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Tabus über den Lehrerberuf - Ursachen, Gründe, Konsequenzen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 24 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Tabus über dem Lehrerberuf
1.1. Aussehen und Auswirkung des LehrerInnenimages in der Gesellschaft
1.2. Die Wurzeln des schlechten LehrerInnenimages

3. Wege aus der Krise
1.3. Gesellschaftliche Aufklärung und Perspektivenwechsel
1.4. Notwendige Reformen in Ausbildung und Schule

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Lehrer ist kein Beruf, sondern eine Diagnose!“ seufzte vor geraumer Zeit nicht etwa ein Therapeut oder Arzt, sondern eine Nordrhein-westfälischer Schulleiter[1]. Diese Aussage bringt es auf den Punkt, denn in ihr sind alle Vorurteile und Stereotypen vereint, die sich auf diese Berufsgruppe beziehen. Das Image von LehrerInnen, seit Jahrzehnten im Negativtrend, LehrerInnen sind die Prestigeverlierer der Gesellschaft. Während sich GrundschullehrerInnen 1966 noch der Hochachtung von 37 Prozent der westdeutschen Bevölkerung erfreuen durften, sind es 1999 nur noch 20 Prozent. Das Prestige von Studienräten hingegen schrumpfte in der gleichen Zeit von 28 auf 15 Prozent.[2]

Bereits 1977 mühte sich Theodor W. Adorno mit seinem Aufsatz „Tabus über den Lehrerberuf“ seine Auffassung über den Lehrerberuf an sich sowie Gründe und Ursachen des damals schon vorhandenen Imageverlustes der LehrerInnen innerhalb der Gesellschaft aufzuzeigen.

Folgendem nimmt sich vorliegende Hausarbeit an: Nach einer Darstellung des gesellschaftlichen Status der LehrerInnen unter Einbezug Adornos Aufsatz „Tabus über den Lehrerberuf“ werden Ursachen und Gründe gesucht, welche das Image verantworten. Hierbei soll auch, mit Rückgriff auf aktuellere Literatur, die Frage eine Antwort finden, inwieweit die Erkenntnisse Adornos auf die heutige Zeit anwendbar sind. In Folge dessen werden Möglichkeiten und Chancen gesucht und aufgezeigt, die zu einer dezidierten Verbesserung des LehrerInnenimages führen würden.

2. Tabus über dem Lehrerberuf

1.1. Aussehen und Auswirkung des LehrerInnenimages in der Gesellschaft

In den 70er Jahren der BRD war das Image des LehrerInnenberufs in der Gesellschaft vor allem negativ konnotiert und führte unter anderem zu Nachwuchsproblemen innerhalb dieser Berufsgruppe. Dazu stellte Adorno in seinem 1977 erschienenen Aufsatz „Tabus über dem Lehrerberuf“ fest, dass selbst bzw. gerade bei Menschen, die sich in der Lehrausbildung befanden, der Unwillen wuchs, ihren Beruf später auch tatsächlich auszuüben.[3] Um der Problematik auf den Grund zu gehen, zeigt Adorno zunächst das Wesen dieses schlechten Images auf, wobei von zwei Betrachtungsweisen auszugehen ist: Zum einen das Selbstbildnis der LehrerInnen und zum anderen, wie Gesellschaft LehrerInnen sieht.

Ein Wesenszug des schlechten Images ist laut Adorno die fehlende Motivation zu lehren. Dieses Bild eines faulen unmotivierten Lehrkörpers setzt sich aber nicht nur bei den LehrerInnen selbst fest, sondern fällt bei Eltern, Nichteltern und vor allem bei ExschülerInnen immer mehr auf fruchtbaren Boden, trotz dieses Bild häufig auf Vorurteilen basiert, wie Adorno selbst bestätigt.[4]

Einen weiteren Ausdruck schlechten Images will Adorno im Privatleben von werdenden und seienden LehrerInnen gesichtet haben: Eine größere Unfähigkeit auch außerhalb des schulischen Alltages Freundschaften zu schließen aufgrund einer aus gesellschaftlicher Sicht scheinbar stattfindenden Verschmelzung von Persönlichkeit des Lehrkörpers mit seinem Beruf.[5] Diese These scheint dann doch sehr gewagt, beziehungsweise in der heutigen Zeit kaum noch Gültigkeit zu besitzen, da ich selbst bereits nicht wenige angehende und bereits seit Jahren praktizierende LehrerInnen kenne, die sehr wohl über einen erstaunlich großen Bekannten- und Freundschaftskreis verfügen.

