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Soziales Lernen im Sport

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 18 Seiten

Didaktik - Sport, Sportpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Allgemeine Definition von sozialem Lernen

3 Soziales Lernen im Sport(spiel)unterricht
3.1 Problemematik des sozialen Lernens
3.1.1 Konkurrenz vs. Kooperation
3.1.2 Unbewusster Umgang mit sozialem Lernen
3.2 Exkurs Rahmenplan à Realität

4 Lösungsansätze

5 Fazit und Ausblick

6 Literatur

1 Einleitung

In der heutigen Ellenbogengesellschaft treten Dispositionen wie Konkurrenzkampf, Individualität und Eigenverantwortung verstärkt in den Mittelpunkt. Aufgrund des Modelllernens nehmen auch Kinder diese typisch erwachsenen Eigenschaften an.

Der Lehrer in der modernen Schule übernimmt heutzutage neben der Vermittlung der fachlichen Kompetenz immer mehr eine erzieherische Rolle ein. Gerade aus dieser Rolle heraus entspringen zunehmend Schwierigkeiten, die es zu bewältigen gilt. Selbstverantwortung und Eigeninitiative sind im Grunde positive Eigenschaften, trotzdem kommt die derzeitige Gesellschaft nicht ohne „Teamwork“ und Kooperation aus. Eine Heranführung der Kinder in diesen Bereichen ist ein wichtiges Lernziel in der gegenwärtigen Schule. Insbesondere in der Grundschule steht das soziale Lernen sehr stark im Mittelpunkt. Neben dem allgemeinen Fachunterricht oder vorfachlichen Unterricht nehmen Schulfächer wie Musik, Kunst und Sport eine Sonderstellung ein.

Diese Betrachtung bezieht sich im Wesentlichen auf den Sport. Die allgemeine Diskussion um die Fragestellung, wie man Kinder zu sozial kompetenten, d.h. beziehungsstarken, kritischen, emphatischen und toleranten Menschen, im Rahmen der Sportspielerziehung erzieht, ist Thema dieser Hausarbeit. Warum gerade dieses Thema in der heutigen Gesellschaft so wichtig ist versuchen wir hier zu erläutern.

Die Arbeit ist in 5 Teile gegliedert. Als erstes soll eine allgemeine Definition des Begriffes ’soziales Lernen’ erfolgen. Auf der Basis dieser Definition wird die Frage, wie und warum gerade der Sportunterricht im Besonderen die Sportspiele einen immanenten Anteil übernehmen kann, behandelt. Probleme, die das soziale Lernen in den Sportspielen mit sich bringt, werden diskutiert und es wird mittels einer Durchleuchtung des Rahmenlehrplanes auf soziale Lernziele, ein Einblick in den Realitätsbezug dieses Themas gegeben. Im letzten Teil der Arbeit werden praxisnahe kooperative Spiele vorgestellt, da wir darin die Chance sehen, pro-soziale Aspekte neben dem Konkurrenzdenken zu vermitteln.

2 Allgemeine Definition von sozialem Lernen

Der Begriff ’soziales Lernen’ ist in der von uns verwendeten Literatur aufgrund seiner "ausufernden Begriffsverwirrung" sowie seiner "modischen Definitionsvielfalt" nicht eindeutig bestimmbar und aus diesem Grund häufig kritisiert worden (vgl. u. a. Petillon, 1993, 16). Das Spektrum der Begriffsverwendung resultiert allein schon daraus, dass soziales Lernen einmal die Zielebene erzieherischen Handelns umfasst, zum anderen Aussagen über den Erziehungsprozess macht und dabei besonders die Sozialformen des Unterrichts anspricht“ (Pühse 1990, 20). Der unterschiedliche Gebrauch des Begriffes sorgt für Verwirrung: In der Psychologie wird ’soziales Lernen’ als wertfrei verstanden, es werden nicht nur positive, sondern auch negative Eigenschaften weitergegeben. Im pädagogischen Gebrauch gilt ’soziales Lernen’ stets als etwas Positives, dem Gemeinschaftsleben Förderliches.

So vielfältig wie das zwischenmenschliche Miteinander sind auch die Ansatzpunkte des sozialen Lernens. Basis für die verschiedenen Sichtweisen sind die unterschiedlichen Grundvorstellungen vom Menschen, seiner Erziehung und der Gesellschaft, durch die er sozialisiert wird. Das soziale Lernen ist in den meisten Fällen die Folge einer Interaktion zwischen Menschen, bei der "wegen anderer, von anderen und mit anderen" gelernt wird. (vgl. Petillon, 1993,15).

