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Der Alterssuizid in der Bundesrepublik Deutschland. Gefährdungspotentiale und Möglichkeiten der Prävention

Diplomarbeit 2006 91 Seiten

Pflegewissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Etymologie
1.1 Der Suizid
1.2 Das Alter

2 Die demographische Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland

3 Die Epidemiologie des Suizids
3.1 Häufigkeit des Suizids in Deutschland
3.2 Methodenprobleme bei der Erfassung des Alterssuizids
3.3 Suizidalität bei älteren Menschen
3.4 Entwicklung der altersspezifischen Suizidraten in Deutschland
3.5 Methoden der Selbstverletzung

4 Gefährdungspotenziale für den Alterssuizid
4.1 Körperliche Faktoren für den Alterssuizid
4.2 Psychische Faktoren für den Alterssuizid
4.2.1 Depressionen
4.2.2 Alkoholismus
4.2.3 Demenz
4.3 Soziale Faktoren für den Alterssuizid
4.3.1 Die Familiensituation
4.3.2 Zwischenmenschliche und soziale Faktoren
4.3.3 Das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben
4.3.4 Soziale Isolation und Einsamkeit

5 Theorien zur Entstehung von suizidalem Verhalten
5.1 Der tiefenpsychologische Ansatz von Henseler
5.2 Der streßtheoretische Ansatz nach Erlemeier
5.3 Durkheims Denkmodell

6 Leitlinien für die Suizidprävention

7 Möglichkeiten der Suizidprävention
7.1 Primärprävention
7.2 Sekundärprävention
7.3 Tertiärprävention

8 Die Rolle der Pflege in der Prävention des Alterssuizids

9 Schlussbetrachtung

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

In den meisten Industrieländern ist die steigende Lebenserwartung ein Ergebnis des demographischen Wandels. Ein Beleg für diesen Wandel ist, dass mittlerweile in Bezug auf die Altersverteilung der Bevölkerung, nicht mehr von einer Alterspyramide gesprochen wird. Vielmehr hält der Begriff „Alterspilz“ in unserem Sprachgebrauch mehr und mehr Einzug. Dieser demographische Wandel führt zu einem sich stark ausweitenden Lebensabschnitt nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben. Jene Lebensphase kann als Möglichkeit zur persönlichen Entfaltung gesehen werden, und viele Menschen erfüllen sich in dieser Zeit Wünsche, die während des aktiven Berufslebens nicht möglich waren. Sie reisen viel, gehen verstärkt ihren Hobbys nach oder widmen sich ihrer Familie. Konträr kann diese Phase jedoch auch durch alterstypische Lebensereignisse, wie Pflegebedürftigkeit oder den Verlust des Partners als „lebensunwerter Gewinn“[1], betrachtet werden. Die Verlängerung der Lebensspanne ist eindeutig dem wissenschaftlichen Fortschritt von Medizin, Pharmakologie und Technik zuzuschreiben. Jedoch werden bei der Bewertung dieses zweifelhaften Erfolges die sozialen Ausmaße dieser Entwicklungen vernachlässigt.

Medizinische Erfolge zum Beispiel in der Transplantationstechnik von Organen oder in der Akutmedizin werden oftmals auf Kosten der Lebensqualität und Zufriedenheit alter Menschen erzielt.

Einsamkeitserleben und Isolation sind charakteristische Beweggründe des Alterssuizids, wie auch gewissermaßen bezeichnend für die Stellung dieser Thematik in der Öffentlichkeit. Alte Menschen und ihre Probleme nehmen, obgleich ihrer hohen Präsenz in der gesamten Bevölkerung, eine eher untergeordnete und mit negativen Attributen besetzte Rolle ein. Der Suizid im Alter bleibt scheinbar im Verborgenen und begegnet einer weit verbreiteten Ahnungslosigkeit in unserer Gesellschaft.

Ziel dieser Arbeit ist es, mit einem gesellschaftlichen Tabuthema zu brechen und sowohl Hintergründe, Bedingungsfaktoren und Motive als auch umfassende und praktikable Präventionsmöglichkeiten für den Alterssuizid aufzuzeigen.

Kapitel 1 führt den Leser in die wichtigsten Begriffe aus der Suizidologie und der Altersforschung ein. Kapitel 2 befasst sich mit der demographischen Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland. Es soll verdeutlicht werden, dass es sich bei der Suizidalität im Alter um ein Phänomen von wachsender Bedeutung im Blick auf die Bevölkerungsentwicklung handelt.

Das 3. Kapitel handelt von der Epidemiologie des Suizids in Deutschland im Allgemeinen, im weiteren Verlauf, von der Epidemiologie des Alterssuizids im Speziellen sowie den Methodenproblemen bei der Erfassung, der voraussichtlichen Entwicklung und der Methodik der Selbstverletzung.

Mit der Klärung eines Teiles der Forschungsfrage, die dieser Arbeit zugrunde liegt, befasst sich das darauf folgende Kapitel. „Wo liegen die Gefährdungspotentiale für den Alterssuizid?“. Hierzu werden körperliche, psychische und soziale Faktoren genauer untersucht. Nach der Beantwortung dieser Frage werden drei ausgewählte Theorien zur Entstehung von suizidalem Verhalten erläutert. Sie erklären welche Prozesse ablaufen, damit die zuvor genannten Gefährdungspotentiale, die vermutlich bei vielen Menschen in der Bevölkerung vorliegen, tatsächlich lebensbedrohlich wirken.

Mit dem 6. Kapitel, das sich mit den Leitlinien für die Suizidprävention beschäftigt, soll verdeutlicht werden, dass nicht jeder Suizid unter allen Umständen verhindert werden muss, sondern dass unter gewissen Voraussetzungen das Recht eines Menschen auf Selbstbestimmung akzeptiert werden sollte, auch wenn dies mit den persönlichen Vorstellungen des Helfers kollidiert.

Dem zweiten Teil der Forschungsfrage „Was sind die Möglichkeiten in der Prävention des Alterssuizids?“ wird in Kapitel 7 nachgegangen. Abschließend wird dem Leser gezeigt, welche Rolle der Pflege bei der Krisenintervention und Prävention des Alterssuizids bereits zukommt, beziehungsweise zukommen kann. Am Ende steht die Schlussbetrachtung des Verfassers, in der noch einmal die wichtigsten Erkenntnisse und Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefasst werden.

