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Wie vollzieht sich der Prozess vom Naturzustand zum starken Staat? Eine Betrachtung anhand Thomas Hobbes' 'Leviathan"

Hausarbeit 2005 16 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Zur Zeit und zur Person
1.1. England zu Hobbes' Zeiten
1.2. Die Auswirkungen auf Hobbes
2. Die Anthropologie des Thomas Hobbes und der Naturzustand
3. Naturrecht und Naturgesetz
4. Vom Staate
5 . Rechte, Pflichten und Freiheiten im Staat
5.1. Rechte und Pflichten des Leviathan
5.2. Rechte und Freiheiten der Untertanen
6 . Die Bedeutung der Hobbes'schen Staatstheorie für die moderne Politikwissenschaft

III. Zusammenfassung

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Thomas Hobbes' (1588-1679) Ideen über Freiheit und Unfreiheit des Individuums, über Macht und Ohnmacht der Staatsgewalt und über Gesetz und Gerechtigkeit waren für die moderne Staatsphilosophie von entscheidender Bedeutung. In seiner berühmtesten Schrift, seinem Hauptwerk „Leviathan or the Matter, Forme, and Power of a Commonwealth Ecclesiastical and Civil"( 1651), beschreibt Hobbes wie seiner Meinung nach ein Staat beschaffen sein soll.

In dieser Darstellung der Lehre von der höchsten Staatsgewalt geht er davon aus, dass die Menschen im Naturzustand durch den Trieb zur Selbsterhaltung und einem unstillbaren Machtstreben bestimmt werden. Diese Seite der menschlichen Natur brachte Hobbes in den heute noch bekannten Wendungen „Der Mensch ist des Menschen Wolf", und „bellum omnium contra omnes" auf den Punkt.

Dennoch vermögen es die Menschen, sich kraft ihrer Vernunft Gesetze zu geben und sich in einem Gesellschaftsvertrag der Macht des Staates zu unterwerfen. Doch wie genau vollzieht sich nun der Prozess vom Naturzustand zum starken Staat? Wie bändigt der Staat das Machtstreben, den Selbstbehauptungswillen, die Gewalt und die Besitzgier des Menschen Wolf? Wie sehen die Rechte des Souveräns und die der Untertanen aus?

Antworten auf ebenjene Fragen soll die hier vorliegende Arbeit liefern.

Zu diesem Zweck soll Hobbes' Ansatz zunächst im Kontext seiner Zeit betrachtet werden, da die Ursachen für Hobbes' staatsphilosophische Überlegungen maßgeblich in den Umständen seiner Epoche zu finden sind. Deshalb wird im ersten Teil der Darstellung ein Blick auf die historische Situation im England des 16. und 17. Jahrhunderts geworfen. Diese kurze Betrachtung soll mit der Frage verknüpft werden, welche Auswirkungen die damaligen Begebenheiten auf Hobbes hatten.

An diesen geschichtlichen Exkurs schließt sich eine Untersuchung der Hobbes‘schen Anthropologie an, wobei gleichzeitig der Mensch im Naturzustand näher betrachtet werden soll. Eng verbunden mit dem Naturzustand sind schließlich auch das Naturrecht und die Naturgesetze, denen das nächste Kapitel gewidmet ist. Da Hobbes zufolge erst durch die Staatsgründung, die sich durch die Schließung eines Vertrages vollzieht, die Willkür und der Unfrieden des Naturzustandes überwunden werden, soll dem Hobbes‘schen Staatskonstrukt ebenfalls in einem Kapitel die Aufmerksamkeit gelten. Ehe abschließend ein kurzer Blick auf die Bedeutung der Hobbes‘schen Staatstheorie in der modernen Politikwissenschaft geworfen wird, sollen zuvor auch die Rechte, Pflichten und Freiheiten der Vertragsparteien, also sprich dem „Leviathan“ und seine Untertanen, nicht unerwähnt bleiben. Eine Zusammenfassung beschließt endlich die Darstellung.

