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Der historische Jesus und die Jesusbewegung nach Gerd Theißen

Zwischenprüfungsarbeit 2006 23 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung1

2. Das Leben des historischen Jesus
2.1. Quellenlage
2.2. Der geschichtliche Kontext
2.3. Der chronologische Rahmen des Lebens Jesu
2.4. Jesus als Charismatiker
2.5. Die Passion Jesu

3. Die Jesusbewegung
3.1. Rollenanalyse Beispiel Paulus als Wandercharismatiker
3.2. Faktoranalyse
3.3. Funktionsanalyse

4. Kritik an Theißen

6. Schluss

7. Literatur

1. Einleitung

Das Christentum ist mit über 2 Milliarden Anhängern auf diesem Planeten die größte der Weltreligionen. Wenn man bedenkt, dass ihr Begründer Jesus von Nazareth, der von den Christen als Messias und „Christus“ verehrt wird, gerade einmal eine Hand voll Jahre Zeit hatte, zu wirken und seine Lehre zu verbreiten, ein beachtlicher Erfolg. Jesus wird von vielen nicht-christlichen Menschen nun verschieden gesehen: Von den Juden als einen der ihren, die Jesus in neuerer Zeit sogar für sich vereinnahmen wollen, von den Muslimen als ein Gottgesandter und Prophet. Keiner dieser beiden Gruppen sieht in der historischen Person Jesu jedoch den Sohn Gottes.[1]

In dieser Arbeit soll es nicht um den Christologisch-theologischen, sondern um den historischen Jesus gehen. Die Literatur und das Interesse an Jesus als historischer Person, seinem Leben und seiner Lehre, sind umfangreich und groß. Jedoch: Viele der Autoren haben ein von Interessen und Modetrends geprägtes Bild von Jesus. Da in den Quellen eine riesige Lücke klafft zwischen Jesus Kindheit und dem Beginn seiner Verkündigung, wird ihm manchmal gar eine Reise nach Indien und Beziehungen zur buddhistischen Lehre nachgesagt, gipfelnd in der provokanten Formulierung von Elmar Gruber und Holger Kersten: „Jesus war kein Christ – er war Buddhist!“[2]. Diese Interpretation möchte ich an dieser Stelle im Raum stehen lassen, sie diente in erster Linie als Hinweis auf die vielfältigen - und teils auch einfach falschen - Jesusbilder, die in den Köpfen der Menschen und auch in der wissenschaftlichen Literatur kursieren[3].

Weiterhin interessieren wir uns in dieser Arbeit für die Ursprünge des Christentums: Wie entwickelte sich auf der Basis einer Verkündigung eine Bewegung von Wandercharismatikern und Sympathisanten? Immerhin beruft man sich auf einen „als politischen Verbrecher rechtskräftig Verurteilten, der die Todesstrafe der niedersten sozialen Schichten erlitten hatte. Das waren in der damaligen Zeit wenig empfehlenswerte Ausgangspositionen“.[4] Immerhin könnten die Anhänger eines Verbrechers ja selbst kriminell sein.

Gerd Theißen, Professor für Neues Testament an der Universität Heidelberg und ein ausgewiesener Kenner des Christentums, beschäftigte sich lange mit Jesus und der Jesusbewegung.[5] Auf den kommenden Seiten werden sein Jesusbild, dargestellt in dem Buch „ Der historische Jesus. Ein Lehrbuch “, das er zusammen mit seiner wissenschaftlichen Mitarbeiterin Annette Merz verfasst hat, und sein Buch „ Soziologie der Jesusbewegung. Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte des Urchristentums “ vorgestellt und diskutiert. Dabei interessiert uns die Frage wie Gerd Theißen Jesus historisch darstellt, welche Akzente er auf Jesus Leben setzt und wie er die Jesusbewegung zeichnet. Eine Arbeit mit begrenzter Seitenvorgabe über ein so umfangreiches Thema muss Akzente setzen – so wird die überlieferte Lehre Jesu nur am Rande im Vergleich mit Johannes dem Täufer erwähnt. Dieses Thema verdiente eine eigene würdige Darstellung, für die in diesem Rahmen kein Raum ist.

Um nicht allzu einseitig zu sein, werden auch Bücher von anderen Autoren herangezogen, die sich aber allesamt mit auf Theißens Bücher beziehen.

