
1,3
Schlagworte
Strukturierte Ungleichheit Produkt Moderne Grundkurs Soziologische Theorie

Autor

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Titel: Strukturierte soziale Ungleichheit - Ein Produkt der Moderne