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Die Präventivwirkung des Nichtwissens (Popitz)

Referat (Ausarbeitung) 2004 11 Seiten

Jura - Strafrecht

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kritik an der Soziologie

3. Theoretische Gründe gegen eine Gesellschaft permanenter Sanktionierung
3.1.„Ist“ vs. „Muss“
3.2.Privat vs. Öffentlich
3.3.Muss vs. Grenzen
3.4.Erstes Zwischenergebnis

4. Empirische Gründe gegen eine Gesellschaft permanenter Sanktionierung
4.1. Das entlastete Normsystem
4.1.1.Verhaltensgeltung
4.1.2.Dunkelziffer
4.1.3.Zweites Zwischenergebnis
4.1.3.1 Der Alltag
4.1.3.2. Die Wissenschaft
4.2. Das entlastete Sanktionssystem

5. Zusammenfassung

6. Schlussbemerkung

7. Literaturangabe

1. Einleitung

Anlässlich einer Vortragsreihe mit dem Titel „Zur Einheit der Rechts- und Staatswissenschaften“ hielt Heinrich Popitz am 23.01.1967 an der Universität Freiburg einen Vortrag unter dem Titel: „Über die Präventivwirkung des Nichtwissens“.

Dieser Vortrag sollte unter anderem als Vorlage für sein 1980 erschienenes Buch „Die Normative Konstruktion von Gesellschaft“[1] dienen, welches heute zu den Klassikern der soziologischen Literatur zählt.

Heinrich Popitz wurde 1925 geboren. Er studierte unter anderem Philosophie, Geschichte und Ökonomie. Im Jahr 1957 habilitierte er im Fach Soziologie und wurde 1959 zur Professur nach Basel gerufen. Sein weiterer Weg führte ihn 1964 nach Freiburg, dort wurde er Gründungsdirektor des Institutes für Soziologie. Die Zeit an der Universität Freiburg wurde 1971 durch eine Berufung an die New School for Social Research in New York unterbrochen. Später kehrte er nach Freiburg zurück und dozierte bis ins Jahr 2002, in dem er verstarb, weiter an „seinem“ Institut.

Popitz wurde unter anderem durch Geiger geprägt, in dessen Theorien er Kritik aber auch Würdigungswertes fand. In dem Vortrag, auf den sich die nächsten Seiten beziehen werden, ist dieser Einfluss klar zu erkennen. Zudem sieht man in seinem Vortrag eine eindeutige Ablehnung des funktionalistischen „Strafrechtsansatzes“.

2. Kritik an der Soziologie

In dem ersten Teil seines Vortrages kritisiert er die Soziologie als eine Wissenschaft, die überall hineinredet, jedoch durch die Arbeit mit Überbegriffen, Kategorien und Problemen eine „Esoterik“ (Popitz; 1968; S.3) ausbildet, die es unmöglich macht in die Materie (Soziologie) tiefer einzudringen. „Die Soziologie gilt mit Recht als eine Wissenschaft der Überbegriffe, die überall hineinredet.“ (Popitz; 1968;S.3) Er will mit seinem Vortrag, dessen Denkansätze so allgemein sind, dass sie nahezu zwecklos sind (Popitz; 1968; S.3), in die Materie der Soziologie, vielmehr in das Gebiet des Sinns, der Bedeutung und des Zwecks von Strafen eindringen, um kriminologischen und soziologischen Wissenschaftlern neue Denkweisen aufzuzeigen. Bisherige Ansätze reichen von “Die strafende Reaktion[...]wirkt auf diese Kollektivgüter zurück, erhält sie am Leben, verhütet, dass sie einschlafen.“ [2], über “Der Vollzug der Straf gegen den Normbrecher[...]stärkt den Zusammenhalt...der Gruppe als ganzes“ [3], bis hinzu „Die Strafe[...] verteidigt [...]ja sie schafft erst den schützenden Raum“ [4] (alle Zitate Optiz; 1968; S.3-4).

