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Geschichte der professionellen Gemeinwesenarbeit

Referat (Ausarbeitung) 2006 16 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Settlementbewegung
1.1 „Toynbee Hall“ und „Hull House“
1.2 Settlement-Projekte in Deutschland
1.2.1. Hamburger Volksheime
1.2.2. Soziale Arbeitsgemeinschaft Ost (Berlin)

2 Neubeginn und Gemeinwesenarbeit als Dritte Methode

3 GWA – Mehr als die Dritten Methode

4 Stadtteilbezogene Soziale Arbeit

5 Literaturverzeichnis

1 Settlementbewegung

1.1 „Toynbee Hall“ und „Hull House“

Die Gemeinwesenarbeit hat die bundesrepublikanische Sozialarbeit der letzten Jahrzehnte geprägt. Von den Konzepten des bürgerschaftlichen Engagements, des Empowerments, der lokalen Agenda 21 bis zu Sozialraumbudgets, insbesondere für Hilfen zur Erziehung, nach § 27 SGB VIII in der Kinder- und Jugendhilfe, sind die GWA-Ansätze zu finden. Jedoch hat die Gemeinwesenarbeit keine wirkliche Tradition in Deutschland. Die zwei bedeutsamsten Projekte waren nach der Jahrhundertwende des letzten Jahrhunderts die Hamburger Volksheime und die SAG Ost in Berlin. Diese Projekte blieben jedoch einzigartig und hatten kaum Einfluss auf den später einsetzenden Theoriediskurs in Deutschland. Die geistigen Väter und Mütter der deutschen Projekte wirkten in Großbritannien, den USA und Kanada. Hier entwickelten sich bereits in den 70er Jahre des 19. Jahrhunderts Projekte die unter Settlementbewegung zusammengefasst werden.

In Großbritannien setzte die Industrialisierung zu Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu erst ein. Die dadurch entstandenen sozialen Probleme für die proletarische Unterschicht, welche als „Soziale Frage“ bezeichnet wird, lies auch einige Vertreter der Mittel- und Oberschicht nicht unberührt. Diese Verelendung des Proletariats und die Spaltung der Industriegesellschaft beschäftigte Wissenschaftler wie John F.D. Maurice und Arnold Toynbee. Sie vertraten jedoch kein klassenkämpferisches Konzept wie es Karl Marx und Friedrich Engels entwickelten, sondern appellierten an die christliche Nächstenliebe und den Verzicht auf das freie Spiel der marktwirtschaftlichen Kräfte, welche für das Elend mitverantwortlich waren. Insbesondere die Ignoranz und Tatenlosigkeit der Oberschicht, im Bezug auf diese gesellschaftliche Misere, lies sie zum Handeln übergehen. Zu Beginn taten die jungen Professoren dass was sie am Besten konnten. Sie veranstalteten öffentliche Vorlesungen in den Armenvierteln und wollten das bis dahin gehütete Wissen der Oberschicht an die Unterprivilegierten weitergeben, in der Hoffnung dies könnte zu einer Emanzipation des Proletariats führen.

