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Kontroversen um den EU-Beitritt der Türkei - Eine Diskursanalyse aus kulturwissenschaftlicher Sicht

Magisterarbeit 2006 146 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
1.1 EU und Türkei – eine kurze Einführung in die Problematik
1.2 Forschungsperspektiven
1.3 Auswahl des empirischen Materials

II. Theoretischer Teil
1. Diskursanalyse
1.1 Zum Diskursbegriff
1.2 Diskurs und Wirklichkeit
1.3 Diskurs und Macht
1.4 Diskursanalytisches Arbeiten
2. Der EU-Beitritt der Türkei als Medienereignis
2.1 Mediale Realitätsvermittlung
2.2 Medienauswahl

III. Empirischer Teil
1. Die Diskussion um den EU-Beitritt der Türkei in der Jungen Freiheit 41
1.1 Die Überlastung der EU
1.2 Der „Untergang des Abendlandes“
1.3 Die Türkei – ein fremdes Land
1.4 Migrationsflut aus der Türkei – diskursive Verknüpfung von Beitritts- und Migrationsdiskurs
1.5 Kulturelle Segregationsforderungen
2. Die Diskussion um den EU-Beitritt der Türkei in der Tageszeitung 75
2.1 EU und Türkei – „Das push-and-pull- Prinzip“
2.2 „Koloss auf tönernen Füßen“
2.3 Signal der Anerkennung – diskursive Verknüpfung von Beitritts- und Migrationsdiskurs
2.4 Muslimische Emanzipation – diskursive Verknüpfung von Migrations- und Kopftuchdiskurs
3. Die Spezifik des rechten und des linken Beitrittsdiskurses im Vergleich mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
3.1 Ein christliches Europa für ein patriotisches Deutschland
(Junge Freiheit)
3.2 Anerkennung der türkischen Migranten (Tageszeitung)
3.3 Europa als abendländische Schicksalsgemeinschaft versus Europa als Konstrukt (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

IV. Fazit

V. Bibliographie

VI. Anhang

I. Einleitung

Wer die Entwicklung der EU in den letzten drei Jahren in den Medien aufmerksam verfolgt hat, dem mögen vor allem zwei Themen besonders aufgefallen sein: Die EU-Osterweiterung und die Kontroversen um eine Aufnahme der Türkei in die EU.

Die Diskussionen kreisten dabei vor allem um die politischen Konzepte „Erweiterung und Vertiefung“ – obwohl die Konjunktion „oder“ den Sachverhalt der Debatten besser treffen würde. Zwischen diesen beiden Konzepten wird ein Widerspruch gesehen. Beides zu realisieren sei nicht möglich, lautete der Tenor der Diskussionen. Schlagworte wie „Integrationskapazität der EU“ und „Europäische Identität“ tauchten auf. Was will die Europäische Union sein, wo soll sie enden und wie viel kulturelle Differenz kann sie vertragen?

Die Osterweiterung war nun bereits beschlossene Sache, als die Diskussion in den Medien so richtig entbrannte. Man konnte kritisieren und prognostizieren – nur aufhalten konnte man die Aufnahme der osteuropäischen Staaten sowie Maltas und Zyperns nicht mehr.

Anders lagen die Dinge bei der Türkei. Obwohl sie bereits seit 1963 assoziiertes Mitglied der damaligen Europäischen Gemeinschaft war und mittlerweile auch den Status eines offiziellen Beitrittskandidaten hat, ist eine mögliche Aufnahme des Landes am Bosporus in die EU nach wie vor umstritten. Leben wir bald in einem „Üropa“[1], betreibt Europa einen „verblendeten Harakiri“[2], steht die EU vor dem „Untergang des Abendlandes“[3] oder „Schröder vor Ankara“[4] ? Die mögliche Integration der Türkei in die EU sorgte in fast allen deutschen Zeitungen für Aufregung. Die Schlagzeilen zu den Beitrittsverhandlungen reichten vom „Tag X“[5] in der rechtskonservativen Jungen Freiheit bis zu „Die EU sagt Merhaba“[6] in der linksliberalen Tageszeitung. Die Aufregung lässt sich nicht nur mit den unterschiedlichen Finalitätsvorstellungen innerhalb der EU erklären und auch nicht nur mit der Größe und dem Bevölkerungsreichtum der Türkei. „Islam sells“[7], schrieben Roberta Carnevale et al. in ihrem Buch „Europa am Bosporus (er)finden?“ und die Tatsache, dass die Türken zu etwa 99 Prozent Muslime sind, dürfte eine wichtige Erklärung für die Emotionalität der Debatten sein. Kann eine Europäische Union, deren Mitglieder überwiegend Christen sind, ein islamisch geprägtes Land aufnehmen? Fragen solcher Art, die im Zuge der Beitrittsverhandlungen immer wieder auftauchen, verhandeln auch eine europäische Identität. Verschiedene Identitätsmöglichkeiten werden hierbei in den Diskursen präsentiert: die EU als christliche Gemeinschaft, die EU als eine sich durch Demokratie und Menschenrechte auszeichnende Vereinigung, die EU als Freihandelszone oder die EU als geostrategische Zusammenschluss.

Diese verschiedenen Konzepte gehen auch mit einer unterschiedlichen Grenzziehung einher. So konstruiert z.B. der Diskurs über die EU als christliche Gemeinschaft eine Grenze zwischen Islam und Europa, während der Diskurs über die EU als Freihandelszone die Türkei aufgrund ihres im Vergleich zu den alten Mitgliedsländern enormen Wirtschaftswachstums mit einbezieht.[8] Die Türkei und Europa werden in den medialen Diskursen gerne mit einem verlobten Liebespaar verglichen: Passen sie zueinander? Kann die Heirat stattfinden? Passen sie nicht zusammen? Sollte die Verbindung gelöst werden?[9] Die Beurteilung der Vereinbarkeit der Türkei und Europa hängt somit von dem Verständnis der EU und ihrer finalen Konzeption ab. Dies macht aber auch deutlich, dass der Islam nicht alleiniges Ausschlusskriterium ist, wie in Alltagsdiskursen und einigen medialen Diskursen, z.B. in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Jungen Freiheit, oft dargelegt wird.

Die Türkei mit ihrer überwiegend islamischen Bevölkerung scheint aber ein Gegenüber für Europa zu bieten, das eine besonders emotionale Diskussion provoziert. Seit den Terroranschlägen in New York ist der Islam zum ‚Dauerbrenner’ in den deutschen Medien avanciert. Ob nun eher ein Kampf oder ein Dialog, eher eine Aufeinanderzubewegung oder eine Abschottung im Umgang mit dem Islam propagiert wird, ob auf lokaler Ebene das Verhältnis zwischen Herrn Müller und Herrn Aydın erörtert wird oder auf globaler Ebene der Umgang Amerikas mit dem Irak verhandelt wird, das Thema ‚Islam’ lässt sich gut verkaufen. So bietet auch die mögliche Aufnahme der Türkei in die EU eine Reibungsfläche, über die die Verhandlungen um eine Integration emotionalisiert werden können. Die Diskussion um die Aufnahme der Türkei bekommt durch die Verknüpfung mit dem Migrationsdiskurs und einem Diskurs über den Umgang mit dem Islam neue Dimensionen. Einerseits erhält das Thema so eine innerdeutsche Relevanz, wird doch mit dem Beitritt der Türkei auch der Umgang mit den in Deutschland lebenden Türken verhandelt. Andererseits rückt die Betonung des Islam eine mögliche Aufnahme der Türkei in eine globalstrategische Dimension, da das Verhältnis zwischen ihr und der EU als zukunftsweisend für die Verbindung zwischen dem Islam und dem Westen erachtet wird.

So verkünden die Befürworter eines Beitritts, dass, sollte die EU die Türkei mit dem Verweis auf ihre islamische Bevölkerung ablehnen, sich die Konfrontationslinie zwischen der arabisch-islamischen Welt und dem Westen verhärten, während eine Aufnahme sie entspannen würde. Die Gegner eines Beitritts argumentieren mit einer Festung Europa, die die EU vor fremden Einflüssen wie dem Islam schützen müsse, denn nur eine starke EU, die sich ihrer Identität bewusst sei, könne multilaterale Beziehungen zur islamischen Welt eingehen.

Thomas Meyer erläutert, dass der Umgang mit dem Islam von dem ihm zu Grunde liegenden Kulturbegriff abhänge. Werde er essentialistisch wie z.B. bei Samuel Huntington definiert, dann wird der Islam als Kulturkreis betrachtet, der, genau wie Europa oder der Westen, ein in sich geschlossenes, einheitliches System darstelle, in dem jede Störung zu einer Krise oder zu Degenerationen führen kann.

Bassam Tibi hingegen definiert den Islam als ein politisches Diskursmodell, wodurch Varianten wie der Euro-Islam[10] möglich seien.[11] Die beiden Kulturauffassungen gehen mit unterschiedlichem Blickwinkel auf die Diskussion um eine Aufnahme der Türkei einher. Der Vorstellung von Identität als einer Einheit, die über die dialogische Beziehung zum Anderen konstruiert werde, basiert auf einem essentialistischen oder primordialen Verständnis von Kultur.[12] Im Zuge eines europäischen Identitätsfindungsprozesses werden verschiedene historische Phasen und Ereignisse in Diskursen als einzelne Versatzstücke zu einer gemeinsamen Geschichte konstruiert, von der behauptet wird, dass sie die Menschen umfassend geprägt habe. „Invention of tradition“ wird dieser Prozess auch genannt.

„’Erfundene Traditionen’(meinen) einen Zusammenhang von Praktiken [] ritueller oder symbolischer Natur, mit denen sichere Werte und Verhaltensnormen eingeprägt werden sollen, was automatisch eine Kontinuität mit einer passenden historischen Vergangenheit bedeutet [...].“[13]

Geschichte – oder die Konstruktion von Vergangenheit, „ist offenbar eine geeignete Mobilisierungsressource im politischen Kampf um Einfluss und Macht“, so der Historiker Edgar Wolfrum. „Sie kann als Bindeglied dienen, um nationale, soziale oder andere Gruppen zu integrieren. Sie kann ausgrenzen, Gegner diffamieren und gleichzeitig das eigene Handeln legitimieren.“[14]

Die Konstruktion einer kontinuierlichen historischen Entwicklung macht den Prozess des Werdens und Gewordenseins, der Veränderung und damit auch der Veränderbarkeit unsichtbar. Das, was zu einem ‚es war schon immer so’ konstruiert wird, soll auch für immer so bleiben.

