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Zwischen Geschichte und Dichtung: "Der Dreißigjährige Krieg" von Ricarda Huch

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 20 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Ricarda Huch

3 Über das Werk „Der Dreißigjährige Krieg”

4 Die von der Kritik aufgegriffenen Probleme
4.1 Das Problem der Gattung: Fiktion oder Geschichte?
4.2 Das Problem der Komposition: Mangel an Stringenz?
4.3 Das Problem der Objektivität

5 Die Figur Wallenstein
5.1 Das ‚Teuflische’ im Wesen Wallensteins
5.2 Der Politiker Wallenstein
5.3 Sein Sturz
5.4 Memento mori – Wallenstein und der Tod
5.5 Die fehlende Mordszene

6 Schluss

Bibliographie

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einige Künstlergestalten sind Dichter, Schriftsteller, Historiker in einem gewesen; so Voltaire, so Schiller, so H.G. Wells, so Ricarda Huch.“[1]

1 Einleitung

„Dient die Geschichte der Dichtung oder umgekehrt?“[2] stellt Ruth Klüger zur Diskussion. Kann man Geschichtsschreibung der Literatur gleichsetzen, ist sie nur ein ganz bestimmter Zweig der Literatur, wie es Golo Mann formuliert?[3] Wo liegt der Unterschied zwischen Dichter und Historiker?

Diesen und ähnlichen Fragen gingen wir im Rahmen unseres Seminars zu Geschichte und Dichtung nach. Das Besondere an diesem Seminar war, dass wir Studierende der Geschichte uns auf literaturwissenschaftliches Terrain begaben. Für ein Semester durften wir unser quellenkritisches Werkzeug, mit dem wir – unserer Zunft gemäß – historische Schriftstücke bearbeiten, einmal aus der Hand legen. Wir tauschten die oft recht verschraubt formulierten Geschichtsdarstellungen auf unseren Schreibtischen gegen erlesene literarische Texte verschiedener Epochen von Autoren wie Balzac, Schiller, Hugo und Camus, in denen voller Spannung historische Ereignisse in vollendeter Sprache erzählt werden. Unser Leitsatz und thematischer Rahmen war also nach Ruth Klüger: „Dort, wo Geschichte zu Literatur verarbeitet wird, überschneiden sich die beiden Bereiche, und an dieser Schnittstelle wollen wir uns eine Weile aufhalten.“[4]

Zwischen eben diesen Bereichen bewegt sich auch der Gegenstand der vorliegenden Arbeit: „Der Dreißigjährige Krieg“ von Ricarda Huch ist ein Werk, in dem der Spagat zwischen Geschichte und Dichtung auf einzigartige Weise gelungen ist. Man liest nicht nur von den Ereignissen, Entwicklungen und intriganten Geflechten, die mit jenem Krieg verbunden waren und in einer absolut quellengetreuen Genauigkeit dargestellt werden, man tut dies auch noch mit Vergnügen. Man wird selbst – dank des erzählerischen Könnens der Autorin – gleichsam zum Augenzeugen des Geschehenen, zum engen Vertrauten der historischen Figuren. In dieser Arbeit soll an Hand von Textbeispielen gezeigt werden, wie die Autorin dies vollbrachte. Das Augenmerk liegt dabei auf der Figur Wallenstein, dessen Laufbahn und Charakter voller dichterischem Einfühlungsvermögen geschildert werden, ohne dabei die historischen Quellen zu vernachlässigen.

In der Fülle der Literatur leistete die Studie von Hans-Henning Kappel zur Epischen Gestaltung bei Ricarda Huch eine grundlegende Orientierungshilfe. Zudem dienten mir sowohl Darstellungen aus der Literatur- als auch der Geschichtswissenschaft zur Bearbeitung des Themas.

