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Weiche Standortfaktoren und ihre Bedeutung für unternehmerische Standortentscheidungen

Bachelorarbeit 2004 101 Seiten

BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einführung in das Thema
1.1 Problemstellung und Zielsetzung
1.2 Aufbau der Arbeit

2. Begriffserklärung der Standortfaktoren
2.1 Harte Standortfaktoren
2.2 Weiche Standortfaktoren
2.3 Interdependenzen harter und weicher Standortfaktoren

3. Theoretische Aspekte der Standorttheorien im Kontext weicher Standortfaktoren.
3.1 Konzeptionen der Standortanalyse
3.1.1 Neoklassischer Ansatz
3.1.2 Verhaltenstheoretischer Ansatz
3.1.3 Produktlebenszykus-Konzept
3.2 Die klassischen Theorien der Standortwahl
3.2.1 Standorttheorie der landwirtschaftlichen Produktion
3.2.2 Industrielle Standorttheorie nach Alfred Weber
3.2.3 Theorie der zentralen Orte
3.3 Fazit

4. Die Bedeutung weicher Standortfaktoren innerhalb der empirisch- realistischen Standortforschung
4.1 Theoretische Aspekte der empirischen Standortforschung
4.2 Ergebnisse empirischer Untersuchungen der Standortforschung
4.3 Fazit

5. Aktuelle Bedeutung weicher Faktoren mit besonderer Berücksichtigung des Standortentscheidungsprozesses
5.1 Weiche Standortfaktoren innerhalb des Standortentscheidungsprozesses
5.1.1 Unternehmensziele
5.1.2 Kategorien und Motive von Standortentscheidungen
5.1.3 Prozess der Standortwahl und Standortentscheidung
5.1.4 Die Bedeutung weicher Faktoren im Standortentscheidungsprozess
5.2 Erklärungsansätze für die aktuelle Bedeutung weicher Standortfaktoren
5.2.1 Produktionsverlagerungen in das Ausland
5.2.2 Der strukturelle Wandel zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft
5.3 Fazit

6. Untersuchungen zur Wohn- und Lebensqualität – Empirische Ergebnisse
6.1 Problemstellung
6.2 Vorgehensweise und Methodik
6.2.1 Stichprobe
6.2.2 Untersuchungsverfahren
6.3 Empirische Ergebnisse
6.3.1 Rangfolge der Standortfaktoren
6.3.2 Ausprägung der weichen Standortfaktoren in Chemnitz
6.3.2.1 Innensicht
6.3.2.2 Vergleich Innen- und Außensicht
6.3.3 Bedeutung der Wohn- und Lebensqualität
6.3.4 Zusammenhang zwischen der Wohn- und Lebensqualität und dem Anteil Hochqualifizierter an den Beschäftigten
6.4 Diskussion
6.5 Kommunale Handlungsrelevanz der Stadt Chemnitz

7. Zusammenfassung und Ausblick

Literatur- und Quellenverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Standortfaktoren im Überblick

Tab. 2: Rangfolge der wichtigsten Standortfaktoren in ausgewählten Unternehmensbefragungen 1971-1974 (Westdeutschland)

Tab. 3: Rangfolge der wichtigsten Standortfaktoren in ausgewählten Unternehmensbefragungen 1979-1988 (Westdeutschland)

Tab. 4: Wichtigkeit von Standortfaktoren in Rangfolgen in Deutschland,

Tab. 5: Bedeutung weicher Standortfaktoren für die Wohn- und Lebensqualität von Studenten, Deutschland

Tab. 6: Ranglätze der Ausprägung weicher Standortfaktoren in Chemnitz 2004 nach Innen- und Außensicht; Ranglätze sortiert nach Innensicht

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Kontinuum harter und weicher Standortfaktoren

Abb. 2: Motive für Produktionsverlagerungen ins Ausland

Abb. 3: Bedeutung der Wohn- und Lebensqualität für die Wohnortwahl

Abb. 4: Bereitschaft der Einkommenseinbuße für gut ausgeprägte Wohn- und Lebensqualität

Abb. 5: Zusammenhang zwischen Wohn- und Lebensqualität und Anteil Hochqualifizierter an den Beschäftigten