Betrachtet man Kultur hingegen als „diskursive Lebenspraxis“, wie es Thomas Meyer ausdrückt oder als situative Teilidentität, die in „bestimmten Situationen aktiviert und in anderen deaktiviert werden kann“[15], wie es sich in der neueren ethnologischen Migrationsforschung durchgesetzt hat, ergeben sich andere Perspektiven auf die Beitrittsverhandlungen. Der Blick richtet sich dann nicht auf die strikte Abgrenzung von als homogene Einheit aufgefasster Kultur gegenüber fremden Einflüssen, sondern auf Prozesse, die Synkretismen und Kreolisierungen[16] hervorbringen können, also neue kulturelle Praxen, die durch das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen ausgehandelt werden.

Auch ohne den Beitritt der Türkei ist eine strikte territoriale Trennung zwischen Islam und Europa nicht möglich, da durch Migrationsbewegungen bereits zwölf Millionen Muslime in Europa leben. Insbesondere in rechten und konservativen, aber auch in Alltagsdiskursen wird aber immer wieder versucht, Muslime einer fremden Kultur zuzuordnen, um eindeutige Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu ziehen. Durch einen Beitritt der Türkei würden die Grenzen zwischen Islam und Europa weiter verschwimmen. Verstärkt die Aussicht darauf die Rhetorik von der Abgrenzung zum Islam oder setzen sich Diskurse durch, die die Annäherung von Islam und Europa als kulturelle Ressource positiv bewerten? Der Beitrittsprozess ist als Transformationsprozess für Europa aber auch für die Türkei zu bewerten, in dem kulturelle und politische Differenzen und damit Identitäten neu ausgehandelt werden und der daher von der Europäischen Ethnologie untersucht werden sollte.

In den folgenden einleitenden Bemerkungen wird zunächst eine kurze Einführung in die Beziehungen zwischen der Türkei und der EU mit einem knappen Abriss der Geschichte der türkischen Republik geboten, um das mediale Untersuchungsmaterial aus der Jungen Freiheit, der Tageszeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in einen politischen Kontext einordnen zu können. Im Anschluss daran werden verschiedene Forschungsperspektiven auf die Diskussion um den EU-Beitritt der Türkei dargelegt, bevor die dieser Arbeit zu Grunde liegenden Forschungsfragen erläutert sowie das methodische Vorgehen reflektiert wird.

1. 1 EU und Türkei – eine kurze Einführung in die Problematik

Die Türkei vor dem Beitritt in die Europäische Union – lässt sich ihre mittlerweile über vierzigjährige Geschichte als „eine unendliche Geschichte“[17] charakterisieren, wie dies der Politologe Claus Leggewie tut? Oder hat diese ‚Geschichte’ für die Türkei doch ein baldiges Ende und sie darf Mitglied der EU werden? Die Frage sei dahingestellt. Leggewie weist jedoch mit dieser Bemerkung auf die Besonderheit der europäischen Beziehungen zur Türkei hin: Bereits seit 1959 wird über einen möglichen Beitritt des Landes am Bosporus verhandelt, wenn auch mit unterschiedlicher Intensität. Die Türkei hat mittlerweile zwar den Status eines offiziellen Beitrittskandidaten, einen Automatismus bezüglich eines Beitritts gibt es jedoch nicht, die Verhandlungen werden „ergebnisoffen“ geführt. Sowohl was die Dauer, als auch die Art und Weise der Verhandlungen betrifft, ist die Türkei ein besonderer Beitrittskandidat. Eine knappe Chronik der Beziehungen zwischen der Türkei und Europa mit einer kurzen Einführung in die für das Thema dieser Arbeit wesentlichen Punkte der türkischen Geschichte leitet in die Darlegung der wichtigsten im Medien- und Politikdiskurs vorgebrachten Argumentenkomplexe ein.

Ankara blickt gen Europa

Die Gründung des modernen türkischen Staates erfolgte am 29. Oktober 1923 durch Mustafa Kemal, genannt Atatürk, „Vater der Türken“. Atatürk brach mit der Geschichte des Osmanischen Reiches und richtete das Land konsequent nach Westen aus. Der Kemalismus verbindet westliche Verfassungselemente wie z.B. die deutsche Militärordnung, das schweizerische Zivilgesetz, das italienische Strafrecht und den französischen Zentralismus mit einer nationalstaatlichen Ideologie.[18] In tiefgreifenden Reformen diktierte Atatürk der türkischen Bevölkerung westliche Kulturelemente auf, Schrift, Bildung und Kleidung sollten sich streng an europäischen Vorbildern ausrichten. Wesentlich ist vor allem die laizistische Konzeption des türkischen Staates, was mit einer Säkularisierung des Bildungssystems und der Abschaffung von Koranschulen verbunden war. Der Islam galt Atatürk als Hindernis zur Errichtung einer modernen Republik.[19] Das türkische Militär wird heute als Hüter des Kemalismus bezeichnet, seine machtvolle Position widerspricht jedoch gleichzeitig einer Demokratisierung.

Im September 1959 bewarb sich die Türkei um eine Mitgliedschaft in der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), vier Jahre später, 1963, wurde ein Assoziationsabkommen (Ankara-Abkommen) zwischen der EWG und der Türkei unterzeichnet. Dieses sah eine stufenweise Annäherung mit dem Ziel einer Zollunion vor. Die Assoziation mit der Türkei wurde vor allem mit ihrer strategischen Lage angesichts der Ost-West-Auseinandersetzung begründet. Die Frage nach einer europäischen Identität hatte damals noch keine Rolle gespielt. Dem türkischen Verständnis nach handelte es sich weniger um eine kulturelle, als um eine politische Annäherung an Europa.

Als Reaktion auf einen Militärputsch in der Türkei wurde das Ankara-Abkommen 1982 ausgesetzt. Nach den ersten freien Parlamentswahlen im Jahr 1987 beantragte die Türkei unter ihrem Ministerpräsidenten Turgut Özal eine Vollmitgliedschaft in der EU, die jedoch 1989 abgelehnt wurde.

Der Fall der Mauer hatte die weltpolitische Lage zu diesem Zeitpunkt komplett verändert. Die EU wandte sich ihren östlichen Nachbarn zu, die Türkei verlor ihre Pufferrolle zwischen Ost und West, durch die das NATO-Mitglied eine besondere Stellung und eine spezielle Beziehung zu den USA innehatte.[20] Bei ihrer Bewerbung um eine Mitgliedschaft 1987 hatte die Türkei ausschließlich auf wirtschaftliche Argumente gesetzt, nicht jedoch auf eine politische oder kulturelle Dimension, wie die osteuropäischen Länder in ihrer Bewerbung.[21]

Das Ankara-Abkommen trat 1988 wieder in Kraft und die Verhandlungen über eine Zollunion begannen. Die EU konnte mit ihrer Zustimmung zur Zollunion (In-Kraft-Treten 1996) einen Sieg der islamistischen Refah-Partei bei den türkischen Parlamentswahlen nicht verhindern. Auf dem Gipfel in Helsinki im Dezember 1999 erkannten die Staats- und Regierungschefs der EU die Türkei als offiziellen Beitrittskandidaten an, wenn auch ohne eine Zeitperspektive für das weitere Procedere. Die Positionsänderung der EU begründet Andrea K. Riemer mit dem Willen der EU, die Beziehungen zur Türkei nicht verschlechtern zu wollen, mit dem verbesserten Beziehungen Griechenlands zu Türkei, die auch den Dialog innerhalb der EU förderten sowie mit dem Druck der USA, die mit einem EU-Beitritt der Türkei strategische Ziele verfolgen.[22]

Mit dem Status eines Beitrittskandidaten setzte, wie Leggewie hinweist, ein für die europäische Integration typischer Automatismus ein, mit regelmäßigen Forschrittsberichten und der 2001 vereinbarten Beitrittspartnerschaft.[23] Zuvor formulierte die EU 1993 die sogenannten „Kopenhagener Kriterien“, die jedes potentielle Land als Voraussetzungen eines Beitritts erfüllen muss. Das Auswärtige Amt fasst die drei Bereiche dieser Kriterien folgendermaßen zusammen:

- Das politische Kriterium: Institutionelle Stabilität, demokratische und rechtsstaatliche Ordnung, Wahrung der Menschenrechte sowie Achtung und Schutz von Minderheiten
- Das wirtschaftliche Kriterium: Eine funktionsfähige Marktwirtschaft und die Fähigkeit, dem Wettbewerbsdruck innerhalb des EU-Binnenmarktes standzuhalten.
- Das Acquis-Kriterium: Die Fähigkeit, sich die aus einer EU-Mitgliedschaft erwachsenden Verpflichtungen und Ziele zu eigen zumachen, das heißt: Übernahme des gemeinschaftlichen Regelwerkes, des sogenannten „gemeinschaftlichen Besitzstandes“ (Acquis communautaire).[24]

Im Artikel zwei Absatz zwei des vom Konvent ausgearbeiteten Verfassungsentwurfs heißt es: „Die Union steht allen europäischen Staaten offen, die ihre Werte achten und sich verpflichten, ihnen gemeinsame Geltung zu verschaffen.“ Doch welche Werte sind es, die die Europäische Union ausmachen? Genügt die Erfüllung der Kopenhagener Kriterien oder muss es für eine Mitgliedschaft darüber hinausgehende Prämissen geben? Diese Frage weist auf den Kern der Problematik der Beziehungen zwischen der Türkei und der EU hin.

„Bei der Frage nach einer EU-Mitgliedschaft der Türkei geht es im Kern auch um das Konstrukt „Europa“. Ist Europa ein Kulturraum, ein geographischer oder ein historischer Raum? Ist Europa ein Synonym für die Einheit in Vielfalt in einem System souveräner Staaten?“[25]

In den Diskussionen um einen EU-Beitritt der Türkei wird daher auch die Frage verhandelt, welche finale Konzeption sich die EU geben möchte und welches Identitätskonzept sie für das ‚Konstrukt EU’ beansprucht. Eine Stellungnahme zur Mitgliedschaft der Türkei und damit auch zu den Grenzen der EU impliziert daher auch immer eine Aussage über die Vorstellungen von der EU.[26]

Als „Ironie der Geschichte“[27] bezeichnet Leggewie die sich seit dem ersten Assoziierungsabkommen gewandelte politische Ausrichtung der EU und der Türkei. Die damalige Europäische Wirtschaftsgemeinschaft hat sich zu einer politischen Union entwickelt, die Türkei zu einer stärker islamischen Republik. Damit seien heute völlig andere Rahmenbedingungen gegeben als damals.

