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Karl Mannheim: Das soziologische Problem der Generation

Essay 2006 15 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Analyse des „Manifests der Freideutschen Jugend“ unter Rückgriff auf Mannheims Generationentheorie
2.1 Das „Manifest der Freideutschen Jugend“
2.2 Drei Schlüsselbegriffe: Generationslagerung, Generationszusammenhang und Generationseinheit
2.2.1 Generationslagerung und Polarerlebnisse: Die Jugendbewegung im Spiegel ihrer historischen Voraussetzungen
2.2.2 Generationszusammenhang
2.2.3 Generationseinheit
2.3 Zusammenfassung

3. Überlegungen zur Erklärungskraft des Mannheimschem Theorieangebots bezüglich der Beschreibung heutiger Jugend und ihrer Erscheinungsformen
3.1 Individualisierung
3.2 Das Problem der Bestimmbarkeit von Generationslagerung, Generationszusammen- hang und Generationseinheit
3.3 Überlegungen zur Erklärungskraft des Mannheimschen Theorieangebots in spe- ziellen Fällen

4. Fazit

5. Literatur

1. Einleitung

Umschreibungen wie „Generation Null Bock“ oder „Generation Egotaktiker“, neuerdings auch „Generation Praktikum“, werden gern angeführt, wenn beispielsweise in den Printmedien oder in einschlägigen Boulevardmagazinen diejenige Alterskohorte beschrieben werden soll, deren Angehörige um 1980 bis 1990 herum geboren wurden. Stillschweigend wird davon ausgegangen, dass alle Kohortenangehörigen mit diesen polemischen Bezeichnungen erfasst werden können. Im Anschluss an das Oberseminar „Generationslagen und Jugendkulturen“ kann man jedoch die Frage stellen, ob man im Angesicht von oftmals prognostizierten Individualisierungstendenzen überhaupt noch von einer Generation im Sinne einer „einheitsstiftenden Instanz“ sprechen kann.

Die Aufgabe des vorliegenden Essays besteht dementsprechend darin, diese Frage zu reflektieren. Dazu erscheint es sinnvoll zu definieren, welcher Begriff von „Generation“ bei den Betrachtungen überhaupt im Mittelpunkt stehen soll. Es bietet sich an, auf die im Seminar behandelte Generationentheorie Karl Mannheims zurückzugreifen. Ein Dreivierteljahrhundert nach der Erstveröffentlichung seines bedeutenden Generationenaufsatzes „Das soziologische Problem der Generationen“ (1928) soll sein Ansatz auf Gültigkeit und Erklärungsgehalt geprüft werden.

Im ersten Teil dieses Essays soll daher Mannheims Generationenkonzept aufgegriffen und zunächst am Beispiel der deutschen Jugendbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts exemplifiziert werden. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht dabei das „Manifest der Freideutschen Jugend“, welches zur Jahrhundertfeier der Völkerschlacht bei Leipzig 1913 auf dem Hohen Meißner bei Kassel verlesen wurde.

Im Anschluss an diese Ausführung soll die Frage erörtert werden, ob und inwieweit das Mannheimsche Konzept zur Beschreibung moderner Jugend und ihrer Erscheinungsformen über Erklärungsgehalt verfügt.

2. Analyse des „Manifests der Freideutschen Jugend“ unter Rückgriff auf Mannheims Generationentheorie

Im Folgenden sollen die bedeutendsten Strukturbegriffe aus Karl Mannheims Generationentheorie vorgestellt und anhand des „Manifests der Freideutschen Jugend“ exemplifiziert werden. Dies erscheint insoweit als besonders sinnvoll, da Mannheim, wie zu zeigen sein wird, sein Konzept von Jugend und Generationen vornehmlich über den charismatischen „Idealtypus“ von Jugend konzipiert, der sich stark an die in der Jugendbewegung propagierten Bilder anlehnt.