1. Einführung in das Thema

1.1 Problemstellung und Zielsetzung

Die Wahl des Standortes ist für ein Unternehmen von großer Bedeutung. Standorttheoretische Versuche zur Erklärung räumlicher Strukturen gehen bis in das Jahr 1826 zurück. Mit theoretischen Modellen wurde zunächst versucht die Verteilung landwirtschaftlicher Betriebe zu begründen. Durch den Industrialisierungsprozess trat die Standortwahl von Industriebetrieben in den Mittelpunkt der Standortforscher. Ziel war es, Erklärungsansätze für Standortentscheidungen von Industriebetrieben zu finden. Erste Arbeiten zur Standortwahl des Dienstleistungssektors gingen in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts in die klassische Standorttheorie ein. Mit zunehmender Entwicklung der technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen veränderten sich auch die Anforderungen der Unternehmen an die Standorte. Dabei gilt, dass die ökonomische Bedeutung eines Raumes durch die Kongruenz oder Inkongruenz der vorhandenen Standortgegebenheiten mit den Standortanforderungen der Unternehmen bestimmt wird.[1] Aus der Annahme heraus, dass sich Wirtschaft, Technik und Gesellschaft in einem ständigen Wandel befinden, müsste der wirtschaftliche Erfolg einer Region davon abhängig sein, diese Entwicklung zu erkennen, mitzugestalten oder gar selbst zu initiieren. Historisch wurde die Standortfindung beispielsweise durch technische Entwicklungen und dem Strukturwandel im Energiesektor erheblich unabhängiger von geographischen Gegebenheiten. Die Abhängigkeit von Rohstoffen wie z.B. Kohle nahm im 20. Jahrhundert tendenziell ab. Mit relativ sinkender Bedeutung des Rohstoffes Kohle verloren auch die Regionen an Bedeutung, dessen zentraler Standortvorteil das Kohlevorkommen war. Das Ruhrgebiet z.B. muss seit den 60er Jahren bis heute immer noch große Strukturprobleme, die aus dem Wandel der vergangenen Epoche hervorgegangen sind, bewältigen. Es zeigt sich, dass Räume, die dem wirtschaftlichen und technischen Wandel nicht folgen können, ins Abseits des Standortwettbewerbes gedrängt werden. Dagegen profitieren Regionen, die den veränderten Standortanforderungen entgegen kommen. Als Beispiel für die Anpassung an die heutigen Standortanforderungen sei das Silicon Valley in den USA aufgeführt. In diesem Gebiet südlich von San Francisco wird durch unternehmerische Clusterbildung von hochtechnologischen Unternehmen in Verbindung mit hochmoderner Kommunikationstechnologie und attraktiver Lebensqualität erfolgreich versucht, die Innovationskraft zu steigern.[2] Es wird deutlich, dass Unternehmen nicht losgelöst vom Raum agieren. Sie stehen mit ihrer Umgebung in einem beidseitigen Abhängigkeitsverhältnis. Unternehmen sind auf bestimmte räumliche Gegebenheiten wie beispielsweise eine gute Infrastrukturanbindung, Bereitstellung von Grund und Boden sowie ein ausreichendes Angebot an Arbeitskräften angewiesen. Die Wahl des Standortes ist eine Entscheidung mit langfristiger Wirkung, welche den Erfolg oder Misserfolg eines Betriebes wesentlich mitbestimmen kann.[3] Das Ziel einer unternehmerischen Standortentscheidung ist es daher, den Standort auszuwählen, welcher den Standortanforderungen des Unternehmens am ehesten entspricht. Die bestimmenden Größen dieses Auswahlprozesses sind die Standortfaktoren. Sie sind ausschlaggebend im unternehmerischen Standortwahlprozess: „Standortfaktoren sind die maßgeblichen Kriterien, welche die Attraktivität für den Verbleib oder für die Ansiedlung eines Unternehmens an einem Ort ausmachen.[4] Die Ausprägung einzelner Standortfaktoren entscheidet aber nicht nur über die Standortwahl von Unternehmen, sondern auch über den wirtschaftlichen Erfolg von Städten und Regionen. Diese sind auf Ansiedlungen und Investitionen von Unternehmen angewiesen. Zum einen tragen Unternehmen zur Kommunalfinanzierung bei und zum anderen stellen die Unternehmen einen erheblichen Teil der Arbeitsnachfrage. Weiterhin kann sich die Niederlassung von namhaften, nationalen oder internationalen Unternehmen natürlich auch positiv auf das Image eines Standortes auswirken. Daraus folgend müssten Städte oder Regionen bestrebt sein, durch ein attraktives Angebot verschiedener Standortfaktoren, Unternehmen zu Investitionen in den Standort zu bewegen. Nun stellt sich aber unweigerlich die Frage, welche Standortfaktoren für unternehmerische Standortentscheidungen von Bedeutung sind. Die Faktoren, die einen Standort gegenüber einem anderen auszeichnen, können vielfältig sein und variieren nach dem jeweiligen Anforderungsprofil der Unternehmen. Für eine differenzierte Analyse, der Bedeutung einzelner Standortfaktoren, können diese in die Kategorien harte und weiche Standortfaktoren eingeteilt werden. Harte Faktoren sind objektiv erfassbar und wirken sich nachweislich auf die Kostenseite eines Betriebes aus. Weiche Standortfaktoren können direkte wie auch indirekte Auswirkungen auf ein Unternehmen haben, wobei diese nur schwer messbar sind und durch subjektive Einschätzungen überlagert werden.[5] Seit Entstehung der ersten Standorttheorien veränderte sich die Bedeutung der Standortfaktoren innerhalb der Standortforschung. Der Bedeutungsgehalt einzelner Faktoren wurde vor allem von den wirtschaftlichen, technischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beeinflusst. Den traditionellen harten Faktoren wie z.B. Flächenverfügbarkeit, Arbeitskosten und Transportkosten kam schon im Entstehungsraum der Standorttheorien eine hohe Bedeutung zu. Jedoch ist die Relevanz der einzelnen Standortfaktoren für die unternehmerische Standortwahl nicht zeitstabil. Mit der Entwicklung der Standortforschung kamen sukzessive neue Standortfaktoren hinzu und differenzierten sich immer weiter aus. Die Bedeutung einzelner Faktoren veränderte sich beträchtlich. Dabei ist die Kenntnis über die Wichtigkeit der Faktoren sowohl für die Unternehmen selbst als auch für Städte und Regionen von großer Relevanz, da die Standortfaktoren das Standortwahlverhalten von Unternehmen wesentlich mitbestimmen. Den Standortfaktoren gilt daher das besondere Interesse dieser Arbeit. Im Folgenden wird die Thematik weiter eingegrenzt.

Seit Entstehung der Standorttheorien ist die Frage nach dem tatsächlichen Bedeutungsgehalt einzelner Standortfaktoren das zentrale Thema der Standortforschung. Mit dem wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen und technischen Wandel veränderten sich die Standortanforderungen der Unternehmen und die Bedeutung der Standortfaktoren gleichermaßen. Die Bedeutsamkeit bestimmter harter Faktoren wurde schon früh anerkannt, da die Auswirkungen von z.B. den Arbeitskosten auf der Kostenseite eines Betriebes problemlos erfassbar sind. Die Auswirkungen weicher Standortfaktoren lassen sich - anders als bei den harten Faktoren - oftmals nicht direkt auf der Kostenseite eines Unternehmens rechnerisch nachweisen. Die Relevanz weicher Faktoren wurde daher sehr unterschiedlich und kritisch diskutiert. Viele Standortforscher gingen davon aus, dass Standortentscheidungen nur von ökonomischen, objektiven Größen abhängen und irrationalen, subjektiven Faktoren keine Bedeutung zuzuschreiben ist. Jedoch unterlag diese sehr einseitige Meinung - genauso wie die Standortanforderungen der Unternehmen - den wirtschaftlichen, technischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die die Zeit mit sich brachte. Besonders seit den 90er Jahren hat der Begriff „weiche Standortfaktoren“ Konjunktur. In der öffentlichen Diskussion lässt geradezu ein „<mainstream> der Meinungen... den weichen Standortfaktoren eine nennenswerte und wachsende Bedeutung[6] zukommen. Die Themenstellung der vorliegenden Arbeit wird aus diesem Grund auf die Untersuchung weicher Standortfaktoren eingegrenzt. Die Untersuchung greift die beschriebene Thematik auf und wird als zentrales Ziel die Bedeutung weicher Standortfaktoren seit Entstehung der Standorttheorien herausarbeiten. Durch die Betrachtung der klassischen Standorttheorien und der neueren, empirischen Standortforschung soll in dieser Arbeit detailliert untersucht werden, seit wann weichen Faktoren eine Bedeutung seitens der Standortforscher zugeschrieben wurde und ob ein Bedeutungsgewinn weicher Standortfaktoren seit den ersten Standorttheorien zu beobachten ist. Neben dem Ziel, die Entwicklung der Relevanz weicher Faktoren im Allgemeinen zu ermitteln, gilt es intensiv zu analysieren, welches Gewicht bestimmte weiche Standortfaktoren im konkreten unternehmerischen Standortentscheidungsprozess besitzen. Es soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit der Entscheidungsprozess als solcher auf die Bedeutsamkeit weicher Faktoren wirkt. Der Entscheidungsprozess von Unternehmen wird hierzu umfassend betrachtet. Weiterhin werden mögliche Erklärungsansätze aufgezeigt, welche die aktuelle und zukünftige Relevanz weicher Faktoren für die unternehmerische Standortwahl begründen könnten. Die Aussage des zuletzt genannten Zitates wird somit überprüft. Folgende Fragen sind in diesem Zusammenhang zu beantworten:

- Seit wann wird den weichen Standortfaktoren eine Bedeutung seitens der Standortforscher zugeschrieben?
- Gibt es einen Bedeutungswandel zugunsten der weichen Standortfaktoren seit Entstehung der Standorttheorien?
- Welche Bedeutung wird den einzelnen weichen Faktoren in den klassischen Standorttheorien und in der neueren Standortforschung zugeschrieben?
- Welche Bedeutung haben weiche Faktoren im konkreten Standortentscheidungsprozess?
- Welche Ursachen könnten aktuell und zukünftig eine zunehmende Bedeutung weicher Standortfaktoren erklären?

Im empirischen Teil der Arbeit soll mit Hilfe einer eigenen Erhebung, die Bedeutung ausgesuchter Wohn- und Lebensqualität bestimmender Standortfaktoren aus der Perspektive zukünftiger Akademiker untersucht werden. Ziel ist es allgemeine Schlussfolgerungen über die Bedeutung weicher Faktoren für die unternehmerische Standortwahl und die kommunale Handlungsrelevanz treffen zu können. Durch die Berücksichtigung des Standortes Chemnitz können explizite Aussagen über die Ausprägung ausgewählter weicher Faktoren und einem möglichen kommunalen Handlungsbedarf getroffen werden. Es sind verschiedene Fragen zu beantworten:

- Welche Bedeutung hat die Wohn- und Lebensqualität für die Wohnortwahl?
- Welche weichen Faktoren sind für die Wohn- und Lebensqualität von Bedeutung?
- Wie sind diese Faktoren in Chemnitz ausgeprägt?
- Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem weichem Faktor Wohn- und Lebensqualität und dem Anteil Hochqualifizierter an den Beschäftigten?

Mit der Beantwortung aller aufgeführten Fragestellungen soll die Bedeutung weicher Standortfaktoren für unternehmerische Standortentscheidungen in dem eingegrenzten Rahmen umfassend beleuchtet werden.

Die Thematik der Standortfaktoren hat besonders heute an Aktualität und Bedeutung zugenommen, da die innerdeutschen Standortwechsel und die Standortverlagerungen ins Ausland immer mehr an Dynamik gewinnen. Im Jahr 2002 konnten 127.680 Standortwechsel innerhalb Deutschlands ermittelt werden.[7] Darin sind Bleibeentscheidungen von Unternehmen - die ja auch eine bedeutende Standortentscheidung darstellen - noch nicht enthalten. Im Jahr 2003 planten nach einer Umfrage des DIHK 24 Prozent der Industrieunternehmen den Standort aufgrund von Standortnachteilen ins Ausland zu verlegen.[8] Die Aufgabe eines Standortes hat für den Standort selbst weit reichende Konsequenzen wie beispielsweise den Verlust von Arbeitsplätzen und Fachkräften sowie einen Ausfall in den Kommunalfinanzen. Im Rahmen der öffentlichen Debatte um den Standortwettbewerb von Städten und Regionen, wird den weichen Standortfaktoren eine wachsende Bedeutung zugeschrieben. Mit Stadtmarketingkonzepten, Erweiterung des kulturellen Angebotes, Durchführung von Großveranstaltungen und Aufwertungen der Innenstädte versuchen diese, sich durch den Ausbau weicher Qualitäten gegenüber anderen Städten im Wettbewerb zu behaupten. Die zunehmende Ubiquität vieler harter Standortfaktoren in Deutschland erhöht die Relevanz weicher Faktoren.[9] Welche Bedeutung die verschiedenen weichen Standortfaktoren für unternehmerische Standortentscheidungen einnehmen, ist unter diesem Aspekt von großer Relevanz.

Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Bedeutung weicher Standortfaktoren. Jedoch ist zum Verständnis der Arbeit der Einbezug harter Faktoren unverzichtbar, da sich die weichen Faktoren nicht generell und eindeutig von den harten Faktoren abgrenzen lassen. Zudem bilden beide Kategorien die Gesamtheit der Standortfaktoren und weisen wichtige Querbezüge auf, die nicht unerwähnt bleiben dürfen. Eine vollständig isolierte Betrachtung weicher Faktoren scheidet daher aus. Die Betrachtung harter Faktoren erfolgt aber stets auf das Wesentliche reduziert.[10] Die Abgrenzungsproblematik wird noch ausführlich im weiteren Verlauf der Arbeit erläutert werden.

1.2 Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Arbeit gliedert sich inhaltlich in vier Teile, die aufeinander aufbauend die Ausgangsthematik von verschiedenen Seiten betrachten und die Ausgangsfragen sukzessive beantworten sollen.

Im ersten Teil der Arbeit erfolgt eine begriffliche Erklärung der Standortfaktoren.

- In Kapitel 2 werden zunächst die harten und ausführlicher die weichen Standortfaktoren beschrieben. Es wird ein Überblick über die Kategorien der Standortfaktoren aufgezeigt und deutlich gemacht, dass weiche und harte Standortfaktoren nicht generell von einander abgegrenzt werden können. Weiterhin werden die Interdependenzen zwischen harten und weichen Faktoren beschrieben und die Bedeutung für diese Arbeit dargestellt.