Die in dieser Arbeit verwendete Literatur wurde zum einen auf klassische Art und Weise über die Universitätsbibliotheken in Darmstadt, Heidelberg und Münster zusammengestellt. Durch Querverweise in der bereits vorhandenen Literatur konnten weitere Quellen erschlossen werden. Zum anderen wurde eine Onlinerecherche in medizinischen Datenbanken wiePubmed, DimdiundMedlinesowie dieZentrale Bibliothek für Medizinin Köln durchgeführt. Es wurden folgende Suchbegriffe verwendet: Suizid, Depression, alte Menschen, Alterssuizid, Alter, Selbstmord, Suizidprävention, Krisenintervention, Suizidgefahr, Suicide, Prevention, Elderly, Depression, Suicide attempts, Suicidal crisis.

Weitere Literatur wurde von Dr. Peter Klostermann vom Institut für Rechtsmedizin der Freien Universität Berlin und von Dr. Anja Ziervogel vom Nürnberger Bündnis gegen Depression zur Verfügung gestellt, denen ich an dieser Stelle für ihre Hilfe danken möchte.

1 Etymologie

Der erste Teil dieses Kapitels befasst sich mit der Klärung von Begrifflichkeiten, welche in der deutschen Literatur zu der Thematik des Suizids Verwendung finden. Da es sich beim Suizid um ein komplexes Phänomen mit unterschiedlichen Erscheinungsformen handelt, beschäftigen sich verschiedenste Fachdisziplinen mit dieser Thematik. Dies hat zur Folge, dass durch unterschiedliche Schwerpunkte und Differenzierungen in der Terminologie einheitliche Begrifflichkeiten, welche suizidale Verhaltensweisen in allgemein anerkannter Form klassifizieren würden, nicht vorhanden sind.[2]

Aus diesem Grund ist eine Klärung der in dieser Arbeit verwendeten Termini dringend notwendig, um Missverständnissen bei deren Verwendung vorzubeugen.

Der zweite Teil dieses Kapitels befasst sich mit dem Begriff des „Alters“, da sich diese Arbeit mit der Thematik des Alterssuizids befasst und auch hier keine einheitliche Definition oder Einteilung in Altersstufen vorliegt.

1.1 Der Suizid

Das Wort „Suizid“ entstammt dem lateinischen Wort „sui cadere“, welches ein auf Selbsttötung oder Selbstverletzung ausgerichtetes Verhalten beschreibt.[3]Haenel und Pöldinger sprechen bei der Thematik der Suizidalität von „…einem Potenzial aller seelischen Kräfte und Funktionen, das auf Selbstvernichtung tendiert“.[4]Eine Person, die eine Suizidhandlung ausgeführt hat, wird gemeinhin als Suizident bezeichnet.

Menschen, die über einen langen Zeitraum Suizidgedanken entwickeln, Suizidhandlungen erwägen oder planen werden als suizidal oder suizidgefährdet bezeichnet, wenn diese Gedanken nicht zu beseitigen sind oder sich gar verstärken.[5]

Der Terminus Suizidalität umfasst nicht nur manifeste Suizidhandlungen, also Suizide und Suizidversuche, sondern auch Suizidphantasien, Suizidgedanken sowie Suizidankündigungen.[6]Eine umfassende Beschreibung von Suizidalität liefert Wolfersdorf. Er beschreibt Suizidalität als „…die Summe aller Denk- und Verhaltensweisen von Menschen, die in Gedanken, durch aktives Handeln, Handeln lassen oder passives Unterlassen den eigenen Tod anstreben beziehungsweise als mögliches Ergebnis einer Handlung in Kauf nehmen“.[7]Darüber hinaus kann unter Suizidalität auch der phasenhafte Ablauf, hin zur eigentlichen Suizidhandlung verstanden werden. Pöldinger untergliedert hier in drei Phasen: 1. Phase: Erwägung; 2. Phase: Ambivalenz; 3. Phase: Entschluss zur Suizidhandlung.[8]

Der Begriff Suizid meint immer Suizidhandlungen mit tödlichem Ausgang. Zugrunde liegende oder situative Motive spielen keine Rolle. Dagegen ist der Suizidversuch vom Suizid eindeutig durch den nichttödlichen Ausgang zu differenzieren. Überlebt die Person die gewollt selbstschädigende Handlung nicht, sprechen wir von Suizid, bleibt sie aus welchen Gründen auch immer am Leben sprechen wir von einem Suizidversuch.[9]

Die Weltgesundheitsorganisation, im weiteren Verlauf dieser Arbeit nur noch als WHO bezeichnet, definiert den Suizidversuch aktuell als

„…eine Handlung mit nichttödlichem Ausgang, bei der ein Individuum absichtlich ein nicht-habituelles Verhalten beginnt, das ohne Intervention von dritter Seite eine Selbstschädigung bewirken würde, oder absichtlich eine Substanz einnimmt, die über die verschriebene oder im allgemeinen als therapeutisch angesehene Dosis hinausgeht, und die zum Ziel hat, durch die aktuellen oder erwarteten Konsequenzen Veränderungen zu bewirken.“[10]

In der gängigen Literatur findet neben dem Begriff Suizidversuch teilweise die Bezeichnung „Parasuizid“ Verwendung. Bei dem Begriff Parasuizid liegt jedoch eine stärkere Akzentuierung auf dem Appellcharakter der Handlung.[11]In der vorliegenden Arbeit werden grundsätzlich die Termini „Suizid“, und „Suizidversuch“ gebraucht, Ausnahmen werden nur bei älteren Zitaten zugelassen.

1.2 Das Alter

Zu Beginn ist festzuhalten, dass eindeutige Klassifikationen oder verbindliche Grenzen für das Alter nur schwer zu bestimmen sind. Ein Grund dafür liegt in der „…stark differierenden Selbsteinschätzung und Wahrnehmung des eigenen Alters mit einer Fremdeinschätzung“.[12]Ein anderer wichtiger Grund ist die sich stark verändernde Lebenserwartung der Bevölkerung.[13]Lediglich eine ganz grobe Richtlinie zur besseren Orientierung sollen die folgenden Aufteilungen bilden.

