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Die vertrauliche Anrede an Bekannte im Russischen und Deutschen - eine vergleichende empirische Studie zum Anredeverhalten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 30 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Anrede – Gegenstand der Soziolinguistik
1.1. Definition der Anrede
1.1.1. Nominale Anredeform - Vornamen
1.1.2. Nominale Anredeform - Verwandtschaftsbezeichnungen
1.1.3. Kose- und Spitznamen

2. Vertrauliche Anrede an Bekannte
2.1. Familie
2.2. Verwandtschaft
2.3. Bekannten- und Freundeskreis

3. Analytischer Teil
3.1. Fragebogen
3.2. Auswertung des Fragebogens
3.2.1. Spitznamen im Sprachgebrauch
3.2.2. Vornamen im Sprachgebrauch
3.3. Auswertung und Interpretation der Untersuchungsergebnisse

Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang
a. Fragebogen – russische Probanden
b. Fragebogen – deutsche Probanten

Einleitung

Als Mitglieder einer Gesellschaft sind wir alle an einer reibungslosen und erfolgreichen Kommunikation interessiert und daher gezwungen, uns an Normen des Sprachetiketts zu halten. Zweifellos nimmt die mündliche Kommunikation gegenüber der schriftlichen den größeren Teil unseres Alltags ein, wobei der direkten Anrede der Kommunikationspartner eine sehr zentrale Rolle zukommt. Da die konkreten Anredeformen neben der Information über den Sprecher selbst auch sein Verhältnis zum Gesprächspartner und oft auch seine Kommunikationsabsicht signalisieren, muss die Wahl einer Anrede sehr gut überlegt sein. Das Anredeverhalten einer Sprachgemeinschaft wird sowohl durch interne als auch externe Ereignisse beeinflusst, wobei tradierte länderspezifische Formen der Anrede entstehen, die im direkten Vergleich mit denen eines anderen Kulturraumes deutlich werden.

Die vorliegende Arbeit soll einen theoretischen und empirischen Beitrag zur Darstellung und Klärung des modernen russischen und deutschen Anredeverhaltens im interkulturellen Sprachvergleich leisten. Gegenstand der Untersuchung ist die vertrauliche Anrede an Bekannte, wobei sich der Fokus des empirischen Teils der Arbeit vor allem auf das Anredeverhalten der Generation junger Akademiker richtet. Anhand eines Fragebogens soll das Anredeverhalten der russischen und deutschen Muttersprachler in Hinsicht auf die mögliche Intimisierung und Individualisierung der vertraulichen Anrede an Bekannte untersucht und die eventuellen interkulturellen Unterschiede im Anredeetikett herausgearbeitet werden.

Die in zwei Abschnitte gegliederte Arbeit befasst sich im Teil I. mit der Bearbeitung und Vorstellung der Fachliteratur internationaler Anredeforschung. Auf der Basis zahlreicher soziolinguistischer Untersuchungen wird zunächst eine Einführung in die Begrifflichkeiten vorgenommen, wobei die Anredeformen, ihre Funktion und die Einflussfaktoren auf das individuelle Anredeverhalten geklärt werden. Nach einem knappen Überblick über das moderne russische und deutsche Anredeverhalten widmet sich der zweite Teil der Arbeit ausschließlich der Auswertung und Analyse des eigens für die Untersuchung entwickelten Fragebogens. Die Befragung der Studenten bzw. Absolventen Moskauer und Berliner Hochschulen soll einen Überblick über die tatsächlichen aktuellen Anredegewohnheiten Aufschluss geben und durch einen direkten Vergleich die Frage nach dem interkulturellen Unterschied klären. Doch zunächst geht es um die Begriffsklärung und die Abgrenzung des Untersuchungsgegenstandes.

Teil I.

1. Anrede – Gegenstand der Soziolinguistik

Der Bereich der Anredeforschung berührt mehrere Gebiete der Sprachwissenschaft, insbesondere aber die der Soziolinguistik, „der wissenschaftlichen Disziplin, die sich mit den Beziehungen zwischen Sprache und Gesellschaft befasst“[1] und damit eine Kombination aus linguistischen und soziologischen wissenschaftlichen Ansätzen darstellt[2].

Durch die Analyse des Anredeverhaltens innerhalb einer Sprachgemeinschaft können neben den wichtigen sozialen und gesellschaftlichen Funktionen der Anrede vor allem im privaten Bereich die Zuweisung und Verteilung familiärer und geschlechtsspezifischer Rollenschemata, und allgemein der Relationen zwischen den Kommunikationspartnern ermittelt werden.