Der zweite Teil befasst sich mit theoretischen Aspekten der Standorttheorie und den Erkenntnissen der empirischen Standortforschung. Es gilt herauszuarbeiten, seit wann weichen Standortfaktoren eine Bedeutung in der Standortforschung zugeschrieben wurde und ob ein Bedeutungsgewinn weicher Faktoren in der Entwicklung der Theorien zur Standortwahl festzustellen ist.

- Kapitel 3 befasst sich zunächst mit drei Grundansätzen der Standortanalyse, die für folgende Betrachtungen der klassischen als auch der empirischen Standortforschung von Bedeutung sind. Mit einer ausführlichen, chronologischen Darstellung von drei wichtigen traditionellen Standorttheorien soll außerdem genau herausgearbeitet werden, ob den weichen Standortfaktoren in der klassischen Standorttheorie ein Einfluss auf die unternehmerische Standortwahl zugesprochen wurde.

- Kapitel 4 behandelt die Bedeutung weicher Standortfaktoren innerhalb der empirisch-realistischen Standortforschung. Es werden Ergebnisse von verschiedenen Untersuchungen zur Bedeutung weicher Standortfaktoren aufgeführt und auf einen Bedeutungswandel zugunsten weicher Faktoren überprüft. Die weichen Standortfaktoren werden differenzierter betrachtet.

Der dritte Teil der Arbeit wird den unternehmerischen Standortentscheidungsprozess intensiv im Kontext der Bedeutung weicher Standortfaktoren beleuchten und mögliche Erklärungsansätze aufgreifen, die die aktuelle und zukünftige Relevanz weicher Faktoren begründen könnten.

- In Kapitel 5 erfolgt eine ausführliche und detaillierte Erörterung des Standortentscheidungsprozesses. Darauf aufbauend wird analysiert, welchen Einfluss der Standortentscheidungsprozess auf die Relevanz verschiedener weicher Standortfaktoren ausübt und welche weichen Faktoren im Entscheidungsprozess besonders bedeutsam sind. Zudem werden im Kapitel 5 mögliche Ursachen für die aktuelle und zukünftige Bedeutung verschiedener weicher Standortfaktoren untersucht. Es wird deutlich, dass insbesondere den weichen Wohn- und Lebensqualität bestimmenden Faktoren hohe Relevanz zukommt.

Im vierten Teil wird mit Hilfe einer eigenen Erhebung der weiche Standortfaktor Wohn- und Lebensqualität untersucht.

- Zunächst wird in Kapitel 6 eine Studie vorgestellt, die die Bedeutung weicher Standortfaktoren aus einer anderen - als der bis dahin aufgezeigten - Perspektive untersucht. Die eigene Erhebung, welche sich an der vorangestellten Studie orientiert, wird darauf folgend dargestellt. Die Ergebnisse sollen darüber Aufschluss geben, welche weichen Faktoren für die Wohn- und Lebensqualität von Bedeutung sind. Durch die Analyse der Ausprägungen einzelner Faktoren in Chemnitz findet ein Einbezug des Standortes Chemnitz statt. Im Anschluss sollen kommunale Handlungsmöglichkeiten diskutiert werden. Außerdem wird der Zusammenhang zwischen der Wohn- und Lebensqualität und dem Anteil von Hochqualifizierten an den Beschäftigten einer Stadt überprüft werden.

In Kapitel 7 werden die zentralen Ergebnisse der Arbeit zusammenfassend vorgestellt. Zudem wird ein Ausblick der Thematik unter Einbezug des übergeordneten Kontextes aufgezeigt.

Die Vorgehensweise der Arbeit begründet sich darin, dass einzelne Kapitel inhaltlich aufeinander aufbauen. Nach diesem aufbauenden Prinzip wird versucht, die Thematik umfassend zu beleuchten und die Ausgangsfragen schrittweise zu beantworten. Eine detaillierte Begründung der Bedeutung einzelner Kapitel erfolgt an gegebener Stelle im Text der Arbeit. ­

2. Begriffserklärung der Standortfaktoren

2.1 Harte Standortfaktoren

Für die Thematik der vorliegenden Arbeit ist es notwendig, die Entwicklung der traditionellen Standorttheorien ab ihrer Entstehungszeit zu analysieren, um herausarbeiten zu können, seit wann weichen Faktoren ein Einfluss auf die unternehmerische Standortwahl zuerkannt wird. Die klassischen Standorttheorien sind durch einen großen Einfluss harter Faktoren gekennzeichnet. Eine Untersuchung des Bedeutungswandels von weichen Faktoren kann nicht auf die Berücksichtigung harter Faktoren verzichten, ohne an Geschlossenheit einzubüßen, da die Standortforschung auf den traditionellen Standorttheorien fußt und diese die Betrachtung harter Faktoren grundlegend implizieren. Zudem ist eine Erwähnung harter Faktoren im weiteren Verlauf der Arbeit notwendig, weil zum einen eine vergleichende Gegenüberstellung weicher und harter Faktoren für die Problemstellung unerlässlich erscheint. Zum anderen bestehen zwischen harten und weichen Faktoren Interdependenzen, welche für die Thematik von großer Relevanz sind (vgl. dazu ausführlicher Kap. 2.3). In diesem Abschnitt folgt aus den angesprochenen Gründen eine auf das Notwendigste reduzierte Begriffsbestimmung der harten Standortfaktoren.

Die klassische Standorttheorie geht auf Alfred Weber zurück, welchem mit seinem 1909 erschienen Werk „Ueber den Standort der Industrien“[11] eine erste systematische Darstellung der Standorttheorie gelingt (vgl. dazu ausführlich Kap. 3.2.2). Weber führte in diesem Werk den Begriff des „Standortfaktors“ ein: „Wir verstehen unter einem Standortfaktor einen seiner Art nach scharf abgegrenzten Vorteil, der für eine wirtschaftliche Tätigkeit dann eintritt, wenn sie sich an einem bestimmten Ort, oder auch generell an Plätzen bestimmter Art vollzieht.[12] Weber meint mit dem Vorteil eines Standortes „eine Ersparnis an <Kosten> und .. [damit, d.V.] für die Standortslehre [!] der Industrie eine Möglichkeit, dort ein bestimmtes Produkt mit weniger Kostenaufwand[13] herzustellen. Diese Begriffserklärung trifft den Kern harter Standortfaktoren auch heute noch sehr gut.