In modernen Industrieländern ist das Ausscheiden aus dem Berufsleben mit 65 Jahren gleichbedeutend mit dem Eintritt in die Welt der Alten und Senioren.[14]In Anbetracht der demographischen Entwicklung und der Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur schlägt die WHO folgende Einteilung in verschiedene Altersklassen zur besseren Beurteilung vor:

- Der alternde Mensch 50 – 60 Lebensjahre
- Der ältere Mensch 61 – 75 Lebensjahre
- Der alte Mensch 76 – 90 Lebensjahre
- Der sehr alte Mensch 91 – 100 Lebensjahre
- Der langlebige Mensch über 100 Lebensjahre[15]

Ebenso geläufig ist eine Einteilung injunge Alte(60 – 70),alte Alte(70 – 85) undhochbetagte Menschen, welche älter als 85 Jahre alt sind.[16]Vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wird der Begriff „Hochaltrigkeit“ wiederum im Vierten Bericht zur Lage der älteren Generation für Menschen zwischen dem 80 und 85 Lebensjahr verwendet.[17]

2 Die demographische Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland

In diesem Kapitel wird die demographische Entwicklung in der Bundesrepublik, ausgehend von der aktuellen Situation erläutert. Sie soll die Relevanz des Alterssuizids durch die Problematik der wachsenden Lebenserwartung der Bevölkerung einerseits und der sinkenden Geburtenhäufigkeit sowie der damit einhergehenden Überalterung der hiesigen Gesellschaft andererseits verdeutlichen.

Wie bereits erwähnt, wird sich das zahlenmäßige Verhältnis zwischen älteren und jüngeren Menschen in den nächsten Jahrzehnten stark verschieben. Das Statistische Bundesamt prognostizierte im Jahre 2003 bei der Vorstellung der Ergebnisse der 10. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, dass bis zum Jahre 2050 die Hälfte der deutschen Bürger älter als 48 Jahre und ein Drittel 60 Jahre oder älter sein wird. Ebenso wird die Einwohnerzahl in Deutschland langfristig abnehmen. Derzeit leben in der Bundesrepublik circa 82,5 Millionen Menschen. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes wird die Zahl der Einwohner bis 2050 auf circa 75 Millionen sinken. Wie schon seit etwa drei Jahrzehnten, wird es in Zukunft zu einem langfristigen Bevölkerungsrückgang in der Bundesrepublik kommen, da in den kommenden fünf Jahrzehnten stets mehr Menschen sterben werden als Kinder zur Welt kommen. Die Geburtenzahl wird von aktuell 730.000 auf etwa 560.000 im Jahre 2050 sinken, was dazu führen wird, dass die jüngeren Altersjahrgänge (etwa bis zum 50. Lebensjahr) schwächer vertreten sein werden als die Älteren. Von aktuell 17 Millionen, was circa 21% der bundesdeutschen Bevölkerung entspricht, auf 12 Millionen, (16%) im Jahre 2050 wird Zahl der unter 20 Jährigen zurückgehen. Mehr als doppelt so groß wird die Population der über 60 Jährigen sein (28 Millionen, beziehungsweise 37%). 80 Jahre oder älter werden im Jahr 2050 9,1 Millionen Menschen und damit 12% der Bevölkerung sein. Im Jahre 2001 waren dies noch 3,2 Millionen, beziehungsweise 3,9%.[18]

Nicht mehr existent ist die ausgeglichene Bevölkerungspyramide von 1910. Sie wird in dieser Form auch nicht mehr auftreten. Bildlich gesprochen kann heute vielmehr von einem Alterspilz ausgegangen werden.[19]

Die beschriebene demographische Entwicklung und die damit einhergehenden Veränderungen müssen in der Öffentlichkeit verstärkt thematisiert werden, damit sich alle Altersgruppen auf die bevorstehenden Veränderungen frühzeitig einstellen können und die Verantwortlichen, besonders aus den Bereichen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, frühzeitig notwendige Maßnahmen erarbeiten können.[20]

3 Die Epidemiologie des Suizids

Dieses Kapitel widmet sich der Epidemiologie des Suizids. Es soll belegt werden, dass die Thematik der Suizidprävention, besonders bei alten Menschen, nach wie vor äußerst aktuell ist und völlig zu Unrecht in der öffentlichen Diskussion weitestgehend unbeachtet bleibt.

Im weiteren Verlauf dieses Kapitels wird auf die Methodenproblematik bei der Erfassung des Suizids speziell bei alten Menschen eingegangen um dann zum Kern dieses Kapitels zu gelangen. Sowohl die Epidemiologie von Suiziden als auch von Suizidversuchen bei älteren Menschen und die Methoden der Selbstverletzung werden beschrieben.

3.1 Häufigkeit des Suizids in Deutschland

Der Suizid befindet sich in der weltweiten Todesursachenstatistik der WHO auf Rang 10 und liegt damit als Todesursache nur geringfügig hinter dem Autounfall.[21]In der Bundesrepublik belegte der Suizid im Jahre 2003 den 7. Rang mit einem Anteil von 1,3% an der Gesamtzahl der Todesfälle, was einer Zahl von 11.150 vorsätzlichen Selbstbeschädigungen entspricht.[22]

In den jüngeren Altersgruppen rangierten die Suizide im Jahr 1999 auf dem 2. Platz, direkt hinter den Verkehrsunfällen. Typisch für die Todesursachen ist, dass sich mit zunehmendem Alter krankheitsbedingte Todesursachen in den Vordergrund schieben.[23]

Den Angaben des Statistischen Bundesamtes zufolge ist die Zahl der Selbstmorde in den letzten 20 Jahren deutlich zurückgegangen. Die Suizide sanken um 40,3% von 18.711 Fällen im Jahre 1982 auf 11.163 im Jahre 2002. Deutlicher wird dieser Trend bei der Betrachtung der altersstandartisierten Sterbeziffer. So schieden im Jahre 1982 noch 23 Personen pro 100.000 Einwohner durch den Suizid aus dem Leben, während es 20 Jahre später „nur noch“ 12 Personen je 100.000 Einwohner waren. Der Anteil der männlichen Suizidenten stieg im selben Zeitraum von 65,6% auf 72,6%. Das Durchschnittsalter der durch Suizid Verstorbenen hat sich zwischen 1982 und 2002 von 51,4 auf 54,4 Jahre erhöht, wobei die Männer mit 52,6 Jahren deutlich jünger als die Frauen mit 59,1 Jahren waren.[24]

