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Der Nutzen von Mentalitätsgeschichte für die Ethnologie der Sinne

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 15 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mentalitätsgeschichtsforschung und ihre Mängel

3. Der Geruch in der europäischen Geschichte seit dem 18. Jahrhundert
3.1 Pesthauch und Blütenduft
3.1.1 Erdausdünstungen und Fäulnistheorien
3.1.2 Geruch und Geschlecht
3.1.3 Geruch und Gesellschaftssystem
3.2 Ein olfaktorischer Streifzug durch Wiens Geschichte und Gegenwart

4. Die Bedeutung von Gehör und Klanglandschaften seit dem 18. Jahrhundert
4.1 Die Sprache der Glocken
4.1.1 Zerstörung einer Klanglandschaft
4.1.2 Widerstand gegen die Reduzierung der Glocken
4.1.3 Glockenaffären
4.1.4 Bedeutungsverlust im 19. Jahrhundert
4.2 Eine kurze Geschichte des Lärms

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit befasse ich mich mit der Mentalitätsgeschichte, einer historischen Disziplin, die sich unter anderem auch mit dem Riechen und Hören in früheren Jahrhunderten auseinandersetzt und mithilfe dieser Sinne versucht, auf das damalige Weltbild der Menschen zu schließen. Meine Arbeit wird nach einer kurzen Einführung in das Thema Mentalitätsgeschichte und deren Problematik Texte der zwei Historiker Alain Corbin und Peter Payer darstellen, die sich zum einen mit dem Geruch im 18. und 19. Jahrhundert im Allgemeinen bzw. in Wien im Speziellen beschäftigen. Zum anderen hat der Franzose Corbin eine Arbeit über die Bedeutung von Glocken im 18. Jahrhundert in Frankreich geschrieben, während Payer Forschungen über die Entstehung von Lärm seit der Industrialisierung anstellte und einen Aufsatz zu diesem Thema verfasste. Nachdem ich diese Arbeiten dargestellt habe möchte ich schließlich zu der Frage kommen, inwiefern die Mentalitätsgeschichte trotz ihrer Mängel einen Nutzen für die Ethnologie der Sinne haben kann, auch wenn die vorhandene Literatur dieser historischen Disziplin von der Ethnologie bisher kaum beachtet wurde bzw. keine Berücksichtigung in ethnologischen Texten fand.

2. Mentalitätsgeschichtsforschung und ihre Mängel

Bei den in Kapitel III und IV vorgestellten Forschungen von Alain Corbin und Peter Payer handelt es sich um die so genannte Mentalitätsgeschichtsforschung (oder kurz. Mentalitätsgeschichte). Bei diesem Konzept der Geschichtswissenschaft handelt es sich um eine Disziplin, die sich in den 1920er bis 1940er Jahren in Frankreich entwickelte und die bis heute hauptsächlich von französischen Historikern betrieben wird (Dinzelbacher 1993: XV). Ziel der Mentalitätsgeschichte ist es, Verhaltensweisen und Ausdrucksformen früherer Jahrhunderte zu rekonstruieren, um dadurch auf die damalige Weltanschauung der Menschen zu schließen (Schöttler 1989: 87). Dabei konzentrieren sich die Historiker vor allem auf das Mittelalter, da dieses mehr als alle anderen Epochen den Eindruck von Fremdheit vermittelt (Dinzelbacher 1993: XV) und beschäftigen sich in diesem Zusammenhang mit Vorstellungen, Bildern, Mythen und Werten, "die von Gruppen oder der Gesamtgesellschaft anerkannt oder ertragen werden und die Inhalte der kollektiven Psychologien bilden" (Schöttler 1989: 87f.).