Als harte Standortfaktoren werden die Einflussgrößen der Standortwahl bezeichnet, die objektiv messbar sind und deren Auswirkungen auf die Kostenseite eines Unternehmens nachgewiesen werden können. Harte Faktoren sind zumeist problemlos quantifizierbar und unterliegen nicht der Notwendigkeit der subjektiven Einschätzung. Durch harte Standortfaktoren können messbare Vor- oder Nachteile erzielt werden, dessen Effekte in der Kostenrechnung eines Unternehmens nachvollziehbar sind.[14] Zu den harten Faktoren zählen beispielsweise die traditionellen Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Boden, die vorhandene Infrastruktur (z.B. Verkehr, Entsorgung), sowie die Gebühren und Abgaben.[15] Mit der Entwicklung der Standorttheorien und insbesondere durch die realistische Standortfaktorenforschung fand eine zunehmende Ausdifferenzierung der Standortfaktoren statt. Eine ausführliche Darstellung harter Standortfaktoren erfolgt in Tabelle 1.

Tabelle 1: Standortfaktoren im Überblick*

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

* Quelle: Difu, in: Grabow, B./ Henckel, D./ Hollbach-Gröming, B., 1995, S. 68 f.

2.2 Weiche Standortfaktoren

In der Standorttheorie nach Weber stellt ein Standortfaktor „einen seiner Art nach scharf abgegrenzten Kostenvorteil, der einen bestimmten Industrieprozeß [!] hierhin oder dorthin zieht[16] dar. Nach dieser Definition müssten sich die Differenzen verschiedener Standorte quantitativ bestimmen lassen. Die unternehmerische Standortwahl könnte nach ausschließlich rationalen Aspekten erfolgen, da sich die Auswirkungen relevanter Standortfaktoren berechnen ließen. Faktoren die nicht „rechenbar“ sind und deren Auswirkungen auf die Kosten der Unternehmung sich der quantifizierten Nachweisbarkeit entziehen, wären von dieser Definition ausgeschlossen. Mit der Bezeichnung „weiche Standortfaktoren“ werden Größen bezeichnet, die sich nicht direkt auf der Kostenseite eines Unternehmens rechnerisch erfassen lassen. Die begriffliche Einengung ist mit dieser Bezeichnung beseitigt.[17]

Der Begriff „weiche Standortfaktoren“ umfasst Faktoren, die sich einer betrieblichen Kostenrechnung grundsätzlich entziehen, aber dennoch als entscheidungsrelevant im Standortwahlprozess bezeichnet werden können.[18] Dazu zählen beispielsweise Faktoren wie „Image der Region“, die „Wohnqualität“, der „Freizeitwert“, „Flexibilität der Verwaltung“ und das „Kulturangebot“ (vgl. dazu ausführlich Tabelle 1). Obwohl die Bezeichnung „weiche Standortfaktoren“ noch eine sehr junge Neuschöpfung aus den 80er Jahren ist, hat sich der Begriff für diese außerökonomischen Größen in der Fachliteratur bis heute etabliert.[19] In der älteren Literatur wurden solche regionalen Faktoren unter der Bezeichnung „persönlichen Präferenzen“[20], „außerökonomische Faktoren“ oder auch „irrationale Gründe“ zusammengefasst. Wohn- und Freizeitwerte waren in diesen Begriffen eingeschlossen.[21] Mit weichen Standortfaktoren im heutigen Sinne sind Einflussgrößen auf die unternehmerische Standortwahl gemeint, die zum Teil schlecht quantifizierbar sind und immer einer subjektiven Bewertung unterliegen.[22] Auch wenn manche weiche Faktoren einfacher zu messen sind (z.B. Freizeitangebot, Kulturangebot) als andere (z.B. Image oder Attraktivität einer Stadt), so erhalten sie - im Unterschied zu den harten Faktoren - ihre Bedeutung erst durch die subjektive Einschätzung ihrer jeweiligen Ausprägungen.[23] Ohne eine subjektive Bewertung besitzen sie nur eine geringe Aussagekraft. Das Kulturangebot einer Stadt stellt solch eine weiche „Qualität“ dar, welche zwar gut messbar, aber rein objektiv nicht vollständig in ihrer Gesamtheit zu erfassen ist. Nun könnte an dieser Stelle Widerspruch angemeldet werden, um darauf hinzuweisen, dass das Kulturangebot einer Stadt sich sehr einfach mit harten Fakten wie z.B. der Anzahl der Opern, Theater, Kinos, usw. und dessen Aufführungen objektiv erfassen lässt und diese Größen dann auch das Kulturangebot einer Stadt darstellen. Aber welche Aussagekraft besitzen solche Zahlen tatsächlich? Ist denn der einzelne Bürger von der Qualität des Kulturangebots seiner oder einer anderen Stadt informiert, wenn er über die Quantität der kulturellen Veranstaltungen Auskunft erhält? Natürlich kann die Anzahl der Einrichtungen und Veranstaltungen ein Indiz für die tatsächliche Ausstattungsbeschaffenheit darstellen. Aber erst die persönliche Meinung wird letztendlich für die Aussage über Qualität und Quantität des Kulturangebots entscheidend sein und den objektiven Zahlen die notwendige Aussagekraft verleihen. Maßgeblich ist, dass das subjektive Bild, auch wenn es nicht der Realität entsprechen sollte, in der Vorstellung wirkt und das zukünftige Denken und Handeln beeinflussen kann. Weiche Standortfaktoren benötigen also eine subjektive Einschätzung durch den Entscheider, ehe sie in aussagekräftige Werte transformiert werden können. Denkbar dabei ist natürlich auch, dass der Entscheidungsträger sich auf die Bewertungen und Aussagen von Medienberichten, Kritikern oder anderen Personen stützt und sich dadurch Einblick in den gewünschten Bereich verschafft. Die Beurteilung des Kulturangebotes einer Stadt - um beim vorherigen Beispiel zu bleiben - durch die Fachpresse beispielsweise vermittelt mehr Inhalt als es die bloßen Daten über Anzahl und Größe der Veranstaltungen vermögen.[24]