Eine Einschätzung der Suizidversuchshäufigkeit erscheint sehr schwierig, da keinerlei offizielle statistische Angaben vorliegen. Zwar wurden in der Vergangenheit durch die Landeskriminalämter der Bundesländer Daten gesammelt, jedoch ist die Reliabilität der Zahlen auf Grund der hohen Dunkelziffer und ihres Alters sehr gering.[25]

Es wird jedoch vermutet, dass die Anzahl der Suizidversuche um ein Vielfaches höher liegt als die Zahl der Suizide. Diese Vermutung wird bestärkt durch eine Studie der WHO über Suizidversuche in 13 europäischen Ländern. Im Rahmen dieser Studie wurden im Zeitraum von 1989 bis 1996 Daten aus dem Großraum Würzburg mit circa 28.000 Einwohnern gesammelt. Erfasst wurden suizidale Handlungen, mit denen psychiatrische Kliniken, Allgemeinkrankenhäuser, niedergelassene Ärzte sowie extramurale Einrichtungen konfrontiert wurden. Zusätzliches Datenmaterial konnte vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim zur Verfügung gestellt werden. Auf Grundlage dieser Daten wurde die Suizidrate für die gesamte Bundesrepublik hochgerechnet. Die hochgerechneten Suizidversuchsraten aus dem Jahre 1996 betragen für die Bevölkerungsgruppe von 15 Jahren und älter, für Männer 122 Suizidversuche pro 100.000 Einwohner und für Frauen 147 pro 100.000. Somit ergibt sich eine deutlich höhere Rate als bei den Suiziden.[26]

Hervorzuheben ist das Verhältnis von Suizid zu Suizidversuch, das in Deutschland bei den Männern bei 1:3,5 und bei den Frauen bei 1:15 liegt. Suizidversuche finden meist in jüngeren Altersstufen, Suizide vermehrt in den älteren Altersstufen statt, wobei dies sowohl für Männer als auch für Frauen gilt.[27]

Generell liegt die stärkste Gefährdung bei jüngeren Altersgruppen von 15 – 25 Jahren. Die Suizidversuchsrate für diese Altersgruppe scheint in letzter Zeit wieder anzusteigen.[28]

3.2 Methodenprobleme bei der Erfassung des Alterssuizids

Eine Vielzahl von methodischen Problemen erschwert die Erfassung von statistischem Datenmaterial mit Relevanz zum Suizid und Suizidversuch.[29]

Offizielle Zahlen gelten als zu niedrig und allenfalls als Annäherung an die Wirklichkeit.[30]

Besonders problematisch stellt sich die Erfassung des Suizids bei älteren Menschen dar, da diese meist nur über Aufnahmestatistiken bei stationärer Behandlung nach erfolgtem Suizidversuch in Allgemeinkrankenhäusern oder psychiatrischen Kliniken stattfindet. Dies bedeutet, dass sowohl ambulant behandelte als auch den Gesundheitsdiensten nicht gemeldete Suizidversuche keine Berücksichtigung in den Statistiken finden.[31]

Gleiches gilt für so genannte „verdeckte Suizidhandlungen“[32]oder die „suizidale Erosion“[33]. Gemeint sind hier besonders die Verweigerung von Nahrung oder das Weglassen von (lebens-) notwendigen Medikamenten, mit dem Ziel, sich schrittweise zu suizidieren. Häufig werden derartige Handlungen nicht als Suizidversuch erkannt, oder die Rechtsorgane klassifizieren diese nicht als solche. Außerdem ist zu erwähnen, dass zahlreiche Grenzfälle zu tödlichen Unfallverletzungen und andere unklare Todesursachen zu einer hohen Dunkelziffer führen. Als letzter, wichtiger Punkt, welcher zu einer Verfälschung der Statistiken führen kann, ist die Vertuschung zu nennen. In der Vergangenheit kam es zu einer moralischen und religiösen Tabuisierung dieser Thematik, heute kann es zu Vertuschungen aufgrund von versicherungsrechtlichen Belangen kommen.[34]

3.3 Suizidalität bei älteren Menschen

In der Bundesrepublik Deutschland lässt sich für die Altersverteilung der Suizidziffern das so genannte „ungarische Muster“ finden, welches besagt, dass die Suizidgefährdung mit fortschreitendem Alter signifikant zunimmt.[35]

Die Zahl der Suizide, bezogen auf 100.000 Personen, nimmt für die Gruppe der älteren Menschen mit steigendem Alter zu, die Rate der Suizidversuche nimmt mit steigendem Alter ab. Für den Zeitraum von 1953 bis 1990 ist die Suizidrate von 40 auf 70 vollzogene Suizide verteilt auf 100.000 Personen gestiegen.[36]

Bei Männern im Alter von 75 Jahren erreicht die Suizidrate statistisch gesehen ihren Höhepunkt.[37]

Obwohl die Gesamtzahl der Suizide in Deutschland um nahezu 30% gesunken ist, stieg die Suizidhäufigkeit für die Personengruppe von über 75 Jahren im selben Zeitraum um 32% an.[38]

Für die Altersgruppe der 80 – 85 jährigen Männer konnte ein Anstieg der Suizidrate von über 44% auf 90 pro 100.000 Personen festgestellt werden. Eine Steigerung von 100% wurde sogar für die Population der 85 – 90 Jährigen identifiziert. Für Frauen lag die Suizidrate bei 30 Suiziden pro 100.000 Menschen und bedeutet einen Zuwachs von 50% für den oben genannten Zeitraum. Bei der weiblichen Bevölkerung verläuft die Anstiegskurve der Suizidratenstatistik insgesamt flacher, erreicht im Alter aber ebenfalls ihren Höhepunkt.[39]

Statistisch erfasst wurden im Jahre 2002 insgesamt 3.534 Menschen, die älter als 65 waren und sich das Leben nahmen, was eine Steigerung von 4,8% zum Vorjahr bedeutet. Vermutlich liegen die tatsächlichen Zahlen jedoch weitaus höher, da zahlreiche Suizide älterer Menschen nicht als solche erkannt werden und andere Todesursachen bedingt durch das hohe Alter bei der Erfassung plausibler erscheinen.[40]