Alle drei Ansätze haben gemeinsam, dass es notwendig ist, den Normbrecher zu bestrafen, um Gesellschaft zu erhalten. Diese funktionalen Ansätze haben nach Popitz den Nachteil, dass die Grenzen negativer Sanktionen „für das Normsystem, für den sozialen Zusammenhalt“ verloren gehen. Er bezweifelt, dass zu viele negative Sanktionen tatsächlich Gesellschaft zusammenhalten können. Einen Ansatz, der einem Szenario ähnelt, welches einer permanenten Normsanktionierung zu Grunde liegt, findet er bei einem Satiriker[5]. Dieser beschreibt in seiner Glosse eine permanente Ahndung von Normbrüchen, in deren Konsequenz jeder und immer bestraft werden müsste. “Die Hand erlahmt, entsetzt über die vielen Rohre, die sie schneiden und schwingen muss.“ (Popitz;1968; S.4)

Aus diesem Zitat wird klar, dass es unmöglich ist, jeden zu jeder Zeit wegen eines Normbruchs zu sanktionieren. Dieses wird noch deutlicher in den Worten „Wie froh bin ich, dass wir nicht alle entdeckt werden [...]ich protestiere dagegen, dass wir bekommen, was wir verdienen“ (Popitz; 1968; S.4).

Diese Worte nimmt Popitz auf und macht sie zum Ausgangspunkt seiner Ausführungen über die Präventivwirkung des Nichtwissens. Dafür nutzt er zum Einen eine theoretische Begründung und zum Anderen eine empirische Begründung, die gegen eine permanent sanktionierende Gesellschaft sprechen könnten.

3.Theoretische Gründe gegen eine Gesellschaft permanenter Sanktionierung

Man kann die Möglichkeit einer Existenz einer Gesellschaft der permanenten Sanktionierung zwar nicht ausschließen, so argumentiert er, man kann jedoch auf genial einfache Art versuchen zu erklären, warum eine solche Gesellschaft eher utopisch bleibt, als dass sie real werden kann.

Dafür ist es notwendig zu wissen, welcher gesellschaftliche Rahmen vorhanden sein muss, der eine permanent sanktionierende Gesellschaft möglich macht. Nach Popitz ist das, wenn überhaupt, nur in einer perfekten bzw. totalen verhaltensinformierten Gesellschaft (durchsichtige Gesellschaft) möglich.

Gibt es eine solche Gesellschaft schon, kann sie überhaupt jemals existieren?

3.1.„Ist“ vs. „Muss“

Erlaubt der „Istzustand“ der gegenwärtigen Gesellschaft eine Klassifizierung dieser als eine voll informierte Gesellschaft?

Seiner Ansicht nach reicht ein Blick in die Realität aus, um festzustellen, dass unsere Informationen und Informationsquellen nicht ausreichen, um genug über den anderen zu wissen. Das liegt auch daran, dass unsere Gesellschaft, so meint er, nicht durch das wechselseitige Wissen, sondern vielmehr das Einschätzen des Charakters des anderen funktioniert.

„Wir orientieren uns ja faktisch nicht allein an einer bestimmten Summe von Informationen über den anderen, sondern[...]an Charakterbildern, die wir uns voneinander zurechtlegen“ (Popitz;1968; S.6)

Die Einschätzung des Charakters (die Relationierung[6] ) suggeriert uns zwar das angebliche Wissen über den anderen, jedoch ist das nur eine Verwischung des tatsächlichen Wissensbestandes. „Sie kompensiert und verdeckt die Informationslücke“(Popitz; 1968; S.7) Somit ist der „Istzustand“ der gegenwärtigen Gesellschaft nicht als voll verhaltensinformierte Gesellschaft zu bezeichnen.

[...]


[1] H. Popitz,; Die normative Konstruktion von Gesellschaft; J.C.B. Mohr (Paul Siebeck); Tübing; 1980

[2] Emile Durkheim

[3] Georg Herbert Mead

[4] Theodor Geiger

[5] William Makepeace Thackeray

[6] nach Bourdieu

Details

Seiten
11
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638582216
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v65715
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
15 Punkt
Schlagworte
Präventivwirkung Nichtwissens Grundlagen Funktionalismus

Autor

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Titel: Die Präventivwirkung des Nichtwissens (Popitz)