Problematisch bei dem Begriff der 'historischen Mentalität'
(Dinzelbacher 1993: XVII) ist, dass es sich dabei um eine äußerst schwammige Umschreibung handelt, die von verschiedenen Autoren auf unterschiedlichste Weise ausgelegt wird. Aus diesem Grund gibt es bis heute weder einen verbindlichen Kanon, der den Gegenstand der Forschung umfasst, noch gibt es einen Konsens bei der Interpretation der Quellen (Dinzelbacher 1993: XVII). Diese Unsicherheit innerhalb der Disziplin ist aber nur ein Grund dafür, dass die Mentalitätsgeschichte bis heute von vielen deutschen Historikern abgelehnt wird. Schöttler (1989: 88ff.) führt noch zwei weitere Kritikpunkte an, aufgrund derer viele Historiker die Mentalitätsgeschichte aus ihrer Arbeit ausklammern. Zum einen – so Schöttler, der sich auf Carlo Ginzburg bezieht – gebe es unter den Begründern der Mentalitätsgeschichte (Marc Bloch und Lucien Febvre) eine Tendenz, "jedes historisches Problem auf psychologische Probleme zurückzuführen" , da sie die These vertreten, dass die Psychologie der Schlüssel zur Geschichte sei (Schöttler 1989: 88), so dass andere Lösungen und Aspekte von vornherein ausgeschlossen werden.

Ein vielleicht noch gravierenderes Problem ist die Vernachlässigung der Unterschichten, deren religiöse und kulturelle Vorstellungen nach Schöttler (1993: 92) mehr oder weniger ingnoriert werden. Wird in der Mentalitätsgeschichte also nur eine bestimmte Schicht von Menschen berücksicht und eine andere ausgeklammert, ist es unmöglich, aus diesen Betrachtungen auf das Weltbild vergangener Zeiten zu schließen, obwohl die Historiker sich dies zum Ziel gemacht haben. Darüberhinaus vernachlässigt die Mentalitätsgeschichte bei ihrer Forschung wichtige Faktoren wie "die Wirkungsmacht der Ideologien einerseits und von jener der Produktionsweisen, sozialen Hierarchien, demographischen und epidemiologischen Verhältnisse andererseits" (Schöttler 1989: 92), so dass letztlich die Vorstellung einer Gesellschaft entstehe, die allein durch "zeitlose, unterirdische Kräfte" bewegt werde.

Diese Kritikpunkte, die Schöttler teilweise von anderen Historikern übernimmt, beziehen sich erstrangig auf Arbeiten aus der Anfangszeit der Mentalitätsgeschichte. Betrachtet man Corbins und Payers Werke im Hinblick auf diese Aspekte, stellt man aber fest, dass auch sie Mängel wie vor allem die Ausgrenzung von bestimmten Personengruppen aufweisen. Bei Corbins Die Sprache der Glocken stellt sich beispielsweise schon die Frage, inwiefern sich die untersten Schichten in einem solchen Maße mit den Glockenstreitigkeiten auseinandersetzten und welche Bedeutung die Glocke für sie in ihrem täglichen Leben darstellte. In Pesthauch und Blütenduft wird die Situation der ärmeren Bevölkerung schon deutlicher und Corbin geht zumindest kurz auf deren Verhalten in Bezug auf königliche Vorschriften und das damit verbundene Gesellschaftsbild ein. Hauptsächlich geht es in seinem Werk aber doch um die Vorstellungen der Bourgeoisie, durch die soziale Abgrenzungen verschärft und Arbeiter wie Arme diskriminiert und unterworfen wurden. Auch bei Payer ist diese Tendenz zu erkennen, sich eher über Verwaltung und obere Schichten als über Vorstellungssysteme aller Gesellschaftsschichten an damalige Zeiten und deren Weltbild heranzutasten. Aufgrund dieser Feststellung sind die im Folgenden beschriebenen Arbeiten von Corbin und Payer nicht dazu geeignet, die Mentalität des 18. und 19. Jahrhunderts in ihrer Gesamtheit zu beschreiben, wobei es sich generell als unmögliches Unterfangen erweisen sollte, das Weltbild einer ganzen Gesellschaft zu rekonstruieren. Sie geben allerdings Einblicke in bestimmte Ereignisse, Gesellschaftsstrukturen und eine Sinneswahrnehmung, die sich von der heutigen stark unterscheidet, so dass diese Arbeiten auch für die Ethnologie der Sinne von Interesse sein kann

