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Heidnische Elemente im russisch-orthodoxen Christentum

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 27 Seiten

Kulturwissenschaften - Osteuropa

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Das Altrussische Reich bis zum Beginn der Christianisierung

3 Russische Festtage und Mythen

4 Christianisierung in Russland – ein langwieriger Prozess

5 Christliche und russische Feiertage und Kulte

6 Zusammenfassung

7 Bibliographie

1 Einleitung

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es zu zeigen, inwieweit vorchristliche Mythen, in diesem Fall ostslawische, bei der Christianisierung der Alten Rus integriert wurden, um die Bevölkerung missionieren zu können. Daraus ergeben sich Veränderungen des christlichen Glaubens in der Art einer Symbiose zwischen „heidnischen“ und christlichen Vorstellungen und Ritualen, die das alltägliche Leben der Menschen bestimmen.

Da allerdings ein „Überblick über die Integration von Mythen in den christlichen Glauben“, so undifferenziert wie dieser Ausdruck impliziert, den Rahmen einer Semesterarbeit weit überschreiten würde, konzentriere ich mich hier auf jährlich wiederkehrende Festtage und damit verbundene Vorstellungen. Hintergrund sind folgende Überlegungen: Russland (die Alte Rus’) war bereits vor Beginn der Christianisierung ein Agrarland und blieb es bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. In einer agrarischen Kultur ist davon auszugehen, dass der jährliche, vegetationsabhängige Zyklus nicht nur wesentlich das tägliche Leben beeinflusst, sondern auch umfassendere, weltanschauliche, gesellschaftsstrukturierende Normen und Werte, einschließlich der Vorstellungen von Geschlechterverhältnissen.

In meiner einjährigen Feldforschung konnte ich selbst feststellen, welch großen Raum der Gartenbau nach wie vor im Leben der Menschen einnimmt, egal ob sie nun selbst einen Garten bewirtschaften oder nicht.[1] Hier wurde ich von einer Interviewpartnerin mit der Ansicht konfrontiert, der Garten sei schon immer in der Hand der Frauen gewesen. Die Verallgemeinerung „schon immer“ impliziert auch vorchristliche Wurzeln dieser geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung. Damit scheint es gerechtfertigt, eine Verbindung zwischen der Tradierung vorchristlicher Normen und existierenden Geschlechterbeziehungen anzunehmen, wobei letztere entweder durch die Christianisierung verändert oder ursprüngliche christliche Vorstellungen relativierten.

Aus beiden Überlegungen heraus beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit Festtagen, die sowohl im christlichen wie auch ostslawischen (altrussischen) Glauben vertreten sind. In ihnen werden nicht nur weltanschauliche Normen präsentiert, sondern sie dienen auch der Manifestierung gesellschaftlicher Strukturen entsprechend den zugrundeliegenden Normen.

Im ersten Kapitel findet sich eine kurze themenorientierte Ethnographie der Ostslawen vor der Christianisierung. Darauf folgt eine genauere Beschreibung altrussischer Festtage und Mythen, die für eine vergleichende Betrachtung der beiden Glauben relevant sind. Im dritten Kapitel geht es um den Prozess der Christianisierung selbst. Dabei lassen sich aufgrund spezifischer gesellschaftlicher Strukturen und kultureller Normen Besonderheiten im Verlauf der Missionierung und ihrem Erfolg aufweisen. Abschließend setze ich ostslawische und christliche Feiertage und Kulte miteinander in Beziehung und versuche, sie zu vergleichen, um die tatsächliche gegenseitige Beeinflussung zu verdeutlichen.

Im Folgenden bezeichnen die Begriffe „Ostslawen“, „Altrussen“ und „Großrussen“ die ethnischen Vorfahren der heutigen Russen. Der Korrektheit halber muss angemerkt werden, dass auch die Ukrainer und Weißrussen (Belorussen) zu den ostslawischen Völkern gehören und erst später eine Differenzierung in verschiedene Sprachen und Kulturen stattfand. Mit „Christentum“ „christlich“ oder „Kirche“ ist in dieser Arbeit, soweit nicht ausdrücklich angemerkt, die russisch-orthodoxe Version gemeint.

Ein grundlegenderes terminologisches Problem stellt die Bezeichnung ostslawischer Glauben als „vorchristlich“ oder „heidnisch“ dar. „ Vor christlich“ impliziert allzu leicht eine evolutionistische Entwicklung, „heidnisch“ ist im deutschen Sprachgebrauch ebenfalls negativ belegt. In dieser Arbeit verwende ich trotzdem den Begriff „heidnisch“, allerdings in Anführungszeichen, um die Distanz zu (ab)wertenden Bedeutungen klarzumachen. Da viele verwendete Quellen im Englischen den Begriff „pagan“ benutzen und im Russischen „jazycheskij“ (entspricht „pagan“ im Englischen) und mir im Deutschen kein wertfreies Äquivalent bekannt ist, halte ich die bedingte Verwendung von „heidnisch“ im Rahmen dieser Arbeit für gerechtfertigt.