Die Professoren und ihre Studenten waren davon überzeugt, dass nur eine Versöhnung der Klassen eine Verbesserung der Situation für die Armen bringen kann. Arnold Toynbee ging einen Schritt weiter und verbrachte seine Ferien im Londoner Armenviertel Whitechapel. Die Idee sich als Vertreter der Mittelschicht in einem Armenviertel niederzulassen (= to settle) wurde erst nach Arnold Toynbees frühen Tod in die Praxis umgesetzt. Ziel dieser Settlements war es zum einen als Vertreter der Mittelschicht die Lebensbedingungen kennen zu lernen und zum anderen vor Ort, im Sozialraum, in der Lebenswelt der KlientInnen zu arbeiten und zu helfen. Man ging davon aus, dass wenn die Mittelschicht von den Lebensbedingungen der ArbeiterInnen unmittelbar Kenntnis erlangt und es zu Freundschaften und Sympathien kommt, dies zu einer Bewusstseinsveränderung der Mittelschicht führt und die Basis für zukünftige gesellschaftspolitische Verbesserungen für die ArbeiterInnen darstellt. Samuel Barnett und seine Frau Henrietta Barnett gründeten 1884 „Toynbee Hall“ als erstes Settlement im Osten von London. Die Hilfe, die man den ArbeiterInnen hier bot, sollte ihnen „Wege zur Selbsthilfe weisen und Verständnis zwischen Besitzenden und Besitzlosen wecken“ (Oleschlägel 2001a, 655). So wurden Angebote der Kinder- und Jugendarbeit, Erwachsenenbildung und Beratung angestoßen. Neben der Praxis wurde aber auch Forschung betrieben um die Problemlagen ursächlich zu behandeln. Der Großteil der Arbeit wurde von Studenten übernommen, die als zukünftige Verantwortungsträger und Bindeglieder in die Kreise der Mittel- und Oberschicht für die Belange der ArbeiterInnen gewonnen wurden. In wenigen Jahrzehnten wuchs die Settlementbewegung heran und feierte in den USA und Kanada weitere Erfolge. Einer dieser Erfolge entwickelte sich in Chicago. Im Jahr 1889 gründete die „grande dame“ der US-amerikanischen Sozialarbeit und Begründerin der professionellen Sozialarbeit, Jane Addams, zusammen mit weiteren Frauen das „Hull House“, nach dem Vorbild „Toynbee Hall“. Auch im industrialisierten Nordamerika verschärften sich die Klassengegensätze. Im Unterschied zu Großbritannien gab es jedoch kein staatliches Sozialsystem, welches zumindest das Leid ein wenig lindern konnte, sondern nur rein privat finanzierte Initiativen, welche häufig bürgerliche Wertvorstellungen als Bedingungen für die Hilfe stellten.

Ein weiters sozialpolitisches Problem stellten die zahlreichen MigrantInnen aus Europa dar. Hierbei handelte es sich um gut ausgebildete ArbeiterInnen die in den Elendsquartieren Chicagos auf ein besseres Leben hofften. „Hull House“ setzte nicht auf eine Assimilation der MigrantInnen, sondern wollte die kulturelle Vielfalt und Identität der MigrantInnen in der Arbeit des „Hull House“ bewahren und so Integration fördern. Ziel der unterschiedlichen sozial-, kulturell- und bildungspolitischen Angebote des „Hull Houses“ war es die Handlungsfähigkeit der BewohnerInnen zu stärken und die Lebensbedingungen in der Nachbarschaft zu verbessern. Jane Addams engagierte sich auch sozialpolitisch in der „Frauengewerkschaft“ gegen Kinderarbeit und für den 8-Stundentag. Hier liegt auch der große Verdienst der Frauen von „Hull House“. Die Verbindung von Lebens- und Arbeitsbedingungen und der politische Kampf für deren Verbesserung.

1.2 Settlement-Projekte in Deutschland

1.2.1. Hamburger Volksheime

Wie Jane Addams reiste der Hamburger Walther Classen nach London und besuchte „Toynbee Hall“. Begeistert zurückgekehrt, wollte er in Hamburg ein ähnliches Projekt aufbauen. Von 1901 bis 1920 existierte das erste Settlement in Deutschland. Das „Hamburger Volksheim I“ war jedoch kein ordinäres Settlement wie „Toynbee Hall“ oder „Hull House“, da die bürgerlichen Initiatoren sich nicht im Armenviertel niederließen. Im Zentrum der Arbeit stand das Ziel der Klassenversöhnung, jedoch eher als eine Assimilation der ArbeiterInnen durch bürgerliche Wert- und Moralvorstellungen. Die Arbeit mit Jugendlichen war für die Männer des Volkshauses von hoher Bedeutung. Aber auch hier war die Vorstellung von unfertigen und gefährlichen Jugendlichen handlungsleitend. Man wollte die Arbeiterjugendlichen durch Vermittlung bürgerliche Moralvorstellungen schützen und als Menschen vollenden. Das Volksheim wurde durch das Bürgertum konzeptionell geleitet. Mitbestimmung durch die Benachteiligten war nicht erwünscht. Dies änderte sich erst nach Beendigung des ersten Weltkrieges. Diese zweite Phase, welche von 1920 bis 1929 dauerte, wurde geprägt durch die neu entstandene und selbstbewusste Jugendbewegung.

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Details

Seiten
16
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638573160
ISBN (Buch)
9783640118076
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64524
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH)
Note
1,3
Schlagworte
Geschichte Gemeinwesenarbeit

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Titel: Geschichte der professionellen Gemeinwesenarbeit