Weiche Standortfaktoren sind Einflussgrößen der Standortwahl, die sich im Falle des unternehmerischen Standortwahlprozesses nicht problemlos in das rationale Modell gewinnmaximierender Entscheidungen einfügen.[25] Sie sperren sich, wie oben schon erwähnt, in unterschiedlichem Maße der Quantifizierung. Mit der Ermittlung des Kulturangebots ist nun ein Beispiel gefunden, welches eine objektive Quantifizierung zulässt, ohne aber dabei eine notwendige Aussage über die Qualität zu treffen. Die Bestimmung der Unternehmensfreundlichkeit der öffentlichen Verwaltung oder des Images einer Stadt hingegen lässt nicht einmal eine objektive Erfassung auf quantitativer Ebene zu. Solche weichen Faktoren bewegen sich auf einer rein qualitativen Ebene.[26] Oftmals sind es diese Faktoren, die trotz aller erwarteten Objektivität der Entscheidungsträger im Standortwahlprozess verhindern, dass alle relevanten Variablen in ein rationales Bewertungsschema gebracht werden können.[27]

Durch die Bewertung von weichen Faktoren wie beispielsweise Image, Umweltqualität, Attraktivität, Freizeitwert und Wohnqualität einer Stadt besteht die Gefahr, ein realitätsfernes Bild aufzubauen. Diese Gefahr wird um so größer, je unfundierter die Quelle ist, auf dessen Basis die Bewertung vollzogen wurde. Die Vorstellungen in den Köpfen der Entscheider über die Ausprägung von weichen Standortfaktoren an Standorten, die persönlich wenig bekannt sind, werden oftmals von Bildern bestimmt, die durch die Medien, Personen oder auch durch Kurzbesuche vermittelt werden. Diese Bilder stellen eine vereinfachende, verallgemeinernde und meist nicht verifizierte Rekonstruktion der Realität dar; einen Stereotyp.[28] Für den konkreten Standortentscheidungsprozess heißt das, dass Standorten denen vorurteilsbehaftet eine schlechte Lebensqualität, ein mangelhaftes Freizeitangebot oder allgemein ein schlechtes Image nachgesagt wird und keiner weiteren Kontrolle unterzogen werden, weitaus geringere Chancen im Auswahlprozess haben als Standorte, welchen keine oder weniger negative Stereotypen anhaften. Für den Fall, dass weiche Standortfaktoren und persönliche Präferenzen einen Einfluss auf die betriebliche Standortwahl haben, müssten daher die relevanten weichen Faktoren der Standortalternativen umfangreich überprüft werden. Nur so könnten alle relevanten Einflussgrößen erfasst und eine Standortentscheidung auf Basis eines verzerrten Bildes vermieden werden. Daher ist es von enormer Bedeutung, die tatsächliche Relevanz weicher Faktoren für die Standortwahl und des Standortentscheidungsprozesse zu untersuchen.

Weiche Standortfaktoren lassen sich nach ihrer Wirkungsweise in weiche unternehmensbezogene und in weiche personenbezogene Standortfaktoren unterteilen (vgl. ausführlich Tabelle 1):[29]

- Weiche unternehmensbezogene Standortfaktoren wirken sich direkt auf das Unternehmen aus. Als Beispiele können hier die Mentalität der Arbeitnehmer, die Arbeitsweise und das Verhalten der öffentlichen Verwaltungen sowie das Image einer Stadt genannt werden.
- Weiche personenbezogene Standortfaktoren wirken sich insbesondere auf die Entscheidungsträger und die Arbeitnehmer aus. Hier spielen die persönlichen Präferenzen, die einen Entscheider oder Beschäftigten in seinem Handeln direkt beeinflussen, eine wesentliche Rolle. Außerdem haben personenbezogene Standortfaktoren indirekte Auswirkungen auf Unternehmen. Diese Faktoren können beispielsweise das Flair einer Stadt, die Freizeitmöglichkeiten, das Image und ganz allgemein die Wohnqualität sein.

Die Abgrenzung der weichen Standortfaktoren in die oben genannten Kategorien hängt von der Betrachtungsebene ab und kann keine Algemeingültigkeit beanspruchen. Im folgenden Kapitel wird dieser Sachverhalt näher erörtert.

2.3 Interdependenzen harter und weicher Standortfaktoren

Die Gesamtheit der Standortfaktoren ist nach ihren Eigenschaften und Wirkungsweisen in drei Kategorien unterteilt:

- harte Standortfaktoren,
- weiche unternehmensbezogene Standortfaktoren und
- weiche personenbezogene Standortfaktoren.

Diese Oberkategorien der Standortfaktoren sind komplementär und subsumieren alle auf die unternehmerische Standortwahl wirkenden Einflussgrößen. Alle Determinanten, die sich standortbedingt auf den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens auswirken können, sind der Gesamtheit der Standortfaktoren zuzuordnen. Bei einer unternehmerischen Standortwahlentscheidung haben die Größen dieser Kategorien eine - je nach den jeweiligen Zielvorstellungen - mehr oder weniger große Relevanz für die Entscheidungsträger. Für den weiteren Verlauf ist es wichtig hervorzuheben, dass die Elemente dieses Kontinuums nicht isoliert betrachtet werden können. Sie beeinflussen sich gegenseitig und aufgrund ihrer Begriffsbestimmung ist keine klare Abgrenzung möglich.[30]

In Anbetracht der aufgeführten Begriffsbestimmungen harter und weicher Standortfaktoren kann geschlussfolgert werden, dass eine Abgrenzung im praktischen Fall nur unter Einbezug der Betrachtungsebene möglich ist. So kann ein personenbezogener weicher Standortfaktor in Abhängigkeit von den gegebenen Tatbeständen auch als ein harter Standortfaktor angesehen werden. Dies hängt immer von dem jeweiligen Ausgangspunkt ab, wie das folgende Beispiel verdeutlichen soll: Das Vorhandensein vieler Wassersportmöglichkeiten wie z.B. an der Mecklenburger Seenplatte kann für einen Arbeitnehmer ein willkommener personenbezogener Standortfaktor sein. Dieser Faktor stellt jedoch gleichzeitig für den Hersteller und Vermieter von Kleinbooten einen direkt wirkenden harten Standortfaktor (z.B. Marktnähe) dar. Weiterhin kann das Image einer Stadt sich direkt als ein unternehmensbezogener weicher Faktor auf ein Unternehmen auswirken und gleichzeitig für die Beschäftigten als personenbezogener Faktor eine bedeutende Rolle bei der Wohnortwahl spielen. Die Grenze zwischen den Faktoren verläuft fließend und entzieht sich somit ohne Einbeziehung des Betrachtungszusammenhanges einer generellen Festlegung (vgl. Abb. 1).[31]

Abbildung 1: Kontinuum harter und weicher Standortfaktoren*

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

*Quelle: Difu, in: Grabow, B./ Henckel, D./ Hollbach-Gröming, B., 1995, S. 65.