II. Hauptteil

1. Zur Zeit und zur Person

1.1. England zu Hobbes' Zeiten

Als Kind seiner Zeit war Hobbes maßgeblich durch die Wirren seiner Epoche geprägt. Und das England des 17. Jahrhunderts stand ganz im Zeichen der Abschaffung der Monarchie, des Bürgerkriegs und der Herrschaft Oliver Cromwells.[1]

Die beiden Hauptkonfliktlinien verliefen dabei zwischen dem König und dem Parlament sowie den Katholiken und Puritanern. Der katholische Stuartkönig Karl I. (1600-1649) sah sich als König von Gottes Gnaden an, währenddessen das Parlament hingegen auf seinen eigenen unabhängigen Rechten beharrte. Infolge dieser unterschiedlichen Auffassungen sah sich Karl gezwungen, zwischen 1629 und 1640 das Parlament zu umgehen und ohne seine Mitwirkung zu regieren. Doch die andauernden religiösen Spannungen zwischen Puritanern und Katholiken nötigten den König, das Parlament 1640 wieder einzuberufen. Dieses Parlament sollte als das „Lange Parlament” in die Geschichte eingehen, da es in unterschiedlicher Zusammensetzung bis 1660 zusammentrat. Allerdings nutzte das Parlament die Schwäche der königlichen Zentralgewalt aus und riss immer mehr die Herrschaft an sich. Es schaffte die königlichen Sondergerichte ab, schränkte die Steuerhoheit des Königs ein und erließ eine Vorschrift, nach der das Parlament alle drei Jahre zusammentreten musste. Dennoch spaltete sich das Parlament über dem religiösen Konflikt, was dazu führte, dass sich die katholischen Karlsanhänger zurückzogen und das Parlament nunmehr ein rein puritanisches Haus wurde. Diese Auseinandersetzung zwischen katholischem König und puritanischem Rumpfparlament eskalierte schließlich zu einem Bürgerkrieg, in dessen Verlauf sich das Parlament mit seinem Heerführer Oliver Cromwell (1599-1658) an der Spitze durchsetzen konnte. Am 30. Januar 1649 wurde König Karl I. von England hingerichtet. Damit war die Monarchie abgeschafft worden. Die Regierungsmacht lag nun de facto in den Händen des Lordprotektors Cromwell, da das Parlament von ihm und seiner Armee abhängig war. Cromwell wurde dadurch zum Alleinherrscher, der in letzter Konsequenz sogar des Parlaments nicht mehr bedurfte und es 1653 ganz auflöste.[2]

Nach Cromwells Tod im September 1658 brach das Protektorat jedoch zusammen, da sich kein geeigneter Nachfolger finden konnte. Aus diesem Grund kehrte 1660 Karl II. (1630-1685), der Sohn des hingerichteten Königs Karl I., aus dem Exil in seine Heimat zurück, um die Regierung zu übernehmen. Sein Ziel war die Restauration der Monarchie, weshalb er auf die Mitwirkung des Parlaments verzichtete. Bei Karls Tod 1685 ging der Thron an seinen jüngeren Bruder Jakob (1633-1701) über. Doch ebenjener Jakob II. vermochte es nicht, die Restauration weiter zu konsolidieren, und wurde infolgedessen 1688 in der „Glorreichen Revolution” von dem neuen König Wilhelm von Oranien (1650-1702) abgesetzt. In der „Bill of Rights“, dem Staatsgrundgesetz für England von 1689, wurden der Krone dann konstitutionelle Beschränkungen auferlegt und die Souveränität weitgehend auf das Parlament verlagert.[3]

1.2. Die Auswirkungen auf Hobbes

Die Erfahrungen der krisenhaften Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts wirkten sich auch entscheidend auf das Denken des Thomas Hobbes aus. Und zwar in der Form, dass Hobbes angesichts der zeitgenössischen dramatischen Ereignisse Antworten auf die Frage finden wollte, wie ein Staat konstruiert sein sollte, damit niemand mehr in ständiger Angst um seine Existenz leben muss. Die permanenten gesellschaftlich-religiösen Konflikte, die kriegerischen Aktionen, die stete Unsicherheit um Leib und Leben und die rasche Abfolge der Herrschenden - all das bestärkte Hobbes in seiner Auffassung, dass die Staatsphilosophie eines Aristoteles, die mit dem eher positiven Menschenbild des „zoon politikon" einhergeht, einer dringenden Neubewertung unterzogen werden müsse.[4] So rückte er in seinem Hauptwerk „Leviathan" insbesondere die Belange der physischen Sicherheit eines jeden Menschen in den Fokus der Betrachtung. Zumal er ja direkt von den wechselhaften Ereignissen betroffen war: In seiner Schrift „The Elements of Law, Natural and Politic" trat er 1640 für die Souveränität des Königs ein und musste daraufhin das Land verlassen; er floh nach Paris. Dort unterrichtete er den im Exil lebenden Kronprinzen und späteren König Karl II. von England. Nachdem elf Jahre später der „Leviathan" veröffentlicht worden war, distanzierte sich jedoch der englische Hof in Paris wieder von Hobbes, da er befand, dass die Schrift die Herrschaft des Oliver Cromwell legitimiere. Hobbes musste daher abermals fliehen, diesmal nach England. Nach der Thronbesteigung von Karl II. wurde Hobbes allerdings erneut die Gunst des Königshofes zuteil.[5]