3.4 Entwicklung der altersspezifischen Suizidraten in Deutschland

In Bezug auf Entwicklungstrends der Suizidraten im Alter finden sich in der Literatur zum Teil stark abweichende, vereinzelt sogar widersprüchliche Angaben.[41]

Aufgrund dieser Tatsache wird hier auf detailliertes Zahlenmaterial verzichtet. Dies hängt mit „…Fehlerquellen und Missverständnissen bei der Berechnung von Suizidhäufigkeiten im Alter […]“[42]zusammen, auf die Welz genauer eingeht. Seiner Meinung nach kommt es zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen und Auslegungen der Suizidmortalität, da Unterschiede zwischen den Angaben in Form von Verhältniszahlen, Proportionen oder Ziffern nicht immer beachtet werden. Ebenfalls sind die Zeiträume über die Prognosen berechnet werden, häufig nicht deckungsgleich. Trotzdem wagen Suizidforscher die Prognose, dass aufgrund der ständig alternden Gesellschaft, insbesondere durch die Zunahme der Hochaltrigkeit, auch die absolute Zahl der Suizide alter Menschen zunehmen wird, wenn auch die Suizidraten in den einzelnen Altersgruppen wahrscheinlich gleich bleiben werden.[43]

Auch Bieri erkennt einen steigenden Trend der Suizidraten bei der Altersklasse ab 75 Jahren.[44]Seiner Ansicht nach müsste die Suizidrate jedoch aufgrund der besseren sozialen Absicherung und der abnehmenden Bedeutung der Erwerbstätigkeit absinken. Besonders müssten sich die von ihm genannten Gründe auf die Suizidrate bei Männern auswirken, da männliche Lebensläufe im Gegensatz zu weiblichen, stärker an ökonomischen Karrieren ausgerichtet sind. Aufgrund der abnehmenden Bedeutung der Familie für den weiblichen Lebenslauf vermutet er, dass sich die altersspezifische Suizidrate dieser Bevölkerungsgruppe an das Altenmuster der Männer angleicht. Die tatsächliche Entwicklung einhergehend mit einer Zunahme der absoluten Zahlen kann er jedoch auch unter Berücksichtigung unterschiedlichster Variablen in der Berechnung, nicht erklären.[45]

3.5 Methoden der Selbstverletzung

Festzustellen ist, dass es nur eine begrenzte Zahl von Selbstmordmethoden gibt, deren Wahl vorwiegend von der Verfügbarkeit der Mittel abhängt. Anhand dieser können bei der Durchführung der Suizidhandlung „harte“ und „weiche“ Suizidmethoden klassifiziert werden.[46]

Bei Suiziden werden häufiger so genannte „harte“ Methoden eingesetzt, da diese ein höheres Lethalitätsrisiko aufweisen. „Erhängen“, „Erschießen“, oder der „Sprung aus großer Höhe“ können als solche angesehen.

Vorwiegend „weiche“ Methoden, wie Vergiftungen aller Art durch Medikamentenüberdosen oder Autoabgase, kommen bei Suizidversuchen zum Einsatz.[47]

Bei Suizidhandlungen älterer Menschen fällt die Wahl überwiegend auf eine der „harten“ Methoden, da diese in den meisten Fällen schnell zum Tode führen und reversible Entscheidungen meist nicht möglich sind.[48]

Dies gilt besonders für das „Erhängen“. Diese Variante wird in der Mehrzahl von Männern bevorzugt. Die Daten des Statistischen Bundesamtes belegen für das Jahr 1996 dass „Erhängen, Erdrosseln oder Ersticken“ mit 52% aller Suizide an 1. Stelle stand, gefolgt von „Vergiftungen aller Art“ mit 15,3%. Dahinter stehen der Tod durch „ Sturz aus großer Höhe“ (9%), „Feuerwaffen und explosive Stoffe“ (7,8%), „Ertrinken“ (3,6%), sowie „schneidende oder stechende Gegenstände“ (2,6%). Circa 10% aller Suizide sind nicht näher bezeichnet.[49]

Wenn man die Daten des Statistischen Bundesamtes hinsichtlich der Geschlechtsunterschiede betrachtet, ergibt sich eine Verteilung von 40% der Männer und 11,8% der Frauen bei den harten Suizidmethoden wie „Erhängen, Erdrosseln, oder Ersticken“. Eine ähnliche Verteilung findet sich ebenfalls bei anderen „harten“ Methoden. Beim „Ertrinken“ ist der Anteil der Männer hingegen geringer als der der Frauen.[50]

Laut den Daten des Statistischen Landesamtes Nordrhein – Westfalen überwiegt, bei den Vergiftungen oder Intoxikationen, welche den weichen Methoden zugeordnet werden, wiedererwartend der Anteil der männlichen Suizidenten (8,9%) im Vergleich zu den weiblichen (6,4%).[51]

Diese Tendenz kann jedoch nicht durch die im Rahmen der Berliner Altersstudie gesammelten Daten bestätigt werden. Hier wurden 130 Suizide älterer und hochaltriger Menschen durch das Institut für Rechtsmedizin der Charite – Universitätsmedizin Berlin, Campus Benjamin Franklin analysiert. Hintergründe und Motive der Suizide von 60 Männern und 70 Frauen für den Zeitraum von 1995 bis 2003 wurden untersucht und miteinander verglichen. Obduktionsberichte, polizeiliche Ermittlungsakten, Ergebnisse aus toxikologischen Untersuchungen sowie Abschiedsbriefe und Notizen der Suizidenten standen als Datenmaterial zur Verfügung. In einigen Fällen konnte sogar mit Angehörigen und Hinterbliebenen in Kontakt getreten werden. Die Untersuchung ergab, ohne erneut auf konkrete Zahlen eingehen zu wollen, dass Männer bei den harten Suizidmethoden wie dem Tod durch einen „Schuss“ und „Erhängen“ wesentlich stärker vertreten sind als Frauen. Wohingegen die „Intoxikation“, der „Sturz aus großer Höhe“ und das „Ertrinken und Ersticken“ als Suizidmethoden von Frauen bevorzugt werden.[52]

Begründet liegen die unterschiedlichen Angaben bezogen auf die Intoxikation, in der Entnahme der Daten der Berliner Altersstudie aus dem laufenden Obduktionsgut des Institutes für Rechtsmedizin, die sich ausschließlich auf die im Hause durchgeführten toxikologischen Untersuchungen beziehen. Hier überwiegt der Anteil der Frauen. Erlemeier hingegen bezieht sich in seinen Ausführungen auf die Gesamtzahl aller Selbstschädigungen in einem bestimmten Zeitraum, wodurch die unterschiedliche Gewichtung zu erklären ist.

