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Migration - Segregation - Integration. Der Einfluss sozialräumlicher Segregation auf die Integration von MigrantInnen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 29 Seiten

Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Begriff der Segregation
2.1 Quantifizierbarkeit
2.2 Ursachen
2.3 Formen und Entwicklung
2.4 Quartierseffekte
2.5 Zusammenfassung

3. Zum Begriff der Integration
3.1 Die Stadt als Ort der Integration
3.2 Integrationsmodelle
3.2.1 Parks race-relations-cycle
3.2.2 Gordons Assimilationsmodell
3.2.3 Integration bei Esser
3.3 Zusammenfassung

4. Segregationseffekte
4.1 Vorteile für die Integration von MigrantInnen
4.2 Nachteile für die Integration von MigrantInnen

5. Fazit

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Erklärung

1.Einleitung

Im Juli dieses Jahres fand der so genannte Integrationsgipfel statt. Bundeskanzlerin Angela Merkel lud mehr als 80 Vertreter von Bund, Ländern, Kommunen, Kirchen und Zuwanderern ins Kanzleramt ein, um einen nationalen Integrationsplan zu erarbeiten. Auf die politische Agenda gelangte das Thema Integration zuvor im März dieses Jahres durch Medienberichte über die Rütli-Schule im Berliner Stadtteil Neukölln. Deren Lehrer übten über die Öffentlichkeit Druck auf die Berliner Schulbehörde aus, um auf ihre schlechten Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen, die sie durch einen besonders hohen Anteil an Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund bei gleichzeitigem Personalmangel verursacht sahen[1]. Der Stadtteil Neukölln weist im Vergleich zur Stadt Berlin mit 20,3% einen überdurchschnittlich hohen statistischen Ausländeranteil an der Wohnbevölkerung auf[2]. Schon weit vor diesem Ereignis wurde das Thema Integration im Rahmen eines anderen Politikfeldes dazu benutzt Aufgeregtheit zu erzeugen. Nämlich im öffentlichen Diskurs um die Gefährdung der inneren Sicherheit durch eingewanderten islamisch inspirierten Terrorismus, der unter anderem durch die Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh im November 2004 ausgelöst wurde. Der BegriffParallelgesellschaftenwurde zum Schlagwort. Zurück geht dieser auf Heitmeyer, der bereits 1996 auf das Problem hinwies, das drohe, wenn sich „ökonomische Ausgrenzungen mit kulturellen Abschottungen und religiös-politischer Propaganda verbindet“[3]. Dann nämlich bestehe die Gefahr einer „schwer durchschaubare(n) Parallelgesellschaft am Rande der Mehrheitsgesellschaft“[4], so Heitmeyer. Im öffentlichen Diskurs wurde der Begriff allerdings seiner Komplexität beraubt. So wurden bereits segregierte Stadtquartiere mit einem hohen Anteil an Muslimen als eine Gefahr betrachtet (vgl. Gestring 2005: 3). Die geschilderten Ereignisse lösten eine politische und mediale Debatte um das Thema Integration aus. In beiden Fällen wurde der räumlichen Konzentration ethnisch-kultureller Gruppen Einfluss auf die Integration ihrer Mitglieder in die Aufnahmegesellschaft unterstellt. Ob diese Annahme berechtigt ist, kläre ich im Rahmen dieser Hausarbeit. Die Ausgangsthese lautet daher: Die sozialräumliche Segregation von MigrantInnen hat einen Einfluss auf deren Integration in die Aufnahmegesellschaft.

Nach einer Einleitung beschäftige ich mich mit dem Phänomen der residentiellen Segregation und seinen Ursachen. Anschließend werden die wesentlichen Formen der Segregation und deren Entwicklung in Deutschland aufgezeigt. Die möglichen Effekte der Quartiere auf ihre Bewohner bilden den Schluss des zweiten Kapitels. Anschließend wird zunächst die Bedeutung der Stadt im Prozess der Integration erläutert. Danach zeige ich den Verlauf des Prozesses der Integration anhand verschiedener Integrationsansätze auf. Im vierten Kapitel verbinde ich die Ergebnisse der Kapitel 2 und 3 miteinander und arbeite die Effekte der residentiellen Segregation auf den Prozess der Integration von MigrantInnen heraus. Ein bilanzierender Ausblick bildet den Schluss dieser Arbeit.