2. Das Leben des historische Jesus

Die Beschäftigung mit einer so einflussreichen Persönlichkeit wie Jesus, der immerhin zwei Jahrtausende Kulturgeschichte nicht nur in Europa immens beeinfluss hat, bietet viele Gelegenheiten seine eigenen weltanschaulichen Positionen auf ihn zu übertragen: Für den Sozialisten kann Jesus ein Kritiker der Reichen sein, für die Lebensfreudigen kann er als Lebenskünstler herhalten, für die Existentialisten möge Jesus als Prediger gelten, der den Einzelnen aus Lebensvergessenheit herausruft und für den Humanismus gilt er als emanzipierter Mensch und Herausforderer religiöser Institutionen.[6]

Seit den 1970ern gibt es auch in Deutschland ein verstärktes Interesse an Jesus. Alle diese Forschungen hatten aber das Bewusstsein, „dass sich eine klassische Biographie [über Jesus] im Sinne einer Persönlichkeitsentwicklung nicht schreiben lässt“, meint Roman Heiligenthal.[7] Auch Peter Antes berichtet, dass die Texte des Neuen Testaments als typisch antike Texte „kein Interesse an einer lückenlosen Lebensbeschreibung haben, die Aufschluss über den geschichtlichen Verlauf des Lebens, über die innere Entwicklung der Persönlichkeit oder über die Motive und Ziele des Handelns dieser Person gibt.“[8] Nichts desto trotz nahm sich Gerd Theißen zusammen mit Annette Merz der Aufgabe an, ein Lehrbuch zu schreiben, dass kontextuell geprägt ist – Jesus wird verstanden im Kontext des Judentums und der lokalen, sozialen und politischen Geschichte seiner Zeit.

2.1. Quellenlage

Wenn man sich mit Geschichte befasst, muss man die Quellen, die einem zur Verfügung stehen, sichten und kritisch beurteilen. Das Gleiche gilt natürlich auch für die Erforschung des Lebens von Jesus von Nazareth.[9]

Theißen schlägt vor, die Quellen anhand ihrer historischen Nähe zu Jesus zu beurteilen (d.h. man muss ihr Alter bestimmen). Wenn sie dazu noch unabhängig von anderen Quellen sind, umso besser.[10]

Grob einteilen lassen sich die Quellen in 1. christliche Texte; darunter fallen alle vier kanonischen Evangelien der Bibel sowie die Apokryphen (die außerkanonischen Texte wie z.B. das Thomasevangelium)[11], Agrapha (Jesusworte) und andere; sowie 2. in nicht-christliche Quellen wie von dem jüdischen Historiker Flavius Josephus (37 - nach 100 u. Zeit) und anderen jüdisch-rabbinischen Quellen, auch römische Schriftsteller und Staatsmänner berichteten von Jesus (z.B. Tacitus). Allerdings geschah dies so rudimentär, dass es sinnvoller scheint sich hauptsächlich auf die christlichen Quellen zu beziehen.[12] Reinhard Kirste und Udo Tworuschka meinen, es sei sonderlich dass es überhaupt nicht-christliche Berichte über Jesus gebe,

„denn für die zeitgenössische Geschichtsschreibung stellte das Leben Jesu durchaus kein epochemachendes Ereignis dar. Dass es dennoch vereinzelt Dokumente gibt, hängt damit zusammen, dass man sich im römischen Reich über die wachsende Zahl der Christen zunehmend Gedanken machte und dabei auch nach dem Stifter diese Gruppe fragte“.[13]

Hier fällt auf, dass die Jesusbewegung im ersten Jahrhundert kaum von den Römern wahrgenommen wurde, was sich in den Mangel an Quellen niederschlägt.

Zu den vier Evangelien zählt man die synoptischen Evangelien von Markus (Mk), Matthäus (Mt) und Lukas (Lk) sowie das gnosisnahe Evangelium des Johannes (Joh). All diese Evangelien sind in der Zeit von 70-100 unserer Zeit entstanden und damit etwa zwei Generationen nach dem Auftreten von Jesus. Als synoptisch (griechisch: „nebeneinander gereiht“) bezeichnet man die ersten drei Texte, weil sie sich aufgrund ihrer geistigen Verwandtschaft und ihres ähnlichen Jesusbildes sprachlich und inhaltlich deutlich vom Johannesevangelium unterscheiden.[14] Peter Antes verrät uns, dass die vier kanonischen Evangelien kein einheitliches Jesusbild zeichnen, sondern dass große Unterschiede bestehen.[15] Das Johannesevangelium ist am jüngsten (nach 90 entstanden) und bietet das am stärksten theologisch eingefärbte Jesusbild.[16] Die Apokryphen gelten als unergiebig, da sie zu jung seien und sich „Wucherungen und Fehlentwicklungen“ verdanken; jedoch meinen Theißen und Merz, gäbe es auch Gegenargumente dafür, z.B. könne es sein dass diese Textgattung auch aus dem ersten christlichen Jahrhundert stammt.[17]