2. Die Anthropologie des Thomas Hobbes und der Naturzustand

Hobbes betrachtet die Menschen grundsätzlich als Individuen, die nicht in Klassen oder Schichten einzuteilen sind.[6] Diese Annahme wiederum beruht auf der Prämisse, dass alle Menschen von Natur aus über das gleiche Potential an Fähigkeiten verfügen, d.h., dass alle von der Natur aus mit den gleichen menschlichen Möglichkeiten ausgestattet sind und demnach auch alle die Macht haben, sich gegenüber einem anderen in irgendeiner Hinsicht durchzusetzen. Ist der eine beispielsweise in physischer Hinsicht überlegen, kann ihn ein anderer dagegen in geistigen Aspekten übertreffen[7], was aber bedeutet, dass jeder von jedem getötet werden kann. Demgemäß kann ein Zusammenschluss mehrerer körperlich unterlegener Personen, mit dem sie es gegebenenfalls vermögen, den Stärkeren Widerstand zu leisten, zu einer Gleichgewichtskonstellation führen, in der weder die Schwachen noch die Starken überlegen sind.

Dennoch stellte Hobbes bei den Menschen eine maßgebliche Gemeinsamkeit bezüglich ihrer mentalen Fähigkeiten fest: nämlich die Neigung zur Selbstüberschätzung.[8]

Dies begünstigt wiederum die Neigung der Menschen, ausschließlich zugunsten des eigenen Nutzens zu handeln, der bereits inhärent dem Menschen eigen sei, da nur so die Existenz und das Überleben gesichert ist. Der Mensch bildet daher in der Folge einen triebhaften Lebenswillen aus, der ihn dazu antreibt und anspornt, sich alles erdenkbare Mögliche und Begehrenswerte anzueignen. Denn:

„Der Mensch ist ein Lebewesen, das seine Lebensbegierde als bewußten Willen einzusetzen vermag und sich Kraft des Willens alles Begegnende zu ermächtigen versucht."[9]

So „legen es die Menschen bei ihren Unternehmungen nicht bloß darauf an, sich ein Gut zu verschaffen, sondern sich dasselbe auch auf immer zu sichern“.[10] Damit unterstellte Hobbes dem Menschen, dass er ein reiner Materialist sei. Dies führt jedoch konsequenterweise zu Problemen. Denn in Anbetracht der Tatsache, dass die anderen Menschen dann eben auch ihr Handeln am materialistischem Denken ausrichten, hegen mehrere Personen zur gleichen Zeit denselben Wunsch nach einem bestimmten Gut. Aus dieser Konkurrenzsituation um ein knappes Gut entsteht derjenige Zustand, in der der Mensch des anderen Menschen Wolf ist.[11]

[...]


[1] Vgl. Malcolm, Noel 2004: Aspects of Hobbes. Oxford: Clarendon Press. S. 36.

[2] Vgl. Malcolm, Noel 2004: S. 37.

[3] Vgl. Malcolm, Noel 2004: S. 39.

[4] Vgl. Münkler, Herfried 2001: Thomas Hobbes. Frankfurt am Main [u.a.]: Campus-Verlag. (Reihe Campus: Einführungen; 1068) S. 14.

[5] Vgl. Malcolm, Noel 2004: S. 40.

[6] Vgl. Kersting, Wolfgang 1992: Thomas Hobbes zur Einführung. Hamburg: Junius. S. 51.

[7] Vgl. Hobbes, Thomas 1998: S. 112 f.

[8] Vgl. Kersting, Wolfgang 1992: S. 52.

[9] Schwan, Alexander 1991: Thomas Hobbes' Theorie der absoluten Staatsgewalt und Baruch de Spinozas demokratische Variante. In: Lieber, Hans-Joachim (Hrsg.) 1991: Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. S. 152 - 185. S. 182.

[10] Hobbes, Thomas 1998: Leviathan. Stuttgart: Reclam. S.90.

[11] Hobbes, Thomas 1998: S. 93.

Details

Seiten
16
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638590303
ISBN (Buch)
9783640718177
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v66434
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,0
Schlagworte
Prozess Naturzustand Staat Betrachtung Thomas Hobbes Leviathan Moderne politische Theorie Politikwissenschaft Politik Regierung Geschichte Philosophie Moral

Autor

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