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John Stuart Mill über die Freiheit

Seminararbeit 2006 21 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. John Stuart Mill: Leben und Werk

3. John Stuart Mill: Über die Freiheit
3.1 Das Freiheitsprinzip
3.2 Die Freiheit von Meinungen und der Diskussion
3.3 Individualität und Handlungsfreiheit
3.4 Grenzen der individuellen Freiheit

4. Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Freiheit ist für John Stuart Mill der „erste und stärkste Wunsch der menschlichen Natur“ und ermöglicht es dem Individuum erst, seine Fähigkeiten, seinen Geist und seine Moral voll zu entwickeln.[1] Hiervon überzeugt, hat Mill seine berühmte Schrift Über die Freiheit, die er gemeinsam mit seiner Frau Harriet Taylor verfasst hatte, der Verteidigung der individuellen Freiheit gewidmet. Diese muss nach Mill, sowohl vor politischen Einschränkungen als auch vor der Tyrannei der öffentlichen Meinung, geschützt werden. Mill geht davon aus, dass zu seiner Zeit die politische und soziale Freiheit des Individuums in besonderem Maße gefährdet ist. Diese Besorgnis entsteht bei ihm einerseits, durch die im „Viktorianischen Zeitalter“ besonders ausgeprägte orthodoxe Denken, welches insbesondere in Fragen der Religion und der Moral, bis in die privattesten Bereiche vordrang und jeden der sich nicht den gesellschaftlichen Konventionen fügte, zu einem Aussenseitertum zwängte. Andererseits befürchtet Mill, dass der industrieller Fortschritt und die größeren Bildungschancen zunehmend zu einer Angleichung der Lebensformen sowie der Meinungen führen.[2] Diesen Entwicklungen steht Mill äußerst kritisch gegenüber weil sie, zum Einem, die freie Entwicklung der Persönlichkeit sowie eine individuelle Lebensgestaltung verhindern und zum Anderem, den intellektuellen und ethischen Fortschritt der Menschheit lahm legen. Aus diesen Überlegungen heraus bemüht sich Mill in seiner Schrift Über die Freiheit darum, das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft zu regeln, indem er die Grenzen der individuellen Freiheit, bzw., die Grenzen der Macht, welche die Gesellschaft rechtmäßig über das Individuum ausüben darf, festzulegen versucht. In der vorliegenden Arbeit werde ich versuchen eine kurze, jedoch aussagekräftige Darstellung von John Stuart Mills, bis heute viel diskutiertem Essay, Über die Freiheit, zu geben.

2. John Stuart Mill: Leben und Werk

John Stuart Mill zählt zu den vielseitigsten und einflussreichsten Denkern des 19. Jahrhunderts. Er gehörte zu den utilitaristischen Denkern, die die sozialen und politischen Probleme ihrer Zeit in den Mittelpunkt ihrer philosophischen Überlegungen stellten. Seine Werke umfassen neben politischen Schriften über die Demokratie und über die Unterdrückung der Frauen, Arbeiten zur Ökonomie, zur politischen und praktischen Philosophie sowie zur Semantik, Erkenntnis – und Wissenschaftstheorie.[3] Zu seinen berühmtesten Werken zählen unter anderem: „On Liberty“, „System der Logik“, „Principles“, „Thoughts on Parliamentary Reform“ „Utilitarism“ , „Auguste Compte and Positivism“.

John Stuart Mill wurde am 20. Mai 1806 in London, als ältester Sohn des Psychologen, Nationalökonomen und Historikers James Mill, des Schülers und engsten Freundes des utilitaristischen Rechtsphilosophen und Sozialreformers Jeremy Bentham, geboren. John Stuarts geistige und philosophisch- wissenschaftliche Entwicklung wurde wesentlich durch seine Erziehung beeinflusst. James Mill sah in John Stuarts Erziehung einen „Wettstreit zur Schaffung eines Genies“[4]. Das Ziel seines strengen Erziehungsexperiments war aus John Stuart einen Wunderkind und einen würdigen Nachfolger der radikalen Bentham - Schule zu machen. Die so genannten Radikalen waren eine von James Mill und Jeremy Bentham angeführte Bewegung, die eine umfassende Reform der Gesellschaft nach rationalistischen Prinzipien anstrebte.[5] John Stuart musste bereits mit drei Jahren griechische Vokabeln auswendig lernen. Die ersten Bücher, die ihm sein Vater zum lesen gab, waren Äsops „Fabeln“ und Xenophons „Anabasis“. Mit sieben Jahren las er die Dialoge Platons. Mit acht Jahren folgten Mathematik, Naturwissenschaften und Latein, mit zehn Jahren die Differentialrechnung, mit zwölf die nationale Ökonomie, so dass er, wie er später sagte, “mit einem Vierteljahrhundert vor seinen Zeitgenossen ins Leben ging[6]. Bis zum Alter von siebzehn Jahren, in dem er in die East India Company eintrat, war es seinem Vater gelungen, aus Johns Stuart, eine fest in den Bahnen Benthams denkende Verstandesmaschine, zu machen.[7] Der Utilitarismus wurde zur Grundlage von Mills sozialethischer Haltung. Im Jahre 1823 gründete er den Debattierclub „Utilitarien Society“, in der Fragen der Ethik, Politik und des Rechts diskutiert wurden.