2 Das Altrussische Reich bis zum Beginn der Christianisierung

Vorfahren der heutigen Russen sind die Ostslawen, die im 5. und 6. Jahrhundert von ihrem ursprünglichen Siedlungsgebiet am mittleren Dnepr und oberen Don aus in das Land der finnischen Fischer und Jäger bis nördlich von Pskow und Moskau eindrangen. Südlich wurde das Gebiet durch die Waldzone zwischen Kiew und Kasan begrenzt. Den Zugang zum Schwarzen Meer verhinderten Nomadenvölker der südrussischen Steppe.

Signifikantes Merkmal der Expansion und der Erschließung des späteren Russlands durch die Ostslawen ist der Ackerbau. Bereits die einwandernden Ostslawen waren Ackerbauern und blieben es auch im russischen Raum, im Gegensatz zu nomadisierenden sibirischen, nördlichen und Steppenvölkern. Nicht zu vergessen ist hier der weite geographische Raum, in dem die Siedlung stattfinden konnte: Die osteuropäische Ebene wird von nur wenigen großen Flüssen und kaum nennenswerten Bergen oder Gebirgen zergliedert und bot damit einen relativ leicht zu erschließenden Raum und ausreichend Platz für die Bewirtschaftung.

Die geographische Weite wirkte auch auf die Entwicklung politischer Strukturen und Organisationsformen. Große Entfernungen behinderten die nötige Kommunikation und eine zentralisierte Politik. Teilweise sind ja bis heute Diskrepanzen zwischen der Moskauer und lokalen Politik in der Provinz zu beobachten.

Das erste russische Reich war die Kiewer Rus’, oft auch Großfürstentum genannt. Seit dem 9. Jahrhundert wurden Schritt für Schritt einzelne Gebiete unter der Vorherrschaft der Kiewer Fürsten vereinigt, woher auch der Name Kievskaja Rus’ rührt.

Archäologisches Material soll für diese Zeit belegen, dass der Ackerbau allmählich zur Hauptbeschäftigung der Bevölkerung wurde: Alle Hauptgetreidearten seien bereits im 9. Jahrhundert bekannt gewesen, hochentwickelter Gartenbau und landwirtschaftliches Inventar nachweisbar.[2] Anders als skandinavische und am Mittelmeer angesiedelte Völker, die intensiven Handel betrieben und so in kulturellem Austausch mit anderen Völkern standen, waren die Hintergründe von Begegnungen mit anderen zumeist Siedlungsbewegungen oder Angriffe vonseiten von Nomaden oder anderen durchziehenden Völkern. Das entstehende Handwerk löste sich nur langsam vom Acker- und Gartenbau. Handel als selbständiger wirtschaftlicher Bereich entstand erst recht spät. Städtische Märkte sollen erst für das 11. Jahrhundert nachweisbar sein, auch wenn die Altrussen bereits vorher mit Skandinavien, Mittelasien und dem Orient Handelsbeziehungen unterhielten. Die erste Geldeinheit, Griwna, kam gegen Ende des 10. Jahrhunderts auf.

Die ursprüngliche gesellschaftliche Ordnung der Ostslawen gründete auf der Sippe (rod[3] ). Die daran orientierte Gemeinschaft basierte auf dem unteilbaren gemeinsamen Eigentum und der Autorität der Ältesten (starejschina). Der Verwandtschafts- oder Sippenkult stärkte diese beiden Grundlagen. Seit der Ansiedlung der Ostslawen auf dem Gebiet der Rus’ konzentrierten sich die Strukturen nun auf die Familie, die gemeinsam einen Hof betrieb. Die Macht der Ältesten allerdings konnte sich aus rein praktischen Gründen nicht auf alle verwandten Höfe erstreckten. Auch wenn das auf Blutsverwandtschaft basierende Zusammengehörigkeitsgefühl, familiäre Kulte und Bräuche erhalten bleiben konnten, verlor die Großfamilie an rechtlicher Bedeutung. Sie zerfiel zugunsten kleinerer Verwandtschaftsgruppen und der Höfe.[4]

