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Soziale Ungleichheiten durch Arbeitslosigkeit - Theorien - Ursachen - Folgen

Diplomarbeit 2006 108 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

0 Einleitung

1 Erklärungen und Definition

2 Typisierung der Arbeitslosigkeit
2.1 Friktionelle Arbeitslosigkeit
2.2 Saisonale Arbeitslosigkeit
2.3 Strukturelle Arbeitslosigkeit
2.4 Konjunkturelle Arbeitslosigkeit

3 Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt

4 Rückblick auf die Entwicklung der Erwerbstätigkeit und der Arbeitslosigkeit
4.1 Die Phasen der Arbeitslosigkeit
4.2 Die Arbeitslosigkeit nach der Wiedervereinigung

5 Das Profil der Arbeitslosigkeit
5.1 Regionen
5.1.1 Arbeitslosenstruktur in Westdeutschland
5.1.2 Arbeitslosenstruktur in Ostdeutschland
5.1.3 Ursachen der regionalen Unterschiede
5.2 Jüngere und Ältere
5.3 Qualifikation
5.4 Frauen und Männer
5.5 Ausländer
5.6 Behinderte

6 Beschäftigungssicherung und Mehrbeschäftigung durch Arbeitszeitpolitik - Zwischenstufen zwischen Arbeitslosigkeit und Erwerbstätigkeit
6.1 Teilzeitarbeit
6.2 Atypische Beschäftigungsformen
6.2.1 Geringfügig Beschäftigte
6.2.2 Befristet Beschäftigte
6.2.3 Leiharbeit
6.2.4 Scheinselbstständigkeit

7 Ursachen von Arbeitslosigkeit und ungleichen Erwerbschancen - Arbeitsmarkt- und Beschäftigungstheorien
7.1 Der ökonomische Ansatz – zwischen Balance, Politik und Marktstrategien
7.1.1 Die neoklassische Arbeitsmarkttheorie
7.1.2 Keynes´sche Arbeitsmarkttheorie
7.1.3 Humankapitaltheorie
7.2 Segmentationstheorien

8 Folgen der Arbeitslosigkeit
8.1 Finanzielle Folgen
8.2 Soziale und psychische Folgen
8.3 Gesundheitliche Einschränkung

9 Zusammenfassung und Ausblick

10 Literaturverzeichnis

Internetverzeichnis

X Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Berechnung der Arbeitslosenquote

Abbildung 2: ALQ 1950 – 2005

Abbildung 3: Das Profil der Arbeitslosigkeit in Deutschland (2005)

Abbildung 4: Entwicklung der Arbeitslosigkeit in den Regionen D´s

Abbildung 5: Beschäftigungsabbau in den neuen BL

Abbildung 6: Bevölkerungsentwicklung

Abbildung 7: ALQ Jugendlicher (bis 25) und Älterer im EU –Vergleich

Abbildung 8: Qualifikationsspezifische ALQ – Deutschland 1975 – 2000

Abbildung 9: Qualifikation ausländischer Jugendlicher

Abbildung 10: Arbeitslosenanteile von Männern und Frauen in D

Abbildung 11: Die Entwicklung zur multiethischen Gesellschaft 1961-2000

Abbildung 12: Entwicklung der Arbeitslosigkeit (Ausländer – D, 1980 – 2004)

Abbildung 13: Ausländische Schulabsolventen (1985-2000)

Abbildung 14: Arbeitslosenquoten bei Behinderten

Abbildung 15: Entwicklung Teilzeitbeschäftigung

Abbildung 16: Verlauf von atypischer Beschäftigung in Westdeutschland

Abbildung 17: Entwicklung der Leiharbeit

Abbildung 18: Sozial- und Arbeitslosengeld II-Empfänger in D

Abbildung 19: Die menschliche Erfahrung mit der Arbeitslosigkeit

Abbildung 20: Lohnnebenkosten in D

Abbildung 21: Erwerbsfähigenanteile in West- und Ost- d 1950-2000

Abbildung 22: Zusammensetzung der Gruppe ausbildungsloser Personen nach ihrem erreichten Schulabschluss beim Verlassen der Schule

Abbildung 23: Entwicklung der schichtspezifischen Schulbesuchsquoten

Abbildung 24 Bildungsexpansion

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Abgrenzung "Erwerbslosigkeit" und "Arbeitslosigkeit"

Tabelle 2: Erwerbsquoten Behinderter/nicht Behinderter nach Alter

Tabelle 3: Übersicht ALG 1

Tabelle 4: ALG I nach Leistungshöhe (2004)

Tabelle 5: Arbeitslosenquoten im internationalen Vergleich

Tabelle 6: BIP, Arbeitsvolumen, ET, Arbeitszeit und Produktivität 1991 -2001

Tabelle 7: Bruttolöhne in D 1991 bis 2004 nach Bundesländern

Tabelle 8: Entwicklung des BIP (1996 - 2004)

Tabelle 9: Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland

Tabelle 10: Entwicklung der Qualifikationsstruktur der Frau

Tabelle 11: Entwicklung der Erwerbsquoten von Frauen und Männern

0 Einleitung

Die Situation am deutschen Arbeitsmarkt hat sich gravierend verschärft. Seit Beginn der 90er Jahre klettern die Arbeitslosenquoten von einem historischen Höchststand zum nächsten. Arbeitslosigkeit ist in der heutigen Zeit für das Bewusstsein des Menschen eine unangenehme Zeiterscheinung, die eng mit der viel gepriesenen besseren Lebensqualität verbunden ist.