„Verweigert am Ende der Geschichte eine in Identitätszweifel geratene EU der von mäßigen Islamisten demokratisierten Türkei die Aufnahme, obwohl doch genau wegen dieser Regierungsübernahmen die gestellten Bedingungen mehr denn je erfüllt wurden?“[28]

Das Zitat von Claus Leggewie weist bereits auf die Regierungsübernahme der gemäßigten Islamisten hin. Am 3. November 2002 erreichte die Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) unter Recep Tayyip Erdogan und Abdullah Gül bei den türkischen Parlamentswahlen 34,3 Prozent und damit eine Zweidrittelmehrheit im Parlament. Die demokratischen, zivilgesellschaftlichen und wirtschaftsfreundlichen Forderungen der AK-Partei waren neben dem Vertrauensverlust in die etablierten Partein ausschlaggebend für den Wahlsieg.[29]

Erdogan setzte den von seinen Vorgängern initiierten Reformprozess konsequent fort und forcierte die Beitrittsperspektive zur Europäischen Union. Zu den wesentlichen Reformpaketen gehören die Beschneidung des politischen und gesellschaftlichen Einflusses des Militärs, die Stärkung der Zivilgesellschaft sowie die Fortentwicklung des Justizwesens. Bekannt wurde letztere vor allem durch die Streichung des Artikels zur Strafbarkeit separatistischer Forderungen, was erstmals die Ausstrahlung von Sendungen in Kurdisch und kurdischen Schulunterricht legalisierte.[30]

Aus europäischer Perspektive lässt sich die Beziehung zwischen der Türkei und der EU folgendermaßen weiter skizzieren. Im Dezember 2002 beauftragten die europäischen Staats- und Regierungschefs auf einem Gipfel in Kopenhagen die EU-Kommission, im Oktober 2004 einen Bericht vorzulegen, der die Aufnahme oder Ablehnung von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei empfehlen sollte. Die EU-Kommission unter Erweiterungskommissar Günther Verheugen empfahl am 6. Oktober 2004 die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen, jedoch mit der Einschränkung, dass dies ein Verfahren mit offenem Ausgang sei und ein positives Ergebnis nicht vorab garantiert werden könne. Auf der Grundlage dieses Berichts entschieden die Staats- und Regierungschefs am 17. Dezember 2004, Beitrittsverhandlungen mit der Türkei aufzunehmen, die am 3. Oktober 2005 beginnen sollten.

Der Wahlsieg der AK-Partei im November 2002 sowie der Beschluss der europäischen Staats- und Regierungschefs, Beitrittsverhandlungen mit der Türkei aufzunehmen, markieren die zeitlichen Eckpunkte des für diese Arbeit ausgewählten Untersuchungsraumes. Die Diskussion um eine mögliche Aufnahme der Türkei ist durchaus nicht neu, jedoch entflammte sie im Vorfeld des Europäischen Rates im Dezember 2002 besonders intensiv und konzentrierte sich erstmals auf die Diskussion um ein Für und Wider eines Beitritts. Die Debatte in Deutschland wurde nicht nur von Politikern geführt, sondern veranlasste auch Wissenschaftler, Schriftsteller etc. zu einer Stellungnahme. Als bekannte Gegner positionierten sich hierbei die beiden Historiker Hans-Ulrich Wehler und Heinrich August Winkler mit ihren folgenden Artikeln „Die türkische Frage. Europas Bürger müssen sich entscheiden“[31] und „Ehehindernisse: Gegen einen EU-Beitritt der Türkei“[32].

Die Argumentationen

Claus Leggewie unterscheidet in der Diskussion zwei Argumentationsstränge. Der eine Strang dokumentiert die europäische Selbstfindung, die sich – in Analogie zum Orientalismus – an der Türkei ihrer Identität vergewissert. Der andere Argumentationsstrang fokussiert den Grad der Erfüllung der Kopenhagener Kriterien. Fünf Identitätskonzepte und damit einhergehende Argumentationskomplexe lassen sich im ersten Argumentationsstrang unterscheiden[33]:

1. Europa als geographischer Raum
2. Europa als historische Erinnerungs- und Schicksalsgemeinschaft
3. Europa als Erbe des christlichen Abendlandes
4. Europa als kapitalistische Marktgemeinschaft mit sozialstaatlichen Elementen
5. Europa als Hort von Demokratie und Menschenrechten

Diese zwei Argumentationsstränge lassen sich nicht strikt voneinander trennen, sie markieren lediglich Ausgangspunkte einer Argumentation. Oft werden sie auch miteinander verwoben, um Aussagen und Forderungen zu bekräftigen. Wird beispielsweise der Annäherungsprozess an die Kopenhagener Kriterien und an die EU positiv dokumentiert, so wird meist auch mit einem Verständnis von Europa als Hort von Demokratie und Menschenrechten argumentiert, was die EU in ihrem Modernisierungsprozess unterstützen sollte.

Einen guten Überblick über die verschiedenen Argumente der Türkei-Debatte liefern Claus Leggewie (2004) mit einer Sammlung der wichtigsten Positionen sowie Heinz Kramer (2003). Schätzen die Befürworter einer türkischen EU-Mitgliedschaft das Potential der türkischen Schwellenökonomie und ihre vielen jungen Bewohner, die islamische Demokratievariante, den Brückenschlag in die arabische Welt, verbunden mit der Hoffnung auf eine Pazifizierung der Region, so kritisieren die Gegner die relative Armut der Türkei, ihre künftige Bevölkerungsgröße, die instabile Demokratie, die unterstellte Alterität des Islam und potentielle Anrainerkonflikte.[34]

1.2 Forschungsperspektiven

In der Fachbezeichnung ‚Europäische Ethnologie’ wird bereits ein Bezugspunkt dieser Disziplin genannt: Europa. Das Forschungsinteresse richtet sich dabei zunächst ganz allgemein auf den Integrationsprozess und auf Migrationsbewegungen. Dies sind Forschungsfelder, die andere Disziplinen, wie die Politikwissenschaft, die Geschichte oder die Soziologie auch zunehmend in ihren Fokus gerückt haben. Die Europäische Ethnologie kann und sollte mit ihren Fragestellungen und Instrumentarien jedoch auch einen wichtigen Beitrag zur Erforschung und Begleitung des Europäisierungsprozesses leisten.

Klaus Schriewer vertritt in seinem Aufsatz: „Herausforderung Europa, Kulturwissenschaftlich-volkskundliche Theoriebildung im Lichte der europäischen Integration“ die Auffassung, dass „die Europäische Integration [...] ohne begleitende Studien zu kulturellen Implikationen kaum vorstellbar [ist], denn das Verständnis von Europa als Einheit in der (kulturellen) Vielfalt bedarf der Übersetzungsarbeit zwischen den (nationalen) Kulturen.“[35] Seiner Ansicht nach sollte der europäische Integrationsprozess einen wichtigen Stellenwert in der Volkskunde bekommen, da er Sinnstrukturen für die EU-Bürger formiere, die Alltagskulturen und soziale Praxen mittlerweile weitgehend beeinflussten.[36] Er plädiert dafür, die politischen Institutionen der Europäischen Union und deren Beziehungen zu den Nationalstaaten, den Gesellschaften und den einzelnen Bürgern als verschiedene Ebenen kulturbildender Prozesse in eine Analyse des Europäisierungsprozesses mit einzubeziehen. Kultur sollte nach Schriewers Auffassung nicht ausschließlich als Produkt endogener Prozesse aufgefasst und damit aus sich heraus erklärt werden, sondern der staatliche Kontext sollte miteinbezogen werden, der zunehmend ein europäischer werde. Ich schließe mich der Auffassung an, den politischen Kontext stärker in Analysen von alltäglicher Lebensgestaltung und populären Kulturphänomenen zu berücksichtigen, da Lebensentwürfe und Alltagswirklichkeit von der politischen Makroebene beeinflusst werden. Die Medien sollten jedoch auch als Vermittler von Sinnstrukturen im Rahmen des Europäisierungsprozesses mit beachtet werden. Dieser Aspekt fehlt in Schriewers Ausführungen. Medien bilden die Realität nicht einfach ab, sondern konstruieren sie. Sie liefern Interpretationsmuster für komplexe politische Geschehnisse wie die europäische Integration, sie konstruieren Grenzziehungen und bieten damit auch Identitätsressourcen an.

Der Diskurs über den EU-Beitritt der Türkei wurde aus ethnologisch-kulturwissenschaftlicher Sicht bisher noch nicht untersucht. Insbesondere Politologen, Historiker und Wirtschaftswissenschaftler analysierten aus ihren jeweils spezifischen Sichtweisen die Beziehung zwischen der Türkei und der EU und positionierten sich damit nicht nur im wissenschaftlichen, sondern auch im medialen Diskurs. Die Europäische Ethnologie kann in diesem Forschungsfeld mit ihrem ethnologisch-kulturwissenschaftlichen Blick natürlich dargestellte Grenzziehungen als Konstrukte aufzeigen und damit auf Ausgrenzungsprozesse und Machtverhältnisse hinweisen und sie kritisieren. Kulturalistische Interpretationen von Konflikten können offengelegt und alternative Deutungsmuster angeboten werden. Die Methode der Diskursanalyse ermöglicht, diskursive Verknüpfungen, z.B. von Beitritts- und Migrationsdiskursen zu dekonstruieren und die als natürlich dargestellte Kausalität damit zu hinterfragen. Die Europäische Ethnologie sollte, mit den Worten Schriewers, zum „konstruktiv-kritische(n) Gegenspieler“[37] der europäischen Politik werden.

Durch die Analyse des medialen Diskurses um den EU-Beitritt der Türkei wurde deutlich, dass die Sichtweise auf Migranten, vor allem türkischer Herkunft, maßgeblich für die Positionierung im Beitrittsdiskurs ist. Woran wird die den türkischen Migranten zugeschriebene Fremdheit festgemacht? Mit welchen Identitäts- und Kulturkonzepten wird dabei gearbeitet und wie wird das Fremde konnotiert – als Gefahr oder als Bereicherung? Dies sind Problemstellungen, die die Diskurse um die Aufnahme der Türkei in die EU beeinflussen. Die Stärke der Europäischen Ethnologie ist es, mit ihren Forschungsschwerpunkten und ihren Methoden kulturelle Differenz als soziales Konstrukt aufzuzeigen und somit vorherrschende Zuschreibungen von Differenz in Frage zu stellen und den Blick auf sie zu verändern, denn „in der Betonung des Fabrizierten und Konstruierten in Sprache und Bildern steckt [...] der Verweis auf Veränderbarkeit.“[38]

Andreas Ackermann liefert einen Überblick über die ethnologische Migrationsforschung seit 1920, deren Wichtigkeit er in „dem Insistieren auf dem Stellenwert sozialer und kultureller Faktoren bei der Analyse von Migrationsphänomenen“[39] sieht.

