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Die Engel und die Menschen: Zustände der Spaltung und Teilung in „Der Himmel über Berlin“ von Wim Wenders (1986/ 87)

von M. Berlitz (Autor) Evriklia Siakagianni (Autor)

Hausarbeit 2005 22 Seiten

Medien / Kommunikation - Interkulturelle Kommunikation

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundsätzliches zur Dualität zwischen Engel und Mensch

3. Die Engel und die Menschen
3.1 Das Menschenbild
3.1.1 Die Berliner als die „normalen Menschen“
... im Film
... aus der Darstellungsperspektive
... Charakteristika
... in ihren Genderrollen
3.1.2 Die Kinder
... im Film
... aus der Darstellungsperspektive
... Charakteristika
3.1.3 Der Greis
... im Film
... aus der Darstellungsperspektive
... Charakteristika
3.1.4 Marion
... im Film
... aus der Darstellungsperspektive
... Charakteristika
3.2 Das Engelbild
3.2.1 Die Engel
… vor ihrem Entstehungshintergrund
…aus der Darstellungsperspektive
... im Film
…Charakteristika
Die Engel und ihre Existenz
Die Engel und ihre poetische Sprache
Die Engel und die Zeit/ die Geschichte
Die Engel und der Raum/ die Stadt Berlin
Die Engel und die Menschen

4. Die Vereinigung
4.1 Der Engel Damiel wird Mensch
4.2 Die Aufhebung der Spaltung und Teilung

5. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Schon im Wintersemester 2004/2005 im Rahmen eines Film­seminars von Herrn Stein: „Film­pro­duk­tionen als Teil der aus­wärtigen Kultur- und Programm­arbeit“ setzten wir uns innerhalb einer Gruppe ein­ge­hend mit zwei Filmen von Wim Wenders auseinander: „Der Himmel über Berlin“ (1986/ 87) und „In weiter Ferne so Nah!“ (1993). Damals bereiteten wir uns auf eine Präsen­tation vor, unter dem Thema „Wiedervereinigung und Kulturelle Identität“. Wir kris­tallisierten zwei Hauptthemen heraus, um welche beide Filme kreisen: das Thema der Stadt Berlin (Gegenwart und Historie) und das Thema der Dualität zwischen Engel und Mensch.

In dieser Arbeit beschränken wir uns nun auf den ersten und erfolgreichsten Film der beiden: „Der Himmel über Berlin“. Wir konzentrieren uns auf die Engel- und Menschenthematik und nähern uns darüber den Zuständen der Spaltung und Teilung im Film.

Ausgehend von der Dualität Engel - Mensch tauchen verschiedene andere Gegenpole auf; sie durch­ziehen den gesamten Film, begegnen dem Zuschauer in verschiedenen Konstellationen und wandeln das augenscheinliche Thema des Films - in Filmrezessionen wird von einer Liebes­geschichte gesprochen (vgl. z.B. Müller 1987, 230) - zu einem Film, der sich eben mit diesem, mit dem Thema der Gespaltenheit und Einheit auseinandersetzt.

Die Dualitäten lassen sich nicht klar voneinander trennen, es gibt kaum eindeutige Grenzen - unter bestimmten Parametern stehen sie sich gegenüber, unter anderen ver­schmelzen sie wieder und stehen einem anderen Parameter gegenüber. Es ist eine diskursive Gespaltenheit, für welche Wenders am Ende auch einen Ausblick gibt: nämlich die Ver­ei­ni­gung zwischen Mann und Frau.

2. Grundsätzliches zur Dualität zwischen Engel und Mensch

Um Wenders Engel- bzw. Menschenbild zu beschreiben, ist es unmöglich, dass jeweilig andere nicht zu berücksichtigen. Paradoxerweise lässt sich der Mensch in Himmel über Berlin nur über den Engel definieren und andersrum ist es derselbe Fall.

Trotzdem möchten wir uns zuerst schwerpunktmäßig den Menschen in Himmel über Berlin widmen und darauf den Engeln und weisen schon jetzt auf eine unabdingbare Verbindung zwischen beiden hin - Bromley spricht, wie wir finden sehr passend, von „borderline identities“, zwischen Nähe und Distanz (vgl. Bromley 2001).

3. Die Engel und die Menschen

3.1 Das Menschenbild

Die Menschen, die in Wenders Film auftauchen, sind: Berliner, in ihrem Alltag, Kinder, der alte Homer, Marion (Solveig Dommartin), die Trapezkünstlerin und auch Peter Falk gehört dazu. Was Mensch-Sein bedeutet, beschreibt Wenders anhand von drei Gruppen: es gibt die Berliner, als „die normalen Menschen“ (wozu auch Marion anfänglich gehört), es gibt Kinder und den Greis Homer. Peter Falk spielt noch einmal eine gesonderte Rolle, da er ein ehemaliger Engel ist.