Ausgerechnet in der Bundesrepublik, in der bis in die 1970er Jahre hinein Vollbeschäftigung herrschte, werden Monat für Monat Arbeitslosenzahlen gemeldet, die in dieser Höhe seit Ende des Krieges nicht mehr registriert wurden. Sogar die Vormachtstellung als wirtschaftliche Lokomotive Europas hat Deutschland abgeben müssen und erreicht indessen lediglich einen der letzten Plätze im EU-Vergleich der Arbeitslosenquoten. Dies gefährdet nicht nur die Gesellschaftsordnung, sondern führt mitunter auch zu sozialen Spannungen. Die daraus resultierende Belastung für den Staat sowie das ungenutzte „human ressources“ und die negativen Folgen für die betreffenden Personen zwingen zu praktikablen Lösungen, die Abhilfe schaffen.

Die Diskussion wurde jedoch nicht immer geführt. Vor allem im griechischen Altertum hatte man eine andere Wertvorstellung. Zu dieser Zeit war Arbeitslosigkeit ein anerkanntes Vorrecht der Vollbürger, zu denen sich der Adel und die Vermögenden zählen konnten. Arbeit wurde von diesen Schichten als „verachtenswertes Übel, als ‚Banausie’“ bezeichnet. Aristoteles sah Arbeit als „würdelos“ und „verwerflich“ an.[1]

In der Neuzeit bzw. in der modernen Gesellschaft haben sich die Werte geändert. Arbeit wird als „Weise des Seins des Menschen in der Welt“[2] verstanden und ist nun eng mit dem Begriff der „Tugend“[3] verbunden. Folglich wird Arbeitslosigkeit in den letzten 30 Jahren als „gesellschaftliches Dauerproblem“ und als „fataler Zustand“ angesehen.[4] Im Bewusstsein der Öffentlichkeit nimmt dieses enorme Bedeutung ein. Arbeitslosigkeit beschäftigt einen Großteil der Bürger im Land. Nicht nur Betroffene sondern ebenso Menschen, die in einem Beschäftigungsverhältnis stehen, fühlen sich verunsichert und bangen um ihren Job. Der Chef des Meinungsforschungsinstituts „Emnid“, Klaus-Peter Schöppner, schreibt im Februar 2005 in „Die Welt“, dass 37% der noch in Arbeit befindlichen Deutschen Angst vor Kündigung haben. Im Osten zeigt sich die Lage mit 56% noch gravierender.[5] Dies zeigt, dass Arbeitslosigkeit nicht nur in sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen Emotionen hervorruft, sondern mittlerweile als gesamtgesellschaftliches Phänomen angesehen werden muss.

Dabei kann die Erwerbstätigkeit in der westlichen Gesellschaft neben der finanziellen Absicherung und der Daseinsvorsorge (naturale Dimension) in weitere Dimensionen differenziert werden: Sie bietet eine sinnvolle Beschäftigung, ermöglicht die Einbindung in soziale Bezüge (soziale Dimension) sowie die Entwicklung der eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten, stärkt das eigene Bewusstsein und hilft bei der Identitätsfindung (personale Dimension).

Somit erweist sich diese Problematik für jeden einzelnen Arbeitslosen als Belastung in vielerlei Hinsicht. Egal wie schwer und beanspruchend eine Arbeit auch ist, keine Arbeit zu haben ist oftmals viel schwieriger hinsichtlich der gesundheitlichen, sozialen, finanziellen und psychischen Folgen die dadurch entstehen. F.M. Voltaire hat es im obigen Zitat auf den Punkt gebracht und verdeutlicht die Problematik, die mit der Arbeitslosigkeit verbunden ist.

Die Frage allerdings, wer als arbeitslos zu bezeichnen ist, ist nicht einfach zu beantworten. Denn die nahe liegende These, dass eine Person als „arbeitslos“ gilt, die arbeiten möchte, aber nicht beschäftigt ist, provoziert die Gegenfrage: „Zu welchen Konditionen möchte sie arbeiten?“ Damit tauchen allerdings Spekulationen auf, ab wann Forderungen eines Nichtbeschäftigten an einen Arbeitsplatz als unangebracht gelten, so dass der Betreffende eigentlich nicht als arbeitslos zu bezeichnen ist. Um die in diesem Zusammenhang stehenden Begrifflichkeiten genauer zu verstehen, werden im ersten Kapitel die wichtigsten Begriffe detailliert erläutert.

Im zweiten Kapitel soll angeführt werden, welche Arten von Arbeitslosigkeit sich in unserer Gesellschaft herausgebildet haben. Da Arbeitslosigkeit keiner Willkür unterliegt, sondern auf verschiedene Ursachen zurückzuführen ist, werden die unterschiedlichen Typen der Arbeitslosigkeit benannt, klassifiziert und, soweit dies möglich ist, gewichtet.

Im Anschluss (drittes Kapitel) werden kurz die Begriffe der Arbeitsnachfrage und des Arbeitsangebotes aufgezeigt.

Der nachfolgende Abschnitt (viertes Kaptitel) geht auf die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Deutschland ein. Von der Gründung der Bundesrepublik Deutschland bis in ins Jahr 2005 werden verschiedene Phasen der Entwicklung unterschieden und erläutert.

Nachdem die Entwicklungen seit Bestehen der Bundesrepublik aufgezeigt wurden, wird im fünften Kapitel das genaue Profil der Arbeitslosen auf dem Arbeitsmarkt detaillierter analysiert. Hier geht es vor allem darum, ein genaues Bild der jetzigen Situation hinsichtlich der verschiedenen Problemgruppen zu erhalten und auf ihre Ursachen hin zu untersuchen.