Mit den türkischen Migranten in Deutschland beschäftigte sich die Migrationsforschung vor allem im Rahmen der Gastarbeiterforschung seit etwa Mitte der siebziger Jahre. War die Anwerbung von Arbeitskräften aus der Türkei Anfang der sechziger Jahre ursprünglich als temporales Phänomen konzipiert, blieben diese – oft auch gegen ihre eigenen ursprünglichen Erwartungen – in Deutschland. Aus den Gastarbeitern wurden Ausländer, Türken und Muslime.[40]

Wie Franziska Becker darlegt, untersuchte die so genannte Ausländerpädagogik und Migrationsoziologie die Folgen von Einwanderung und Gastarbeit nach der Bedeutsamkeit von ethnischen Unterschieden für das Verhältnis zwischen Einheimischen und Migranten. Diese Arbeiten basierten vor allem auf dem primordialen Kulturkonzept, welches verschiedene Kulturen als fraglos gegeben ansieht und eine Tradierung der Kultur als selbstverständlich voraussetzt.[41] Individuen internalisierten demnach Kultur durch Sozialisation und Enkulturation im Sinne einer Ansammlung von Normen und Werten, die für sie fortan handlungsleitend ist. Problematisch daran ist, dass Kultur als nicht veränderbar konzeptionalisiert wird im Sinne von „einmal Türke – immer Türke“[42]. Migration bedeutet demnach eine Wanderbewegung in eine andere kulturelle Sphäre, die mit Problemen sowohl für die Einwanderer als auch für die Aufnahmegesellschaft behaftet ist. Die Migranten, in diesem Falle die Türken, wurden in Deutschland mit einer anderen Kultur konfrontiert, Migrantenkinder waren zwischen zwei Kulturen hin- und hergerissen. Integrationsprobleme wurden in diesem Modell als Kulturkonflikte und Identitätsstörungen interpretiert, soziale Benachteiligung, Diskriminierung sowie fehlende politisch-rechtliche Gleichberechtigung blieben als Ursachen von Konflikten unerörtert.[43]

Martin Sökefeld verdeutlicht, dass gerade dieses primordiale Kulturverständnis[44] die Integration der Migranten erschwert habe, da sie nur dann als gelungen bezeichnet wurde, wenn die Einwanderer ihre Herkunftskultur zumindest teilweise aufgaben und sich assimilierten. Integrationsstrategien der Einwanderer und ihre eigenwilligen Verortungen („Wir sind Frankfurter Türken“) blieben dabei unberücksichtigt.[45] Die Kategorie ‚Ethnizität’, verstanden als Berufung auf eine kulturelle Herkunft und ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer bestimmten ethnischen Gruppe, wurde dabei zum zentralen Deutungsmuster für soziale Konflikte mit Migranten. Demgegenüber definiert Wolf-Dieter Bukow Ethnisierung als Zuschreibungsprozess von kulturellen Merkmalen und damit als Mittel zur Organisation von gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Wahrgenommene Differenzen würden ethnisch und nicht sozial codiert, um Migranten gesellschaftlich auszugrenzen.

„Bei der Ethnisierung handelt es sich um eine Form der Fremdbestimmung, bei der im Prozess einer Bedeutungskonstitution bestimmte – tatsächliche oder fiktive – kulturelle Merkmale zu Verfügungspotentialen werden, die als Begründung von Diskriminierung und Exklusion herangezogen werden.“[46]

Durch die Fokussierung auf den gesellschaftlichen Umgang mit Migranten und den ihnen widerfahrenden Zuschreibungen wird auf einen Ethnizitätsbegriff zurückgegriffen, der ethnische Identität als ein „Handlungsresultat bzw. als einen Diskursmodus von historisch situierten Akteuren [auffasst], deren spezifische Praktiken durchgängig sozial kontextualisiert sind.“[47]

Ayşe Çağlar betrachtet in dem Zusammenhang Kultur als eine „zufällige Ansammlung von Elementen, von denen neue entliehen und andere aufgegeben werden, von denen einige bekannt werden und sich in einem weiteren Feld verbreiten, während andere auf kleine Bereiche beschränkt bleiben.“[48] Demnach könnten Türken in Deutschland in Anlehnung an Lévi-Strauss auch als „bricoleurs“, als „kulturelle Bastler[49] verstanden werden, die hybride Identitätsformen aus verschiedenen kulturellen Ressourcen kreierten.[50]

Die Ausführungen von Edward W. Said und Stuart Hall waren für das Erfassen des Verhältnisses zwischen dem Westen und der islamischen Welt bzw. zwischen dem Okzident und dem Orient maßgeblich. Said stellte in seinem bahnbrechenden Werk „Orientalismus“ die These auf, dass der Westen finstere Orte wie den Orient immer imaginieren musste, um sich anschließend unter dem Paradigma des universalen Fortschritts als deren Überwinder und Erlöser repräsentieren zu können. Der politischen Unterwerfung im Rahmen des Kolonialismus folgte die diskursive Überformung des Orients durch Wissenschaften, Erzählungen und Bilder. Die westlichen Projektionen auf den Orient bezeichnet Said als Orientalismus, als „ein System ideologischer Fiktion“[51] zur Beherrschung des Orients. Um die von Asien ausgehende Fremdheit und Feindschaft zu überwinden, hätte der Orient vorgestellt, erobert, eingenommen und schließlich durch Gelehrte, Soldaten und Richter neu erschaffen werden müssen.[52] Auch wenn Saids Thesen aus den siebziger Jahren stammen, sind sie für die Türkei-Debatte aktueller denn je, denn wie der Orient Europa dazu verhalf, sich als dessen kontrastierendes Bild zu entwerfen, so dient die Türkei heute Europa zur Formierung einer europäischen Identität.

Stuart Hall hebt hervor, dass der Westen eine Vorstellung, ein Konzept sei, welches uns ermögliche, Gesellschaften zu charakterisieren und zu klassifizieren. „Es [das Konzept, Anm. K.J.] produziert eine bestimmte Art von Wissen über einen Gegenstand und bestimmte Haltungen ihm gegenüber. Kurz, es funktioniert als Ideologie.“[53] Der Diskurs über den Westen zielt darauf ab, die vielen verschiedenen Identitätsformen, wie z.B. Nation, Kultur, Klasse und Geschlecht zu einer einheitlichen Form der Identifizierung zu konstruieren und damit unsere Wahrnehmung der Welt gemäß einfacher Dichotomien zu lenken.[54]

Das Verhältnis zwischen der Türkei und der EU wird in dieser Arbeit anhand von drei Zeitungen untersucht, wobei die Analyse der linksliberalen Tageszeitung und der rechtskonservativen Jungen Freiheit im Vordergrund steht.

Die Untersuchungen zu Argumentationen der Neuen Rechten[55] bildeten daher ein Hintergrundwissen für das Verständnis und die Bearbeitung der medialen Diskurse.

Im Diskursfeld der Neuen Rechten ist an prominenter Stelle die Analyse Pierre-André Taguieffs zur Verschiebung vom biologistischen zum kulturellen Rassismus sowie zu den Strategien des Anti-Rassismus zur Formierung einer Gegenargumentation zu nennen. Der traditionelle Rassismus habe mit einem biologistischen Kategoriegerüst gearbeitet, d.h. er habe vorausgesetzt, dass das Soziale und Kulturelle biologistisch determiniert seien und dass eine natürliche Ungleichheit zwischen menschlichen Gruppen bzw. Rassen bestehe, die hierarchisch klassifiziert wurde.[56] Der Antirassismus habe dagegen relativistisch argumentiert, den Wert kultureller Vielfalt betont und als Bereicherung menschlicher Existenz begriffen. Dieser differentielle Relativismus wurde vom Rassismus „verkehrt“ und zu einem differentiellen Rassismus entwickelt, der heterophile Aussagen (Recht auf Differenz) heterophoben Aussagen vorziehe.

„Die Verabsolutierung der Differenz erlaubt es, die Idee, dass bestimmte ‚menschliche Gruppen’ (der Ausdruck selbst ist ein Euphemismus) gerade wegen ihrer radikalen Differenz nicht assimilierbar seien, als eine absolute Gewißheit darzustellen.“[57]

Die strategische Wende vom biologistischen zum kulturalistischen Rassismus bestehe vor allem darin, sich gegen den Vorwurf des Rassismus zu verteidigen, indem die Konzeption der Nation bejaht werde. Daraus ergebe sich,

„[...] dass noch die schärfsten Aufforderungen zum Haß, zur Zurückweisung und zur Abweisung etc. es schaffen, sich als logische und legitime Schlussfolgerungen einer patriotischen Überzeugung oder eines Bezugs auf republikanische Traditionen, der Achtung kultureller Identitäten oder des Rechts auf Differenz darzustellen.“[58]

Der Ethnologe Werner Schiffauer erläutert in seinem Aufsatz „Europäische Ängste – Metaphern und Phantasmen im Diskurs der Neuen Rechten in Europa“, dass der rechte Diskurs Ängste vor dem Fremden in der Metaphorik des Körpers ausdrücke, die in Deutschland vor allem um die „Frage des Schluckens, des Verdauens und des Ausscheidens“[59] zentriert sei. Gefährlich ist demnach der Migrant, der „nicht verdaut“ sei und damit nicht Teil des Volkskörpers ist. Diese Metaphorik erklärt nach Schiffauer auch, warum in Deutschland der Assimilationsdiskurs vorherrscht.[60] Die Parteiprogramme europäischer rechter Parteien lieferten das Material für Schiffauers Analyse. Rechtsintellektuelle Medien wie die JF blieben in seiner Analyse unberücksichtigt. Da diese jedoch ein breit gefächertes und tiefgründigeres Material als Parteiprogramme liefern, können sich von einer solchen Untersuchung neue Erkenntnisse versprochen werden.

In Zusammenhang mit der Analyse rechter Argumentationen ist weiterhin auf die Arbeiten von Etienne Balibar (1990) und Verena Stolcke (1994) zu verweisen.

Des Weiteren setzten sich das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) diskursanalytisch mit Rassismus im Alltag und rechtsextremen Tendenzen in Medien auseinander. Exemplarisch seien die Arbeiten von Siegfried Jäger: „Brandsätze. Rassismus und Alltag“ sowie die Arbeit von Margret Jäger „Fatale Effekte. Die Kritik am Patriarchat im Einwanderungsdiskurs“ genannt. Letztere analysierte die Verknüpfung von Einwanderungs- und Frauendiskurs, die eine Verstärkung der rassistischen Aussage bewirkte. Wie im Kapitel über die Diskursanalyse noch dargelegt wird, erwies sich Jägers Fokus auf den diskursiven Verschränkungen als recht hilfreich für diese Arbeit. Gemäß ihrem Metier konzentrieren sich die diskursanalytischen Arbeiten von Jäger und Jäger vor allem auf den Zusammenhang zwischen sprachlicher und sozialer Wirkungsmacht und auf den linguistischen Charakter sozialer und kultureller Prozesse und Strukturen, ein Forschungsansatz, der in dieser Arbeit weniger berücksichtigt wird (siehe hierzu auch die Kapitel: Reflexion des methodischen Vorgehens und Diskursanalyse).