Die Schlussfolgerung aber, wenn das Berufsbild eines Menschen ein negatives sei, so nimmt auch seine Persönlichkeit in der Öffentlichkeit Schaden, ist evident.[6] Dies kann zu einer Verleugnung des eigenen Berufsstandes führen, um die eigene Persönlichkeit zu schützen oder beziehungsweise ein aktives Vorgehen gegenüber negativen Behauptungen sein. Allerdings ist auch hier anzumerken, dass, wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde, die Reaktionen der Leute auf die Antwort: „Angehender Lehrer!“ meist in eine respektvolle aber auch bedauernde Richtung gehen wie: „Respekt, würde ich aber nicht machen wollen bei den Jugendlichen heutzutage!“

Nicht zu vergessen sind die Vorstellungen über LehrerInnen als Prügelnde, Unerreichbare, Repressive und Infantile. Adorno behauptet, das das in der Gesellschaft herrschende Bild von LehrerInnen als Prügelnde nachhaltiger verankert

sei als das Bild sittlich Handelnder, was nicht zuletzt dadurch Bestätigung findet, dass die Prügelstrafe in Bayern beispielsweise erst 1980 abgeschafft wurde.[7]

Nach Adorno sind LehrerInnen für die SchülerInnen gottgleiche und damit unerreichbare Kräfte. Doch genau diese auch erotisch besetzte Unerreichbarkeit kann LehrerInnen zum Verhängnis werden. Denn unabhängig davon, wie sich der Lehrkörper den SchülerInnen gegenüber verhält, ist es für ihn immer eine Gradwanderung. Verhält er sich neutral gilt er als unnahbar, macht er bei Sympathiebekundungen Unterschiede zwischen den SchülerInnen ist er ein Ungerechter.

Weitere sind die Bilder infantiler und repressiver LehrerInnen: Sie scheinen einerseits weniger in der Lage zu sein Beruf und Privatleben zu trennen und benehmen sich aufgrund ihrer permanenten Arbeit mit Minderjährigen in Bereichen des Privatlebens aber auch in der Öffentlichkeit häufig alberner als ihre Mitmenschen.[8]

Ein weiteres Problem entsteht dadurch, dass die Lehramtsausbildung, trotz sie ebenso wie in Jura oder der Medizin mit einem Staatsexamen abschließt, dennoch in der Gesellschaft geringer geschätzt wird als die beiden anderen Bereiche. Der Begriff des Halbakademikers taucht hier auf und findet sowohl im Selbstbild der LehrerInnen als auch im gesellschaftlichen Leben auch heute noch Verwendung, so dass bereits 1996 Forderungen auftraten dahingehend zu wirken, die Profession des Lehrberufes in das rechte Licht zu rücken.[9] Die Gruppe der ProfessorInnen bildet hierbei allerdings eine Ausnahme, aufgrund der ihnen von Berufs wegen gegebenen Möglichkeit Forschung zu betreiben. Im Gegensatz dazu betreiben LehrerInnen „lediglich“ die Form bereits erarbeitetes Wissen an die SchülerInnen weiterzugeben.[10] Dass diese Arbeit von existentieller Bedeutung für eine Gesellschaft ist, eine Arbeit mit der hohen Verantwortung der Kultursicherung und Wertevermittlung wird dabei gern vergessen.

Ein wesentlicher Punkt, der das schlechte Image des Lehrberufes mit ausbildet, ist für Adorno aber das Erziehungskonzept in seiner Gesamtheit, seine doppelte Hierarchie: „[D]er offiziellen, nach Geist, Leistung, Noten und einer inoffiziellen, latenten, in der physische Kraft, „ein Kerl sein“, auch gewisse praktisch-geistige Fähigkeiten, die von der offiziellen Hierarchie nicht honoriert werden, ihre Rolle spielen.“[11] Diese Dopplung generiert nach Adorno jedoch ein Feindbild auf Seiten der SchülerInnen, da die LehrerInnen zwar ein Ideal des SchülerInnen-Ichs predigen ihm aber keineswegs entsprechen und auch gar nicht können.

1.2. Die Wurzeln des schlechten LehrerInnenimages

In einem nächsten Schritt befasst sich Adorno mit der Ergründung der Ursachen für das negative Image des Lehrberufes. Auch hier gibt es zwei Perspektiven: Einerseits die allgemeine gesellschaftliche Sichtweise, die nicht unmittelbar am Lehrgeschehen teilnimmt. Andererseits die Perspektive der SchülerInnen selbst, welche ja unmittelbar und kontinuierlich am Unterrichtsgeschehen teilhaben.

Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist das bereits angesprochene Gefälle der gesellschaftlichen Anerkennung vorwiegend geistig arbeitenden Berufsgruppen. Eine Ursache für die gesellschaftlich höhere Anerkennung und Akzeptanz des Arzt- oder Juristenberufes als die Lehrender sieht Adorno in folgendem Gegensatz: Während LehrerInnen als Diener des Staates dessen unmittelbaren Schutz und Fürsorge genießen (geregeltes Einkommen, Verbeamtung, etc.) werden JuristInnen und ÄrztInnen diese Privilegien nicht zuteil; Sie sind marktwirtschaftlichen Gesetzen unterworfen.

Diese scheinbare Benachteiligung von ArztInnen und JuristInnen nun wertet ihre gesellschaftliche Anerkennung allerdings auf, da sie diese Benachteiligungen kompensieren also mehr leisten müssen als LehrerInnen, um ähnliche Lebensstandards erreichen zu können. Hierbei wird aber gern übersehen, dass die staatliche Fürsorge auch nicht zu unterschätzende Nachteile mit sich bringt. Denn mit der Verpflichtung zum Staatsdienst begeben sich LehrerInnen in ein mehr oder weniger vorgegebenes Regelgeflecht, dem sie Folge zu leisten haben und dessen starre Bürokratie nicht nur einengend sein kann sondern auch zusätzlichen Aufwand bedeutet, der den eigentlich guten Verdienst unverhältnismäßig gering erscheinen lässt. Hier erwächst also ein scheinbares Ungleichgewicht: Einerseits die Freiheit der Arbeitsgestaltung auf Seiten der Juristen und Ärzte, aber ohne staatliche Geborgenheit. Für die LehrerInnen andererseits eine verregelte und damit beschränkte Arbeitsgestaltung, jedoch im sicheren Schoss des Staates. Aufgrund dieser Verhältnisse entsteht ein Ungerechtigkeitsempfinden, das zur Kategorisierung von Berufen in angesehene und weniger angesehenen beiträgt und mitunter sogar einen ganzen Berufszweig in Misskredit bringt: das Beamtentum an sich. Die Unkündbarkeit und das geregelte Einkommen produziert nicht nur Neid, sondern auch das Klischee untätiger Menschen.[12] Folgendes bringt es auf den Punkt: „Der kürzeste Beamtenwitz: Geht ein Beamter zur Arbeit…

[...]


[1] Zit. nach Etzold, Sabine: Die Leiden der Lehrer. Neue Untersuchungen geben Aufschluss über einen schwierigen Beruf, in: DIE ZEIT 48/2000

[2] Ebd.

[3] Vgl. Adorno, Theodor W.: Tabus über dem Lehrerberuf, in: Kulturkritik und Gesellschaft II. Eingriffe-

Stichworte - Anhang. Gesammelte Schriften, Bd. 10.2, Frankfurt/Main 1977, S. 656

[4] Ebd.

[5] Vgl. ebd. S. 657

[6] Ebd. S. 657

[7] Ebd. S.664; Siehe dazu Opitz, G.: Der Lehrer in der Gesellschaft. Berlin 1988, S. 17, der in der Transformation von LehrerInnen zu PrügelpädagogInnen das Auslassen von selbst erfahrenen Erniedrigungen und Entmündigungen an den SchülerInnen feststellt.

[8] Tatsächlich ist es so, dass LehrerInnen, welche berufsbegleitend Ethik studieren, nicht selten infantile Verhaltensweisen an den Tag legen. Das führte beispielsweise kurz vor Weihnachten in einer Dresdner Seminarsitzung dazu, dass Pyramide und Räuchermännchen auf den Tisch gestellt wurden, um dieses Arrangement dann anschließend mit gebührend kindlicher Freude und albernem Gekicher dem restlichen Auditorium zu kredenzen.

[9] Siehe Gronemeyer, Marianne.: Lernen mit beschränkter Haftung. Über das Scheitern der Schule. Berlin 1996, S. 54

[10] Wobei er auch bei ProfessorInnen drohenden Prestigeverlust ausmachen will aufgrund der Reduktion des Geistes durch auf reinen Tauschwert. Vgl. Adorno, Tabus, S. 661

[11] Zit. nach ebd. S. 667

[12] Ebd. S. 660

Details

Seiten
24
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638593694
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v67134
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Philosophie
Note
1,5
Schlagworte
Tabus Lehrerberuf Ursachen Gründe Konsequenzen Politische Philosophie Zeitdiagnose

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