Im weiteren (sechstes Kapitel) wird auf die Alternativen zum Normarbeitsverhältnis hingewiesen und dargelegt, welche Vorteile als auch Nachteile dieser zweite Arbeitsmarkt mit sich bringt und wie sich die Nicht-Normarbeitverhältnisses weiterentwickeln werden.

Das siebte Kapitel beschreibt die verschiedenen Ursachen für Arbeitslosigkeit und grenzt diese ein. Hierbei wird eine Unterteilung in ökonomische und teilwirtschaftliche Ursachen vorgenommen.

1 Erklärungen und Definition

Die Darstellung der verschiedenen Definitionen von Arbeitslosigkeit ist notwendig, um Klarheit über den Personenkreis zu schaffen, der in der vorliegenden Arbeit beschrieben wird. Die Begriffe Erwerbslosigkeit und Arbeitslosigkeit werden hierbei voneinander unterschieden. Damit hängen auch die verschiedenen Möglichkeiten zusammen, Arbeitslosenquoten zu berechnen.

Zu den Erwerbspersonen zählen statistisch gesehen sowohl die Erwerbstätigen als auch die Erwerbslosen.[6] Hierbei sind alle Personen ab 15 Jahren, deren Wohnsitz in Deutschland liegt mit einbezogen.

Erwerbstätige, umgangssprachlich auch als Berufstätige bezeichnet, sind alle Personen, die in einem Arbeitsverhältnis stehen. Es zählen also nicht nur alle abhängig Beschäftigten sondern auch Selbständige, Freiberufler sowie mithelfende Familienangehörige dazu. Keine Rolle spielt dabei, ob es sich bei diesem Arbeitsverhältnis um eine hauptberufliche Tätigkeit oder eine Nebentätigkeit handelt.[7] Ebenso ist die Höhe des Entgelts unwesentlich.

Erwerbslos sind alle Nichtbeschäftigten, die auf der Arbeitssuche sind, unabhängig von einer Registrierung bei der Bundesagentur für Arbeit durch eine Meldung als Arbeitsloser oder Arbeitssuchender. Dabei wird davon ausgegangen, dass diese Personen innerhalb von zwei Wochen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.

Als Verdeckte Arbeitslosigkeit“ bzw. Stille Reserve werden Arbeitslose bezeichnet, die nicht in der offiziellen Statistik registriert sind.[8] Diese umfasst arbeitssuchende Personen, die auf Grund fehlender Anspruchsvoraussetzungen, ungünstiger Arbeitsmarktlage oder wegen Umschulungs-/Qualifizierungsprogrammen nach dem Arbeitsförderungsgesetz (AFG) nicht (mehr) bei der Arbeitsagentur gemeldet sind, allerdings bei besserer Arbeitsmarktlage bzw. unter bestimmten Arbeitsbedingungen (z.B. Teilzeitarbeit) die Arbeit wieder aufnähmen.[9] Zur Stillen Reserve zählen auch durch Kurzarbeit künstlich erhaltene Arbeitsplätze, die über kurz oder lang ebenso abgebaut werden.[10] Diese Erfassung von Erwerbslosigkeit liegt ebenso der Datenerhebung des Statistischen Bundesamtes als auch dem Mikrozensus zugrunde. Mit wachsendem Ausmaß und Dauer des Ungleichgewichts auf dem Arbeitsmarkt vergrößert sich in der Regel die verdeckte Arbeitslosigkeit.

Arbeitslose sind Arbeitssuchende, die vorübergehend nicht in einem Beschäftigungsverhältnis stehen, eine versicherungspflichtige, mindestens 15 Stunden wöchentlich umfassende Beschäftigung suchen und dabei den Vermittlungsbemühungen der Arbeitsagentur zur Verfügung stehen, also arbeitsfähig und bereit sind (Verfügbarkeit), nicht arbeitsunfähig erkrankt sind und sich bei den Arbeitsagenturen persönlich arbeitslos gemeldet haben und registriert wurden. Arbeitslose dürfen nicht Schüler, Studenten, Zivil/ Wehrdienstleistende, Inhaftierte oder Teilnehmer einer Maßnahme der beruflichen Weiterbildung sein. Empfänger von Altersrente sowie Personen ab der Vollendung des 65. Lebensjahres sind vom Personenkreis der Arbeitslosen ausgeschlossen.[11] Erwerbslos hingegen sind alle , die keinen Arbeitsplatz haben, sich allerdings um eine Arbeitsstelle bemühen, unabhängig davon, ob sie sich bei der Arbeitsagentur registriert haben.[12] Tabelle 1 bietet einen Überblick über die aufgezeigten Unterschiede der Konzepte Erwerbs- und Arbeitslosigkeit.

Tabelle 1: Abgrenzung der Begriffe "Erwerbslosigkeit" und "Arbeitslosigkeit"

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Langzeitarbeitslos sind gemäß §18 SGB III arbeitslose Personen, die ein Jahr und länger arbeitslos gemeldet sind.[15] Als schwierig zeigt sich bei der Erfassung der Arbeitslosenquote durch die Bundesagentur für Arbeit, dass wichtige dynamische Prozesse wie Langzeitarbeitslosigkeit unterschätzt werden. Jede Unterbrechung der Arbeitslosigkeit führt dazu, dass bei einer erneuten Arbeitslosmeldung mit der Erfassung neu begonnen wird und somit die Arbeitslosigkeit „leicht unterschätzt“ wird. Bei einer anschließenden erneuten Arbeitslosmeldung zählt derjenige nicht mehr zum Personenkreis der Langzeitarbeitslosen.[16] Des Weiteren muss zwischen jugendlichen und erwachsenen Arbeitslosen differenziert werden. Nach den beschäftigungspolitischen „Leitlinien“ der EU spricht man bei jugendlichen Arbeitslosen bereits ab einer Arbeitslosigkeitsdauer von sechs Monaten von Langzeitarbeitslosigkeit.[17]

Arbeitslosigkeit kann aus ökonomischer Sicht beschrieben werden. Dabei gelten Personen als arbeitslos, wenn sie für die jeweils für sie herrschenden Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt arbeiten möchten bzw. würden, trotzdem jedoch keiner Erwerbstätigkeit nachgehen. Dies entspricht der Bedingung der Zumutbarkeit, welche im Arbeitsförderungsgesetz SGB III § 2 Abs. 5 Satz 1 vorausgesetzt wird. In Deutschland basieren die Arbeitslosenzahlen auf Auszählung der Meldungen von Arbeitssuchenden bei den Agenturen für Arbeit.

