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Jüdisches Leben in Dessau (Sachsen-Anhalt)

Seminararbeit 2002 30 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtliches
2.1. Geschichte der Stadt Dessau
2.2. Historischer Abriss der jüdischen Geschichte in Dessau

3. Jüdische Einrichtungen
3.1. Jüdische Schulen in Dessau
3.2. Dessauer Synagoge
3.3. Israelitischer Friedhof Dessau

4. Dessauer Juden in den dreißiger Jahren
4.1. Allgemein
4.2. Ausgewähltes Schicksal eines Juden

5. Jüdische Persönlichkeiten aus Dessau
5.1. Moses Mendelssohn
5.2. Kurt Weill
5.3. Familie Cohn
5.4. David Fränkel

6. Fazit

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit soll die Geschichte der Juden in Dessau untersuchen. Die Dessauer Juden selbst haben eine solche Darstellung ihrer eigenen Geschichte nicht geschrieben. Sie hinterließen aber eine Reihe wertvoller Einzeldarstellungen.

In der Dessauer und der anhaltischen Geschichtsschreibung spielten die Juden nur eine

Seitenrolle, und bittere Wahrheiten blieben ausgespart. Bis kurz vor seinem Tode 1992 bemühte sich der Dresdener Helmut Eschwege, auch mit Hilfe des Stadtarchivs, alle wichtigen Fakten zur Geschichte der Juden in Dessau und Anhalt zu erfassen.

Die Stadt Dessau und ihre Bürger sind seit Jahrzehnten in der Schuld, die Erinnerung an ihre ehemaligen jüdischen Mitbürger wach zuhalten, über Demütigungen, Vertreibung und Vernichtung zu berichten. Genau zwei Jahrhunderte, von 1672 bis 1871, mussten vergehen, ehe die Juden der Stadt Dessau die vollen Menschen- und Bürgerrechte erhielten. Nur 60 Jahre konnten dann die Juden hier gleichberechtigt und ungefährdet leben, bis die Nazis hier bereits 1932 die Regierungsgewalt erhielten. In den darauf folgenden zwölf Jahren wurde die traditionsreiche Israelitische Gemeinde ausgelöscht.

Der Holocaust ist nicht der einzige und nicht der wichtigste Grund, warum ich mich mit der Geschichte der Juden beschäftige. Jüdische Menschen trugen wesentlich zur Entwicklung der Stadt bei, sie prägten das religiöse, wirtschaftliche, soziale, kulturelle und politische Profil der Kommune mit, sie leisteten einen unverzichtbaren Beitrag zur Stadtgeschichte. Die Vertreibung und Vernichtung der Juden war nicht nur ein Verbrechen an den Juden, sondern auch an den anderen Bürgern, ein unersetzlicher Verlust der Stadt.

Da nicht auf alle Einzelheiten bei diesem Thema eingegangen werden kann, versuche ich die wesentlichen Punkte herauszustellen und einen vernünftigen Überblick zu geben. Sicherlich ist es im Vorfeld von Bedeutung die Geschichte der Stadt im allgemeinen zu beleuchten, um anschließend auf die eigene Chronik der jüdischen Bevölkerung einzugehen. Nach diesem historischen Kurzüberblick gehe ich auf jüdische Einrichtungen der Stadt Dessau ein. Diese wurden im Laufe der Geschichte erbaut, zerstört oder stehen immer noch zur Besichtigung. Da auch hier wieder nicht auf alle öffentlichen Einrichtungen eingegangen werden kann, beschränke ich mich auf die Synagoge, den Friedhof und die Schule. Diese drei Einrichtungen scheinen mir am wichtigsten für ein Leben in einer jüdischen Gemeinde.

Wie in ganz Deutschland gab es in der Zeit des Nationalsozialismus eine einschneidende Epoche, die ohne zu überdenken in diese Arbeit mit eingegangen werden muss. Doch diese Ereignisse ausreichend und zeitnah zu beschreiben, ist nicht einfach. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen ein ganz persönliches Schicksal hier aufzunehmen. Wahrscheinlich können so Gefühle, Regungen und Folgen besser nachvollzogen werden, als die bloße Darstellung von Fakten und Zahlen.

Nicht zu vergessen sind berühmte Persönlichkeiten, die in Dessau geboren worden und hier lebten. So sind ohne Zweifel Moses Mendelssohn und Kurt Weill zu nennen. Aber auch die Familie Cohn und der damalige Schuldirektor David Fränkel dürfen in dieser Aufzählung nicht fehlen. Leider fehlen bei dieser Darstellung wiederum einige Persönlichkeiten, auf die mangels Umfang nicht eingegangen werden kann.