Entscheidend bei der Analyse der Standortproblematik ist die Erkenntnis, dass sich verschiedene harte Standortfaktoren nicht losgelöst von bestimmten weichen Standortfaktoren auf ein Unternehmen auswirken. Es bestehen Interdependenzen zwischen harten und weichen Standortfaktoren, die in einem Entscheidungsprozess der Standortwahl Beachtung erhalten sollten. Einer der bedeutendsten harten Standortfaktoren ist neben der Flächenverfügbarkeit und der Verkehrsanbindung das Arbeitskräftepotential.[32] Dazu sei hier schon festgehalten, dass sich der Wunsch nach verfügbarem Arbeitskräftepotential heute fast ausschließlich auf die „Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte“ bezieht (vgl. Kapitel 5.2).[33] Dieser Faktor stellt einen direkten Querbezug zu verschiedenen weichen Standortfaktoren her, welche die Wohn- und Lebensqualität einer Region mitbestimmen. In Regionen mit einer guten Ausstattung weicher Faktoren und einer vorhandenen positiven Außenwirkung, welche dem Betrachter positive „Entwicklungsutopien“ in Form von „Raumbildern“[34] suggerieren, sind qualifizierte Fachkräfte leichter zu bekommen, als in Regionen mit geringer Ausprägung weicher Standortqualitäten.[35] Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen weichen Wohn- und Lebensqualität bestimmenden Faktoren und dem harten Faktor Arbeitsmarkt. Dieser Aspekt ist für die vorliegende Arbeit von großer Bedeutung und wird im weiteren Verlauf wieder aufgegriffen sowie anhand einer eigenen Erhebung in Kapitel 6.3.4 überprüft. Die Metafaktoren Kultur/ Attraktivität/ Image und Wohnen/ Freizeit/ Umwelt können als Oberkategorien für die Wohn- und Lebensqualität bestimmenden Größen genannt werden. Sie erfassen einzelne Faktoren wie z.B. das „Angebot an attraktiven Wohnungen“, „Grünanlagen“, „Angebot der Kinos“ usw.[36]

Weiterhin können sich weiche Faktoren auf die Kostenseite eines Unternehmens auswirken. Bei der Gründung von Zweigwerken in weniger attraktiven Regionen mit ungenügender Wohn- und Lebensqualität sowie geringem Angebot an komfortablen Wohnungen kann es schwierig werden, „qualifizierte Führungskräfte zu veranlassen, in [diesen, d.V.] Orten ihren Arbeitsplatz und Wohnsitz zu nehmen[37]. Um in solchen Fällen überhaupt Führungskräfte generieren zu können, muss der geringe Wohnwert unter Umständen durch höhere Gehälter kompensiert werden.[38] Kausal bedeutet das, dass aufgrund einer mangelhaften Ausprägung weicher Standortfaktoren höhere Ausgaben entstehen können und diese sich unmittelbar auf die Kostenseite des Unternehmens auswirken. Es ist somit festzuhalten, dass verschiedene weiche Faktoren auch gewinnrelevant sind, denn „soweit persönliche neben ökonomisch-rationalen Faktoren in die Standortwahl eingehen, mögen sie sich zwar einer rechenhaften Erlös-Kosten-Kalkulation entziehen, bilden aber trotzdem eine ökonomische Kategorie, sofern sie zur Senkung der Kosten beitragen.[39] Daher kann davon ausgegangen werden, dass weiche Faktoren innerhalb einer ökonomischen, standortrelevanten Fragestellung Berücksichtigung finden müssen.

Weitere interessante Wechselbeziehungen sind in der Betrachtung eines Raumes während eines bestimmten Zeitraumes zu beobachten. Die Stadt München verfügt z.B. über eine sehr gute Ausprägung von weichen Faktoren, wie etwa Kulturangebot, Freizeitangebot und attraktive Wohnungen. Gleichzeitig haben sich aber harte Faktoren wie beispielsweise die Flächenverfügbarkeit, Kosten für Flächen und Gebäude sowie kommunale Abgaben drastisch verschlechtert, so dass sich München zu einer der teuersten Regionen Deutschlands entwickelt hat. Am Beispiel des Ruhrgebiets zeigt sich genau das gegenteilige Bild. Während diese Region sehr gute harte Qualitäten aufweisen konnte, wurden und werden dort heute weiche Faktore wie Image, Unweltqualität und Lebensqualität stark beanstandet. Die Standortfaktoren beeinflussen sich im Zeitablauf wechselseitig und entwickeln damit eine gewisse Eigendynamik. Attraktive Standorte mit einer guten Ausprägung von Standortfaktoren ziehen wirtschaftliche Akteure an, die diese Faktoren nachfragen. Davon profitieren die Regionen zunächst einmal. Sie können aufgrund von gestiegener Nachfrage ihre Standortfaktoren ausbauen als auch weiterentwickeln. Jedoch kann dieses sich selbst verstärkende Wachstum nur bis zu einer bestimmten Überlastungsgrenze fortgesetzt werden. Wird diese Grenze überschritten, werden sich unweigerlich die Standortfaktoren verschlechtern und das System regulieren (z.B. durch Erhöhung der Kosten für Flächen bei Vorhandensein guter weicher Qualitäten wie in München). Bei unattraktiven Standorten führen die fehlenden Standortqualitäten zum Ausbleiben von Unternehmensansiedlungen und damit zu fehlenden Investitionen. Ohne gezielte Fördermaßnahmen und Entwicklungsstrategien kommt es zu einer weiteren Verschlechterung der Standortfaktoren.[40]