Zur Berechnung der Arbeitslosigkeit dient die Arbeitslosenquote. Sie stellt die registrierten Arbeitslosen der Gesamtzahl der abhängigen Erwerbspersonen, Selbstständigen u.a. Ärzte, Rechtsanwälte und mithelfenden Familienmitglieder (Beschäftigte plus Arbeitslose) gegenüber

Abbildung 1: Berechnung der Arbeitslosenquote

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vollbeschäftigung ist eines der Ziele, welches im Jahre 1968 unter dem Schock der Wirtschaftskrise von 1967/68 im „Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft“ (Stabilitätsgesetz) verabschiedet wurde. Die ursprüngliche Begründung für das Vollbeschäftigungsziel liegt im gesellschaftspolitischen Bereich.[18] Arbeitslosigkeit bedeutet für die Betroffenen und deren Familien häufig eine große Belastung (siehe 8). Man spricht im Idealfall von Vollbeschäftigung wenn alle Arbeitswilligen und Arbeitsfähigen einen Arbeitsplatz haben. Allerdings ist dies im Realfall nicht zu erreichen, da beispielsweise Erwerbspersonen nicht arbeiten wollen. Deswegen wird in einer Volkswirtschaft von Vollbeschäftigung gesprochen, wenn die Arbeitslosenquote maximal 2% erreicht.

2 Typisierung der Arbeitslosigkeit

Man kann nicht nur von der Arbeitslosigkeit und der einen Ursache sprechen. Arbeitslosigkeit ist ein verflochtenes System aus Wirtschaft, Staat und Konsumenten. Aus diesem Grund haben sich verschiedene Differenzierungen herausgebildet, die deren Ursachen sehr viel expliziter erklären und erfassen sollen. Um eine wirkungsvolle Beschäftigungspolitik durchführen zu können, ist es daher unumgänglich, die Formen der Arbeitslosigkeit zu kennen. Denn nur eine auf die Ursachen abzielende Politik kann Arbeitslosigkeit beheben.

2.1 Friktionelle Arbeitslosigkeit

Wenn u.a. nach Abschluss einer Ausbildung oder einer Umschulung ein Arbeitsplatz gesucht werden muss, und man kurzzeitig arbeitslos ist wird diese als friktionelle Arbeitslosigkeit bezeichnet.[19] Nach Definition der Bundesagentur für Arbeit wird Arbeitslosigkeit als friktionell angesehen, wenn diese nicht länger als drei Monate andauert. Friktionelle Arbeitslosigkeit tritt auf, wenn ein Arbeitnehmer zur Zeit der Erhebung der amtlichen Statistik gerade seinen Arbeitsplatz wechselt. Wieder andere sind zwar unfreiwillig ohne Arbeit, aber problemlos zu vermitteln, so dass ihre Arbeitslosigkeit nur kurz währt und bei diesen keine wirtschaftlichen, beruflichen oder sozialen Nachteile verursacht werden. Die Suche nach einem passenden Arbeitsplatz auf Arbeitnehmerseite, sowie einen geeigneten Arbeiter auf Arbeitgeberseite zu finden, beansprucht eine gewisse Zeit, so dass diese Art von Arbeitslosigkeit eine normale Erscheinung ist. Mit arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, wie Markttransparenz durch Bereitstellung von Informationen kann die Zeitdauer des Suchprozesses und die Koordination der Arbeitslosen vorangetrieben werden. Insgesamt setzen sich ein bis zwei Prozent der Arbeitslosen aus solchen Übergangs- und (un)freiwilligen Kurzzeitarbeitslosen zusammen.

2.2 Saisonale Arbeitslosigkeit

Diese Art der Arbeitslosigkeit tritt durch jahreszeitliche Umstände ein, die jährlich wiederkehren. Diese ist meist von kurzer Dauer und tritt insbesondere in Wirtschaftszweigen auf, die durch klimatische, biologische, verhaltens-, und institutionell bedingte Faktoren, beeinträchtigt sind. In diese Bereiche fallen das Baugewerbe, die Land- und Forstwirtschaft, oder die Tourismusbranche, als ebenso der Umstand, dass auf Grund zusammenfallender Abschlussdaten im Bildungs- und Ausbildungssystem zahlreiche Absolventen fast zeitgleich in die Erwerbstätigkeit eintreten wollen. Demzufolge ist die Höhe der saisonalen Arbeitslosigkeit abhängig von den betroffenen Branchen, als ebenso vom Einsatz arbeitsmarktpolitischer Instrumente (Wintergeld, Winterausfallgeld, alternative (Überbrückungs)-Beschäftigungsmöglichkeiten).[20] Weiterhin ist das Ausmaß saisonaler Arbeitslosigkeit in einer Volkswirtschaft stark von ihrer sektoralen Wirtschaftsstruktur abhängig.