2. Geschichtliches

2.1. Geschichte der Stadt Dessau

„Dissowe“ wurde am 04.11.1213 erstmals urkundlich erwähnt. Spätere Urkunden machen es wahrscheinlich, dass Dessau bereits Ende des 12. Jahrhunderts als Marktsiedlung planmäßig gegründet wurde. Es lag auf der Grenze zwischen Altsiedelland und die im 12./13. Jahrhundert eroberten sorbischen Gebieten, die mit deutschen und flämischen Kolonisten besetzt wurden.

Schon im Mittelalter war das Gebiet an der unteren Mulde eine reiche Kulturlandschaft.

Eine erste kulturelle Blütezeit erlebte die Stadt im 16. Jahrhundert, als im Auftrag des Fürsten von Anhalt prächtige Renaissancebauten entstanden. Das meiste viel der Bombennacht am 07.März 1945 zum Opfer. Erhalten blieben in Resten nur der westliche Flügel des Schlosses (1530-34) und die Marienkirche (1506-54).

Nach 1530 traten die Dessauer Fürsten in engen Kontakt zu Luther und den anderen Wittenberger Reformatoren. Der Übertritt der anhaltischen Fürsten zum reformierten Bekenntnis (1596) hatte für Anhalt und Dessau weitreichende Folgen. Es entstanden vielfältige und enge Beziehungen zu den anderen reformierten Territorien, besonders zur Kurpfalz, den Niederlanden und Brandenburg. Zahlreiche Pfälzer Emigranten fanden nach der Schlacht am Weißen Berg (1620) in Anhalt und Dessau eine neue Heimat.

Der Wiederaufbau der Stadt nach den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges wurde durch Johann Georg II, Stadthalter der Kurmark und brandenburgischer Feldmarschall, und dessen Gattin Henriette Catharina von Nassau Oranien gefördert. Es kamen Kunstschätze, besonders Werke der niederländischen und flämischen Malerei des 17. Jahrhundert, nach Dessau. Sie bilden heute den Grundstock zu Sammlungen der staatlichen Galerie Schloss Georgium und des Museums Schloss Mosigkau. Niederländischen Einfluss zeigt auch das ca. 15km entfernte Städtchen Oranienbaum mit Schloss und Park.[1]

2.2. Historischer Abriss der jüdischen Geschichte in Dessau

Die israelitische Gemeinde konnte auf eine lange, historisch gewachsene Tradition zurückblicken. Schon 1672 hatten sich dauerhaft Juden in Dessau angesiedelt. Seit diesem Jahr bestand eine jüdische Gemeinschaft, die das Recht erhielt einen Begräbnisplatz einzurichten und eine Synagoge zu bauen. Im 18. Jahrhundert ging ein bedeutender Sohn der Stadt, der Aufklärer und Popularphilosoph Moses Mendelssohn aus dieser Gemeinde hervor. Von da an war die israelitische Religionsgemeinschaft eine Stätte regen jüdischen Geisteslebens. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts leisteten Angehörige der israelitischen Gemeinde Bedeutendes im Bereich des Schulwesens, der Druckerei und der Reform des jüdischen Gottesdienstes. Die gesetzliche Gleichstellung erreichten die Juden mit der Verordnung vom 10.04.1848.[2]

Die Dessauer jüdische Gemeinde zählte zu den im Judentum angesehenen Gemeinden.[3] Dank zahlreicher Stiftungen, vor allem der Baronin von Cohn-Oppenheim-Stiftung, gehörte sie zu den reichsten Gemeinden Deutschlands und konnte dadurch die Interessen des deutschen Judentums auf vielen Gebieten fördern. Die Cohn-Oppenheim-Stiftung machte es auch möglich, dem Selbstbewusstsein und regen Gemeindeleben durch die Errichtung einer neuen Friedhofskapelle, eingeweiht am 26. Januar 1906 und den Neubau einer eindrucksvollen Synagoge, sichtbaren Ausdruck zu verleihen. Am 18. Februar 1908 wurde das im romanisch-byzantinischen Stil errichtete Gebäude unter Beteiligung zahlreicher Ehrengäste feierlich eingeweiht. In seiner Festpredigt hob der Landesrabbiner Dr. Isidor Walter den Wert und die Bedeutung des neuen Gotteshauses als "Hort des Glaubens und der Lehre", als "Pflanzstätte der Tugend und Gottesfurcht", sowie als "Wahrzeichen der Liebe und des Friedens" hervor. Im Jahre 1929 versammelten sich Juden wie Christen zu einer glanzvollen Feier des 200. Geburtstags von Moses Mendelssohn.