4 Gefährdungspotenziale für den Alterssuizid

Den Suizidversuchen im Alter liegt, wenn man die oben genannten Zahlen betrachtet, eine größere Ernsthaftigkeit gegenüber denen im jüngeren Alter zugrunde. So scheint es angebracht der zentralen Frage in diesem Zusammenhang, die zugleich auch den ersten Teil der Forschungsfrage bildet, nachzugehen „Wo liegen die Gefährdungspotentiale für den Alterssuizid?

Suizidalität wird unbestritten in der gesamten Literatur als eine multifaktorielle und komplexe Verhaltensform angesehen, der zumeist ein Bündel von verschiedenen Motiven zugrunde liegt.[53]

In den meisten Fällen sind diese Motive höchst unterschiedlich und verschieden zu gewichten. Sie entstammen statistischen Studien und haben aufgrund der hohen Dunkelziffer keine große Aussagekraft. Dennoch sind Motivlisten wichtige Orientierungshilfen. Schobert gibt einen Überblick zu möglichen Motiven die zum Suizid führen können:

- „Alter,
- Misshandlungen,
- als ausweglos erlebtes Unglück,
- Zorn und Wut,
- Scham,
- verletzte Ehre,
- erniedrigender Todeskampf,
- verlorene Freiheit,
- enttäuschte Liebe,
- Eifersucht,
- Armut,
- seelische Leiden,
- Bevölkerungsdichte,
- Bildung,
- psychische Erkrankung,
- Einsamkeit und Isolation,
- Tod eines nahen Menschen“.[54]

Erlemeier ergänzt diese Liste, indem er Verhaltensweisen hinzufügt, denen zumindest unterschwellig und möglicherweise unbewusst eine Suizidabsicht zugeordnet werden kann:

- „Zuwiderhandlungen wichtiger ärztlicher Anordnungen,
- Alkoholmissbrauch,
- Fahrlässiges, sich selbst gefährdendes Verhalten,
- Unangemessenes Essen oder Verweigerung von Nahrungsmitteln“.[55]

Auffallend an dieser Liste sind die sich stark voneinander unterscheidenden Faktoren, die sich in körperliche, psychische und soziale klassifizieren lassen. Eine Unterscheidung in diese drei Faktoren ist in der Suizidforschung üblich und wird gleichwohl in der internationalen Literatur praktiziert. „A wide variety of factors have been implicated in suicidal behaviour in elderly people. These can be described broadly as psychological, physical, and social factors. ”[56]

Sie sind somit von großer Bedeutung für die erfolgreiche Entwicklung und Durchführung von Suizidpräventionsprogrammen.[57]Nach der Analyse der vorhandenen Literatur und auf Grundlage der oben genannten Klassifikationen werden im Folgenden die am häufigsten angeführten Faktoren, welche im Zusammenhang mit dem Suizid im Alter stehen, ausführlich erläutert.

4.1 Körperliche Faktoren für den Alterssuizid

Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei suizidalen Verhaltensweisen um ein multifaktorielles Phänomen, so dass man keine direkten Verbindungen zwischen einzelnen somatischen Erkrankung und suizidalem Verhalten knüpfen kann.[58]

Sicher ist jedoch, dass körperlichen Erkrankungen in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zukommt, da sowohl die Selbstständigkeit als auch das Wohlbefinden vom Erhalt körperlicher Funktionen abhängen.[59]

Besonders die Zunahme von chronischen körperlichen Erkrankungen, ist auf die höhere Lebenserwartung der Bevölkerung zurückzuführen und gilt als ein Risikofaktor für suizidales Verhalten, da sie letztendlich durch die folgenschweren Ausmaße den Grad an Autonomie und Lebensqualität der betroffenen Person bestimmen.[60]

Verlässliche Daten, welche die Auswirkungen von körperlichen Krankheiten auf das suizidale Verhalten im Alter belegen, existieren nicht, sie geben lediglich eine Tendenz wieder. Die Häufigkeitsangaben zu Suiziden und Suizidversuchen bedingt durch körperliche Erkrankungen schwanken in der internationalen Literatur zwischen 18% und 85%.[61]

Diese Ergebnisse müssen jedoch kritisch betrachtet werden, da wichtige methodische Anforderungen bei der Erhebung der Daten wie zum Beispiel die

„Verwendung klar definierter diagnostischer Kriterien für die körperliche Erkrankung, repräsentative Stichproben ohne Selektionsbasis (z. B. nur stationäre Patienten), sichere Bestimmung der Todesursache, hohe Zahl eingeschlossener Personen, Angabe über Alters- und Geschlechtsstruktur der untersuchten Population und Dauer der Erkrankung [nicht immer erfüllt wurden].“[62]

Im Zeitraum von 1994 bis 1997 gelang es Harris und Barraclough in einer Metaanalyse bereits vorliegender Studien aus den Jahren 1966 bis 1992 körperliche Krankheiten mit signifikant erhöhtem Suizidrisiko zu identifizieren. Diese Daten stammten nahezu ausschließlich aus dem europäischen und nordamerikanischen Raum. Demnach liegt für folgende Erkrankungen ein erhöhtes Suizidrisiko vor:

- Krebserkrankungen (2x erhöhtes Suizidrisiko gegenüber der allgemeinen Bevölkerung unmittelbar nach der Diagnosestellung),
- neurologische Erkrankungen wie Epilepsie (5x),
- Rückenmarksverletzungen (3,82x),
- Hirnverletzungen (3,5x),
- Chorea Huntington (2,9x),
- Multiple Sklerose (2,36x),
- HIV / AIDS (6x),
- Systemischer Lupus erythematodes (4x),
- sowie Ulcus ventriculi und duodeni und andere gastrointestinale Erkrankungen (2x).[63]