Befestigte kleine Siedlungen (gorodischcha[5] ), „vereinzelte Höfe oder aus einem Hof bestehende Dörfer“, seien, so der russische Historiker Kljutschewski, keine Seltenheit gewesen. Im Gegenteil fanden sie sich überall im Dnepr-Gebiet, in einem Abstand von je vier bis acht Werst.[6] Ihre Anlage weise starke Ähnlichkeit mit vorchristlichen Kurganen auf, „heidnischen“ Grabanlagen, die bis heute noch in der südrussischen Steppe und in Mittelasien ausgegraben werden. Dabei seien aber diese gorodischcha beileibe keine Überbleibsel ehemaliger bedeutender Städte gewesen. Die Anlage, meist kreisförmig umgeben von einem Erdwall, habe lediglich Raum für einen guten bäuerlichen Hof geboten. Aus einer Ansammlung solcher vereinzelter Höfe sei auch die Stadt Kiew entstanden.[7]

Auch im Familienrecht zeigte sich der Zerfall der Sippengemeinschaft. Ursprünglich war die Sippe ein geschlossener, wenn auch recht großer Kreis, in den Fremde keine Aufnahme fanden. Durch den Weggang der Frau aus ihrer eigenen Gemeinschaft in die ihres Ehemannes wurde diese verwandtschaftliche Verbindung zu den Ihren getrennt, die neue aber nicht hergestellt. Kljutschweski stellt trotzdem fest, dass bereits in der ursprünglichen Form der Ehe der Kern für die Auflösung der Sippe gelegt war: Mit der Zeit wurden fremde Sippen einander durch eheliche Verbindungen verwandt, die Grenzen vermischten sich. Die Ehe löste so die Sippengemeinschaft langsam auf.[8]

Hauptsächliche Siedlungsform war also eine relativ kleine bäuerliche Gemeinschaft, die ursprünglich aus Familieneinheiten hervorgegangen war, auch wenn bereits im 9. Jahrhundert einige Städte und größere Siedlungen entstanden waren.

Der größte Teil der Bevölkerung führte demnach das bäuerliche Leben weiter. Ein Ausdruck dafür ist z.B. der Domostroj[9], aus der Mitte des 16. Jahrhundert stammend: Als eines der ersten und detailliertesten Gesetzbücher, auch oft als Hausbuch der patriarchalischen Gesellschaft bezeichnet, gibt der Domostroj Empfehlungen zur Führung des christlichen Haushaltes in jeglicher Hinsicht. Über den Umgang und das Verhältnis zwischen Eheleuten, zu den Bediensteten, zu Kindern, Gästen u.v.a. hinaus werden praktische Ratschläge gegeben zur Bewirtschaftung des Gartens, zur Konservierung der Ernte, Imkerei usw. Bezeichnend ist, dass sich offensichtlich bis mindestens zum 16. Jahrhundert der agrarische Aspekt des Lebens erhalten hat. Angesichts der alltäglichen Verwurzelung in zum großen Teil noch präfeudalen, jahreszeitenabhängigen und agrarisch orientierten Lebenswelten, liegt es nahe, auch eine religiöse und mythologische Nähe zu tradierten Vorstellungen zu vermuten.

[...]


[1] Von April 2000 bis März 2001 führte ich mit einem DAAD-Jahresstipendium eine ethnologische Feldforschung in Nowosibirsk/ Russland durch. Das Thema war: „Selbstverständnis von Frauen ab 55 Jahren im Zusammenhang mit der Datschenwirtschaft/ Selbstversorgung/ Gartenbau“.

[2] Sowjet-Enzyklopädie, Bd. 1, S. 298.

[3] Der Wortstamm rod taucht im heutigen Russisch häufig, wobei der Bezug zu Herkunft oder Zusammengehörigkeit immer nachvollziehbar ist: rod (m) = Gens, Sippe, auch grammatisches Geschlecht; rodstvo (n) = Verwandtschaft; rodit’ = gebären; roditeli = Eltern; rodina (f) = Heimat u.a.

[4] Kljutschewski, 2000, S. 130- 133.

[5] Die etymologische Beziehung zwischen gorodischcha und gorod (Stadt) ist nicht zu übersehen. Alle heutigen Worte mit dem Stamm „gorod“ beinhalten eine Verbindung zu Schutz, Befestigung oder Einzäunung.

[6] Das Werst (wersta) ist ein altes russisches Längenmass, etwas mehr als 1 km.

[7] Kljutschewski, 2000, S. 131.

[8] Kljutschewski, 2000, s. 135ff. Es müssen exogame Heiratsregeln angenommen werden, auch wenn der Autor diese nicht ausdrücklich nennt. Er spricht an einer Stelle lediglich von der Notwendigkeit, Bräute zu finden, insbesondere für Siedlungen, die ausschließlich aus Verwandten bestanden. (S.135)

[9] dom = Haus, stroit’ = bauen.

Details

Seiten
27
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638141925
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6668
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Kulturwissenschaftliches Seminar
Note
sehr gut (1,0)
Schlagworte
Heidnische Elemente Christentum Wirkungsmacht Geschlechterbildern

Autor

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