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Zur Eroberung Kanadas durch die USA im 19. Jahrhundert

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 28 Seiten

Amerikanistik - Kultur und Landeskunde

Leseprobe

Gliederung:

- Einleitung

- Militärische Eroberung

- Wirtschaftliche "Eroberung"

- The Canadian point of view

- Conclusion

- Bibliographie

Einleitung

Seit dem Unabhängigkeitskrieg der amerikanischen Kolonien steht Kanada als nördlicher Nachbar in einem besonderen Verhältnis zu den Vereinigten Staaten von Amerika. Nachdem der Versuch, Kanada während des Unabhängigkeitskrieges als "14. Kolonie" zum Aufstand gegen Großbritannien zu bewegen, scheiterte und auch im englisch-amerikanischen Krieg von 1812 Kanada nicht an die Vereinigten Staaten fiel, wurden die Versuche, den nördlichen Nachbarn militärisch zu erobern, aufgegeben und eine "friedliche" Lösung in Form einer Wirtschafts- und Politunion propagiert. Die Idee einer kommerziellen wie auch politischen Einheit der beiden nordamerikanischen Länder hielt sich bis ins 20. Jahrhundert.

Die Hausarbeit soll die Beziehungen zwischen den beiden nordamerikanischen Staaten im 19. Jahrhundert zeigen sowie wie und aus welchen Gründen eine Annexion von Kanada seitens der Vereinigten Staaten als möglich erachtet wurde und welche Ergebnisse die jeweiligen Annexionsbewegungen hatten. Zuerst wird es dabei um die militärischen Eroberungsversuche gehen. Nachdem diese gescheitert sind, wird die wirtschaftliche "Eroberung" betrachtet werden. Anschließend werde ich ein paar Bemerkungen zum kanadischen point of view machen.

Was die Literatur zu diesem Sachverhalt anbelangt, so muß gesagt werden, daß die meisten Veröffentlichungen von der kanadischen Seite (d.h., Gelehrten und Forschern) und dementsprechend mit einem kanadischen Blickpunkt auf die Geschehnisse gemacht wurden, nur ein verschwindend geringer Teil von der amerikanischen. Woran das liegt, ist im Moment nicht genau feststellbar; es wirft jedoch ein interessantes Licht auf die amerikanische Geschichtsschreibung.

Militärische Eroberung

Continental Congress 1774

Militärische Eroberung war nicht die erste Wahl der Kolonisten, als es um eine Einigung der dreizehn aufgebrachten amerikanischen Kolonien mit den beiden damals existierenden kanadischen Kolonien (Québec und Nova Scotia) ging. Das zeigt die Resolution des Ersten Continental Congress vom Oktober 1774. Zuerst werden den kanadischen "friends and fellow-subjects" die Rechte erklärt, die ihnen genauso wie den Amerikanern unter englischer Flagge und Krone zustehen, ihnen aber vorenthalten werden: Beteiligung an der Regierung, trial by jury, Freiheit der Person, Recht auf Landbesitz, Freiheit der Presse. Nichts davon stünde den Kanadiern in der jetzigen Situation zu: "Have not Canadians sense enough to attend to any other public affairs, than gathering stones from one place, and piling them up in another? Unhappy people!"[1]

Die gesamte Resolution ist eine Mischung aus Anschuldigung gegen die Briten bzw. die englische Krone und Überredungsversuchen in Richtung Kanada, sich der Bewegung anzuschließen, d.h., Delegierte in den Kolonien zu wählen und diese auf den nächsten Kontinentalkongreß zu schicken, um die kanadischen Gebiete dort zu vertreten. Sogar Montesquieu wird bemüht, in einer fiktiven Ansprache "versucht" er klarzumachen, warum eine Union mit den rebellierenden Amerikanern die einzige Chance für Kanada sei: " 'Seize the opportunity presented to you by Providence itself. You have been conquered into liberty, if you act as you ought.' "[2] Was allerdings auch mitschwingt, ist offene Drohung:

" 'A moment's reflections should convince you which will be most for your interest and happiness, to have all the rest of North-America your unalterable friends, or your inveterate enemies. […] Heaven grant you may not discover them to be blessings after they have bid you an eternal
adieu.' "[3]

Auch diese beiden Sätze sind Teil von Montesquieus fiktiver Rede, und vielleicht war es auch nur deshalb möglich, diese Art von Drohung mit einfließen zu lassen. Vielleicht ist das auch alles nur Rhetorik, aber für mich hört es sich sehr nach schweren Geschützen an, die da aufgefahren werden: 'Beteiligt euch, oder ihr könntet noch schlimmere Probleme bekommen, als ihr jetzt schon habt.'