2.1 Das „Manifest der Freideutschen Jugend“

Das „Manifest der Freideutschen Jugend“ wurde am 11. Oktober 1913 beim Ersten Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner zu Kassel verlesen. Diese Veranstaltung diente zweierlei Zielen: Zum einen sollte durch die Zusammenkunft am Hohen Meißner die Geschlossenheit der verschiedenen Strömungen der Jugendbewegung, wie zum Beispiel Wandervögeln, Lebensreformern oder Schulreformern, nach innen und außen symbolisiert und demonstriert werden. Zum anderen diente die Veranstaltung aber auch dazu, einen gesellschaftskritischen Protest gegen die im Oktober 1913 stattfindenden patriotischen Festakte des Kaiserreichs zur 100-Jahrfeier der Völkerschlacht bei Leipzig, bei der die Freiheit von der napoleonischen Herrschaft errungen wurde, zu verlautbaren.[1] In diesem Sinne dokumentiert das Manifest

„die Unruhe und Aufbruchsstimmung, die weite Kreise vor allem der bürgerlichen Jugend am Vorabend des 1. Weltkrieges erfasst hatten. Der Mythos Jugend, der in den Diskussionen der damaligen Zeit immer wieder als Antwort auf die Krise der Massengesellschaft beschworen wurde, wird in diesem Manifest auf eine griffige, öffentlichkeitswirksame Formel gebracht.“[2]

Inhaltlich stellt das „Manifest der Freideutschen Jugend“ zunächst einen Akt der Emanzipation von der älteren Generation dar: „Die deutsche Jugend steht an einem entscheidenden Wendepunkt. Die Jugend, bisher nur ein Anhängsel und auf eine passive Rolle angewiesen, beginnt sich auf sich selbst zu besinnen. […]“[3] Zudem wird aus dem Manifest der Wille erkennbar, dass die Jugendbewegung trotz disparater Strömungen, im Kern sich einig zeigen will:

„Aber sie alle empfinden ihre Einzelarbeit als den besonderen Ausdruck eines ihnen allen gemeinsamen Gefühls vom Wesen, Wert und Willen der Jugend, das sich wohl leichter in Taten umsetzen als auf Formeln bringen lässt. Diesen neuen, hier und da aufflammenden Jugendgeist haben sie als den ihnen allen gemeinsamen erkannt und den Beschluss gefasst, aus Gesinnungsgenossen nunmehr auch Bundesgenossen werden.[…] Wir wollen auch weiter getrennt marschieren, aber in dem Bewusstsein, daß uns ein Grundgefühl zusammenschließt, so daß wir Schulter an Schulter kämpfen.“[4]

Mit Mannheim nun lassen sich fünf „Grundphänomene“ für die historische Abfolge von Generationen, bzw. der „Generationserscheinungen“[5] festhalten. Es handelt sich um:

1. Das stete „Neueinsetzen der Kulturträger“,
2. den „Abgang früherer Kulturträger“,
3. die zeitlich begrenzte Partizipation eines jeweiligen Generationszusammenhanges am Geschichtsprozess,
4. die „Notwendigkeit des steten Tradierens der akkumulierten Kulturgüter und schließlich
5. die „Kontinuierlichkeit des Generationswechsels“[6]

Jedes dieser fünf „Phänomene“ lässt sich im „Manifest der Freideutschen Jugend“ nachvollziehen: Mit Mannheim kann darauf hingewiesen werden, dass sich Kulturschöpfung und Kulturakkumulation in den „neuen Jahrgängen“, welche einen neuen und damit anders gearteten Zugang zu Kulturgütern haben als die vorangegangenen Generationen, von diesen divergent vollzieht: „Kultur [wird] fortgebildet von Menschen […], die einen `neuen Zugang´ zum akkumulierten Kulturgut haben“[7], also durch einen Generationswechsel. Dieser Generationswechsel erfolgt nicht radikal, so dass es ausschließlich die „alte“ und die „neue“ Generation gibt. Vielmehr existieren nebeneinander mehrere Zwischengenerationen, die sich wechselseitig beeinflussen.[8] „Das Neueinsetzen neuer Menschen verschüttet zwar stets akkumulierte Güter, schafft aber unbewusst nötige, neue Auswahl, Revision im Bereich des Vorhandenen, lehrt uns, nicht mehr Brauchbares zu vergessen, noch nicht Errungenes zu begehren.“[9] Hier zeigt sich deutlich das Entwicklungspotential und damit die Bedeutung, welche Mannheim der Jugend bezüglich gesellschaftlicher Veränderungen zuspricht und welche für ihn mit dem Einsetzen neuer Generationen zusammenhängt.