Nach Elias beispielsweise handelt es sich um ein sog. "Interdependenzgeflecht" der Individuen, d.h. die Individuen in einer Gesellschaft befinden sich in einer gegenseitigen Abhängigkeit. Sie entwickeln sich und lernen mit- bzw. durcheinander. Dabei betont Elias, "...daß sich Begriffe, wie ’Individuum’ und ’Gesellschaft’ nicht auf zwei getrennt voneinander existierende Objekte, sondern auf verschiedene, aber untrennbare Aspekte der gleichen Menschen beziehen, und daß beide Aspekte, daß Menschen überhaupt normalerweise in einem strukturierten Wandel begriffen sind" (Elias, 1980, 18).

Ausgehend davon handelt es sich beim sozialen Lernen nicht ausschließlich um einen Erziehungsprozess, bei dem soziales Lernen anerzogen wird, sondern vielmehr um einen autonomen, von sich selbst ausgehenden Prozess durch das gesellschaftliche Miteinander. Nach Pühse ist dieser soziale Aspekt nicht als selbstverständlich anzusehen, sondern als eine Fähigkeit, die immer wieder intentional anerzogen werden muss.

Nur selten, allenfalls in autodidaktischen Phasen, gibt es ein nicht-soziales Lernen. Rauschenberger bemerkt, dass „alles Lernen aus dem Sozialen kommt und ins Soziale geht; das Miteinandersein ist nicht nur Antriebsquelle, sondern zugleich auch Sicherungsmöglichkeit des Lernens“ (Rauschenberger, 1985, 315).

Innerhalb der Vielzahl von Definitionen lassen sich einige Gemeinsamkeiten bzw. Grundsätze sozialen Handelns erkennen. Zum einen wird das soziale Lernen als ein Teil der Sozialisation von ihr abgegrenzt, indem es als gewollt und absichtsvoll angesehen wird. Es beleuchtet „weniger den gesamten Prozess der Integration des einzelnen in die Gesellschaft, sondern konzentriert sich auf spezielle Möglichkeiten und Aufgaben intentional verfolgter sozialer Lernprozesse im Erfahrungsraum der Schule. Soziales Lernen ist so gesehen der unter pädagogischer Perspektive verdichtete Teil von Sozialisation, der auf den Erziehungsbereich Schule zugeschnitten ist“ (Pühse, 1990, 29).

Der Bereich ’soziales Lernen’ findet daher auch Eingang in den Unterricht. Dies wird besonders in den neuen Rahmenplänen für das Fach Sport deutlich, worauf wir an späterer Stelle eingehen werden. Die verschiedenen Ansatzpunkte für soziales Lernen in der Schule zielen darauf ab, die Schüler im funktionalen Sinne auf die soziale Einordnung (auch Unterordnung) aufmerksam zu machen, ihre Sichtweisen und Handlungen sozialkritisch oder emanzipatorisch zu hinterfragen. Die soziale Sensibilität des Schülers soll angeregt und erweitert werden. Der Prozess des sozialen Lernens stellt eine individuelle Aufgabe dar, die jeder Schüler für sich und seine Umwelt weitgehend selbständig, aber nicht ohne jegliche Hilfestellung, lösen muss.

Des Weiteren sind die Regeln und Normen der Gesellschaft sowie deren Einhaltung wichtige Inhalte des sozialen Lernens. Die Regeln und Normen werden benannt und einsichtig gemacht, so dass die Schüler eine rationale und begründete Grundlage für ein bestimmtes Sozialverhalten erhalten. Durch eine kritische Reflexion wird der Schüler mit in den sozialen Lernprozess einbezogen. (vgl. ebd., 29). Wir werden an anderer Stelle noch einmal näher darauf eingehen.

Sobald Menschen sich zusammenfinden, beeinflussen, stören und erziehen sie sich, leben Werthaltungen aus und lernen in moralischer und sozialer Hinsicht (Größing, 1997, 132). Soziales Lernen ist also immer Lernen miteinander und ergibt sich als bewusst angelegtes Übungsfeld für den menschlichen Umgang miteinander. Schüler sind die Lernsubjekte selbst und produzieren innerhalb und im Austausch mit der Gruppe selbsttätig Einsichten und Ansichten. Sie unterstehen der Sozialverpflichtung, anderen Schülern unterstützend behilflich zu sein, um ihnen Lernen zu ermöglichen.