1.1. Definition der Anrede

Jede Sprache und Sprachgemeinschaft verfügt über eine ganze Reihe von Anredemöglichkeiten und damit über ein „[...] mehr oder weniger strukturiertes, Register von linguistischen, paralinguistischen und extralinguistischen Mitteln, mit Hilfe derer Sprecher [...] Verhältnisse untereinander konstituieren und Rollenzuweisungen vornehmen.“[3]. Dabei ist die wichtigste Funktion jeder Anredeform, die direkt/indirekt, mündlich/schriftlich, vertraut oder als Distanzanrede mithilfe der Titel, Nomen oder Pronomen verwendet werden kann, die Herstellung und Erhaltung der Kommunikation[4].

Dabei unterliegt die Wahl der passenden Anredeform mehreren Faktoren, wobei der Sprecher (Adressant) die biologischen Variablen „Alter“/„Geschlecht“ und soziokulturelle Variablen „gesellschaftlicher Status“ und sein „persönliches Verhältnis“[5] zum Angesprochenen (Adressat) beachten muss. Dadurch wird die Wahl konkreter Anredeform je nach Gesprächspartner und Gesprächssituation sozial und situativ determiniert[6].

Weiterhin hat der Sprecher die Aufgabe, sowohl die Gesprächssituation (offiziell, halboffiziell oder inoffiziell) als auch den Vertrautheitsgrad zum Angesprochenen (Fremder, Kollege, Freund, Verwandter) richtig einzuschätzen und die Anrede daran anzupassen[7].

Die linguistischen Anredeformen lassen sich in die Kategorie der nominalen und pronominalen Anrede unterteilen. Sowohl im Russischen als auch im Deutschen steht der offiziell-distanzierten und Höflichkeitsform Вы / Sie, das intim-familiäre, überwiegend im privaten Bereich genutzte Pronomen ты / Du gegenüber[8]. Eine Asymmetrie im Anredeverhalten ist dabei oftmals reglementiert und bedeutet im Russischen keinen sozialen Verstoß[9].

Im Bereich der nominalen Anredeformen unterscheidet sich das Russische durch die Erweiterung der offiziellen Anrede mit Vor- und Familiennamen mit dem zusätzlichen Patronymikum/Vatersname, (z.B.: Владимир Сергеевич Иванов) vom Deutschen. Außerdem ist die russische Sprache sehr reich und kreativ im Gebrauch von konnotierten Kurz- und Deminutivvarianten des Vornamen, der Verwandtschaftsbezeichnungen, sowie von vielen Kose- und Spitznamen[10]. Da der nominalen Anrede an Bekannte im privaten Bereich besonders im russischen Sprachgebrauch eine wichtige Rolle zukommt, sollen diese im Folgenden auch in näher betrachtet werden.

1.1.1. Nominale Anredeform - Vornamen

Wie bereits erwähnt verfügt jeder Russe über einen dritten Namen, das Patronymikum (Pn), der allerdings nur mit der Langform des Vornamens (VnL) kombiniert werden kann und mit dem Familiennamen (Fn) die offizielle Anrede bildet. Allgemein lassen sich die Varianten der russische Vornamen in drei Typen unterteilen[11]:

1. Langform des Vornamens (VnL): der offizielle Vorname, wie er im Ausweis steht und mit dem Pn kombiniert wird, z.B. Владимир( Владимирович), Наталья ( Ивановна),
2. Kurzform des Vornamens (VnK): der als häufigster Rufname im privaten und freundschaftlichen Umgang benutzt wird, z.B. Вова, Наташа, Аня. Jedoch lässt sich nicht jede VnL auch abkürzen, wie z.B. Вера/ - , Зоя/ -
3. Deminutivform des Vornamens (VnD): Ableitungen der Vornamen, die meist mit zärtlich-verniedlichenden (- очк-/- ечк-), leicht geringschätzig-familiär (- ух-/- юх-), aber auch als mit stärker geringschätzigen (- ок/- ёк), oder grob-familiären Suffixen (- к-) gebildet werden (vgl. dazu Listrova-Pravda/Titz (1986)), (z.B., Вовачка, Анечка, Варюха, Витёк, Колька)

Natürlich gibt es diese sprachlichen Ausdrucksmittel der VnK und VnD auch im deutschen Anredeverhalten, allerdings nicht in solch zahlreichen Variationen und emotionalen Schattierungen, da es eher nur die zärtlich-liebevollen Suffixe –lein, -chen und –i (z.B. Katilein, Beredtchen, Michi) zur Verfügung stehen[12]. Dadurch kommt es im Gegensatz zum Russischen eher selten zum situationsbedingten Anredewechsel.