Ein Beispiel für eine Kritik am linksliberalen Diskurs ist der Aufsatz von Frank- Olaf Radtke „Lob der Gleich-Gültigkeit. Die Konstruktion des Fremden im Diskurs des Multikulturalismus“. Radtke kritisiert, dass im Diskurs des Multikulturalismus ethnische Differenzen, wie im Modell der ethnisch homogenen Gemeinschaft, wieder als Kategorien zur Beschreibung von sozialen Verhältnissen benutzt werden. War der Multikulturalismus ursprünglich durch die positive Deutung kultureller Differenz als Anregung und gesellschaftliche Bereicherung emanzipatorisch gedacht, erwies er sich jedoch als regressive Lösung im Umgang mit Fremden, da er Migrationsphänomene nicht sozial, sondern kulturell interpretierte.

„Indem der Multikulturalismus Pluralität und Vielfalt aber mit ethnischer / nationaler Herkunft in Verbindung bringt, anthropologisiert er Ethnizität und setzt damit eine bestimmte historische Konstruktion von Gemeinschaft (und von Fremdheit) konstant.“[61]

Zu dieser Thematik sei auch auf Stuart Hall (2004) verwiesen. Ebenso wie die Analysen rechter Diskurse boten auch die Untersuchungen linker Diskurse ein Hintergrundwissen für diese Arbeit.

1.4 Auswahl des empirischen Materials

„Ein EU-Beitritt der Türkei würde nicht zu verkraftende Migrationswellen nach Deutschland auslösen, es leben doch jetzt schon zu viele Türken in Deutschland“; „Die EU ist doch kein christlicher Club, wenn die Türkei die Kriterien der Europäischen Union umgesetzt hat, kann sie auch Mitglied in ihr werden; „Die Türkei ist ein technisch unterentwickeltes Land, sie würde Subventionen in Milliardenhöhe erhalten und Deutschland müsste das mal wieder bezahlen.“

Die vorangestellten Zitate repräsentieren nur einen kleinen Ausschnitt aus der Vielzahl von Argumenten, die in Alltags- und Mediendiskursen für oder gegen einen türkischen Beitritt zur EU angebracht werden. Über kaum einen anderen Beitrittskandidaten wurde in ähnlicher Weise intensiv und emotional diskutiert wie über die Türkei, bei keinen der bisherigen Beitrittskandidaten waren die Meinungen bezüglich einer Mitgliedschaft in der EU so gespalten. Mit anderen Worten ausgedrückt: ‚Was hat die Türkei, was andere Beitrittskandidaten nicht haben?’

Die EU-Osterweiterung fand großen medialen Anklang erst kurz vor ihrer Realisierung, der Beitritt Rumäniens und Bulgariens, der nicht wie der türkische in eine vage Zukunft datiert wird, sondern bereits mit einem festen Beitrittsdatum versehen wurde, ist in den Medien wenig präsent. Es boten sich verschiedene Erklärungen für den ‚anderen’ Beitrittskandidaten Türkei in den Medien an: In der Diskussion um einen türkischen Beitritt gehe es um Machtfragen, denn eine in die EU integrierte Türkei würde die Machtstrukturen innerhalb der EU verändern. An der Türkei werde aber auch die Frage nach der Finalität des europäischen Integrationsprojekts und nach ihrer Identität diskutiert. Immer wieder wird die islamische Religion der Türken thematisiert, die ein unüberwindbares Hindernis für eine Aufnahme darstellen würde. Insbesondere in Deutschland wird die Emotionalität der Beitrittsdebatte häufig mit den hier lebenden Türken erklärt. Eine mit einem EU-Beitritt einhergehende Freizügigkeit für die Türken könnte zu einer verstärkten Migration nach Deutschland führen und damit die Integrationsfähigkeit Deutschlands überfordern.

Diese Übersicht erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder auf die moralische Vertretbarkeit der Argumente. Vielmehr soll sie auf die Struktur der Argumente aufmerksam machen. Es werden Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden konstruiert, es werden Gefahren für das Eigene inszeniert und Identitätsfragen verhandelt. Mein Interesse an dem Diskussionskomplex „EU-Beitritt der Türkei“ richtet sich weniger auf eine inhaltliche und evaluative Auseinandersetzung mit den dargebotenen Argumenten, als auf eine Analyse ihrer Struktur und Logik. Im Zuge der weiteren Beschäftigung mit dem Thema kristallisierten sich folgende Fragestellungen heraus, die dieser Arbeit zu Grunde gelegt werden: Wie wird über den EU-Beitritt der Türkei diskutiert, wie werden die Argumente für oder gegen einen Beitritt präsentiert? Welcher Logik folgt die Diskussion? Wie wird unter Einbeziehung verschiedener Debatten ein Bedeutungssystem über den EU-Beitritt der Türkei konstruiert? Um solch ein, wie es Michael Titzmann nennt, „System des Wissens und Argumentierens, das von einer Textmenge abstrahiert ist“[62], zu erfassen, bietet sich eine diskursanalytische Arbeitsweise an.

Da es im Rahmen einzelner Forschungsarbeiten bezüglich Zeit und Umfang nicht möglich ist, den Diskurs über den EU-Beitritt der Türkei in seinem gesamten Ausmaß zu erfassen, wird in dieser Arbeit nur ein Ausschnitt aus dem Gesamtdiskurs präsentiert. Die Analyse des Beitrittsdiskurses beschränkt sich auf die diskursive Ebene der Medien. Medial vermittelte Nachrichten und Reportagen werden in der Alltagswahrnehmung häufig als ‚wahr’ und ‚objektiv’ wahrgenommen, daher sind Mediendiskurse besonders dazu veranlagt, allgemein verbindliche Wahrheiten und Anschauungen, sogenannte „Doktrine“[63], zu generieren. Im Vergleich zu anderen Diskursen, beispielsweise akademischen oder politischen, kursieren Mediendiskurse in der Regel nicht nur innerhalb einer begrenzten Zahl von Individuen, sondern verbinden unterschiedliche Personen und Personengruppen durch die Akzeptanz der gleichen Meinung, wodurch ihr Einfluss auf den Interdiskurs besonders groß ist.[64]

Innerhalb der medialen, diskursiven Ebene sollen die Diskursstränge in der rechtskonservativen „Jungen Freiheit“ (JF), der linksliberalen „Tageszeitung“ (taz) und der bürgerlich-konservativen „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) analysiert werden. Die Auswahl der Medien lässt sich folgendermaßen begründen. Es wurde versucht einen möglichst repräsentativen Querschnitt durch die Medienlandschaft zu bilden. Taz und JF bilden mit ihrer linksliberalen bzw. rechtskonservativen Ausrichtung die äußersten Ränder eines medial-intellektuellen Diskurses ab, die FAZ rangiert in der bürgerlichen Mitte. Während taz und FAZ Tageszeitungen sind, erscheint die JF wöchentlich. Da es mir in dieser Arbeit jedoch nicht um eine statistisch-quantitative Analyse des Beitrittsdiskurses geht, sondern um die De- und Rekonstruktion der Argumentationsstruktur, war die Erscheinungsweise der Zeitungen für mich nicht von Belang. An dieser Stelle erscheint es sinnvoll noch einmal zu rekapitulieren, was diese Arbeit leisten kann und was nicht. Sie leistet keine systematische Auszählung bestimmter Sujets oder Topoi, was bedeutet, dass die Häufigkeit bestimmter Themen in dieser Analyse zwar beachtet wurde, jedoch nicht in einer systematischen und statistischen Aufbereitung. Sicherlich ist auch die Positionierung eines Artikels, sein Layout und sein thematisches Umfeld von Belang, jedoch eher für eine Perzeptionsanalyse von Medien als für eine diskursanalytische Arbeit, die die Logik der Argumente untersucht.

Wie sah nun die Analyse im einzelnen aus?

Um eine Anzahl von Artikeln zu erhalten, die im Rahmen einer Magisterarbeit analytisch bearbeitet werden können, entschied ich mich dazu, die Ausgaben der taz, JF und FAZ zunächst nur im Zeitraum von Oktober bis Dezember 2002 und Januar bis Dezember 2004 zu untersuchen. Sollten sich die Diskurse um den EU-Beitritt der Türkei darin als stabil erweisen, lässt sich unterstellen, dass dieses auch für das Jahr 2003 gilt, wodurch eine Stichprobenuntersuchung für 2003 als legitim befunden werden kann. Zunächst bestimmte ich Stichwörter, die ich mit der Diskussion um den EU-Beitritt der Türkei assoziierte und auf die hin ich die Artikel in den Zeitungen heraussuchte. Die Stichwörter lauteten: EU-Beitritt der Türkei, Präsentation der Türkei, Migration und Integration von in Deutschland lebenden Türken, Kopftuchdebatte und Islam, soweit er mit der Türkei oder Türken in Verbindung gebracht wurde. Selbstverständlich ließe sich die Stichwortliste noch erweitern, beispielsweise um Zypern, welches auch eine wichtige Rolle in den Verhandlungen um das türkische Beitrittsbegehren spielt. Mir kommt es in dieser Arbeit aber auf eine Diskursanalyse aus kulturwissenschaftlicher Sicht an, d.h. um die Frage, „auf welche Weise [Diskurse] kulturelles Wissen organisieren“[65]. Da dieser Punkt im Kapitel zur Diskursanalyse noch näher ausgeführt wird, sei an dieser Stelle nur kurz darauf verwiesen, dass der Fokus meiner Arbeit darauf liegt, wie in einem medialen Diskurssystem politische Räume wie die EU mit Bedeutung gefüllt werden, Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden konstruiert werden und welche Vorstellungen von homogener und pluraler Gesellschaft damit vorherrschen. Dies legitimiert meiner Ansicht nach die Auslassung des Zypern-Komplex sowie wirtschaftlicher Themen, die im Zusammenhang mit der Beitrittsdiskussion stehen.

Da ich mir zunächst einen Überblick über die Diskussion dieses Themas verschaffen wollte, unterschied ich in diesem Analyseschritt noch nicht nach unterschiedlichen journalistischen Genres. Nach einer Lektüre der Artikel und Notierung von ersten Gedanken, Assoziationen und Interpretationsansätzen wurde deutlich, dass die Diskurse um den türkischen Beitritt in die EU im Vergleich zwischen 2002 und 2004 in allen drei Printmedien keine Umbrüche aufwiesen, sondern recht stabil waren. Daher selektierte ich für 2003 stichprobenartig Artikel aus der taz, JF und FAZ nach den oben genannten Stichwörtern. Auf diese Weise sammelte ich etwa 400 Artikel, die nun nach journalistischen Genres geordnet wurden. Für meine Analyse waren besonders Kommentare, Reportagen, Hintergrundberichte u.ä. von Interesse, da diese journalistischen Formen im Vergleich zu dpa-Meldungen besonders geprägt sind von der subjektiven Einschätzung des Autors, der unterstellt werden kann, dass sie auf der Redaktionslinie der Zeitung liegt. Daher kann durch ihre Analyse eine Wiedergabe und Interpretation des in der jeweiligen Zeitung vertretenen Diskurses erfolgen. Leserbriefe wurden in der Analyse nicht erfasst, da sie oft nur wiedergeben, was Mediendiskurse bereits dargelegt haben.