Im Grunde bestätigen diese Ergebnisse die vorherrschende Meinung vieler Altersmediziner, dass die im Folgenden aufgelisteten Erkrankungen das Leben älterer Menschen besonders nachhaltig beeinträchtigen, da sie besonders die Mobilität, und einfache Alltagsfunktionen einschränken:

- Bewegungseinschränkungen,
- Inkontinenz,
- Lähmungen,
- Atemnot,
- chronischer Schmerz,
- Sturz oder Angst vor Stürzen,
- Minderung des Hörvermögens oder Verlust des Hörvermögens,
- Minderung des Sehvermögens oder Verlust des Sehvermögens.[64]

Wie mehrfach erwähnt reichen somatische Krankheiten allein nicht aus, um Suizidalität von älteren Menschen zu erklären. Erschwerend kommen die Begleiterscheinungen der Erkrankungen hinzu wie zum Beispiel starke Schmerzen und deren unzureichende Behandlung die das Leben für die Betroffenen zur Qual werden lassen. In welchem Maße sie die Lebensqualität negativ beeinflussen, dokumentieren Textpassagen aus den Abschiedsbriefen zweier älterer Damen, 88 und 74 Jahre alt, welche im Rahmen der Berliner Altersstudie analysiert wurden. Die ältere der beiden schrieb: „Es ist Zeit, Abschied zu nehmen, seit mehr als einer Woche leide ich jetzt an fürchterlichen Schmerzen im rechten Bein, die jeden einzelnen Schritt zur Qual machen, habe deshalb kaum schlafen können“[65]. Dagegen gesteht die jüngere: „Seit Jahren leide ich schlimme Schmerzen, habe Leiden an der Wirbelsäule, schwerste Osteoporose, ich bin bedient und sehne mich nach dem Tod“.[66]Eine unzulängliche Schmerztherapie kann Menschen also ebenfalls dazu bewegen, dass sie keinen anderen Ausweg als den Tod sehen, um diesen Qualen zu entgehen.

4.2 Psychische Faktoren für den Alterssuizid

Im vorherigen Kapitel wurden die somatischen Faktoren, welche zu suizidalem Verhalten eines älteren Menschen führen können, beschrieben. Jedoch korrelieren körperliche Krankheiten und Behinderungen nicht selten mit psychischen Erkrankungen, vor allem dann, wenn sie mit unmittelbaren Beeinträchtigungen verbunden sind.[67]

Verschiedene Studien belegen dass Suizidalität eng mit psychischer Morbidität einhergeht.[68]

Da das Datenmaterial zur Erfassung von psychischen Erkrankungen von älteren Menschen sehr unzuverlässig ist, empfiehlt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf regional begrenzte, jedoch sorgfältig durchgeführte Feldstudien aus den Regionen Berlin, Mannheim, Oberbayern und Göttingen zurückzugreifen. Obwohl diesen Studien unterschiedliche Erhebungsmethoden zugrunde liegen, lässt sich zusammenfassend sagen, dass bei circa 36% - 90% aller Suizidenten psychische Erkrankungen vorkommen.[69]In 40% - 70% der Fälle handelt es sich um Depressionen, die einen zentralen Risikofaktor darstellen.[70]

Sowohl Barnow und Linden, als auch Wolfersdorf und Erlemeier halten die Diagnose „Depression“ für den größten Risikofaktor suizidalen Verhaltens.[71]Es kann also davon ausgegangen werden, dass ein Zusammenhang zwischen Depression und suizidalem Verhalten im Alter besteht, deren besondere Brisanz durch die Begleitsymptomatik erhöht wird, da somatische Leiden, vegetative Störungen, kognitive Einbußen, paranoide Krankheitsängste, soziale Verluste sowie Vereinsamung besondere Belastungen für das Alter darstellen. Aus diesem Grund wird im Folgenden das Krankheitsbild der Depression genauer erläutert, da diese gerade in Kombination mit Alkoholmissbrauch, ein gravierend höheres Suizidrisiko birgt. Am Ende dieses Abschnitts der Arbeit wird außerdem Frage nach der Suizidgefährdung von dementen, alten Menschen nachgegangen.

4.2.1 Depressionen

Sowohl der Suizid als auch der Suizidversuch werden von der psychiatrischen Literatur im engen Zusammenhang mit depressiven Erkrankungen gesehen. Schon Sigmund Freud verknüpfte in seiner psychologischen Theorie aus dem Jahre 1916 die Entstehung suizidalen Verhaltens eng mit der Entstehung von Depressionen.[72]

Ein weiterer Beleg für diesen Zusammenhang ist das psychiatrische Klassifikationssystem ICD – 10 der WHO aus dem Jahre 1993, in dem Suizidversuche nicht als eigenständige, psychiatrische Störung, sondern als Symptom einer depressiven Störung klassifiziert werden.[73]

Depressionen werden für alle Altersklassen als eine mit „…gedrückter Stimmung, Interessenverlust, Freudlosigkeit und Antriebsminderung einhergehende, aktivitätshemmende, psychische Störung [definiert.]“[74]

Sie können sich, lässt man sämtliche Subformen außer Acht, von leichten, über mittelschwere bis hin zu schweren Depressionen manifestieren. Um zwischen diesen einzelnen Schweregraden genau differenzieren zu können, ist ein Klassifikationssystem notwendig, welches die Kriterien für die Diagnostik bestimmt. Die untere Abbildung zeigt solche Kriterien, welche nach ICD – 10 vorhanden sein müssen, um eine leichte, mittelschwere oder schwere Depression diagnostizieren zu können:

Abbildung 1: Kriterien einer Depression nach ICD 10

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung entnommen aus Ziervogel, 2003, S. 12.

Vielfältig sind die Risikofaktoren für depressive Erkrankungen. Nach Sichtung unterschiedlicher Quellen folgern Hautzinger und Radebold das folgende Faktoren ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von depressiven Störungen darstellen:

[...]


[1]de Vries, Bodo, 1996, S. 1.

[2]Vgl. Ziervogel, 2003, S. 29.

[3]Vgl. Duden, 1994, S. 1318.