Theißen und Merz stellen bei der Betrachtung der christlichen Quellen fest:

„Ein Überblick über die christlichen Quellen zu Jesus hat in mehrfacher Hinsicht einen ernüchternden Effekt. Er zeig nämlich, dass wir auch in den ältesten verfügbaren Quellen nicht dem historischen Jesus begegnen, sondern Jesusbildern, gestalteten Erinnerungen, die durch theologische und soziale Interessen und Überzeugungen sowie die Geschichte ihrer Trägergruppe mitgeformt wurde. Außerdem sind die frühesten uns vorliegenden und etwas umfangreicheren Quellen erst in der zweiten christlichen Generation niedergeschrieben worden.“[18]

Die schwierige Quellenlage für die Anfänge des frühen Christentums und den historischen Jesus kommt wohl von der Parusieerwartung, also der Erwartung des nahen Gottesreiches: Die Zeugenberichte wurden nur mündlich weitergegeben. Erst als sich feststellte dass das Gottesreich auf sich warten ließ (die so genannte „Parusieverzögerung“) und sich die neue Religion zunehmend ausbreitete, begann eine systematische Fixierung von Glaubensinhalten in Form von Texten.[19]

2.2. Der geschichtliche Kontext

Man muss bedenken, dass Jesus Jude war und im Kontext des Judentums seiner Zeit

verstanden werden muss, denn „jede historische Gestalt ist in ihrem historischen Kontext zu verstehen. Gegen diesen Grundsatz der Geschichtswissenschaft wurde in der Jesusforschung oft verstoßen“.[20] Allerdings sei er eher eine Randfigur, keine Zentralgestalt. Sein Wirken fällt in den Anfang einer Krisenzeit für das Judentum (z.B. die Tempelzerstörung 70 u. Zeit), in der sich aufgrund der schwierigen Lebensumstände viele Protestbewegungen gründeten. Für Theißen und Merz ist Jesus das Resultat eines Veränderungsdruckes in der hellenistischen Kultur, und im Gegensatz zu vielen anderen jüdischen Erneuerungsbewegungen wandte er sich nicht vom Volk ab, sondern den Randfiguren (Zöllnern, Prostituierten) zu. Jesus teilte die Grundüberzeugungen des Judentums seiner Zeit: den Monotheismus als Glauben an einen Gott, der mit Israel einen Bund geschlossen hat. Jesus und seine Bewegung gehören in eine Kette innerjüdischer Erneuerungsbewegungen. Zum ersten Mal wird die Gottesherrschaft auch für Heiden möglich. Nach Jesu Tod wird aus der Bewegung zunächst eine jüdische Sekte, und erst seit etwa 70 u. Zeit „wird aus der ‚Sekte’ ein endgültiges Schisma – bedingt durch die Tempelzerstörung und die innere Weiterentwicklung des Judentums wie des Urchristentums.“[21]

2.3. Der chronologische Rahmen des Lebens Jesu

Zunächst einmal wieder eine Ernüchterung: Aus den Evangelien lassen sich keine zuverlässigen Schlüsse auf Daten zu, die eine Chronologie entstehen lassen könnten. Erfassen ließen sich laut Theißen und Merz nur der ungefähre zeitliche und geographische Umriss von Jesus Leben.[22]

Es gibt schon Schwierigkeiten bei der Erfassung seines Geburtsjahres, einigermaßen sicher gilt nur, dass dies in die letzten Regierungsjahre Herodes des Großen fällt.[23] Michael von Prollius und Isabella Tsigarida sprechen davon, dass die Jahre 7-6 v. u. Zeit und der Geburtsort Judäa in der Forschung weitgehend anerkannt wären.[24]

Jesus öffentliches Wirken müsse in die Zeit zwischen 26 und 29 u. Zeit fallen, seine Kreuzigung und Tod sind auch umstritten, sicher ist nur, dass dies noch in der Amtszeit des Pilatus geschieht: zwischen 26 und 36 u. Zeit. Durch die Aussagen der Evangelien, dass Jesus Tod auf einen Freitag (das ist der Tag vor dem Passamahl), den 14. oder 15. Nissan fiel, lassen durch kalendarisch-astronomische Berechnungen das Jahr 30 u. Zeit mit der größten Wahrscheinlichkeit erscheinen, „andere Jahre sind aber keinesfalls ausgeschlossen.“[25]