Nach weiteren Lektüren der Artikel wurde ihr Inhalt auf verschiedene Diskursstränge hin verdichtet. Leitfragen für diese Verdichtungsarbeit waren: Wie werden die Türkei und die EU präsentiert, welche signifikanten Argumentationslinien und Bilder sind dieser Darstellung inhärent und welche Bedeutung kommt ihnen zu? Von besonderem Interesse waren für mich die sogenannten diskursiven Knoten, die Verknüpfungen verschiedener Diskursstränge, denn ihre Analyse kann Aufschluss über ein System von Bedeutungen geben, welches um den EU-Beitritt der Türkei konstruiert wird. Wichtig ist, dass diesen diskursiven Verschränkungen in den drei Zeitungen eine unterschiedliche Signifikanz von den Diskursproduzenten zugeschrieben wird. Daher schließt sich nach der Feststellung einer diskursiven Verschränkung die Frage nach seinem Effekt an. So stigmatisiert beispielsweise der Migrationsdiskurs in der JF die in Deutschland lebenden Türken als Fremde und inszeniert eine Gefahr, durch eine diskursive Verschränkung mit dem Beitrittsdiskurs kann diese konstruierte Fremdheit als Ablehnungsgrund eines EU-Beitritts der Türkei fungieren.

Die Migration und Integration thematisierenden Artikel wurden mit folgenden Leitfragen zu Diskurssträngen verdichtet: Unter welchen Gesichtspunkten wird Integration diskutiert? Wird Integration als diskursives Ausschlusskriterium benutzt? Wie wird kulturelle Identität mit der Frage nach gesellschaftlicher Anerkennung verbunden? Wie werden Integrationsprobleme dargestellt?

Den Zusammenhang zwischen Artikel, Diskursfragment und Diskursstrang möchte ich mit einem Zitat Siegfried Jägers verdeutlichen:

„Texte bzw. Diskursfragmente sind zunächst und auf den ersten Blick Produkte einzelner Individuen. Diskursanalyse geht es aber nicht darum, solche Produkte als individuelle Leistungen zu betrachten, sondern als Bestandteile eines (sozialen) Diskurses. Da der Diskurs aber immer nur in Gestalt individueller Produkte in Erscheinung tritt, kann die Analyse solcher Produkte auch nicht umhin, sie zunächst als solche ernstzunehmen [...] Der Blick auf das individuelle Produkt verfolgt die Absicht, Elemente des (sozialen) Diskurses zu erfassen. Schon allein deshalb ist Diskursanalyse auf die Analyse vieler individueller Produkte angewiesen, die – in ihrer qualitativen Gesamtheit – den Diskurs ausmachen.“[66]

Die JF und die taz werden in dieser Arbeit ausführlich analysiert, der Beitrittsdiskurs in der FAZ wird anschließend der Spezifik des linken und des rechten Diskurses gegenübergestellt. Dieser Konzeption lagen folgende Überlegungen zu Grunde: Die taz und die JF repräsentieren die politischen Extreme des Beitrittsdiskurses und markieren somit eine Art äußeren Rahmen, wie über den EU-Beitritt der Türkei auf medial-intellektuellem Niveau gesprochen werden kann. Mit der ausführlichen Darstellung der Diskussion in der taz und der JF möchte ich die Bandbreite aufzeigen, innerhalb derer diskutiert wird. Grundlegend zur Bearbeitung des Beitrittsdiskurses in der FAZ war die Frage, welche dieser herausgearbeiteten Diskurselemente auch in einem bürgerlichen Diskurs angeführt werden.

Damit ist der Aufbau des empirischen Teils dieser Arbeit in seinen Grundzügen bereits skizziert. Zunächst werden jedoch in einem theoretischen Teil verschiedene Überlegungen zum Diskursbegriff geboten, die auf den Arbeiten des französischen Philosophen und Historikers Michel Foucault basieren. Besondere Beachtung wird hierbei dem Verhältnis von ‚Diskurs und Wirklichkeit’ sowie von ‚Diskurs und Macht’ gegeben. Es schließen sich Ausführungen zum diskursanalytischen Arbeiten an, wobei der Schwerpunkt auf der kulturwissenschaftlichen Orientierung der Diskursanalyse liegt. Das folgende Kapitel umfasst theoretische Überlegungen zur Medientheorie und –praxis, die sich um das Verhältnis zwischen ‚Medien und Wirklichkeit’ zentrieren. Die Kurzcharakteristiken der von mir untersuchten Zeitungen „Junge Freiheit“, „Tageszeitung“ und „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schließen den theoretischen Teil dieser Arbeit ab. Im empirischen Teil werden die Beitrittsdiskurse in der JF und der taz auf ihre innere Logik sowie auf ihre diskursiven Verknüpfungen hin untersucht. Es folgt die Herausstellung der Spezifik des rechtskonservativen und linksliberalen Diskurses, die eine Gegenüberstellung mit dem Beitrittsdiskurs in der FAZ ermöglicht.

Zum Abschluss dieses einführenden Kapitels möchte ich noch darauf hinweisen, dass in dieser Arbeit der Einfachheit halber Menschen türkischer Herkunft, die bereits in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland leben, auch als ‚Migranten’ bezeichnet werden, selbst wenn die Bezeichnung ‚Menschen mit familiärem Migrationshintergrund’ hier zutreffender wäre.

II. Theoretischer Teil

1. Diskursanalyse

Der Ethnologe Wolfgang Kaschuba weist in seinen Ausführungen zur Diskursanalyse auf den inflationären Gebrauch des Begriffs ‚Diskurs’ hin, der zum modischen Schlagwort avanciert sei.[67] Damit verbinden sich variierende Begriffsdefinitionen und unterschiedliche Schwerpunktsetzungen in der Diskursanalyse, die auch von den Wissenschaftsdisziplinen abhängen, in denen diskursanalytisch gearbeitet wird. Im Folgenden werden verschiedene Überlegungen zum Diskursbegriff geboten, die auf den Arbeiten Michel Foucault beruhen. Sein Diskursmodell erwies sich für diese Arbeit als recht aufschlussreich, fokussiert es doch die Frage „nach den politischen Regeln und institutionellen Bühnen“[68], nach denen und auf denen Argumentationsweisen vorgebracht werden. Es schließen sich Ausführungen über diskursanalytisches Arbeiten an.

1.1 Zum Diskursbegriff

Im Versuch, eine allgemeine Definition des Diskurses zu liefern, bestimmt Foucault ihn als „eine Menge von Aussagen, die einem gleichen Formationssystem zugehören.“[69] Wie Dietrich Busse erläutert, dürfen Aussagen bei Foucault nicht mit Äußerungen verwechselt werden. Da diese aber immer nur im Gewand von Äußerungen erscheinen können, bezeichnet Foucault den Diskurs auch als „Menge von sprachlichen Performanzen“[70]. Foucault interessieren diese Aussagen nicht als verbale Äußerungen oder linguistisch definierte Zeichenfolge, sondern „ausschließlich als Wissenssegmente, als Teil eines das Wissen und die damit zusammenhängende diskursive und nicht-diskursive Praxis strukturierenden und ermöglichenden Formationssystems.“[71]

Einen besonders fruchtbaren Ansatz für eine Diskursanalyse in der Tradition Foucault liefert nach Meinung Siegfried Jägers Jürgen Link in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift ‚kultuRRevolution’. Link definiert den Begriff ‚Diskurs’ folgendermaßen: „wir verstehen darunter institutionalisierte, geregelte redeweisen, insofern sie an handlungen gekoppelt sind und also machtwirkungen ausüben.“[72] Für Link sind die Diskurse nicht als Ausdruck gesellschaftlicher Praxis relevant, sondern aufgrund ihrer Machtwirkungen. Da er in seinen Ausführungen nicht genau definiert, wann er einen Diskurs als geregelt und verfestigt bzw. institutionalisiert betrachtet, schlägt Jäger vor, Diskurse von vornherein als geregelt zu betrachten. Er definiert den Diskurs daher allgemein als „Fluß von Wissen bzw. Bewußtseinsinhalten durch die Zeit“[73]. Das ‚Wissen‘ präsentiert sich im Gewand des Diskurses zwar als ‚wahr‘, ist aber als solches hegemonial, daher immer nur räumlich und zeitweise gefestigt und in seiner Darlegung hinterfragbar.

„Was jeweils als ‚Wahrheit’ gilt, ist ja nichts anderes als ein diskursiver Effekt. Wahrheit ist demnach nicht irgendwie diskurs-extern vorgegeben, sondern sie wird jeweils erst historisch-diskursiv erzeugt.“[74]

Das Zitat Jägers verweist auf zwei konstitutive Eigenschaften von Diskursen. Sie konstruieren ‚Realität’ und verfügen als hegemoniale Diskurse damit über die Macht, Realität zu deuten.

1.2 Diskurs und Wirklichkeit

Diskurse sollen nicht als Abbild gesellschaftlicher Realität begriffen werden, sondern als deren konstituierender und determinierender Faktor. Dies soll nach Jäger nicht bedeuten, dass sich die Wirklichkeit auf die Existenz von Diskursen reduzieren ließe, sondern dass Wirklichkeit diskursiv gestaltet werde.[75] Demnach ist auch das Wissen, das in den Diskursen geregelt und verwaltet wird, nicht als übergeordnete Instanz zu verstehen, sondern als ein Produkt menschlichen Denkens und Handelns, das interessengeleitet und relativierbar ist.

An dieser Stelle sei kurz das Verhältnis zwischen Individuum und Diskurs erläutert. Der Diskurs wird nicht von einem Individuum gemacht, sondern der Diskurs ist überindividuell. Das bedeutet, dass das Individuum zwar einen individuellen Text produziert, der sich mit anderen Texten zu einem Gesamtdiskurs formieren lässt, das Individuum selbst kann den Diskurs jedoch nicht determinieren. Der Gesamtdiskurs ist das Resultat vieler einzelner individueller Texte, deren Gewichtung in diesem von der Beteiligung des Individuums und den sozio-historischen Bedingungen abhängt, die ihm eine Teilnahme am Diskurs ermöglichen.