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3. Der Geruch in der europäischen Geschichte seit dem 18. Jahrhundert

In diesem Kapitel widme ich mich nun mit Arbeiten von Alain Corbin und Peter Payer, die sich innerhalb der Mentalitätsgeschichte näher mit dem Geruchssinn auseinandergesetzt haben. Zunächst stelle ich Pesthauch und Blütenduft von Alain Corbin, einem französischen Geschichtswissenschaftler, der sich in diesem Werk mit dem Geruch im 18. und 19. Jahrhundert in Frankreich beschäftigt. Dabei geht es vor allem um die damalige Angst vor Gestank, der in direkter Verbindung mit Krankheit und Tod stand, und um soziale Grenzen, die in erster Linie von der Bourgeoisie gezogen wurden, um sich von den 'stinkenden' Armen zu distanzieren. Die zweite Arbeit stammt vom Wiener Historker Peter Payer, der in seinem Aufsatz Gerüche – zwischen Abfall und Stimulans, einen kurzen Überblick über die Geruchslandschaft Wiens im 18. Jahrhundert und heute gibt.

3.1 Pesthauch und Blütenduft

In seinem historischen Werk über den Geruch beschreibt Alain Corbin, welche Bedeutung dieser Sinn im Frankreich des 18. und 19. Jahrhunderts hatte, schließt von seinen Erkenntnissen auf damals herrschende Sozialstrukturen und gibt Einblicke in frühere gesellschaftliche Spannungen und Auseinandersetzungen (Corbin 1982: 13).

3.1.1 Erdausdünstungen und Fäulnistheorien

Spielt der Geruchssinn in unserer Zeit nur eine relativ untergeordnete Rolle gegenüber anderen Sinnen wie dem Sehen und Hören, so wurde ihm am Ende des Ancien Régime eine sehr viel größere Beachtung geschenkt. Das 18. Jahrhundert war die Zeit von so genannten Fäulnistheorien und der Vorstellung, die Erde würde giftige Gase, gleichzeitig aber auch „balsamische Ausdünstungen“ (Corbin 1982: 35) von sich geben. Diese Vorstellungen, die in erster Linie von Chemikern und anderen Wissenschaftlern verbreitet wurden, führten dazu, dass Bauern bei der Arbeit um ihr Leben fürchteten, morastige Gegenden so gut es ging ganz gemieden wurden und Risse in der Erde als eine der schlimmsten Bedrohungen angesehen wurden, da durch sie die giftigen Dämpfe ungehindert entweichen konnten (Corbin 1982: 36). Gleichsam ging man davon aus, dass die Erde unheilvolle Dämpfe aufsauge, speichere und sie nach einiger Zeit wieder ausspeie. Dieser Gedanke entstand durch die Tatsache, dass der Boden sich tatsächlich mit Faulendem und stark Riechendem wie Kot, Unrat, Aas und Leichen 'vollsog' und dementpsrechend manches Stück Land nach und nach kaum noch bewohnbar war, da der Gestank unerträglich wurde.

Aber nicht nur ländliche Gegenden waren im 18. Jahrhundert durchzogen von intensivem Gestank. Auch über den Städten, in denen damals noch katastrophale hygienische Zustände herrschten, lag immerzu eine widerwärtige Dunstschwade, die sich in erster Linie aus dem Geruch von Exkrementen und Verwesung zusammensetzte und der vor allem aus den Kloaken stammte.

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Details

Seiten
15
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638574709
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64727
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Fakultät für Verhaltens- und Empirische Kulturwissenschaften
Note
1
Schlagworte
Nutzen Mentalitätsgeschichte Ethnologie Sinne

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Titel: Der Nutzen von Mentalitätsgeschichte für die Ethnologie der Sinne