2.3 Strukturelle Arbeitslosigkeit

Die strukturelle Arbeitslosigkeit ist auf Veränderungen in der Wirtschafts- und Beschäftigungsstruktur zurückzuführen.[21] Sie entsteht unabhängig von konjunkturellen Schwankungen, vielmehr durch Schrumpfungsprozesse in einzelnen Wirtschaftszweigen, die Auswirkungen auf das Stellenangebot haben, zu Entlassungen und damit auch zu Unterbeschäftigung führen. Davon können unter Umständen ganze Regionen betroffen sein (Ungleiche Entwicklung einzelner Wirtschaftsräume). Strukturelle Arbeitslosigkeit kann aber auch durch Disproportionen zwischen dem Stellenangebot des Arbeitsmarktes und der Berufsstruktur des vorhandenen Arbeitspotentials sein. Da die Maßnahmen zur Beseitigung der Ursachen nicht schnell wirksam sind, ist diese Art meist längerfristig.[22] Eng verbunden mit dem Begriff der strukturellen Arbeitslosigkeit ist die sog. „Mismatch-Problematik“. Obwohl rein rechnerisch viele offene Stellen für Arbeitslose vorhanden wären, können diese nicht besetzt werden, da bei „einem erfolgreichen Zusammentreffen“ zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer „Profildiskrepanzen“ hinsichtlich regionaler oder qualifikatorischer Komponenten auftreten. Das heißt, dass Arbeitslose falsche bzw. zu geringe Qualifikationen aufweisen als es die offenen Stellen erfordern bzw. die Arbeitnehmer in anderen Regionen wohnen und nicht mobil sind.[23] Diese Art der Arbeitslosigkeit wird stets problematischer, da der „Wandel der Arbeitswelt im Zuge des technischen Fortschritts und der Globalisierung“ weiter voranschreitet.[24]

2.4 Konjunkturelle Arbeitslosigkeit

Konjunkturen stellen eine stets wiederkehrende Schwankung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage dar. Durch eine kurzfristig abgeschwächte Konjunktur (Nachfragerückgang) müssen Arbeitskräfte entlassen werden. Erst mit dem Anstieg des Auslastungsgrades steigt die Arbeiternachfrage wieder an. In der Regel setzt der Nachfragerückgang in der Investitionsgüterindustrie ein, sobald der Konsum nicht mehr die bisherigen Wachstumszahlen erzielt und die Unternehmen somit vorsichtiger und zurückhaltender mit weiteren Investitionen umgehen. Eine weitere mögliche Ursache kann in der Absatzwirtschaft im Ausland liegen. Wenn auf Grund schlechter wirtschaftlicher Entwicklungen die Exporte zurückgehen, wirkt sich dies ebenso auf den Binnenmarkt aus, da wiederum die Investitionen, die Produktion und die Gewinnerwartungen reduziert werden und somit Arbeitnehmer entlassen werden müssen.[25] Besonders betroffen sind hierbei Berufseinsteiger und Personengruppen mit geringem Kündigungsschutz oder Personen mit hoher Fluktuationsneigung.[26] Ebenso verringert sich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage durch Entlassungen, weil hierdurch das private Einkommen geschmälert wird, und somit der private Konsum ebenso eingeschränkt wird. Die konjunkturelle Arbeitslosigkeit erweist sich im Vergleich zur friktionellen und saisonalen Arbeitslosigkeit weniger als kurzfristiges Phänomen.[27]

3 Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt

Arbeitslosigkeit kann sowohl auf der Seite der Nachfrage nach Erwerbstätigen als auch auf seiten des Angebots an Arbeitskräften entstehen. Die Arbeitsmarktentwicklungen werden im erheblichen Ausmaß durch strukturelle Faktoren beeinflusst. Gesamtwirtschaftlich entsteht Arbeitslosigkeit als Begleiterscheinung des Strukturwandels, wenn die Nachfrage nach Beschäftigten und das Arbeitsangebot nicht übereinstimmen.[28]

Die Beschäftigungsnachfrage wird vor allem von den Entscheidungen über das Ausmaß der gesamtwirtschaftlichen Produktion und Investition bestimmt, als auch durch die Produktivität und der Arbeitszeit. Diese Faktoren werden durch Zinsen und Wechselkurse, von technologischen Innovationen, von Güter- und Dienstleistungsnachfrage und von Kosten der Produktionsfaktoren (Lohnkosten, Lohnnebenkosten) beeinflusst. Beachtet werden müssen hierbei die direkten Lohnkosten, als ebenso gesetzliche und tarifliche Abgaben (Abgaben zur Sozialversicherung, Lohnsteuer, Urlaubsgeld, Lohnfortzahlung bei Krankheit), die addiert in Deutschland bis zu 80% ausmachen können (vgl. Abbildung 20). Bestimmt werden die Veränderungen dieser Größen von der Notenbank, von Unternehmern, von privaten und öffentlichen Haushalten und von Interessenvertretern, die ihre Entscheidungen auf Basis gesetzlicher und institutioneller Richtlinien treffen.

Das Angebot an Arbeitskräften umfasst statistisch gesehen die Gesamtheit der Erwerbsfähigen. Die Größe des Angebots hängt von verschiedenen Komponenten ab:

- der demographischen Entwicklung,
- dem Erwerbsverhalten (z.B. Erwerbstätigkeit der Frau)
- Länge der Ausbildungszeiten
- gesetzlichen Ruhestandsregelungen
- Qualifikation der Arbeitnehmer und der in diesem Zusammenhang stehende Bedarf.[29]

4 Rückblick auf die Entwicklung der Erwerbstätigkeit und der Arbeitslosigkeit

In Deutschland gewinnt seit Mitte der 1970er Jahre das Thema „Arbeitslosigkeit“ immer mehr an Bedeutung. Der internationale Vergleich der Arbeitslosenquoten (Tabelle 5) weist darauf hin, dass dies nicht immer so war. Deutschland hat den Platz der Spitzengruppe der Länder mit verhältnismäßig geringer Arbeitslosigkeit Mitte der 1970er Jahre verlassen. Seit dieser Zeit gehört Arbeitslosigkeit zur „gesellschaftlichen Normalität“.[30] Ein Ende dieser hohen Arbeitslosigkeit ist auch am Anfang des 21. Jahrhunderts noch nicht absehbar, wobei heute vor allem Gebiete in der ehemaligen DDR zu einem großen Problem geworden sind.