„Was dabei herauskommt, ist etwas, das so keiner gewollt hat, an dem aber alle in den verschiedensten Formen und Lebensbereichen (mit unterschiedlichem Gewicht) mitgestrickt haben.“[76]

Michael Titzmann konstatiert, um wieder zum Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Diskurs zurückzukehren, dass die ‚Realität’ als die Menge des „kulturellen Wissens“ bezeichnet werden könne. Als „kulturelles Wissen“ bestimmt er

„[...] die Gesamtmenge der Propositionen, die die Mitglieder der Kultur für wahr halten bzw. die eine historische Anzahl von Texten der Kultur als wahr setzt; jede solche Proposition ist ein Wissenselement; die systematisch geordnete Menge der Wissenselemente ist das Wissenssystem.“[77]

Realität ist demnach keine ‚black box’, sondern eine durch das Denksystem der Kultur kategorisierte und transformierte ‚Realität’.[78] Kulturelles Wissen erschließe sich aus den Textklassen einer Kultur, zu denen Titzmann neben dem Texttyp den Diskurs zählt. Diskurs definiert er als „ein System des Denkens und Argumentierens.“[79] Demnach konstruieren Diskurse als kulturspezifische Denksysteme die ‚Realität’.

1.3 Diskurs und Macht

In der Aussage, dass Diskurse Realität konstruieren, steckt bereits deren zweite, konstitutive Eigenschaft: Hegemoniale Diskurse haben die Deutungsmacht über die ‚Realität’. Foucault schreibt hierzu: „Der Diskurs ist dasjenige, worum und womit man kämpft; er ist die Macht, deren man sich zu bemächtigen sucht.“[80] Als Hebel der Macht beschreibt Foucault Ausschließmechanismen wie Grenzziehungen und Verbote. Was wird als wahr und falsch empfunden, was wird tabuisiert und welche Elemente werden in den Diskursen zugelassen? „Macht schließt sich immer an Wissen und Wissen immer an Macht an.“[81] Foucault definiert demnach Macht als

„[...] die Vielfältigkeit von Kraftverhältnissen, die ein Gebiet bevölkern und organisieren; das Spiel, das in unaufhörlichen Kämpfen und Auseinandersetzungen diese Kraftverhältnisse verwandelt, verstärkt, verkehrt; die Stützen, die diese Kraftverhältnisse aneinander finden, indem sie sich zu Systemen verketten – oder die Verschiebungen und Widersprüche, die sie gegeneinander isolieren; und schließlich die Strategien, in denen sie zur Wirkung gelangen und deren große Linien und institutionelle Kristallisierungen sich in den Staatsapparaten, in der Gesetzgebung und in den gesellschaftlichen Hegemonien verkörpern.“[82]

Die Macht ist nach Foucault keine repressive Institution, sondern ein „produktives Netz“[83], welches Wissen hervorbringt und Diskurse produziert. Macht wird diskursiv transportiert und durchgesetzt und gibt den Diskursen ihre Zielrichtung. Dennoch sind sie weder den Mächten zwangsläufig unterworfen noch gegen sie gerichtet, es handelt sich eher um ein komplexes Wechselspiel, in dem der Diskurs Machtinstrument und -hindernis sein kann.[84] Jäger erklärt die Ausführungen Foucaults dahingehend, dass die Macht den einzelnen Körper durchdringe und damit zum Individuum in Beziehung gesetzt werde. Die auf es ausgeübten Machtwirkungen müssten daher von ihnen akzeptiert worden sein. Um zu erfassen, was die mächtigen Diskurse akzeptabel gemacht hat, müssen „die Akzeptabilitätsbedingungen eines Systems herausgearbeitet und die Bruchlinien seines Auftauchens verfolg(t) [werden].“[85] Damit möchte ich zur diskursanalytischen Methode überleiten.

1.4 Diskursanalytisches Arbeiten

In dem Versuch, dieser Arbeit eine Diskursdefinition zu Grunde zu legen, habe ich mich an den empirischen Arbeiten der beiden Ethnologinnen Barbara Lang und Michi Knecht orientiert, da sie einen Diskursbegriff propagieren, mit dem sich in empirischen Arbeiten wie der meinigen gut arbeiten lässt.

Barbara Lang definiert mediale Diskurse als eine „spezifische Art und Weise, ein

Thema zu repräsentieren.“[86] Der Diskurs bietet eine bestimmte „Partitur“ an, um über etwas zu sprechen und zu denken. Die diskursive Praxis, verstanden als die Gesamtheit von Regeln, modelliert diese Partitur, „die einen Diskurs als endliche Menge tatsächlich formulierter sprachlicher Sequenzen möglich mach(t)en.“[87]

Die Diskursanalyse solle nun nicht nach dem tieferliegenden Sinn eines Textes, sondern nach Differenzen zu tatsächlichen oder denkbaren Diskursformationen suchen.[88] Sie untersucht die Dominanzverhältnisse bestimmter Diskurse über andere und damit die Macht, die sich in den hegemonialen Diskursen manifestiert. Dafür muss die Diskursanalyse das Argumentationssystem in seine Strategien und Motive zerlegen und Diskursverknüpfungen dekonstruieren. Sie kann damit aufzeigen, wie unser Blick auf Prozesse wie z.B. den EU-Beitritt der Türkei diskursiv geprägt ist und welche anderen diskursiven Formationen denkbar und möglich wären. Da einzelne Diskursfragmente ihre Wirkung oft erst im Zusammenspiel mit anderen, durch Wiederholung und Variation entfalten, ist es Anliegen der Diskursanalyse, die einzelnen Fragmente zu einem Strang zusammenzufügen und die Effekte zu analysieren.

Michi Knecht bestimmt Diskurs als „Repräsentant und Nexus, als aktueller und konkreter Ausdruck der Beziehungen zwischen Kultur, Sprache und Gesellschaft.“[89] Diese neueren diskurstheoretischen Zugänge versuchen die „dichotome Spaltung aufzugeben, die materielle soziale und ökonomische Struktur einerseits und ideologisch-immaterielle Kultur andererseits rückwirkend in ein – wie auch immer genau gedachtes – Verhältnis gegenseitiger Wechselwirkung bringt.“[90] Die Diskursanalyse könne, indem sie die Präsentation der Argumente dekonstruiere, die Deklarierung sozialer Phänomene als natürlich gegeben und die Konstruktion von historischer Kontinuität aufdecken, die den Beitritt der Türkei außerhalb der diskursiv verhandelbaren Realität platziere.[91] Knecht plädiert für eine stärkere Verbindung zwischen interner (Konstitutions- und Formationsregeln) und externer Diskursebene (externe Institutionen, Dispositionen und Regulierungen, die den Diskurs erzeugen und vermitteln), um die Wirksamkeit und soziale Entstehung von Diskursen näher zu beleuchten.[92] Auch wenn dieser Ansatz in der vorliegenden Arbeit nicht berücksichtigt werden kann, lässt sich mit ihm ein weiteres ethnologisches Forschungsthema im Diskursfeld Türkei und EU aufzeigen. Im Fazit werde ich diesen Gedanken noch einmal aufgreifen, der bereits auch von Andreas Hartmann in seinem Aufsatz „Über die Kulturanalyse des Diskurses – eine Erkundung“ dargelegt wurde. So weist er auf die verschiedenen Ebenen hin, auf denen die Diskursanalyse ihren Gegenstand untersucht. Neben der internen Logik der Argumentationssysteme, wie sie auch in dieser Arbeit untersucht wird und der institutionellen Verstrickung der Diskurse, sollte sich die Diskursanalyse auf das Handeln der Subjektive im diskursiven Feld sowie auf ihr ‚kulturelles Rüstzeug’, konzentrieren. Weiterhin sollte die Diskursanalyse die Diskurse in ihrem historischen Verlauf untersuchen, da sie immer an Zeit und Ort gebunden sind.[93]

2. Der EU-Beitritt der Türkei als Medienereigniss

2.1 Mediale Realitätsvermittlung

„In modernen, fortgeschrittenen, industrialisierten, kapitalistischen Demokratien wie Großbritannien“ [oder Deutschland, Anm. K.J.], so Stuart Hall, „spielen Massenkommunikationssysteme eine entscheidende ideologische Rolle“, die darin besteht, zwischen den verschiedenen Regionen, Klassen und Kulturen einer Gesellschaft zu vermitteln.[94] Nachrichten, Informationen, Bilder und ein Gefühl für das Wichtige und Bedeutende binde die Gesellschaft täglich neu zusammen, so Hall weiter. Er schlägt vor, in Bezug auf Medien eher von der Vermittlung „praktische(n)soziale(n )Wissen(s)“[95] als von Nachrichten und Informationen zu sprechen.

[...]


[1] Focus, 12.12.2002.

[2] Wehler, Hans-Ulrich: Verblendeter Harakiri. Der Türkei-Beitritt zerstört die EU. In: APUZ B33-34/2004, S. 6-8.

[3] JF, 22.10.2004.

[4] taz, 24.2.2004.

[5] JF, 17/24.12.2004.

[6] taz, 7.10.2004.

[7] Carnevale, Roberta et al. (2005): Europa am Bosporus (er)finden? Die Diskussion um den Beitritt der Türkei zur Europäischen Union in den britischen, französischen, deutschen und italienischen Zeitungen, S. 29.

[8] So befürworten z.B. viele Briten den EU-Beitritt der Türkei, weil er einer politische Vertiefung der EU verhindern könnte, die von ihnen nicht gewünscht wird.

[9] Beispiele hierfür sind: taz, 7.10.2004: „Der Flirt wird ernst“; SZ, 23/24.11.2002: „Ehehindernisse: Gegen einen EU-Beitritt der Türkei“ oder JF, 24.11.2004. Die entsprechende Textpassage wir auf S.44 zitiert.

[10] Darunter versteht Bassam Tibi eine Variante des Islam, die mit europäischen Verfassungsnormen wie Laizismus, säkulare Toleranz und Pluralismus kompatibel sei. Vgl. Tibi, Bassam (1998 a): Europa ohne Identität. Die Krise der multikulturellen Gesellschaft, S. 257.

[11] Vgl. Meyer, Thomas (2002): Identitätspolitik. Vom Missbrauch kultureller Unterschiede, S. 150.

[12] Vgl. Hall, Stuart (1999): Ethnizität: Identität und Differenz. In: Engelmann, Jan: Die kleinen Unterschiede. Der Cultural Studies Reader, S. 93. Hall plädiert in diesem Zusammenhang für eine offene prozessuale Vorstellung von Identität, innerhalb derer Identität gerade durch Differenzen hindurch denkbar wird.

[13] Hobsbawn, E. und Ranger, T. Zit. nach: Hall 1994, S. 203.