Die israelitische Kultusgemeinde hatte im Laufe der Zeit "einen ausgesprochen jüdisch-liberalen Charakter angenommen". Dies schloss nicht aus, dass einzelne, wie der Dessauer Rabbiner Dr. Walter, für sich und ihre Familie an der orthodoxen Lebensführung festhielten, während andere 1932 ihrem Glauben sogar schon so fern waren, dass ihre Kinder erst aus einem äußeren Anlass von ihrer jüdischen Herkunft erfuhren. So berichtete die Tochter von Dr. Blumenthal, dass sie erst durch eine Mitschülerin als "Jüdin" identifiziert wurde. Auch zu den Fragen der deutsch-jüdischen Assimilation, wie des Zionismus, gab es unterschiedliche Meinungen. Im Gemeindevorstand waren Anhänger beider Richtungen vertreten.

Die fortschrittliche Tradition der Dessauer jüdischen Gemeinde hatte die weitgehende Assimilation begünstigt und zu einer gleichberechtigten und integrierten Stellung der Juden beigetragen. Sie waren kulturell, sozial und politisch angepasst, gehörten Kultur- und Sportvereinen an, nahmen an der Politik teil und zeichneten sich als Freiberufler aus. Am Wirtschaftsleben der Stadt hatten sie namentlich als Kaufleute und Unternehmer bedeutenden Anteil, da die weitaus größte Zahl der erwerbstätigen Gemeindemitglieder in diesem Bereich beschäftigt war.

Wie auch für andere jüdische Gemeinden kennzeichnend, hatte sich aus historischen Gründen eine typische Wirtschafts- und Sozialstruktur herausgebildet. Durch das bis in die Neuzeit hinein geltende Verbot für Juden, Land zu erwerben und ein Handwerk zu betreiben, war eine Berufsstruktur zustande gekommen, die durch eine Konzentration in den kaufmännischen und akademischen Berufen gekennzeichnet war.

Zahlreiche Einzelhandelsgeschäfte befanden sich im Zentrum der Stadt, in der Askanischen Straße, der Kavalierstraße und der Zerbster Straße.[4]

Besonders stark vertreten waren die Stoff- und Textilbranche. In zentraler Lage befanden sich auch die zwei Verkaufsstellen von Eduard Borchardt in der Kavalierstraße. Das Geschäft hatte sich, seit seiner Gründung im Jahre 1900, bis 1933 zu einem Kaufhaus für Damen-, Herren-, und Kinderbekleidung, sowie einem Spezialhaus für Teppiche und Gardinen entwickelt.[5]

Verhältnismäßig zahlreich vertreten waren auch die jüdischen Ärzte und Juristen. Von 61 praktizierenden Ärzten gehörten 14 der israelitischen Gemeinde an. Viele von ihnen waren anerkannt und beliebt. Mehrere Ärzte engagierten sich für das Allgemeinwohl, indem sie die Sanitätswache im Rathaus einrichteten oder sich als Ausbilder für den Arbeiter-Samariter-Bund zur Verfügung stellten. Andere erfuhren durch ihre politische Betätigung oder durch ihre unverblümte Kritik am Nationalsozialismus heftige Gegenreaktionen.

Von 35 Dessauer Rechtsanwälten waren 1933 sieben mosaischen Glaubens. Auch im handwerklichen Bereich waren einige Juden tätig. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt als Elektroinstallateur, Gärtner, Putzmacherin, Schneider, Schriftsetzer, Schuhmacher und Tischler. Als größerer Betrieb muss auch noch das Dampf-Säge-Hobelwerk der Gebrüder Tuchmann erwähnt werden. Des weiteren gab es zwei jüdische Makler, einen Gastwirt und einen Inhaber einer Eisdiele, sowie mehrere Rohprodukten- und Altwarenhändler.

Für den künstlerischen Bereich seien die Sopranistin Anneliese Heumann, ausgebildet von Elisabeth Feuge, der Regisseur Isi Reiss, Schüler von Max Reinhard und Helene Calm, Schauspielerin am Hoftheater, genannt.