Weiche und harte Standortfaktoren stehen in einer interdependenten Beziehung, wodurch unterschiedliche Auswirkungen für ein Unternehmen und eine Stadt oder Region auftreten können. Aufgrund unzulänglicher weicher Standortqualitäten kann es dazu kommen, dass zu wenig qualifizierte Fachkräfte an einen Standort gebunden werden. Weiterhin können erhöhte Kosten für das Unternehmen durch Kompensationszahlungen entstehen. Ein Standort mit unzureichendem qualifiziertem Arbeitskräftepotential ist gerade für technologieintensive Branchen mit hohen F&E Aktivitäten wie Biotechnologie, Chemie, Elektrotechnik uninteressant und müsste sich z.B. durch geringe Grundstückspreise, niedrige Steuerbelastungen und Arbeitslöhne bei anderen Branchen profilieren.[41] Weiterhin kann das negative Image einer Stadt oder Region zum Ausbleiben von Neuinvestitionen führen. Fehlende Unternehmensansiedlungen in den Kommunen hemmen wiederum die eigenen Entwicklungschancen und Investitionen beim Ausbau von Standortfaktoren „aus eigener Kraft“.[42] Die Vielzahl der Wechselwirkungen zwischen den Kategorien der Standortfaktoren lässt eine vollständig isolierte Betrachtung weicher Faktoren als unzulässig erscheinen. Insbesondere mit dem Ziel, einen möglichen Bedeutungswandel und Bedeutungsgewinn zugunsten weicher Standortfaktoren herauszuarbeiten, müssen die harten Faktoren als Anhaltspunkt zu gegebener Stelle in die Betrachtungen einbezogen werden.

[...]


[1] Vgl. Diller, C., 1991, S. 10.

[2] Vgl. Lotter, L., 2003, S. 30 f.

[3] Vgl. Wöhe, G., 1996, S. 446.

[4] Lotter, L., 2003, S. 29.

[5] Vgl. Grabow, B./ Henckel, D./ Hollbach-Gröming, B., 1995, S. 63.

[6] Grabow, B./ Henckel, D./ Hollbach-Gröming, B., 1995, S. 43.

[7] Vgl. Maaß, F./ Demegenski, C., 2004, S.1.

[8] Vgl. DIHK (Hrsg.), 2003, S. 1.

[9] Vgl. Weber, W., 1997, S. 93 f.

[10] Eine ausführliche Begründung des Einbezugs harter Faktoren erfolgt in Kapitel 2.1.

[11] Weber, A., Theorie, 1909.

[12] Weber, A., Theorie, 1909, S. 16.

[13] Weber, A., Theorie, 1909, S. 16.

[14] Vgl. Wöhe, G., 1996, S. 446 ff.

[15] Vgl. Schroers, H., S., 1995, S. 23.

[16] Weber, A., 1909, S. 53.

[17] Vgl. Diller, C., 1991, S. 26.

[18] Vgl. Diller, C., 1991, S. 28.

[19] Vgl. Weber, W., 1997, S. 93.

[20] Selbst wenn sich persönliche Präferenzen auf die Bewertung harter Faktoren beziehen, nehmen

„weiche“ Einschätzungen eine entscheidende Rolle ein. Diese „weichen“ Einschätzungen können

von der objektiven Beurteilung eines Sachverhalts abweichen. Rationale Entscheidungen können

somit durch subjektive Präferenzen gefährdet werden. Die Aussage harter Faktoren kann an

Objektivität verlieren.

[21] Vgl. Diller, C., 1991, S. 28 und S. 37.

[22] Vgl. Grabow, B./ Henckel, D./ Hollbach-Gröming, B., 1995, S. 63.

[23] Grabow, B./ Henckel, D./ Hollbach-Gröming, B., 1995, S. 66.

[24] Vgl. Grabow, B./ Henckel, D./ Hollbach-Gröming, B., 1995, S. 66.

[25] Vgl. Schroers, H., S., 1995, S. 24 ff.

[26] Vgl. Weber, W., 1997, S. 94.

[27] Schroers, H., S., 1995, S. 26.

[28] Vgl. Hahn, H., H., 2002, S.62; Stereotype oder Vorurteile können die Grundlage für Beurteilungen von

Situationen, Gruppen oder Räumen bei geringem Kenntnisstand bilden. Sie entstehen und verfestigen sich

über Jahre.

[29] Vgl. Grabow, B./ Henckel, D./ Hollbach-Gröming, B., 1995, S. 67.

[30] Vgl. Grabow, B./ Henckel, D./ Hollbach-Gröming, B., 1995, S. 64.

[31] Vgl. Grabow, B./ Henckel, D./ Hollbach-Gröming, B., 1995, S. 64.

[32] Vgl. Weber, W.,1997, S. 94 f; vgl. dazu auch Schroers, H., S., 1995, S. 143.

[33] Weber, W., 1997, S. 93.

[34] Ipsen, D., 1997, S. 32 f; Raumbilder sind verschiedene Informationen zu einer Region die eine

Standortvorauswahl zulassen und ein mögliches Entwicklungspotential suggerieren. Daraus können nach

Ipsen Entwicklungsutopien entstehen, welche positive oder negative Entwicklungen mit einer Region

verbinden.; vgl. dazu auch Grabow, B./ Henckel, D./ Hollbach- Gröming, B., 1995, S. 105.

[35] Vgl. Grabow, B./ Henckel, D./ Hollbach-Gröming, B., 1995, S. 70; Grabow et al. fand heraus, dass

Personalabteilungen die gesuchten Fachkräfte viel leichter in Gegenden mit guten „weichen Qualitäten“

finden.

[36] Vgl. Grabow, B./ Henckel, D./ Hollbach-Gröming, B., 1995, S. 236.

[37] Wöhe, G., 1996, S. 451.

[38] Vgl. Wöhe, G., 1996, S. 451.

[39] Brede, H., 1971, S. 42 f.

[40] Vgl. Grabow, B./ Henckel, D./ Hollbach-Gröming, B., 1995, S.70 f.

[41] Vgl. Maier, G./ Tödtling, F., 1992, S. 40.

[42] Vgl. Grabow, B./ Henckel, D./ Hollbach-Gröming, B., 1995, S.71 f.

Details

Seiten
101
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638591386
Dateigröße
906 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v66572
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1,3
Schlagworte
Bedeutung Standortfaktoren Standortentscheidungen

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Titel: Weiche Standortfaktoren und ihre Bedeutung für unternehmerische Standortentscheidungen