1.1.2. Nominale Anredeform - Verwandtschaftsbezeichnungen

Im Gebrauch der Verwandtschaftsbezeichnungen (Vb) als nominale Anrede besteht zwischen dem russischen und deutschen Sprachetikett kein wesentlicher Unterschied. Die Anrede mit мама/ папа, бабушка/ дедушка, сестра/ брат, тётя/ дядя u.s.w. hat neben der Funktion der Kontaktaufnahme auch die der Bestimmung der familiären Rollenschemata und eine Art Zuweisung bestimmter Funktionen innerhalb der Familie, die jeweils mit einer klar abgehobenen Zuständigkeit verbunden sind[13].

Auch für die familiären Funktionsbezeichnungen besteht im Russischen wie im Deutschen die Möglichkeit, durch verschiedene Suffixe koseähnliche Formen zu bilden, die jeweils mit oder ohne den Vornamen gebraucht werden können (z.B.: мама – мамочка – мамашенька – мамка usw. ; брат – братик – братишка usw.).

1.1.3. Kose- und Spitznamen

Eine weitere Möglichkeit der nominalen Anrede in beiden Sprachen bieten zahlreiche zärtlich-liebevolle Kosenamen (Kn), und die vor allem im Kreis der Familie und Freunde zum Teil auch neckend und ironisch gebrauchten Spitznamen (Sn). Aus Gründen der Vereinfachung werden im Folgenden beide Anredevarianten unter der Abkürzung (Sn) zusammengefasst behandelt.

Die Fülle der Sn im russischen Sprachgebrauch lässt sich zu bestimmten Kategorien/Gruppen zusammenfassen, in welche sich auch deutschen Sn einordnen ließen[14]:

1. Zoonyme = von Tierbezeichnungen abgeleitete Sn (Зайка , Мышка , Киса , Коза)
2. Substantivbildungen = von Substantiven gebildete Spitznamen mit einer
bestimmten Konnotation
(Тыква , Малинка , Чайник , Шишка и т . д .)
3. Personenbezeichnungen = real existierende Personen und/oder ihre Eigenschaften und
Charaktermerkmale (Юморист , Вундеркинд , Бакалавр usw .)
4. Literaturhelden = Protagonisten von Romanen, Filmen und Zeichentrickserien
(Кот Матроскин, Винни-Пих, Муми-Троль usw.)
5. Modifizierte offizielle Vornamen = von VnL, Pn und Fn gebildete Spitznamen (von
VnL = Ксюша - Ксёна , von Pn = Ильина - Илюшечка , von Fn = Пшеничников –
Пшен usw.)
6. formale Imitation des Fn und Pn = (Полотоныч , Тапочкин – от Башмаков usw .)
7. Adjektivbildungen = die Sn werden von bestimmten Adjektiven abgeleitet
(Уютный, Мягкий, Ежиный usw .)

Neben der Kommunikationsherstellung besteht die Besonderheit der Spitznamen darin, den Angesprochenen nicht nur zu benennen, sondern ihn gleichzeitig zu charakterisieren und zu bewerten[15]. Dabei muss die gesellschaftliche Konnotation eines Spitznamens nicht immer mit der individuellen zusammen fallen, sondern kann diesen ergänzen oder sogar aufheben[16], so dass ein allgemein als eher negativ empfundener Spitzname wie Крыса in bestimmten Fällen neutral oder sogar positiv gemeint sein kann.

2. Vertrauliche Anrede an Bekannte

Das von den unterschiedlichen bereits aufgezählten Faktoren determinierte Anredeverhalten variiert auch jeweils im öffentlichen Leben, z.B. am Arbeitsplatz, in der Hochschule usw., und dem privaten Lebensbereich, dem der Familie und Freunden[17]. Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ist die vertrauliche Anrede an Bekannte, womit sich der Fokus auf den Umgang im privaten Bereich richtet.

Zur vertrauten Anrede zählen im Russischen sowie im Deutschen das Pronomen ты/du, zahlreichen Variationen des Vornamens und die Kose-/Spitznamen. Dabei gelten auch hier die Faktoren „Alter“ und „Vertautheitsgrad“ der Kommunikationspartner als maßgebender Maßstab bei der Entscheidung der passenden Anredeform.

2.1. Familie

Als kleinste gesellschaftliche Einheit gibt die Familie allgemein Auskunft über den gesellschaftlichen Aufbau und das soziale Rollenverständnis und lässt anhand der familiären Anrede Rückschlüsse auf die tatsächlichen Verhältnisse zwischen den Familienmitgliedern und die Verteilung der sozialen Rollen innerhalb jeweiligen familiäre Gemeinschaft zu[18].