4.1 Die Phasen der Arbeitslosigkeit

Unter dem Gesichtspunkt von Beschäftigung und Arbeitslosigkeit kann die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik grob in vier Phasen eingeteilt werden (vgl. Abbildung 2).

Abbildung 2: ALQ 1950 – 2005

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quellen: BA (1), Friedrich, S. 26f, Statistisches Bundesamt (1)

Insgesamt lassen sich drei Phasen der Arbeitslosigkeit für das frühere Gebiet der BRD aufzeigen.

Die erste Phase des „Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders“ erstreckt sich von der Gründung der Bundesrepublik 1949 bis zum Ende der 50er Jahre. In dieser Zeit konnte die Arbeitslosigkeit von 10,4% in 1950 auf 1,3% im Jahre 1960 reduziert werden.[31] Zeitgleich blieb der Erwerbstätigenanteil bei 26 Millionen[32], was einer Erwerbstätigenquote - bezogen auf die 15-65-jährigen - von knapp 69% im Jahre 1950 und 71,4% 1960 entsprach.[33] Anfangs waren die noch dürftigen strukturellen Bedingungen Grund für die hohe Arbeitslosigkeit. Auf der einen Seite war das Wirtschaftswachstum relativ gering, um der Nachfrage nach Arbeit zu entsprechen. Andererseits entstand Arbeitslosigkeit vor allem im ländlichen Raum, da die Zuwanderer meist in diesen Gebieten angesiedelt wurden, obwohl -falls überhaupt- in den Industriestädten Arbeit angeboten wurde.[34] Diese einmalige Beschäftigungszunahme ist auf verschiedene Ursachen zurückzuführen. Der wichtigste Faktor war die Verdoppelung des Bruttoinlandsprodukts. Das reale Wirtschaftswachstum von jährlich 8% in den 1950er Jahren steigerte die Nachfrage nach Arbeitskräften enorm.[35] Grund für diesen Anstieg waren u.a. die ungestillten Bedürfnisse im kriegszerstörten Deutschland. Darüber hinaus wurde die Wirtschaft durch steigende Exporte angekurbelt. Der gute Ruf der deutschen Produkte und der unverändert hohe technische Stand erleichterten den Absatz im Ausland, trotz der Kriegsverbrechen, nach wie vor. Ebenso erhöhte sich der Erwerbfähigenanteil durch die zahlreichen Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten (ca. 8 Millionen) und die bis zum Mauerbau 1961 aus der DDR Übersiedelnden (3 Millionen).[36]

Seit Beginn der 1960er Jahre – zweite Phase – war im früheren Bundesgebiet Vollbeschäftigung erreicht. Zu dieser Zeit herrschte ein Mangel an Arbeitskräften, der nur durch Anwerbung von Ausländern reduziert werden konnte. Die Zahl der zugewanderten Ausländer erhöhte sich zwischen 1961 und 1973 um über drei Millionen, wovon zwei Millionen ein Beschäftigungsverhältnis eingingen.[37] Dieser Nachfragemangel ist nicht nur auf das steigende Wirtschaftswachstums und die steigenden Nachfrage nach Arbeitskräften zurück zu führen. Vielmehr nahm die Zahl der Erwerbsfähigen in der BRD ab, weil die während des zweiten Weltkrieges geborenen schwachen Jahrgänge ins erwerbsfähige Alter kamen. Das Anwerben von Ausländern konnte allerdings die Zahl der Beschäftigten um knapp eine Million erhöhen.[38] Abgesehen von der Konjunktur- und Strukturkrise 1966/67, als die Arbeitslosenquote auf 2,1% anstieg, überschritt die Quote nicht den im Jahre 1960 erreichten Wert von 1,3%.[39] Um die Einreise von ausländischen Arbeitern auf Grund einer rückläufigen Konjunktur zu reduzieren, erließ die Bundesregierung 1973 einen Anwerbestopp.[40] Von 1973 bis 1975 stieg die Zahl der Arbeitslosen von 273.000 auf über eine Million und der Arbeitslosenanteil von 1,2% auf 4,6%.[41]