2. Zum Begriff der Segregation

Allgemein bezeichnet Segregation einen Prozess der Entmischung von Elementen innerhalb eines Raumes. In der Soziologie bezieht sich diese Entmischung auf die Wohnstandorte der Bevölkerung innerhalb eines Stadtgebietes. Dieser Prozess ist das zentrale Element in den Theorien zur Stadtentwicklung der Chicagoer Schule der Soziologie. Robert E. Park, Ernest W. Burgess und andere untersuchten zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Auswirkungen der Einwanderung auf die Entwicklung amerikanischer Großstädte am Beispiel Chicagos. Park und Burgess (1974: 55) entwickelten dabei ein Modell der Stadtstruktur. Es besteht aus einem innerstädtischen Geschäftszentrum, demloopund konzentrisch angeordneten Ringen (ebd.). Die dabei entstehenden Zonen werden alsnatural areasbezeichnet und werden von jeweils einer Nutzungsart und Bevölkerungsgruppe dominiert (vgl. Friedrichs 1995: 38). Der erste Ring bildet diezone in transition(ebd.). In die dortigen Wohnviertel siedeln sich die neuankommenden Migranten an. An diese Slumgebiete schließt sich diezone of working men`s homesan (ebd.). In diesem Ring mit Arbeiterquartieren wohnen überwiegend Angehörige der zweiten Migrantengeneration (vgl. Park/ Burgess 1974:56). Die vierte und fünfte Zone, also dieresidential and commuters zonebestehen aus mittelständischen Appartement- und gehobenen Eigenheimsiedlungen (ebd.). Durch Einwanderung beginnt ein Prozess der Invasion und Sukzession entlang der konzentrischen Kreise. Bevölkerung und Nutzung werden dabei in den jeweils nächsten angrenzenden Ring verdrängt (vgl. Friedrichs 1995: 39). Dieses Modell der Stadtexpansion bzw. Stadtstruktur ist nicht nur in Bezug auf den Prozess der Segregation, sondern auch im Rahmen integrationstheoretischer Überlegungen von Bedeutung, was sich in Kapitel 3.2.1 zeigen wird.

Das Chicagoer Modell sei nicht ohne weiteres auf postmoderne europäische Städte übertragbar (vgl. Friedrichs 1995: 42). Es unterstellt eine konstant wachsende Stadt und einen freien Wohnungsmarkt. Die Mehrzahl der deutschen Großstädte ist von Schrumpfungsprozessen betroffen. Durch die soziale Wohnungsbauförderung greift der Staat immer noch in den Wohnungsmarkt ein. Eine auch für deutsche Städte geltende Grundannahme ist hingegen, dass sich Stadträume durch Heterogenität auszeichnen. Die einzelnen Quartiere bieten ein unterschiedliches Maß an Wohnqualität. Mit der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe sind Wünsche oder Zwänge in Bezug auf die Wahl des Wohnstandortes verbunden. Auf dem Wohnungsmarkt treffen diese verschiedenartigen Wünsche und Chancen auf ein differenziertes räumliches Angebot. Die Folge dieses Wirkens von Angebot und Nachfrage sei eine „Konzentration bestimmter sozialer Gruppen auf bestimmte Teilräume einer Stadt oder einer Stadtregion“ (Häussermann/Siebel 2004: 140). Auf die genauen Ursachen von Segregation gehe ich in Kapitel 2.2 ein. Wie diese empirisch messbar gemacht werden kann, zeige ich zuvor in Kapitel 2.1. Soziale Gruppen lassen sich anhand von Merkmalen bilden. In Kapitel 2.3 leite ich aus bestimmten Eigenschaften die wesentlichen Formen der Segregation ab und illustriere die für diese Arbeit wesentlichen Formen anhand ihrer Entwicklung in deutschen Städten. Durch die beschriebene Entmischung komme es zu einer Konzentration bestimmter sozialer Gruppen in bestimmten Gebieten des Stadtraumes, was wiederum Rückwirkungen auf diese selbst auslöse (Vgl. Harth/Herlyn/Scheller 1998: 11). Diese „sozialen Konsequenzen“ (Häussermann/Siebel 2004: 146) seien das „eigentliche Thema der Segregationsanalyse“ (ebd.). Die Einflüsse des Wohnstandortes auf die Bewohner werden als Quartierseffekte bezeichnet und bilden das Thema des letzten Unterkapitels.