Das stete Neueinsetzen der Kulturträger wird somit im betrachteten Fall durch die Jugend, die sich in der Jugendbewegung zusammengefunden hat, selbst bewerkstelligt: „Sie [die Jugendbewegung. Anm. d. Vrf.] möchte das, was in ihr an reiner Begeisterung für höchste Menschheitsaufgaben, an ungebrochenem Glauben und Mut zu einem adligen Dasein lebt, als einen erfrischenden, verjüngenden Strom dem Geistleben des Volkes zuführen.“[10] Aus diesem Zitat wird auch deutlich, dass die Jugendbewegung der Notwendigkeit des Tradierens akkumulierter Kulturgüter entspricht indem sie eben nicht völlig mit den Kulturgütern bricht. Vielmehr finden die Jugendlichen einen neuen Zugang zu alten Werten, was sich beispielsweise in der Romantisierung des „einfachen“ Landlebens und von Naturerlebnissen widerspiegelt.

Die ältere Generationen hingegen werden von den Mitgliedern der Jugendbewegung als patriotisch-chauvinistisch verurteilt. Diese würden sich „die Heldentaten der Väter in großen Worten“ aneignen, „ohne sich zu eigenen Taten verpflichtet zu fühlen, dem vaterländische Gesinnung sich erschöpft in der Zustimmung zu bestimmten politischen Formeln, in der Bekundung des Willens zu äußerer Machterweiterung und in der Zerreißung der Nation durch politische Streitigkeiten.“[11] Mannheim verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass um das 17. Lebensjahr herum „[…] das selbstexperimentierende Leben beginnt“ und erst dort sich die „Möglichkeit des In-Frage-Stellens“[12] eröffne,

[...]


[1] Das Völkerschlachtdenkmal wurde von 1897 bis 1913 im Auftrag des "Deutschen Patriotenbundes" von dem Architekten Bruno Schmitz (1858 - 1916) erbaut und wurde anlässlich des 100. Jahrestages der Völkerschlacht bei Leipzig vom deutschen Kaiser Wilhelm II am 18. Oktober 1913 eingeweiht. Es soll an die Völkerschlacht im Oktober 1813, in der Napoleons Gewaltherrschaft über Europa gebrochen wurde, gedenken.

Vgl: http://www.leipzig-sachsen.de/leipzig-fotos/voelkerschlacht-denkmal.html, gesehen am 21.3. 06

[2] Baumgart, Franzjörg: Erziehungs- und Bildungstheorien. Erläuterungen, Texte du Arbeitsaufgaben. Bad Heilbrunn, 2. durchgesehene Auflage 2001. S. 127

[3] Das Manifest der Freideutschen Jugend. Zitiert nach: Baumgart, a.a.O., S. 135 f.

[4] Baumgart, a.a.O., S. 135

[5] Mannheim, Karl: Das soziologische Problem der Generation. In: Mannheim, Karl: Wissenssoziologie. Auswahl aus dem Werk. Eingeleitet und herausgegeben von Kurt H. Wolf. Berlin/Neuwied 1964, S. 529

[6] Vlg. Mannheim, a.a.O., S. 530

[7] Mannheim, a.a.O., S. 527 f.

[8] Vgl. ebd., S. 540 f.

[9] ebd., S. 532

[10] Baumgart, a.a.O., S. 135

[11] Baumgart, a.a.O., S 135

[12] Mannheim, a.a.O., S. 539

Details

Seiten
15
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638583350
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v65873
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Pädagogik
Note
1-2
Schlagworte
Karl Mannheim Problem Generation Generationslagen Jugendkulturen

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