[14] Wolfrum, Edgar (2001): Geschichte als Waffe. Vom Kaiserreich bis zur Wiedervereinigung, S. 5.

[15] Becker, Franziska (2001 b): Ethnizität und Migration. Eine kritische Lektüre des Ethnizitätsbegriffs in der Migrationsforschung. In: Ab Imperio. Theory and History of Nationalities and Nationalism in the Post-Soviet Realm, S. 18.

[16] Das Konzept der Kreolisation stammt von Ulf Hannerz und meint die Eingemeindung fremder Kultureinflüsse und die damit einhergehende Kreierung neuer kultureller Varianten ohne die Aufgabe ursprünglicher Wurzeln. Vgl. Hannzerz, Ulf (1992): Cultural Complexity. Studies in the Social Organization of Meaning. New York, S. 264 ff. Vgl. hierzu auch das Konzept der Hybridität: „Das Konzept der Hybridität erlaubt es, kulturelle und ethnische Prozesse als fließend und unabgeschlossen zu verstehen, und die Annahme von Grenzen und klar zuschreibbaren Gruppenidentitäten zu problematisieren. Als epistemologisches Instrument hinterfragt das Hybriditätsparadigma die Annahme, dass Grenzüberschreitungsprozesse marginal sind und erfasst somit komplexere soziale Analysen.“ Aus: Erel, Umut (2004): Paradigmen kultureller Differenz und Hybridität. In: Sökefeld, Martin: Jenseits des Paradigmas kultureller Differenz. Neue Perspektiven auf Einwanderer aus der Türkei. Bielefeld, S. 42.

[17] Leggewie, Claus (2004): Die Türkei in die Europäische Union? Zu den Positionen einer Debatte, S.11.

[18] Vgl. Riemer, Andrea K (2003).: Die Türkei und die EU. Eine unendliche Geschichte? In: APUZ B 10-11/2003, S. 40.

[19] Vgl. Agai, Bekim (2004): Islam und Kemalismus in der Türkei. In: APUZ B33-34/2004, S. 18.

[20] Vgl. Leggewie 2004, S. 14.

[21] Vgl. Riemer 2003, S. 41.

[22] Vgl. ebd., S. 42.

[23] Vgl. Leggewie 2004, S. 12.

[24] Vgl. www.auswaertiges-amt.de/ww/de/de_politik/aktuelles/e_raek/kop-kriterien.html (Abruf 3.1.2006)

[25] Riemer 2003, S. 41.

[26] Vgl. Carnevale et al. 2005, S.11 ff.

[27] Leggewie 2004, S. 12.

[28] Leggewie 2004, S. 13

[29] Vgl. Agai 2003, S. 21.

[30] Vgl. Riemer 2003, S. 41f.

[31] Vgl. FAZ, 19.12.2003.

[32] Vgl. SZ, 23/24.11.2002.

[33] Vgl. Leggewie 2004, S.13f.

[34] Vgl. Leggewie 2004, S. 17.

[35] Schriewer, Klaus (2004): Herausforderung Europa. Kulturwissenschaftlich-volkskundliche Theoriebildung im Lichte der europäischen Integration. In: ZfV 100/2004, S. 32.

[36] Vgl. Schriewer 2004, S. 43.

[37] Ebd., S. 35.

[38] Knecht, Michi (1991): Reduktion und Kontinuität im öffentlichen Umgang mit „Ungeborenen“: Diskursanalytische und symbol-ethnologische Zugänge. In: Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde Bd. 39 91/92, S. 201.

[39] Ackermann, Andreas (1997): Ethnologische Migrationsforschung: Ein Überblick, S. 21.

[40] Vgl. Sökefeld, Martin (2004): Das Paradigma kultureller Differenz: Zur Forschung und Diskussion über Migranten aus der Türkei in Deutschland, S. 11-14.

[41] Vgl. Becker 2001 b, S. 9.

[42] Sökefeld 2004, S.17. Vgl. hierzu auch Schrade, Achim et al.: „Culture is grown into soma, d.h. Sprache, Gestik, Denkweisen, Werthaltungen, Gefühle, Reaktionen und Verhaltensmuster etc. sind intrakulturell und zumeist subkulturell determiniert.“ Zit. nach Becker 2001 b, S. 9.

[43] Becker 2001 b, S. 9.

[44] Zur Kritik am primordialen Kulturbegriff sei auf die Arbeiten von Arjun Appadurei (1998) und Ulf Hannerz (1992) verwiesen.

[45] Vgl. Römhild, Regina (2004): Jenseits der deutschen Integrationslogik, S. 166.

[46] Bukow, Wolf-Dieter (2001): Mobilität in der Diskussion. Ethnisierungs- und Skandalierungsprozesse, S. 392f.

[47] Becker 2001 b, S. 7.

[48] Çağlar, Ayşe (1990): Das Kultur-Konzept als Zwangsjacke in Studien zur Arbeitsmigration, S.103.

[49] Ebd., S. 104.

[50] Zu einer weiteren Vertiefung der ethnologischen Migrationsforschung sei auf den bereits erwähnten Aufsatz von Andreas Ackermann verwiesen sowie auf Peter J. Bräunlein und Andrea Lauser (1997), die spätmoderne Ansätze einer „Ethnologie der Migration“ diskutieren. Als Beispiel für eine ethnologische Migrationsstudie, die auf dem situativen Ethnizitätsbegriff basiert, ist Barbara Wolberts (1998) Arbeit: „Der getötete Pass. Rückkehr in die Türkei“ zu nennen. Sie zeigt einen Forschungsansatz auf, der die Handlungsstrategien der Migranten ins Zentrum der Untersuchung stellt und damit die selbstverständliche Zuschreibung einer kulturellen oder ethnischen Identität der Migranten kritisiert. Ebenso plädiert Martin Sökefeld (2004) in dem von ihm herausgegebenen Band „Jenseits des Paradigmas kultureller Differenz. Neue Perspektiven auf Einwanderer aus der Türkei“ für einen Forschungsansatz, der Kultur als Repräsentation betrachtet, die aus bestimmten Perspektiven mit spezifischen Interessen entworfen und mit unterschiedlichen Machtansprüchen vertreten wird.

[51] Said, Edward W. (1981 b): Orientalismus, S. 362.

[52] Vgl. ebd., S. 107.

[53] Hall, Stuart (1994): Der Westen und der Rest. Diskurs und Macht, S. 139.

[54] Ebd., S. 142.

[55] In der Analyse der JF wird auf die Bezeichnung Neue Rechte näher eingegangen.

[56] Vgl. Taguieff, Pierre-André (1991): Die ideologischen Metamorphosen des Rassismus und die Krise des Antirassismus, S. 227f.

[57] Ebd., S. 242.

[58] Ebd., S. 244.

[59] Schiffauer, Werner (1995): Europäische Ängste – Metaphern und Phantasmen im Diskurs der Neuen Rechten in Europa, S. 88.

[60] In Deutschland wird die deutsche Staatsangehörigkeit aufgrund von Abstammungskriterien bestimmt. Dieses „jus sanguinis“ steht einem „jus soli“, wie z.B. in Frankreich, gegenüber, welches alle Personen, die auf dem Staatsterritorium geboren sind, als Staatsbürger betrachtet .

[61] Radtke, Frank-Olaf (1991): Lob der Gleichgültigkeit. Zur Konstruktion des Fremden im Diskurs des Multikulturalismus, S. 91.

[62] Titzmann, Michael (1989): Kulturelles Wissen – Diskurs – Denksystem. Zu einigen Grundbegriffen der Literaturgeschichtsschreibung, S. 51.

[63] Der Begriff geht auf Michel Foucault zurück. Vgl. Lang, Barbara (1998): Mythos Kreuzberg. Ethnographie eines Stadtteils 1961-1995, S. 83.

[64] Vgl. Lang 1998, S.83. Jürgen Link definiert ‚Interdiskurs’ als die Gesamtheit interdiskursiver Elemente, d.h. die Übereinstimmung von diskursiven Elementen und Teilstrukturen in Spezialdiskursen (wissenschaftliche Diskurse). Zit. nach Jäger, Siegfried (2004): Kritische Diskursanalyse, S. 141.

[65] Titzmann 1989, S. 48.

[66] Jäger 2004, S. 173.

[67] Vgl. Kaschuba, Wolfgang (1999): Einführung in die Europäische Ethnologie, S. 235.

[68] Kaschuba 1999, S. 239.

[69] Foucault, Michel: Archäologie des Wissens, S. 156. Zit. nach Busse, Dietrich (1987): Historische Semantik, S. 224. Busse bietet eine gute Zusammenfassung des Foucaultschen Diskurskonzeptes.

[70] Ebd. Zit. nach Busse 1987, S. 224.

[71] Ebd., S. 224.

[72] Link, Jürgen (1986): Kleines Begriffslexikon. kultuRRevolution 11, S.71. Zit. nach Jäger 2004, S. 127.

[73] Ebd., S. 129.

[74] Ebd.

[75] Ebd., S. 147f.

[76] Jäger 2004, S. 148.

[77] Titzmann 1989, S. 48.

[78] Vgl. ebd., S. 57.

[79] Ebd., S. 51ff. Weiterhin bestimmt Titzmann den Diskurs durch einen der Textklasse gemeinsamen Redegegenstand; durch die Regularitäten der Rede über diesen Gegenstand und durch seine Relationen zu anderen Diskursen und eventuell den von diesen entworfenen Wissenssystemen.

[80] Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses. Zit. nach Jäger 2004, S. 154.

[81] Zit. nach ebd.

[82] Foucault, Michel (1986): Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit Bd.1., S. 113.

[83] Foucault, Michel: Wahrheit und Macht, S. 35. Zit. nach Jäger 2004, S. 155.

[84] Vgl. Foucault 1986, S. 122.

[85] Foucault, Michel (1992): Was ist Kritik, S. 34. Zit. nach Jäger 2004, S. 155

[86] Lang 1998, S. 51.

[87] Ebd.

[88] Vgl. Lang 1998, S. 81.

[89] Knecht 1991, S. 194.

[90] Ebd., S. 194f.

[91] Vgl. ebd., S. 199.

[92] Ebd., S. 195 und 201.

[93] Vgl. Hartmann, Andreas (1991): Über die Kulturanalyse des Diskurses – eine Erkundung. In: ZfV, 87. Jg., S. 27f.

[94] Hall, Stuart (1989): Die strukturierte Vermittlung von Ereignissen, S. 126.

[95] Ebd., S. 127.

Details

Seiten
146
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638575478
ISBN (Buch)
9783638730044
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64839
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Kontroversen EU-Beitritt Türkei Eine Diskursanalyse Sicht

Autor

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Titel: Kontroversen um den EU-Beitritt der Türkei - Eine Diskursanalyse aus kulturwissenschaftlicher Sicht