Die Ursache für diesen Anstieg der Erwerbslosenzahlen, die dritte Phase der Massenarbeitslosigkeit, war der erste Ölpreisschock und der damit verbundene Konjunktureinbruch. Eine wirtschaftliche Erholung und eine Besserung auf dem Arbeitsmarkt (weniger als eine Million Arbeitslose) waren nur von kurzer Dauer (1978 bis 1980), da durch den zweiten Ölpreisschock (1981/82) und eine damit verbundene weltweite Rezession die Arbeitslosigkeit sogar auf über zwei Millionen anstieg.[42] Nach den konjunkturellen Abschwungphasen wurden stets Arbeitsplätze abgebaut und in der Zeit der wirtschaftlichen Erholung wieder „vollständig“ durch Schaffung neuer Arbeitsplätze ausgeglichen.[43] Da allerdings die Erwerbstätigenzahlen seit den 70er Jahren von knapp 27 Millionen. auf 28 Millionen (1989) als ebenso die Erwerbsquote von 69,5% auf 71,4% angewachsen sind,[44] konnte die Arbeitslosigkeit nicht komplett kompensiert werden. (vgl. Abbildung 21) Vielmehr erhöhte sich der „Sockel der Arbeitslosigkeit von Konjunkturzyklus zu Konjunkturzyklus“.[45] In den darauf folgenden Jahren konnten die Arbeitslosenzahlen bis 1990 in der alten Bundesrepublik jedoch deutlich gesenkt werden (1990: 1,88 Millionen, 6,4%). Doch da zugleich die Erwerbsbeteiligung stieg, verharrten Arbeitslosigkeit und Stille Reserve auf ihrer Mitte der siebziger Jahre erreichten Höhe. Als Anfang der achtziger Jahre die staatlichen Stützungsmaßnahmen erheblich eingeschränkt wurden, verminderte sich der Anteil von Normarbeitsverhältnissen deutlich.[46] An ihre Stelle traten Nicht-Normarbeitsverhältnisse, so dass Mitte der achtziger Jahre das Beschäftigungsniveau noch immer fast so hoch (27 Millionen: 1980, 26,9 Millionen: 1986) war wie zu Beginn jenes Jahrzehnts.[47]

4.2 Die Arbeitslosigkeit nach der Wiedervereinigung

Die Erwerbstätigkeit hat sich seit 1991 in Ost- und West-Deutschland sehr unterschiedlich entwickelt. Die Zahl der Erwerbstätigen hat sich in den Jahren 1991 bis 2003 jedoch kaum verändert.

Allerdings änderte sich seit Beginn der neunziger Jahre das Beschäftigungsgefüge in Westdeutschland hin zu einem beschleunigten Rückgang von Normarbeitsverhältnissen. Die Normarbeitsverhältnisse verminderten sich in fünf Jahren um etwa ein Zehntel. Die Nicht-Normarbeitsverhältnisse nahmen im gleichen Zeitraum zu, und gleichzeitig sank der Erwerbspersonenanteil. Aber letztere Veränderungen reichten nicht aus, um den Rückgang von Normarbeitsverhältnissen auszugleichen.[48] Die Folge war eine Zunahme der Arbeitslosigkeit auf 2,8 Millionen bei schätzungsweise 2,3 Millionen Arbeitskräften in der Stillen Reserve im Jahre 1996.[49]

Im Osten hingegen ist ein dramatischer Beschäftigungsabbau zu beobachten, wobei nach der Wende zwischen 1989 und 1992 3,8 Millionen Personen ihre Arbeit verloren.[50] Die Abwärtsbewegung hat sich zwar verlangsamt, aber sie hält bis heute an. Im Jahr 2003 lag die Zahl der Erwerbstätigen bei nur 81,2 Prozent des Ausgangswertes (1990), das heißt, dass in den neuen Bundesländern seit 1991 nahezu 20% der Arbeitsplätze verloren gegangen sind.

Als Deutschland 1993 von einer Rezession getroffen wurde und auch in den nächsten Jahren lediglich moderate Wachstumsraten erzielt wurden, stieg die Zahl der Arbeitslosen im Bundesgebiet bis 1997 auf im Jahresdurchschnitt 4,4 Millionen (12,7%),[51] das den vorläufigen Höhepunkt dieser mittlerweile mehr als zwei Jahrzehnte währenden Entwicklung markierte. (Dieser Anteil ist auch im historischen Vergleich relativ hoch. Höher war die Quote im 20. Jahrhundert lediglich in der Zeit der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren, als die Arbeitslosenquote auf 30% anstieg).[52] In den darauf folgenden Jahren trat wieder eine leichte Besserung auf dem Arbeitsmarkt ein. Bis zum Jahr 2005 verschlechterte sich die Lage jedoch kontinuierlich,[53] so dass sich die Arbeitslosenzahlen jahresdurchschnittlich bei 4,8 Millionen (11,7%) einpendelten.[54] Hinzu kam die Stille Reserve mit 1,8 Millionen Personen. Hierbei zeigt sich eine Zunahme gegenüber dem Vorjahr um rd. 400.000 Personen. Davon sind zusätzliche Arbeitslose aus der Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe abzüglich der zusätzlich geschaffenen sozialen Arbeitsgelegenheiten von ca. 250.000 auf den „Hartz–IV-Effekt“ zurückzuführen. Diese Reform legte also u.a. verdeckte Arbeitslosigkeit in erheblichem Umfang offen.[55] Diesen insgesamt über 6,5 Millionen Arbeitskräften standen 2005 knapp 413.000[56] registrierte und schätzungsweise etwa zusätzlich 60%[57] nicht dem Arbeitsamt mitgeteilte, zusammen also rund 661.000[58] offene Stellen zur Verfügung. Rein rechnerisch bestand damit eine Arbeitsplatzlücke von rund 5,8 Millionen. Dabei war die Erwerbsbevölkerung in West- und Ostdeutschland von Arbeitslosigkeit höchst unterschiedlich betroffen. Während 2005 in Westdeutschland nur jede elfte Erwerbsperson arbeitslos war, war es in Ostdeutschland fast jede sechste.[59] Einschließlich der Stillen Reserve wies Westdeutschland 2005 rein rechnerisch eine Arbeitsplatzlücke von etwa 3,4 Millionen auf, Ostdeutschland von etwa 1,5 Millionen. Bezogen auf die Wohnbevölkerung war die Arbeitsplatzlücke in Ostdeutschland somit fast zweimal so groß wie im Westen.[60] Nach Einschätzung der Arbeitsagentur sucht jedoch etwa ein Fünftel der registrierten Arbeitslosen keinen Arbeitsplatz.[61] Einige wollen nur die Zeit bis zum Beginn des Ruhestandes, einer Ausbildung oder des Wehr- und Zivildienstes überbrücken. Andere lassen sich aus sozialrechtlichen Motiven als arbeitslos registrieren, vor allem um Rentenanwartschaften zu wahren. Wieder andere haben aufgegeben wieder einer Erwerbstätigkeit nachgehen zu können und beabsichtigen nicht mehr ernsthaft eine Arbeit aufzunehmen. Außerdem gibt es einen nicht messbaren Anteil, der durch Schwarzarbeiten ein zufrieden stellendes Einkommen erzielt und deshalb nicht an der Vermittlung einer Arbeitsstelle interessiert ist. Im Grunde ist die gesamte Erwerbsbevölkerung vom Risiko der Arbeitslosigkeit nicht bewahrt.[62] Allerdings ist die Gefahr der Erwerbslosigkeit sehr unterschiedlich. Das gilt vor allem für Westdeutschland. Während sich in Ostdeutschland die Zusammensetzung der Arbeitslosen noch weitestgehend symmetrisch zeigt, weicht sie in Westdeutschland von dieser erheblich ab. Allerdings nähert sich diese in West- und Ostdeutschland langsam an, die Struktur der Arbeitslosigkeit wird in ganz Deutschland zunehmend gleicher.[63]