2.1 Quantifizierbarkeit

Statistisch messbar gemacht wird die Verteilung der Bevölkerungsgruppen über das Stadtgebiet anhand zweier Indizes, die sich auf einer Skala von 0 bis 1 bewegen. Der Segregationsindex (IS) misst das Ausmaß der ungleichen Verteilung einer Bevölkerungsgruppe im Verhältnis zum Rest der Gesamtbevölkerung (vgl. Friedrichs 195: 79). Der Dissimilaritätsindex (ID) misst das Ausmaß der Disproportionalität der Verteilung zweier Bevölkerungsgruppen über das Stadtgebiet (ebd.). Die Höhe des Wertes gibt Auskunft über die Höhe des Anteils an der Minderheit, der für eine Ungleichverteilung sorgt (vgl. Häussermann/Siebel 2004: 140). Die Aussagekraft der genannten Indizes sei aber aufgrund verschiedener methodischer Probleme eingeschränkt (vgl. Häussermann/Siebel 2004: 141). So seien anhand dieser Werte Vergleiche verschiedener Städte nicht sinnvoll (ebd.). Zur Beobachtung der Entwicklung der Segregation einer Stadt oder eines Quartiers im Zeitverlauf könne man sie allerdings verwenden (ebd.).

2.2 Ursachen

Wohnraum ist qualitativ und quantitativ ungleich über das Stadtgebiet verteilt (vgl. Häussermann/Siebel 2004: 157). Diese Ausdifferenzierung des Wohnungsmarktes ist Teil der Stadtentwicklung. Es lassen sich vier wesentliche Faktoren nennen, die diesen Prozess beeinflussen (ebd.). So bestimmen politische Planung, Preisdifferenzen zwischen Standorten, die Zusammensetzung der Bewohnerschaft und das Image der Quartiere den räumlichen Charakter einer Stadt. Die Folge ist ein segmentierter Wohnungsmarkt. Jedes Teilstück richtet sich dabei an bestimmte Bevölkerungsgruppen oder wird nur von diesen nachgefragt. Ein segmentierter Wohnungsmarkt ist eine der strukturellen Ursachen für Segregation. Als ein weiterer Grund sind die herrschenden Einkommensungleichheiten innerhalb der Stadtgesellschaften zu nennen, da diese die Wahlmöglichkeiten der unteren Einkommensschichten in Bezug auf den vorhandenen Wohnraum einschränken (vgl. Friedrichs 1995: 93). Die Diskriminierung von Minderheiten durch Vermieter zählt gleichermaßen zu dieser Kategorie. Dieses Problem betreffe insbesondere ethnisch-kulturelle Minoritäten (vgl. Häussermann/Siebel 2004: 178). Diese Gruppen gelten zudem schon aus sozialstrukturellen Gründen zu den Benachteiligten des Wohnungsmarktes. Ausländische Haushalte[5]sind im Vergleich zu deutschen Haushalten in den unteren Einkommensklassen überrepräsentiert und in den oberen Einkommensklassen unterrepräsentiert (vgl. Statistisches Bundesamt 2003: 35). Auf der Makroebene wirken demnach Einkommensungleichheiten, Diskriminierung sowie die Struktur des Wohnungsmarktes restriktiv auf die Wohnstandortwahl. Somit fördern sie den Prozess der Segregation. Ich fasse diese Ursachen unter dem Begriff der Kontexteffekte zusammen (vgl. Friedrichs 1995: 93).

Neben diesen Effekten auf der Makroebene wirken zusätzlich individuelle Ursachen. Die Wohnungswahl wird auf der Mikroebene durch die beiden Faktoren Präferenzen und Ressourcen bestimmt. In Bezug auf die persönlichen Vorzüge unterstelle ich den Akteuren der Nachfrageseite den Wunsch nach sozialer Homogenität ihres Wohnumfeldes. Damit nehme ich direkten Bezug zu der zentralen Hypothese der Chicagoer Schule, wonach soziale Distanzen zwischen Menschen dazu führen, dass sie sich auch räumlich distanzieren (vgl. Friedrichs 1995: 92). Häussermann und Siebel (2004: 159) sprechen hierbei von „eine(r) treibende(n) Kraft für Segregationsprozesse“. Schon eine erwartete, aus eigener Sicht negative, Veränderung der Zusammensetzung der Bewohnerschaft im Quartier, ausgelöst durch Medienberichte oder eigene Erfahrungen, kann die Abwanderung von statushöheren Bewohnern auslösen. Segregation wird so durch selektive Mobilität zur „selbsterfüllenden Prophezeiung“ (Harth/Herlyn/Scheller 1998: 157). Sozialen Netzwerken kommt eine ähnliche Bedeutung zu. Sie wirken bei einem Umzug dem Verlassen des Quartiers entgegen (vgl. Häussermann/Siebel 2004: 158). Janßen und Polat (2005: 111) haben durch eine Studie am Beispiel zweier Quartiere in Hannover nachgewiesen, dass es Zuwanderern schwer fällt, im Zuge eines Wohnungswechsels ihre überwiegend kleinen und familienzentrierten Netzwerke zu verlassen. Für zuziehende Migranten bestehe zudem der Anreiz, sich in einem Quartier niederzulassen in dem ihre ethnisch-kulturelle Gruppe schon vertreten ist.