Jedoch: Mills gesamte Erziehung war auf die rationale Bewältigung von intellektuellen Problemen ausgerichtet. Emotionale Probleme wurden völlig ausgeschlossen. So kam es, dass er im Alter von 20 Jahren eine schwere Depression erlitt. Diese „geistige Krise „ wurde zu einem Wendepunkt in seiner persönlichen und philosophischen Entwicklung.[8] Nach dieser Krise wandte sich Mill den Romantikern Wordsworths, Coleridge und Carlyle zu und erhielt dadurch zum ersten Mal in seinem Leben Einblick in die Vielfältigkeit und Verschlungenheit menschlichen Fühlens und Wollens. Dies ermöglichte ihm die grobe Lust – Unlust – Theorie Benthams angemessener zu formulieren. Gleichzeitig setzt er sich auch verstärkt mit nicht utilitaristischen Theoretikern wie Comte, Tocquevill, die Saint- Simonisten auseinander. Der Einfluss dieser neuen Ideen und seine geistige Krise führten dazu, dass sich Mill vom klassischen Utilitarismus Benthams abwendete. Dies dokumentiert er in seinen Essays „Remarks on Bentham`s Philosophie“ und „Bentham“. Mill löst sich von dem einseitig hedonistischen Menschenbild und hebt die ethische Diskussion um den Utilitarismus auf die Stufe von logischer und anthropologischer Differenziertheit, auf der sie sich bis heute bewegt.[9]

Im Jahre 1830 lernt Mill die, damals 22 jährige, Harriet Taylor kennen. Die emanzipierte junge Frau wurde zur Mills Seelenfreundin, Mitarbeiterin und späteren Ehefrau. Unter ihrem Einfluss wurde Mill zu einer der ersten Befürworter der Frauenemanzipation. Sein 1969 erschienenes Werk „The Subjection of Women“ ist ein Plädoyer für die rechtliche, bildungspolitische und soziale Gleichstellung der Frau. Mills Bewunderung für Harriet war grenzenlos. Als er seine berühmteste Schrift „On Liberty“ 1859, nach dem Tode Harriets veröffentlichte, schrieb er in einer empathisch überschwänglichen Widmung den größten Anteil an den Grundgedanken seiner Frau Harriet zu.[10] Das tatsächliche Ausmaß von Harriets Einfluss auf Mills Denken ist jedoch umstritten. Mill stirbt am 7. Mai 1873. Einen sehr umfassenden Einblick in sein Leben gibt uns seine Autobiographie.

3. John Stuart Mill: Über die Freiheit

John Stuart Mill gilt als einer der größten und leidenschaftlichsten Verfechter der individuellen Freiheit und als Begründer des modernen Liberalismus. In einem Brief an John Elliot schreibt er: Mein eigenes Motiv des Schreibens war der Wunsch, Sympathie zu erklären und anzuregen für das, was ich für den höchsten aller Gründe halte, […] Freiheit.[11] So wundert es nicht, dass seine philosophische Abhandlung über die Freiheit, „sein literarisch und stilistisch bestes und bis heute berühmtestes Buch“[12] ist. Über die Freiheit erscheint im Jahre 1859, im selben Jahr wie Charles Darwins Schrift „Über den Ursprung der Arten“. Es wird viel gelesen und – durchaus kontrovers – diskutiert.[13] Der Gegenstand dieser Abhandlung, die Toleranz vielfältiger Meinungen, Überzeugungen und Lebensweisen sowie die Respektierung der bürgerlichen Freiheiten, stand damals im Zentrum der Debatte[14] und sollte, meiner persönlichen Meinung nach, auch heute noch. Mill beschäftigte nicht das philosophische Problem der Willensfreiheit, sondern die bürgerliche oder soziale Freiheit bzw. die Frage nach dem „Wesen und Grenzen der Macht, welche die Gesellschaft rechtmäßig über das Individuum ausüb t“.[15]