Obschon auch noch im 21. Jahrhundert einzelne Studien ihren Werken gewidmet sind, kann man bemerken, dass Ricarda Huch mehr und mehr aus unserem Gedächtnis verschwindet. Die Autorin wird kurz vorgestellt, auf eine eingehendere Einführung in ihr Leben und Werk zugunsten einer umfangreicheren Besprechung des Werkes „Der Dreißigjährige Krieg“ jedoch verzichtet. Nach einer allgemeinen Einführung werden die Stimmen der Kritiker zu drei in Bezug auf die Fragestellung relevanten Bereichen wiedergegeben: dem Problem der Gattungszugehörigkeit, der eigenwilligen Komposition und der Objektivität. Im Anschluss wird auf die Figur des Wallensteins eingegangen. Dabei wird im Speziellen untersucht, wie die Autorin seinen Charakter, nämlich sein ‚teuflisches’ Wesen, skizziert und seine Eigenschaften als Politiker, seine Haltung zum Tod, seinen persönlichen Niedergang und den an ihm begangenen Mord darstellt.

2 Ricarda Huch

Ricarda Huch war eine der wenigen Frauen ihrer Generation, die die Möglichkeit zur universitären Ausbildung in der Schweiz nutzte und als Historikerin promoviert wurde. Die gebührende Anerkennung unter den zeitgenössischen Historikern blieb ihr jedoch weitgehend versagt. Zu literarisch erschienen ihre historischen Darstellungen – auch die des Dreißigjährigen Krieges. Sie hat die neuromantische Bewegung um die Jahrhundertwende entscheidend beeinflusst und in der Weimarer Republik zählte sie zu den prominentesten Intellektuellen.[5] Heute ist Ricarda Huch als Schriftstellerin und Historikerin mehr und mehr in Vergessenheit geraten, wie Marcel Reich Ranicki 1984 in einer Gedenkschrift beklagt: „Wenn Ricarda Huch, die Thomas Mann einst die erste Frau Deutschlands nannte, heute nicht nur berühmt, sondern auch, obwohl alle ihre Bücher zugänglich sind, fast vergessen ist, so zeugt dies vom gebrochenen Verhältnis der Deutschen zur besten deutschen Literatur, zur besten deutschen Tradition.“[6]

Ihre historischen und theoretischen Schriften, die vor allem in den zwanziger Jahren entstanden, gelten als „erstaunlich, einzigartig und schwer einzuordnen.“[7] Häufig wird der politische Gehalt ihrer Schriften ignoriert. So fiel auch die zeitgenössische politische Rezeption ihrer Werke widersprüchlich aus.[8] Umso bedauerlicher ist es aus heutiger Sicht, dass sie gerade von den Nationalsozialisten positiv beurteilt wurde. Gleichzeitig genoss sie großes Ansehen bei dem ins Exil geflohenen Historiker Golo Mann. Einige ihrer Werke waren in den Bibliotheken von SS-Schulen zu finden, andere wiederum konnten nur unter Schwierigkeiten erscheinen. Trotz Huchs betonter Gegnerschaft zum Nationalsozialismus, die ein gegen sie angestrengtes Gerichtsverfahren und Zensur an Teilen ihres Werkes zur Folge hatte, bemühte sich der NS-Staat immer wieder um sie.[9] Im März 1931 beschrieb Huch ihre politische Haltung wie folgt:

„Ich kann, wenn ich ehrlich sein will, nichts durchweg erfreuliches sagen. Ich kann auch nichts einfaches sagen, da die Situation zu kompliziert ist. Ich bin nicht marxistisch, ich bin nicht kapitalistisch, ich bin nicht nationalsozialistisch, aber ich bin auch nicht schlichtweg demokratisch im heutigen Sinn.“[10]

In „Der Dreißigjährige Krieg“ stellt die Autorin den Krieg in all seiner Grausamkeit dar, deckt die menschlichen Abgründe, die sich in seinem Zusammenhang auftun, die Tiefen des ganzen Volkes schonungslos auf. Man täuscht sich aber, wenn man nun aufgrund ihrer klarsichtigen Schilderung jenes Phänomens des 17. Jahrhunderts in Ricarda Huch eine Art Prophetin in Mitten des Nationalismus ihrer Zeit sehen will. Zahlreiche Zitate belegen, dass die Autorin die politische Situation 1914 kaum kannte, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie nicht dafür interessierte:

„Viele Menschen hatten sich schon seit geraumer Zeit mit der Möglichkeit eines Krieges beschäftigt; ich nicht. Ich hatte mich nicht im geringsten um Politik gekümmert. Es gab kaum etwas, was mich weniger interessierte. […] Die Möglichkeit eines Krieges kam mir nicht in den Sinn, und als der Krieg ausbrach, war ich überzeugt, daß wir ihn in Kürze siegreich beendigen würden.“[11]

In ihrer Rede anlässlich des fünfzigsten Jubiläums ihrer Doktorprüfung am 30. Mai 1942 sprach sie ihre jugendliche Teilnahmslosigkeit an der Gegenwart an und erklärte, dass sie diese jedoch nach dem Ersten Weltkrieg ablegte:

„Erst der Weltkrieg weckte mein Interesse für die Gegenwart, und seitdem hat es sich fortwährend gesteigert. Ich habe nun gefunden, dass man, wie man sagt, man könne die Gegenwart nicht verstehen, ohne die Vergangenheit zu kennen, auch sagen kann, ohne die Gegenwart zu kennen, könne man die Vergangenheit nicht verstehen.[…] In bezug auf die Geschichte könnte ich das Studium also von vorn anfangen.“[12]

Zwar nicht politisch, sondern eher humanistisch motiviert, bringt Ricarda Huch in „Der Dreißigjährige Krieg“ ihr Mitgefühl für die Entrechteten und ihre Kritik an dem Zeitalter der Technokraten zum Ausdruck.[13]

[...]


[1] Mann, Golo, Geschichtsschreibung als Literatur. In: Jahrbuch der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt 1964, S. 428.

[2] Klüger, Ruth, Dichter und Historiker: Fakten und Fiktionen, Wien 2000, S. 36.

[3] Mann, Golo, Geschichtsschreibung als Literatur. In: Jahrbuch der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt 1964, S. 428.

[4] Ebenda, S. 17.

[5] Vgl. Bruns, Claudia, Ricarda Huch und die Konservative Revolution, in: Werkstattgeschichte 25 (2000), S. 5-33.

[6] Marcel Reich-Ranicki, Ricarda Huch, der weiße Elefant, in: Ricarda Huch. Studien zu ihrem Leben und Werk. Aus Anlaß des 120. Geburtstages (1864-1984), hg. von Hans-Werner Peter, Braunschweig 1985.

[7] Ratz, Alfred E., Ricarda Huch und die Krise des naturwissenschaftlich-technischen Zeitalters, in: Ricarda Huch-Studien V, hg. von Hans-Werner Peter, Braunschweig 1994, S. 25 – 39.

[8] Zur politischen Einordnung des Werkes der Ricarda Huch vgl. Bruns, S. 5.

[9] Vgl. Bruns, S. 6.

[10] Ricarda Huch : 1864 – 1947. Eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs im Schiller-Nationalmuseum Marbach am Neckar ; 7. Mai - 31. Oktober 1994 Schiller-Nationalmuseum Marbach, hg. von Jutta Bendt. - Marbach am Neckar 1994, S. 307.

[11] Band 11 S. 321

[12] Huch, Ricarda, Gedichte, Dramen, Reden, Aufsätze und andere Schriften, Gesammelte Werke, Bd. 5, Köln 1971, S. 824.

[13] Vgl. Anderson Susan C., Against Modernism and Historicism. Ricarda Huch’s Representation of the Thirty Year’s War, in: Colloquia Germanica 27/2 (1994), S. 141-157.

Details

Seiten
20
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638599115
ISBN (Buch)
9783656250685
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v66673
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Institut für Geschichte und Kunstgeschichte
Note
1,0
Schlagworte
Geschichte Dichtung Dreißigjährige Krieg Ricarda Huch historischer Roman Ricarda Huch Wallenstein

Autor

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