2.4. Jesus als Charismatiker

Theißen und Merz sehen in Jesus einen Charismatiker, der die Leute in seinen Bann zog. Mit dem Begriff des Charismas verbinden sie eine neutralere Interpretation von christlichen Ausdrücken wie Messias, Menschensohn oder Sohn Gottes. Jesus selbst sprach von seiner Vollmacht. Charisma als soziologischer Begriff wurde zunächst von Max Weber eingeführt und meint eine irrationale Ausstrahlungskraft eines Menschen auf andere Personen, abhängig von den Erwartungen, Hoffnungen und der Zustimmung in der Umgebung. Dass bedeutet, Charisma entfaltet sich immer in Interaktion. Daher könne man Jesus am besten in seinen sozialen Beziehungen verstehen. Theißen und Merz beschreiben Charisma mit einem von Bornkamm geprägten Begriffs, „Unmittelbarkeit“; das bedeutet:

[...]


[1] „Die Frage, wer Jesus sei, beantwortet der Koran eindeutig und unmißverständlich. Er zählt ihn zu den großen Gesandten Gottes, verneint aber seine Gottessohnschaft“ (A. T. Khoury, L. Hagemann, P. Heine [Hg.], „ Lexikon des Islam “, Eintrag: Jesus Christus, Digitale Bibliothek Band 47).

[2] Gruber, Elmar und Holger Kersten (1994), „ Der Ur-Jesus. Die buddhistischen Quellen des Christentums “, München, S. 7.

[3] Zu falschen Jesusbildern: Roman Heiligenthal (1997), „ Der verfälschte Jesus. Eine Kritik moderner Jesusbilder “, Darmstadt

[4] Friedhelm Winkelmann (2005), „ Geschichte des frühen Christentums “, München³, S. 11.

[5] Zu Gerd Theissen: http://theologie.uni-hd.de/personalpages/theissen.html (06.06.2006).

[6] Gerd Theißen und Annette Merz (2001), „Der historische Jesus. Ein Lehrbuch“, Göttingen3, S. 21f.

[7] Heiligenthal, „ Der verfälschte Jesus “, S. 21.

[8] Peter Antes (o. J.), „ Jesus. Eine Einführung “, Wiesbaden, S. 55.

[9] Ich gebe hier aus Platzmangel nur eine stark verkürzte Nennung der Quellen.

[10] Theißen und Merz, „Der Historische Jesus “, S. 35f.

[11] Peter Antes, „ Jesus “, S. 14: „Die Entscheidung darüber, welche Schrift unter die kanonischen aufgenommen und welche ausgeschieden werden soll, ist nicht nach objektiven wissenschaftlichen Kriterien gefällt, sondern allein durch die Tradition bestimmt worden.“

[12] Michael Prollius und Isabella Tsigarida (2002), „ Der historische Jesus, das frühe Christentum und das Römische Reich “, Berlin, S. 17. Dennoch haben laut Theißen und Merz („ Historischer Jesus “, S. 92) auch diese ihren historischen Wert, weil sie 1. die Geschichtlichkeit Jesu sichern und 2. die Kontrolle einzelner Daten der urchristlichen Überlieferung sichern.

[13] Reinhard Kirste und Udo Tworuschka (1992), „ Christentum “; in: Monika und Udo Tworuschka (Hg.), „ Die Religionen der Welt. In Geschichte und Gegenwart “, Gütersloh, München, S. 59.

[14] Prollius und Tsigarida, „ Der historische Jesus… “, S. 18.

[15] Peter Antes (o. J.), „ Jesus. Eine Einführung “, Wiesbaden, S. 16.

[16] Theißen und Merz, „ Der Historische Jesus “, S. 51.

[17] Ebd., S. 38f.

[18] Ebd., S. 70.

[19] Prollius und Tsigarida, „ Der historische Jesus… “, S. 22.

[20] Theißen und Merz, „ Der historische Jesus “, S. 125.

[21] Ebd., S. 143.

[22] Ebd., S. 148.

[23] Ebd., S. 151.

[24] Prollius und Tsigarida, „ Der historische Jesus… “, S. 40.

[25] Theißen und Merz, „ Der historische Jesus “, S. 154.

Details

Seiten
23
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638578479
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v65228
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Religionswissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Jesus Jesusbewegung Gerd Theißen

Autor

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