Besondere Ansprüche an die baulichen Eigenschaften des Wohnstandortes können ebenfalls Segregationseffekte verursachen. Der Wunsch nach einem Eigenheim oder der meist daran gekoppelte erhöhte Flächenbedarf führen direkt in den suburbanen Raum, wo sich eine sozialstrukturell eher homogene Bewohnerschaft herausbilde (vgl. Häussermann/Siebel 2004: 159). Unter der Voraussetzung eines temporären Aufenthalts in Deutschland vermieden die Arbeitsmigranten der ersten Generation hohe Mieten, um Ersparnisse für die Zeit nach ihrer Rückkehr in ihr Heimatland zu sammeln (vgl. Häussermann/Siebel 2004: 174). Daher bevorzugten sie eher günstige und damit unattraktive Wohnstandorte, die sie auch nach der Entscheidung für den Verbleib in Deutschland nicht verließen (ebd.).

Um die genannten Wohnwünsche nun Wirklichkeit werden zu lassen, bedarf es einer gewissen Ausstattung mit Ressourcen. Diese können von ökonomischer, sozialer und kultureller Natur sein. Ich bezieh mich dabei auf die entsprechenden drei Kapitalsorten Bourdieus (vgl. Bourdieu nach Treibel 2000: 215). Das ökonomische Kapital hat dabei einen besonderen Einfluss auf die Wahlmöglichkeiten des Wohnstandortes. Mit steigender Knappheit dieser Ressource sinke die Anzahl des zur Verfügung stehenden Wohnraumes (vgl. Friedrichs 2000: 178). Damit beschränken sich die Möglichkeiten der benachteiligten Haushalte auf die weniger nachgefragten Standorte. Aber nicht allein die Mietzahlungsfähigkeit entscheidet über die Chancen auf dem Wohnungsmarkt. Kulturelles Kapital stellt ebenfalls eine Ressource dar, die in diesem Zusammenhang nutzbar gemacht werden kann. Die Fähigkeit der Informationsbeschaffung, juristische Kenntnisse oder ein geschickter Umgang mit Behörden erleichtere das Agieren auf dem Wohnungsmarkt erheblich (vgl. Häussermann/Siebel 2004: 158). Soziales Kapital stellt schließlich die dritte Ressource dar. Denn auch primäre und sekundäre Beziehungen können den entscheidenden Vorteil bei der Wohnungssuche herbeiführen (ebd.). Die informelle Wohnungssuche spiele besonders unter MigrantInnen eine bedeutende Rolle (vgl. Häussermann/Siebel: 178). Im Ganzen nehmen die Wahlmöglichkeiten mit steigender Verfügbarkeit der einzelnen Ressourcen zu (vgl. Friedrichs 2000: 178). Eine schwache Ressourcenausstattung auf der individuellen Ebene wirkt hingegen restriktiv auf die Wohnstandortwahl.

[...]


[1]Vgl. Der Tagesspiegel Online: Der Hilferuf der Rütli-Schule, 30.3.2006,

unter: http://www.tagesspiegel.de/berlin/nachrichten/63413.asp, 10.9.2006

[2] Vgl. Statistisches Landesamt Berlin: Einwohnerregisterstatistik, 2003,

unter: http://www.berlin.de/ba-neukoelln/derbezirk/melde_rechtl.html, 10.9.2006

[3] Vgl. Heitmeyer, Wilhelm: Für türkische Jugendliche in Deutschland spielt der Islam eine wichtige

Rolle, 1996, unter: http://www.zeit.de/archiv/1996/35/heitmey.txt.19960823.xml?page=1, 10.9.2006

[4]ebd.

[5]eine Bezugsperson mit ausländischer Staatsangehörigkeit

Details

Seiten
29
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638572149
ISBN (Buch)
9783638669986
Dateigröße
746 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64379
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,0
Schlagworte
Migration Segregation Integration Einfluss Segregation Integration MigrantInnen Migration Wandel Konflikte

Autor

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Titel: Migration - Segregation - Integration. Der Einfluss sozialräumlicher Segregation auf die Integration von MigrantInnen