[4]Haenel et al., 1989, S. 107.

[5]Vgl. Erlemeier, 2002, S. 19.

[6]Vgl. Erlemeier, 2002, S. 19.

[7]Wolfersdorf, 1996; zitiert in: Erlemeier, 2002, S. 18.

[8]Vgl. Ziervogel, 2003, S. 29; nach: Pöldinger, 1988.

[9]Vgl. Erlemeier, 2002, S. 19.

[10]Ziervogel, 2003, S. 30.

[11]Vgl. Erlemeier, 2002, S. 19.

[12]Leder, 1998, S. 12.

[13]Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2001, S. 53.

[14]Vgl. Christe, 1989, S. 19.

[15]Vgl. Hirzel-Wille, 2002, S. 21.

[16]Vgl. Maier, 1997, S. 140.

[17]Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2001, S. 53.

[18]Vgl. Statistisches Bundesamt 2003, im WWW unter URL: http://www.destatis.de/presse/deutsch/ pm2003/p2300022.htm, Stand 07.02.2006.

[19]Vgl. Lehr, 2000, S. 32; siehe auch: Anhang A: Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland, S. 84.

[20]Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung, 2001, S. 232.

[21]Vgl. Bronisch, 2002b, S. 1.

[22]Vgl. Statistisches Bundesamt, 2005; im WWW unter URL: http://www.destatis.de/presse/ deutsch/ pm2003/p2300022.htm; Stand: 14.01.2006.

[23]Vgl. Erlemeier, 2002, S. 31; nach: Statistisches Bundesamt, 1999.

[24]Vgl. Statistisches Bundesamt, 2004.

[25]Vgl. Weinacker et al., 2003, S. 47; Klostermann, 2004, S. 35.

[26]Vgl. Erlemeier, 2002, S. 40; nach: Schmidtke et al., 1998.

[27]Vgl. Bronisch, 2002b, S. 5.

[28]Vgl. Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention – Hilfe in Lebenskrisen e.V., 2005, S. 4; nach: Schmidtke et al., 2002.

[29]Vgl. Ziervogel, 2003, S. 31.

[30]Vgl. Leder, 1998, S. 31.

[31]Vgl. Erlemeier, 2002, S. 27.

[32]Ziervogel, 2003, S. 31.

[33]Leder, 1998, S. 37.

[34]Vgl. Leder, 1998, S. 31.

[35]Vgl. Weinacker et al., 2003, S. 45; siehe auch: Anhang B: Suizide in Deutschland nach Alter und Geschlecht im Jahr 2002, S. 85.

[36]Vgl. Ziervogel, 2003, S. 33.

[37]Vgl. Erlemeier, 2002, S. 41.

[38]Vgl. Landeshauptstadt Stuttgart, 1999–2005, S. 59.

[39]Vgl. Ziervogel, 2003, S. 33.

[40]Vgl. Klostermann et al., 2004, S. 35.

[41]siehe: Kontroverse zwischen Schmidtke und Weinacker auf der einen Seite und Welz auf der anderen Seite; in: Suizidprophylaxe, 1995, S. 108–112.

[42]Erlemeier, 2002, S. 33.

[43]Vgl. Erlemeier, 2002, S. 33; nach: Schmidtke et al.; 1995.

[44]Vgl. Bieri, 2004, S. 105.

[45]Vgl. Bieri, 2004, S. 187.

[46]Vgl. Ringel, 1996, S. 19.

[47]Vgl. Erlemeier, 2002, S. 42; nach: Statistisches Landesamt Nordrhein-Westfalen, 1997.

[48]Vgl. Ziervogel, 2003, S. 31.

[49]Vgl. Erlemeier, 2002, S. 43.

[50]Vgl. Erlemeier, 2002, S. 42; nach: Statistisches Landesamt Nordrhein-Westfalen, 1997.

[51]Vgl. Erlemeier, 2002, S. 42; nach: Statistisches Landesamt Nordrhein-Westfalen, 1997.

[52]Vgl. Klostermann et al., 2004, S. 35–36.

[53]Vgl. Schmitz–Scherzer, 1992, S. 1; O`Connell, 2004, S. 16; Lindner et al. 2003, S. 1005; Hegerl et al., 2005, S. 4; Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention – Hilfe in Lebenskrisen e.V., 2005, S. 5.

[54]Schmitz-Scherzer, 1992, S. 1; nach: Schobert, 1989.

[55]Erlemeier, 1992, S. 5.

[56]O`Connell et al., 2004, S. 8; Grond, 2001, S. 11; Erlemeier, 2002, S. 7.

[57]Vgl. Klostermann, 2005, S. 292.

[58]Vgl. Erlemeier, 1992, S. 43.

[59]Vgl. Arbeitsgruppe Alte Menschen, 2005, S. 12.

[60]Vgl. Arbeitsgruppe Alte Menschen, 2005, S. 12.

[61]Vgl. Summa, 1988, S. 118.

[62]Schneider, 2003, S. 80; Leder, 1998, S. 46.

[63]Vgl. Schneider, 2003, S. 80–91.

[64]Vgl. Arbeitsgruppe Alte Menschen, 2005, S. 12.

[65]Klostermann, 2006, S. 6.

[66]Klostermann, 2006, S. 6.

[67]Vgl. Leder, 1998, S. 47.

[68]Vgl. Barnow et al., 1997, S. 136–139; Lönnquist, 2000, S. 107–120; Conwell et al., 1996, S. 1001–1008.

[69]Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2001, S. 152; Hegerl, 2005, S. 4.

[70]Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2001, S. 152.

[71]Vgl. Erlemeier, 2002, S. 65; nach: Wolfersdorf, 1992.

[72]Vgl. Henseler, 1974, S. 69.

[73]Vgl. Bronisch, 2002a, S. 155.

[74]Ziervogel, 2003, S. 12.

Details

Seiten
91
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638592215
ISBN (Buch)
9783656562672
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v66831
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Darmstadt, ehem. Evangelische Fachhochschule Darmstadt
Note
2.0
Schlagworte
Alterssuizid Bundesrepublik Deutschland Gefährdungspotentiale Möglichkeiten Prävention

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Titel: Der Alterssuizid in der Bundesrepublik Deutschland. Gefährdungspotentiale und Möglichkeiten der Prävention