Im Russischen wie im Deutschen werden Familienmitglieder - Eltern, Großeltern, Kinder, Geschwister und auch die Ehe- bzw. Lebenspartner - mit dem Vornamen und dem Pronomen ты/Du angesprochen[19]. Im Gegensatz zum Deutschen werden im Russischen statt der Langform VnL vor allem im Familienkreis mehr und öfter VnD und der VnK als Rufnamen verwendet (z.B. Вова, Наташенька)[20]. Dabei wird die im Deutschen so übliche Anrede mit VnL eher als unpassend offiziell und zu seriös empfunden und am liebsten durch die zahlreichen Spitznamen ersetzt, meistens aus der Kategorie der „Zoonyme“, die als besonders zärtlich und liebevoll empfunden werden (z.B. Зайка, Мышка, Киса)[21].

Durch die bestimmte Konnotation dieser Anredevarianten, kann ein plötzlicher situationsbedingter Anredewechsel den Übergang zwischen einer zärtlichen, neutralen oder beispielsweise angespanntem Verhältnis zwischen den Gesprächspartnern signalisieren. Damit ist die Möglichkeit gegeben, durch die Anrede unmittelbar die momentane oder permanente Beziehung zwischen Sprecher und Adressat zu bestimmen (z.B. von zärtlich, über neutral zu angespannt: мамочка – мама – мать ; Оленька - Оля – Ольга ).

Vor allem in der Anrede an die Eltern werden die Verwandtschaftsbezeichnungen einem ähnlichen Verwendungsmuster unterzogen und können auch mithilfe verschiedener liebevoll-zärtlicher und auch grob-familiärer Suffixe zu koseähnlichen Formen variiert werden. Trotz der Entwicklung der 60er/70er Jahre im deutschen Sprachgebrauch, verbunden mit der Ablehnung der familiären Funktionsbezeichnungen als „Abbau der Autorität“ und Hinwendung zum Vornamen[22], werden die Eltern in beiden Sprachgemeinschaften am häufigsten mit мама/папа bzw. Mama/Papa und die Großeltern mit бабушка/дедушка bzw. Oma/Opa angesprochen[23]. Dabei können die Großeltern meistens zu Differenzierungszwecken sowohl mal mit Vb+VnK (z.B. баба Настя, Oma Anna) als zu Differenzierungszwecken zwischen mehreren Großeltern nur mit dem Vornamen angesprochen werden können ( z.B. Саша bzw. Anna)[24].

[...]


[1] Metzler Lexikon Sprache, S.645

[2] Neben den Versuchen eines allgemein (eher für die westeuropäischen Sprachen) gültiges Modell der pronominalen und nominalen Anredeformen als Spiegel sozialen Strukturen der Macht, Solidarität, Distanz und Intimität von Brown/Gilman (1960) und Brown/Ford (1964) gibt es auch zahlreiche sprachenspezifische Anredestudien. Die vorliegende Untersuchung stützt sich hauptsächlich auf Arbeiten der Linguisten Krysin (2003), Formanovskaja (2002), Zemskaja(1987), Rösch (1996) und der Sprachwissenschaftler Schubert (1984), Kohz (1982), Besch (1998), und der vergleichenden Studie von Listrova-Pravda/Titz (1986).

[3] Kohz 1982,18.

[4] Henini 2002,38.

[5] Pieper 1984, 10.

[6] Формановская 2002/a, 24.

[7] Земская 1987,219.

[8] Формановская 2002/a, 23.

[9] Rösch 1996, 293.

[10] Rösch 1996, 293.

[11] Schubert 1984, 77.

[12] Листова-Правда/Титц 1986, 61.

[13] Besch 1998, 74.

[14] Krysin 2003,299.

[15] Сергеева 1991, 151.

[16] Сергеева 1991, 149.

[17] Schubert 1984, 79.

[18] Занадворова 2000, 260-261.

[19] Земская 1987, 227.

[20] Листова-Правда/Титц 1986, 63.

[21] Занадворова 2000, 266.

[22] Besch 1998, 73

[23] Rösch 1996, 294

[24] Besch 1998, 74.

Details

Seiten
30
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638589154
ISBN (Buch)
9783638671248
Dateigröße
755 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v66242
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Slawistik
Note
1,3
Schlagworte
Anrede Bekannte Russischen Deutschen Studie Anredeverhalten Sprachsituation Russland

Autor

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