Den Ausgangspunkt von Mills Überlegungen bildet die Annahme, dass sowohl die soziale als auch die politische Freiheit des Individuums gefährdet ist, da sie in wachsendem Maße von der Gesellschaft eingeschränkt wird.[16] In der Vergangenheit, so Mill, wurde der Kampf um die persönliche Freiheit gegen die Tyrannei der Herrscher ausgefochten. Dieser Kampf wurde mit der Etablierung der demokratischen Republik gewonnen.[17] Die Herrschaft des Volkes über das Volk, der Volkswille hat sich erfolgreich durchgesetzt. Doch, so räumt Mill kritisch ein, ist jener Volkswille niemals die Wille des gesamten Volkes, denn „das Volk, welches die Macht ausübt, ist nicht immer dasselbe Volk wie das, über welches sie ausgeübt wird, und die „Selbstregierung“, von der geredet wird, , ist nicht die Regierung jedes einzelnen über sich selbst, sonder jedes einzelnen durch alle übrigen.“[18] Der Wille des Volkes ist also niemals der Wille jedes Einzelnen, dies wäre wohl auch kaum möglich, sondern immer nur der Wille der Mehrheit. Und genau dies, so Mill, ist die neue Gefahr vor der die Gesellschaft auf der Hut sein muss: die „Tyrannei der Mehrheit“. Der Einzelne ist nicht nur durch Rechtsvorschriften gefährdet, sondern auch durch den moralischen Druck der Gesellschaft.[19] Wenn sich die Gesellschaft in Dinge einmischt, die sie nichts angehen, oder versucht ihre eigenen Ideen und Lebenspraktiken dem einzelnen aufzuzwingen, dann übt sie eine soziale Tyrannei über das Individuum aus, die weit schlimmer ist als viele andere Arten politischer Repression[20], „weil sie viel tiefer in das private Leben eindringt und die Seele selbst versklavt.“[21] Aus diesem Grund braucht das Individuum nicht nur Schutz vor der Behörde, sondern auch vor der „Tyrannei des vorherrschenden Meinens und Empfindens“.[22] Dass die „Tyrannei der Mehrheit“ in demokratischen Regierungen besonders stark ist, weil die Mehrheit zur Unterdrückung der Minderheit und zur Uniformierung der Gesellschaft tendiert, hatte Mill von dem französische Publizisten Alexis de Tocquevill gelernt. Tocquevills zweibändige Werk mit dem Titel „Über die Demokratie in Amerika“ war eine wichtige geistige Quelle für Mill und übte großen Einfluss auf sein Denken. Tocquevill hatte die demokratische Regierungsform für die moderne Gesellschaft als notwendig und wünschenswert betrachtet, sah aber zugleich eine Gefahr der zunehmenden Uniformität in ihr. Tocquevill warnte davor, dass die öffentliche Meinung und die Mehrheit der herrschenden Gesellschaft einen Konformismus schaffen, indem der Einzelne schwindet und, dass solch eine Gleichheit der Masse ohne das Freiheitsprinzip zwangläufig eine Katastrophe und den Untergang der menschlichen Gesellschaft zur Folge hätte.[23] Mill übernimmt von Tocquevill diese Befürchtungen und macht sich zur wichtigsten Aufgabe die individuelle Freiheit vor der „Tyrannei der Mehrheit“ zu verteidigen.

[...]


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/John_Stuart_Mill#Der_Freiheitsbegriff_bei_Mill

[2] Vgl. Schumacher, 1994, S.137 f.

[3] Vgl. Schumacher, 1994, S.9.

[4] http://de.wikipedia.org/wiki/John_Stuart_Mill

[5] Rinderle, 2000, S.12.

[6] Vgl. Birnbacher, 1994, S.136.

[7] Vgl. Gaulke, 1996 , S.21.

[8] Birnbacher, 1994, S.136.

[9] Vgl. Birnbacher,1994, S.137.

[10] Vgl. Birnbacher, 1994, S.138.

[11] Gaulke, 1996, S. 96. zit. N. Brief an John Elliot, CW, S.313.

[12] Gaulke, 1996, S.95.

[13] Gaulke, 1996, S.96.

[14] Vgl. Berlin. 1995. S.257.

[15] Vgl. Mill, 1988, S.5.

[16] Vgl. Schumacher, 1994, S.133.

[17] Vgl. Gaulke, 1996, S. 102.

[18] [18] Mill, 1988, S.9.

[19] Vgl. Gräfrath, 1992, S.21.

[20] Vgl. Mill, 1988, S.10.

[21] Ebd.

[22] Ebd.

[23] Vgl. Gaulke, 1996, S.97ff.

Details

Seiten
21
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638604697
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v67713
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
1
Schlagworte
John Stuart Mill Freiheit Denkens

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