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Norbert Elias und der Prozeß der Zivilisation. Eine kritische Auseinandersetzung anhand zweier Kapitel.

Seminararbeit 2002 14 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

“Das Verhalten im Schlafraum”

„Wandlungen in der Einstellung der Beziehungen von Mann und Frau“

Zur Kritik am Zivilisationsprozeß

Literatur

Einleitung

Mit seinem „Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation“ hat Norbert Elias ein Werk geschaffen, das anfänglich auf wenig Resonanz in der sozialwissenschaftlichen Forschung gestoßen ist. Dabei ist er einer der wenigen Soziologen, die versucht haben, einen wissenschaftsübergreifenden Ansatz hinsichtlich einer Verbindung von Individual- und Gesellschaftsstrukturen zu erarbeiten. Mit der Kombination von Geschichts- und Sozialwissenschaft und der Einbeziehung der Sozialpsychologie hat Norbert Elias außerdem versucht, das Problem des Mikro-Makro-Dualismus in der Soziologie zu entschärfen – der zweite große Verdienst eines Soziologen, der bemüht war, mit seinen Arbeiten den Sozialwissenschaftlern den „fachlichen Tunnelblick“ zu nehmen.

Und dennoch ist der Prozess der Zivilisationen nicht unkritisch zu betrachten und unhinterfragt zu akzeptieren. Anliegen des Seminars war es, einzelne Kapitel des Buches kritisch zu durchleuchten, Defizite zu erkennen und das Gesamtwerk hinsichtlich seines Nutzens für eine moderne Kulturwissenschaft zu überprüfen.

Ich habe mich auf die Kapitel „Das Verhalten im Schlafraum“ und „Wandlungen in der Einstellung zu den Beziehungen von Mann und Frau“ konzentriert und versuche in erster Linie, die Schwachpunkte dieser Kapitel zu analysieren mit Bezugnahme auf die am häufigsten genannten Kritiker Elias`. Abschließend bemühe ich mich, um eine Zusammenfassung der wichtigsten Kritikpunkte des Gesamtwerkes.

Über das Verhalten im Schlafraum

Zentraler Ansatzpunkt in diesem Kapitel ist für Elias, dass sich die Menschen im Mittelalter wesentlich unbefangener im Zusammenhang mit Schlafen, Nacktheit und Sexualität verhalten hätten wie im 16., 17. 18. und besonders im ausgehenden 19.Jahrhundert. Es sei im Mittelalter normal gewesen, dass mehrere Personen in einem Raum nächtigten, ganz zu schweigen von den Personen die in einem Bett nebeneinander schliefen, ohne, dass sie unter Befangenheitsgefühlen litten oder es ihnen peinlich gewesen wäre, sich während des Schlafens vor anderen Personen zu zeigen und ihnen damit mehr oder weniger ausgeliefert zu sein. Im Gegensatz zu unserem jetzigen Zivilisationsstandard, in dem nach Elias „das Schlafzimmer zu einem der `privatesten` und ´intimsten` Bezirke des menschlichen Lebens geworden“ (Elias 1997: 310) sei und „die meisten körperlichen Verrichtungen“ zu denen auch das Schlafen zählt „mehr und mehr hinter die Kulissen des gesellschaftlichen Verkehrs verlagert werden“(Elias 1997: 315), war diese Funktion im Mittelalter noch nicht in diesem Maße privatisiert und von dem gesellschaftlichen Leben abgetrennt.

Elias leitet sehr rasch von Massenübernachtungen in einem Raum zum Aspekt der Nacktheit über, ohne genauer auf ersteres einzugehen und es anhand von Quellen zulänglich zu hinterfragen und zu belegen. Er stellt die These auf, dass man der Laienstand ausschließlich nackt geschlafen habe, während klerikale Personen mehr oder weniger in ihrer Alltagsbekleidung zu Bett gingen. Sicherlich will er damit vor allem ausdrücken, dass keine spezielle Nachtbekleidung existierte, weil sie nicht notwendig war aufgrund der nach seiner Meinung nur gering vorhanden Scham- und Peinlichkeitsschwelle. Und es sei eher mit negativen Assoziationen verbunden gewesen, wenn sich jemand während des Schlafes bekleidete, dem dies nicht durch die Zugehörigkeit zu einer Ordensgemeinschaft oder ähnlichem auferlegt war. „Aus welchem anderen Grunde sollte man seinen Körper verstecken“ dass ein körperliches Gebrechen oder anderweitiges Defizit die Ursache für eine Nachtbekleidung sein könnte (Elias 1997: 316). Elias belegt das mit einer für diese These völlig ungeeigneten Quelle. Es ist nur einer der vielen undifferenzierten Belege, die Elias in seiner gesamten Arbeit einbaut. Nur als Beispiel für seine unzulängliche Quelleninterpretation ist hier zu erwähnen, dass der Begriff „Nacktheit“ im Mittelalter nicht unbedingt das meinte, was wir heute unter „Nacktheit“ verstehen. Hans Peter Duerr ist in seiner Kritik an Elias´ Zivilisationsprozess näher darauf eingegangen: „Wenn es im Mittelalter oder auch später heißt, jemand sei nackt gewesen, dann kann damit lediglich gemeint sein, dass der oder die Betreffende unzureichender bekleidet war als der Beschreibende es normalerweise für angebracht hielt.“ (Duerr 1988: 303).

Das spätere Bedürfnis nach einer Nachtbekleidung führt Elias auf das Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwelle zurück. Die „Unbefangenheit“ gegenüber dem eigenen Körper und sämtlichen damit verbundenen Verrichtungen „verschwindet langsam im 16., entschiedener im 17., 18. und 19 Jahrhundert, zunächst in den oberen Schichten, viel langsamer in den unteren.“ (Elias 1997: 317). Die angebliche Unbefangenheit der mittelalterlichen Menschen im Verhältnis zu ihrem Körper setzt Elias mit einer Art Kindlichkeit gleich, die er in unserem Jahrhundert auch noch bei den „Primitiven“ oder den „Wilden“ zu finden glaubt. Auch diese Annahme ist nur ein weiteres Beispiel für seine unzureichende Quellenverarbeitung und -benutzung. Sicherlich verfasste Elias seine Arbeit Ende der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts, in einer Zeit, als die Geschichtswissenschaften wohl ähnlich wie die der Anthropologie noch mit recht konservativen Aussagen arbeiteten und daher zu undifferenzierten Schlüssen kamen. Jedoch überarbeitete Elias sein Buch hinsichtlich des neuen Geschichtswissenstandes bei der Veröffentlichung Ende der 60er Jahre in keinster Weise. Neue Erkenntnisse, eine neue Herangehensweise an Forschungsproblematiken in den Wissenschaften, die er benutzen muss, um seine Theorie zu belegen, und eine differenzierte Sicht auf Geschichte und Anthropologie werden von ihm völlig ignoriert.

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Details

Seiten
14
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638140652
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6517
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Soziologie
Note
gut (2)
Schlagworte
Norbert Elias Prozeß Zivilisation Eine Auseinandersetzung Kapitel Soziologische Theorie Kultursoziologie

Autor

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Titel: Norbert Elias und der Prozeß der Zivilisation. Eine kritische      Auseinandersetzung anhand zweier Kapitel.