War of Independence 1775

Gerade mal ein knappes Jahr später sollte die Ankündigung wahr gemacht und Kanada Teil der Rebellionsbewegung und der entstehenden neuen Nation werden: Im Herbst 1775 wurden Truppen der amerikanischen Armee in die Kolonie Québec und ins St Lawrence Valley geschickt, "to add the 'Forteenth Colony' to the rebellion".[4] Obwohl diese 2.000 Mann dringend gebraucht wurden, sprich zur Verteidigung der bisherigen dreizehn Kolonien gegen die englische Armee hätten eingesetzt werden müssen, war es überaus wichtig für die Amerikaner, das St Lawrence Valley zu sichern, um gegen britische Angriffe vorzubeugen; Québec war ein "Tor" in die nördlichen Landstriche und Kolonien und die Einnahme dieser Stadt hätte einen sicheren Sieg für die Rebellion nördlich des 49. Breitengrads bedeutet.

Das Unternehmen scheiterte jedoch; die Franko-Kanadier, die Québec besiedelten und auf deren Unterstützung gehofft wurde, verteidigten Stadt und Provinz erfolgreich und zogen es vor, sich lieber an die Briten in British North America zu halten. Die amerikanischen Truppen mußten sich wieder zurückziehen; das hieß jedoch nicht, daß Kanada aufgegeben gewesen wäre. In den Friendensverhandlungen, die dem Unabhängigkeitskrieg folgten, machte Benjamin Franklin den Vorschlag "to cede Québec to alloy the rancors of war and to avoid future friction"[5]. Großbritannien ließ sich jedoch nicht darauf ein, und gesamt British North America blieb in englischer Hand.

Auch wenn es auf den ersten Blick etwas unsinnig erscheinen mag, ein fremdes Territorium zu besetzen bzw. by force einzunehmen, während man sein eigenes Gebiet (noch) nicht gesichert hat und gerade darüber Krieg führt, darf man die Wichtigkeit des kanadischen Gebiets für die Amerikaner nicht unterbewerten. Zum einen gab es da ein riesiges Stück Land, das so gut wie unbesiedelt war. Die einzigen Streifen, die die Bezeichnung "besiedelt" verdient hätten, waren das St. Lawrence Valley und das Gebiet um die Großen Seen herum (heutiges Québec und Ontario), sowie das südliche Ufer der Hudson Bay, sonst nichts. Riesige Landmassen, die nur darauf "warteten", in Besitz genommen zu werden, mit allem was dazu gehört -- Wälder, d.h. Holz, Farmwirtschaft, Pelze, Handel etc. Auch wenn von der amerikanischen Frontier, so wie wir sie heute verstehen, damals noch nicht die Rede war und auch das Siedlungsproblem, also eine Art "Platzmangel" innerhalb des amerikanischen Territoriums, sich so noch nicht stellte, glaube ich trotzdem, daß die simple Aussicht auf noch mehr Land unter der amerikanischen Flagge, abgesehen von den politischen Umständen, einen nicht unwesentlichen Faktor für die Motivation der amerikanischen Truppen darstellte. Weitere Kolonien, Territorien und potentielle zukünftige Staaten lagen nördlich der Grenze, die dem Sentiment "Wir, die Amerikaner, auf diesem unserem Kontinent" weitere Nahrung verschafften. Das Konzept des Manifest Destiny der amerikanischen Nation kommt einem als erstes in den Sinn, um ein solches Vorgehen zu rechtfertigen. Allerdings bin ich der Meinung, daß es in erster Linie um den materiellen Aspekt des Unternehmens ging. Auch in späteren Auseinandersetzungen mit British North America bzw. der Dominion of Canada taucht zwar dieser Begriff auf, ist aber nichts weiter als eine "nette" ideologische Verbrämung des Ganzen. Es ging nicht in erster Linie um God's own country, es ging um Geld.

Auch war es notwendig, sich gegen britische Angriffe auf dem eigenen Kontinent zu wehren bzw. diese gar nicht erst entstehen zu lassen. Immerhin handelte es sich beim nördlichen Nachbarn um British North America, eine britische Kolonie, die ohne weiteres zum Basislager eines englischen Angriffs auf die junge, in der Entstehung begriffene Republik hätte werden können. Großbritannien hätte dafür nicht einmal die Royal Navy einsetzen müssen, sondern wäre einfach über die Grenze marschiert. Der Siebenjährige Krieg zwischen Frankreich und England, der auch in Kanada, und hier im St. Lawrence Valley, ausgefochten wurde, machte die strategische Bedeutung der Region deutlich. Der Umstand, daß die Kanadier, bzw. die dort lebenden Siedler, sich nicht von selbst der Sache der amerikanischen Rebellion anschlossen, sondern wohl erst mit zweitausend Soldaten "überzeugt" werden mußten, mochte ebenfalls zum Gefühl einer ständigen Bedrohung aus dem Norden beitragen -- salopp interpretiert: "Wenn sie nicht für uns sind, können sie eines Tages gegen uns sein." Eine Besetzung des kanadischen Territoriums war daher aus strategischen Gründen zwingend notwendig.