Wir möchten die verschiedenen „Menschen-Gruppen“ im Folgenden näher betrachten. Um ein klareres Bild zu bekommen, gehen wir von drei Blickwinkeln aus: Wir betrachten, wie die Men­schen im Film auftauchen, wir betrachten, wie die Darstellung umgesetzt wurde (Darstellungs- bzw. Erzählperspektive) und schließlich versuchen wir, das Menschenbild zu erfassen, indem wir die Menschen analysieren (Charakteristika)

3.1.1 Die Berliner als die „normalen Menschen“

... im Film

Die ersten Szenen des Films werden mit einem Kameraschwenk eingefangen: helle Wolken, dann ein leinwandfüllendes Auge, schließlich Häuser und Strassen, vom Himmel aus gesehen. Plötzlich ein Mann (Damiel) mit Flügeln und Haarzopf hoch oben auf der alten Gedächtnis­kirche (vgl. Grob 1991, 258); die Kamera gleitet hinunter zur Strasse; aus der Vogel­perspek­tive sieht man fahrende Busse, Passanten, die alleine durch die Strassen eilen, sie wirken ge­stresst oder traurig; der Blick fliegt über die Häuser und Strassen Berlins; die Kamera steht nicht still, sie schwenkt weiter, nähert sich einem Wohnhaus, ohne Halt geht der Blick durch die Mauer und wandert von Wohnung zu Wohnung. Der Zuschauer erhält Einblick in die momentane Lage der Bewohner der Woh­nun­gen; er nimmt Wortfetzen von inneren Mono­logen wahr; die sich dann wieder zu einem fast un­unter­scheid­baren Hinter­grunds­gemurmel ver­dichten. (vgl.a. Neumann 1988, 2) Es begegnen dem Zuschauer Szenen wie diese:

„Da ist eine Frau auf dem Fahrrad, die rechte Hand in der Jacken­tasche, starr nach vorne schauend, Auf dem Gepäckträger hinter ihr: ihre kleine Tochter. `Endlich verrückt. Endlich nicht mehr allein. Endlich verrückt. Endlich erlöst.´ [...] Und da ist ein junger Mann in Jeans und T-Shirt. Er sitzt auf dem un­ge­machten Bett und spielt mit den Haaren. `Sie hat dich nie geliebt. Und Du? Du tust auch nur so als ob. Sei froh, daß sie Dich verlassen hat. Endlich bist Du frei.´“ (Grob 1991, 260)

... aus der Darstellungsperspektive

Interessant ist die Erzählperspektive in dem Film, mittels welcher die Darstellung der Men­schen geschieht. Der Mensch wird aus der Sicht der Engel dargestellt: in schwarz/ weiß (das Sehen der Engel), die inneren Gedanken der Menschen veräußer­lichend, ungestört in ihrem all­täglichen Handeln werden sie begleitet. Es gibt keinen - wie man in der Literatur­wissen­schaft klassifiziert - „allwissenden Erzähler“; der allwissende und der personale Erzähler vermischen sich: „Die Kamera ist das Auge des unsichtbaren Engels“ (Nolden 1988, In: Wenders 1992, 235), was ja im Grunde eine personale Erzählung ausmachen würde. Doch da die Engel un­sicht­bar sind, sie die Menschen in ihrem Handeln nicht beeinflussen und mit ihrem „alles­sehenden Auge und alles­hörenden Ohr“ (Grob 1991, 260) objektiv fest­halten, was sie sehen, ohne zu bewerten (wie wir auch noch im Kapitel Engelbild sehen werden), ist eine „All­wissen­heit“ und damit gewisse Objek­tivität gesichert.

... Charakteristika

Anhand der inneren Monologe der Berliner, lässt sich relativ schnell ein Grundbild der „normalen Menschen“ in „Der Himmel über Berlin“ ausmachen. Die Berliner werden in all­täg­lichen intimen Momenten mit ihren momentanen Empfindungen eingefangen. Zum Vor­schein kommt eine große „Tristesse“ (Grob 1991, 261). Die beobachteten Menschen sind meist mit sich und ihren Gedanken allein. Es überwiegt Leere, Einsamkeit, Klage, Ge­stresst­heit, Sorgen­be­haftet­heit, Ver­zweif­lung und Melan­cholie und Scheinaktivität. Dieses „Panorama der Einsam­keit“ schließt sich in dieser Hin­sicht an die so oft im Stadtfilm gezeigten Situationen und Zustände der mensch­lichen Isolation an (Vogt 2001, 698).