Die Lernenden sollen sich im Prozess des sozialen Lernens sowohl ihrer eigenen, einzigartigen Existenz, als auch ihrer Abhängigkeit innerhalb des bestehenden gesellschaftlichen Systems bewusst werden. Die Normen und Rollenerwartungen sind nicht nur kritisch zu reflektieren, es soll sich darüber hinaus in sie hineinversetzt beziehungsweise deren Notwendigkeit nachvollzogen werden. Kognitive Empathie und soziale Sensibilität sowie der Umgang mit den daraus möglicherweise resultierenden Vieldeutigkeiten sind weitere wichtige Teilziele des sozialen Lernens.

3 Soziales Lernen im Sport(spiel)unterricht

Nachdem wir die Bedeutung von 'sozialem Lernen' unter allgemeinen pädagogischen sowie des schulischen Bildungs- u. Erziehungsauftrags betreffenden Gesichtspunkten beschrieben haben, richtet sich im folgenden Abschnitt der Blick auf den Sportunterricht, im Besonderen auf die Sportspiele und ihre sozialen Strukturen.

Es stellt sich die Frage, welche sozialen Lernprozesse der Sportunterricht und vor allem die Sportspiele aufweisen und warum ausgerechnet mit ihnen die Förderung sozialer Handlungsfähigkeit verbunden wird. Die Beantwortung der Fragen ist sicherlich ambivalent.

„Im Spiel als dem Ort der Verwirklichung von Menschsein als Freiheit wird Sittlichkeit erst möglich. Spiel ist demnach als ästhetische Überhöhung der empirischen Welt das Medium der Freisetzung von Zwängen, die sittlicher Entscheidung vorausgehen muss, erst den Freiraum zu moralischem Handeln schafft“ (Roth in Pühse, 1994, 85). Dieser von Friedrich Schiller formulierte Grundgedanke aus seinen "ästhetischen Briefen" verdeutlicht, dass das Spielerische in Form von "ästhetischer Erziehung" gefördert werden muss, um soziales Verhalten und "Sittlichkeit zu konstituieren zu erproben und zu üben." (ebd., 85).

Dieser Aussage zu Folge bietet der Sport(spiel)unterricht eine Art Bedingung für soziales Lernen. Erst durch das Ausleben der inneren Zwänge wird eine Grundlage geschaffen, auf der moralisches, sittliches, im modernen Sinne soziales Verhalten erlernt bzw. stabilisiert werden kann.

Die Kritiker der Annahme, dass der Sportunterricht den am besten geeigneten Rahmen für die Realisierung von Erlernen sozialen Verhaltens bietet, begründen ihre Beanstandung u. a. mit einer Überforderung des Sport- bzw. Sportspielunterrichts, da er neben der eingeforderten motorischen Erziehung auch den Auftrag der Gesundheits-, Umwelt- bis hin zur interkulturellen Erziehung hat.

Einige Befürworter der Annahme des pro-sozialen Lernens während des Sportunterrichts stützen ihre Meinung auf die Sichtweise des Sports in englischen High-schools, bei denen im letzten Jahrhundert Sport im Allgemeinen stark mit den Begriffen des "fair-play" und "sportsman" im Sinne von dem, der Regeln (be)achtet und sich gegenüber seinem Mitspieler fair und mir Rücksicht verhält, verknüpft wurde. (vgl. Pühse, 2004, 45)

Betrachtet man Sportunterricht als soziales Lernfeld, bietet er vielfältige Gelegenheiten, bei denen gesellschaftsfördernd kommuniziert und interagiert wird und soziales Lernen auf spielerische Weise stattfinden kann. Sowohl geschriebene, als auch ungeschriebene Regeln sind Grundlage für das Miteinander. Schüler sollen lernen, sie zu akzeptieren, nach ihnen zu handeln, aber sie auch u. U. nach Absprache aller Beteiligten zu verändern.

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Details

Seiten
18
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638579988
ISBN (Buch)
9783638831536
Dateigröße
598 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v65431
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Humboldt Universität zu Berlin
Note
2,0 (gut)
Schlagworte
Soziales Lernen Sport Sportdidaktik kooperative Spiele Schule

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Titel: Soziales Lernen im Sport