Was nun die Franko-Kanadier betrifft, so waren diese von der Idee von Rebellion und Unabhängigkeit so gar nicht zu begeistern. Man kann spekulieren, woran es wirklich lag, daß sich Québec nicht am Aufstand beteiligte und der Rebellion anschloß -- vielleicht eine Art Brüskiertheit ob der ungefragten amerikanischen Invasion, vielleicht eine Frage der Religion (Québec war römisch-katholisch und "they also resented the unconcealed religious bigotry of the invaders, many of whom were of New England Puritan stock"[6]), vielleicht die Auswirkungen des Québec Acts, der 1774 vom britischen Parlament erlassen wurde. Am ehesten wohl eine Mischung aus den genannten Möglichkeiten, wobei meiner Meinung nach der Québec Act die größte Rolle dabei spielte. Nach der offiziellen Übergabe Kanadas von Frankreich an Großbritannien 1763 schlugen die Versuche, Québec (mit einer Bevölkerungsverteilung von absolut überwiegend römisch-katholischen Franzosen gegenüber einer kleinen Minderheit protestantischer Briten) in die britische society zu assimilieren, fehl; der Québec Act war dazu gedacht, diesen Konflikt zu lösen. Er weitete die Grenze der Provinz bis nach Ohio, das heißt, bis zum Ohio River, aus, ermöglichte Kolonialisierung im Westen des Landes, schrieb englisches Strafrecht vor, etablierte aber wieder französisches Zivilrecht und schuf einen gesetzgebenden Rat (legislative council). Damit garantierte er den Franzosen ihre eigene Sprache, Rechtsprechung, Religion und Kultur -- das, was sie nationalité nannten. Dem gegenüber war es unsicher, vielleicht sogar ausgeschlossen, daß die französisch-stämmigen Siedler dieselben Vorzüge unter amerikanischer Flagge erhalten würden. Diese anti-amerikanische Haltung, nicht nur der Franko-Kanadier, sondern später ganz Kanada betreffend, sollte sich im weiteren Verlauf der Geschichte als größtes Hindernis für eine wie auch immer geartete Union der beiden Staaten erweisen.

War of 1812

"Both a fear of and a desire for Canada motivated the War Hawks of 1812."[7] Eigentlich ging es in diesem Krieg um etwas anderes, nämlich um eine Auseinandersetzung zwischen den alten Mächten in Europa, Frankreich und Großbritannien, die aufgrund der Kolonialsituation auch in die Neue Welt getragen wurde. Die Vereinigten Staaten hatten sich zur Neutralität verpflichtet; dennoch wurden ihre Schiffe von den Franzosen und Engländern gleichermaßen aufgebracht, die Ware beschlagnahmt und die Mannschaft verhaftet.[8] Die Neutralitätsrechte und -verpflichtungen erwiesen sich ob des lukrativen und ausführlichen Schmuggelgeschäftes als nicht durchsetzbar. In dieser Situation erklärt Präsident Madison Großbritannien den Krieg. Die Gründe, die er dafür anbringt, sind unzureichend[9], und im Grunde genommen geht es auch nicht um die Briten bzw. die Royal Navy als Militärmacht in Nordamerika -- es geht um Handelsinteressen. Amerika als junge Nation, die versucht, sich politisch und wirtschaftlich zu etablieren, und in diesen Bemühungen immer wieder (so scheint es zumindest) von der großen Kolonialmacht und ehemaligen Mutterland daran gehindert wird. Darum greift Madison auch nicht die Royal Navy an, sondern Kanada ist das Ziel: "Madison considered Canada a key prop of the British Empire and a main component of the British plan to strangle American trade."[10] Zum einen war Kanada einfacher zu erreichen -- man marschierte einfach über die Grenze und mußte sich nicht der Gefahr durch britische Schiffe an den amerikanischen Küsten aussetzen, zum anderen herrschte immer noch der Glaube vor, es sei ein leichtes, Kanada einfach so einzunehmen -- die Vereinigten Staaten waren um einiges bevölkerungsreicher, viele der Siedler in den kanadischen Kolonien waren von Geburt Amerikaner, die diese Sache unterstützen würden, und auch ideologisch konnte dem nichts im Wege stehen, schließlich wollten die Kanadier doch auch Leben, Freiheit und das Streben nach Glück erreichen.