Für den Zuschauer wird das triste Menschenbild, das den gesamten Film durchzieht, noch durch die schwarz/weiß Darstellung verstärkt. Die schwebende flüchtige Bewegung der Kamera unterstreicht die wenig gewurzelte Existenz der Menschen; ihre inneren Monologe, als unausgesprochene Worte, verhallen in einer Leere:

Diesen Zustand beschreibt Bromley als Unfähigkeit der Menschen im Hier & Jetzt, also voll und ganz in der Gegenwart zu leben:

“Wenders characters do not belong to any place, any time, any love, they are marked as threshold people of lost origin, with internal borders and divisions, unable to take root, a configuration of absences, with the present in abeyance. Finding/ founding the present is one of the principal concerns of these films.” (Bromley 2001, 72)

Neben den Gedanken der Berliner erscheinen ihre Handlungen nebensächlich. Nebensächlich in zweier Weise: Die Menschen funktionieren in ihrem alltäglichen Rhythmus - aber in ihren Gedanken sind sie woanders (das ist das, was wir oben „Schein­ak­ti­vität“ nennen). Ihre Hand­lungen laufen automatisiert ab, losgelöst von ihren Gedanken, in welchen sie sich mit sich selbst beschäftigen. Neben der inhalt­lichen Ebene möchte ich die Wirkungs­ebene auf den Zuschauer hervor­heben: denn auch auf dieser geraten die Handlungen der Menschen in den Hinter­grund. Die fort­währende Präsenz der Monologe bewirkt, dass die Aufmerk­samkeit des Zuschauers auf die Gedanken der Berliner gelenkt wird.

... in ihren Genderrollen

Prinzipiell spielen in Wenders Filmen Frauen eine untergeordnete Rolle. Auch in dem Film „Der Himmel über Berlin“ sind die Hauptrollen Männern vorbestimmt: die beiden Engel Damiel & Cassiel, Peter Falk, als ehemaliger Engel und Homer, der ewige Erzähler.

Trotzdem sind die Genderrollen in seinen Filmen nicht klassisch aufgenommen, wie das mit den Themen Heim, Familie und Arbeit wäre, vielmehr findet eine „male-representation“ durch „road, the journey, the way of nomadic“ statt (Bromley 2001, 71).

Jedoch bricht Wim Wenders in diesem Film die ansonsten ausschließlich übliche Männer­per­spektive; erstmals nimmt eine Frau (Marion) eine wichtige, fordernde Rolle ein (vgl. Rauh 1990, 115). Eine Frau -Marion (Solveig Dommartin)- überreicht einem Mann -Damiel- einen Wein­kelch und hält eine Rede. Zu dieser Liebesszene sagt Wim Wenders:

„Diese Rede ist mir sehr wichtig. Denn sie steht stellvertretend für alle Reden, die Frauen an Männer richten. Sie ist die kühnste Tat in diesem Film, etwas völlig Außergewöhnliches. Normalerweise sind ja Frauen, die reden, für Männer ein Alptraum. Mir aber gefällt das.“ (Wim Wenders in: SPIEGEL 43/ 1987, 234)

Wenders zieht Männergeschichten vor, weil es für ihn wichtig ist, Filme aus der eigenen Er­fah­rung heraus zu machen: „...als dann in den siebziger Jahren Frauen angefangen haben, Filme aus der Erfahrung über sich selbst zu machen, was ich sehr bewundert habe, fand ich es eigent­lich ganz logisch, daß man als Mann einen Film über Männer macht.“ (W. Wenders, In: Wenders 1992, 243). Erst mit Solveig Dommartin, welche auch seine Geliebte war, setzt er eine Frau in Szene. (vgl. a. Spiegel 21/1993, 234) Marion demonstriert das Bedürfnis, die Schwere­losig­keit zu überwinden und der Einsam­keit zu entkommen (vgl. Kolditz 1992, 270).

Wenders Männer-Bild zeichnet sich in Damiel ab: in der Kreation von Damiel als „angel of superior spiritual existence and defector from the supranatural“ kommt ein fundamentaler Dualis­mus zum Vorschein: „Whenever the male self is in a state of pure desire […] they demonstrate an innocence of angelic dimension that approaches cliché“ (Kolker & Beiken 1993, 148). Kolditz sieht in den zwei Engeln Damiel und Cassiel die zwei Seiten des Mannes verkörpert: „Handelnder und Beobachtender, die Lust auf die Welt und die Angst davor.“ (Kolditz 1992, 280). Das erotische Verlangen des Mannes bekommt erst unter dem Aspekt eines “safe, controllable, spiritual, even universal event” seine Legi­ti­mation: „It seems to be Wenders´ act of convincing himself that sexuality will not make a man lonely if it has a spiritual origin and component.“ (Kolker & Beiken 1993, 150).

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638584944
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v66818
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
gut
Schlagworte
Menschen Spaltung Teilung Berlin“ Wenders Kulturarbeit Himmel über Berlin Filmanalyse

Autoren

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    M. Berlitz (Autor)

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    Evriklia Siakagianni (Autor)

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