3. Jüdische Einrichtungen

3.1. Jüdische Schulen in Dessau

1786 wurde ein jüdisches Lehrhaus gegründet, ein „Israelitisches Gymnasio“. Angetreten mit der aufklärerischen Tendenz, eine allgemeinbildende Lehranstalt zu schaffen, scheiterten die Gründer jedoch an Widerständen innerhalb der Gemeinde. Die Einrichtung, die über eine beachtliche hebräische Bibliothek verfügte und einen Rabbiner beschäftigte, blieb auf dem Niveau einer Talmudschule und verlor schnell an Bedeutung.

Erfolgreich war dagegen die Gründung der Frey-Schule 1799. Den Ideen Moses Mendelssohns verpflichtet, entwickelte sie sich unter der Leitung von David Fränkel, einem Großneffen des gleichnamigen Rabbiners, bald zu einer anerkannten Musterschule, die auch Lehrer ausbildete. Die Schule erhielt 1801 zwar die Sanktion des Fürsten, existierte jedoch bis 1815 ohne staatliche Zuschüsse.[6] Sie finanzierte sich ausschließlich aus freiwilligen Beiträgen, Spenden und Schulgeldern. Die Schule wurde in fünf Klassenstufen ausgebaut. Außer in Religion, gab es Unterricht in allen allgemeinbildenden Fächern, auch in deutscher Sprache. Vorbild war die 1779 unter dem Einfluss von Moses Mendelssohn durch David Friedländer in Berlin gegründete „Frey-Schule“. Zur Lehrerschaft der Schule, zählten hervorragend motivierte Lehrer wie Joseph Wolf, Moses Philippson, Gotthold Salomon, der spätere Rabbiner in Hamburg, sowie der christliche Lehrer Dr. Johann Andreas Lebrecht Richter. Schon bald hatte die Schule einen hervorragenden Ruf in ganz Deutschland. Schüler kamen nun nicht mehr nur aus den näher gelegenen Gebieten, sondern auch aus Hamburg, Rotterdam, Brody, Braunschweig und anderen Orten.

1815 bewilligte Herzog Franz der Schule einen Zuschuss. Im Jahr darauf bestätigte die Regierung die vom Direktor David Fränkel verfasste neue Schulordnung und gab der Anstalt mit Zustimmung des Herzogs den Namen „Franzschule“. Während die Schülerzahl der Franzschule immer mehr wuchs, nahm die Anzahl der Lernenden des daneben bestehenden israelitischen Gymnasiums, der Talmudschule, ab. Deshalb vereinigte man 1825 beide Anstalten.[7]

Die israelitische Schule Dessau überwand die sozialen Differenzierungen zwischen den Kindern armer und reicher Eltern und sicherte deren einheitliche Schulbildung bis zum Ende der Schule 1849.[8]

Allerdings wurden an der Schule nur Knaben aufgenommen, so dass Fränkel 1806 eine private Töchterschule gründete. Sie sei die erste in Deutschland gewesen. 1806 wurde sie von 45 Mädchen im Alter von vier bis 16 Jahren in zwei Klassenstufen besucht.

Aufgrund des Krieges kamen die Schulen immer wieder in finanzielle Notlagen. Doch mit viel Engagement und Arbeitseinsatz konnte sie Fränkel fünf Jahrzehnte funktionsfähig halten.

[...]


[1] siehe: Stadtplan Dessau

[2] s. W. Grossert, a.a.O., S.9-16

[3] Jüdisches Gemeindeblatt, Oktober 1932

[4] Jüdisches Gemeindeblatt, Mai 1933

[5] vgl.: Brückner, F.: Häuserbuch der Stadt Dessau 16, S.1425

[6] vgl.: Grossert, W.: Vom „Gymnasio“ zur „Frey-Schule“, in: Wegweiser durch das jüdische Sachsen-Anhalt

[7] vgl.: Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt (Hrg.): Die jüdischen Schulen, in: Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt, Oemler Verlag, Wernigerode, 1997

[8] vgl.: Grossert, W.: Die israelitische Schule Dessau 1799-1849, in: Mitteilungen des Vereins für Anhaltische Landeskunde, 2.Jg., Dessau 1993, S. 119-140

Details

Seiten
30
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638140676
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6520
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
1
Schlagworte
Jüdisches Leben Dessau Aspekte Lebens Ländern

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Titel: Jüdisches Leben in Dessau (Sachsen-Anhalt)