Anfangs schien das Vorhaben erfolgreich zu sein. William Hull, Gouverneur von Michigan und Brigadegeneral der Nordwestarmee, führte im Juli 1812 eine Invasionsgruppe nach Upper Canada (heutiges Gebiet nördlich der Großen Seen) und erklärte das Territorium für besetzt. In der entsprechenden Proklamation schwingt erneut diese Mischung aus freundlicher Zuwendung/ Besorgnis und unverhohlener Drohung mit:

"The army under my command has invaded your country and the standard of the United States waves on the territory of Canada. To the peaceful unoffending inhabitant, it brings neither danger nor difficulty. I come to find enemies not to make them, I come to protect not to injure you. […] The arrival of an army of friends must be hailed by you with a cordial welcome, you will be emancipated from tyranny and oppression and restored to the dignified station of freemen. […] I have a force which will look down all opposition and that force is but the vanguard of a much greater. If contrary to your own interest & the just expectation of my country, you should take part in the approaching contest, you will be considered and treated as enemies and the horrors and calamities of war will stalk before you."[11]

Wenn es anfangs auch so aussah, als ob das Vorhaben erfolgreich sein könnte, wurden die Amerikaner schnell eines Besseren belehrt. Vor allem wurde ein eklatanter taktischer Fehler begangen: Anstatt sich auf die strategisch wichtigen Orte Montreal und Québec zu konzentrieren, sprich, diese anzugreifen und einzunehmen, marschierten die Amerikaner in das Gebiet nördlich der Großen Seen in der Hoffnung, die dortigen Kanadier würden sich anschließen und sie unterstützen. Was diese nicht taten.[12] Die britische Armee, zusammen mit kanadischen Bürgerwehren, konnte jeden Erfolg der Amerikaner wieder zunichte machen und ihrerseits Erfolge erzielen. Sogar Washington, D.C. und Detroit wurden zeitweilig von den Briten eingenommen.

[...]


[1] U.S. Congressional Documents and Debates, 1774 - 1873. http://memory.loc.gov/cgibin/ ampage, d/l 07.03.2000. Journals of the Continental Congress, vol I, Seite 109.

[2] Journals, Seite 111.

[3] Journals, Seite 111f.

[4] Warner, Donald F. The Idea of Continental Union, Agitation for the Annexation of Canada to the United States, 1849 - 1893. (n.d.: University of Kentucky Press, 1960),
Seite 1.

[5] Warner, Seite 3. Nach Warner ist es bemerkenswert, daß sich die Vereinigten Staaten um Québec bemühten, sich jedoch nicht um Nova Scotia ("New England's outpost") kümmerten, was jedoch verständlich wird, wenn man die strategische Position von Québec beachtet.

[6] Warner, Seite 2.

[7] Warner, Seite 3.

[8] Für ein zeitgenössisches Meinungsbild siehe: Debates on American Neutrality, 1807 - 1809. http://www.hillsdale.edu/dept/History/Documents/War/America/1812/1807-Newspapers-Prelude.html, d/l 07.03.2000, Seite 1ff.

[9] Zwangsdienst von Amerikanern in der britischen Marine, britische Schiffe, die sich in amerikanischen Gewässern aufhielten, Verletzung von Neutralität durch die Briten und andauernde Indianer"probleme", die durch britische Agenten angestachelt werden würden.

[10] Boyer, Paul et al. The Enduring Vision. Concise 2nd edition (Lexington/MA, Toronto: DC Heath and Company, 1995), Seite 177.

[11] Hull's Proclamation to Canada, 1812 in: Cruikshank, E.A. (ed.) Documents Relating to the Invasion of Canada and the Surrender of Detroit, 1812 (Ottawa, 1912), Seite 58ff, zitiert nach: http://www.hillsdale.edu/dept/History/Documents/War/America/1812/North/ 1812-Proclamation -Hull.html, d/l 07.03.2000, Seite 1.

[12] Es gibt jedoch "Articles of Capitulation", gezeichnet von Richard Montgomery, Brigadegeneral der Kontinentalarmee, und einem Komitee von zwölf Einwohnern von Montreal, unterschrieben am 12. November 1775, die den Anschein erwecken, als sei Montreal schließlich doch, zumindest für kurze Zeit, eingenommen worden (Documents from the Continental Congress and the Constitutional Convention, 1774 - 1789. http://memory.loc.gov/cgi-bin/ampage, d/l 07.03.2000). Allerdings konnte ich in den entsprechenden Chronologien, sowohl amerikanischen als auch kanadischen, nichts weiter dazu finden.

Details

Seiten
28
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638141437
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6607
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien
Note
1,0
Schlagworte
Kanada 19. Jahrhundert Eroberung

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