5 Das Profil der Arbeitslosigkeit

Abbildung 3: Das Profil der Arbeitslosigkeit in Deutschland (2005)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Quelle: BA (1)

Im Vergleich zur Arbeitslosigkeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war diese in den vergangenen 35 Jahren kein „Massenphänomen“, d.h. sie trifft nicht alle in gleichem Maße (vgl. Abbildung 3). Vielmehr zeigt sich Arbeitslosigkeit als „sozialstrukturelles Problem“[64] ; es muss als „sozialer Verteilungs- und Selektionsprozess“ angesehen werden. Vor allem „Problemgruppen“ wie Ostdeutsche, Erwerbspersonen ohne abgeschlossene Berufsausbildung, ältere Personen, Behinderte, und Ausländer sind von Arbeitslosigkeit vermehrt betroffen. Jemand, der nicht nur eine charakteristische Eigenschaft, sondern gar mehrere Merkmale aufweist, ist im Normalfall nicht nur öfter, sondern auch länger arbeitslos.[65] Im Jahr 1999 gehörten zwei Drittel der westdeutschen Arbeitslosen und die Hälfte der ostdeutschen Arbeitslosen zu dieser sog. „Risikogruppe“. Arbeitnehmer mit diesen Merkmalen werden meist als Erste entlassen bzw. bei Neueinstellungen weniger berücksichtigt. Dieser Ausleseprozess ist vor allem seit Mitte der 1970er Jahre charakteristisch.[66] Positiv ausgedrückt: „Jung, gesund, deutsch und gut ausgebildet zu sein, ist zwar keine Garantie gegen Arbeitslosigkeit, aber doch ein wirksamer Schutz, insbesondere gegen Langzeitarbeitslosigkeit.“[67]

Im Folgenden werden die Ungleichheiten und Entwicklungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt genauer dargestellt und erläutert.

5.1 Regionen

Die Gefahr, arbeitslos zu werden, unterscheidet sich, trotz einheitlicher Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik insbesondere seit der Wiedervereinigung vor allem zwischen Ost- und Westdeutschland, als auch zwischen bestimmten Bundesländern. Während in den vergangenen 30 Jahren einige Regionen der alten Bundesländer von außerordentlich hoher Arbeitslosigkeit betroffen waren, existierte in den südlichen Gebieten der BRD „mehr oder weniger Vollbeschäftigung“[68] /[69].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Entwicklung der Arbeitslosigkeit in den Regionen Deutschlands

Quelle:BA (2); Friedrich, S. 31; Hradil, S. 200; Datenreport, S. 114

Gründe für diese Unterschiede sind zum einen durch unterschiedliche Wirtschaftsstrukturen gekennzeichnet, als ebenso durch geographische, historische oder politische Unterschiede, wie z.B. die Benachteiligung der früheren Zonenrandgebiete oder die strukturellen Schwächen in den neuen Bundesländern als Folge politischer Entscheidungen in der DDR. Ursachen dieser differierenden Arbeitsmarktsituationen lassen sich daher meist durch regionale wirtschaftliche Monostrukturen erklären, die sich auf die Region insofern negativ auswirkt, als dass diese von bestimmten Wirtschaftszweigen abhängig sind. Besonders einschneidend sind diese Abhängigkeiten, wenn diese Industrien mit einem Schrumpfungsprozess konfrontiert sind.

5.1.1 Arbeitslosenstruktur in Westdeutschland

Der Süden

Der Süden (Bayern, Baden-Württemberg, Hessen) hat sich seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wirtschaftlich günstiger entwickelt als andere Teile Deutschlands. So stieg das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner im Süden zwischen 1970 und 1988 um 129% (BRD gesamt 121%).[70] Darüber hinaus wuchs die Zahl der Beschäftigten von 1980 bis 1990 überdurchschnittlich stark. Geändert hat sich dies seit Beginn der 1990er Jahre. Große Teile Bayerns haben sich zwar wirtschaftlich weiter überdurchschnittlich entwickelt, die Beschäftigung stieg weiter an, aber im Vergleich zu den 80er Jahren, stagnierte das Wachstum. Dramatische Verluste mussten Anfang der 1990er Jahre Hessen und Baden-Württemberg verzeichnen. In einem Streifen von Rhein-Main-Gebiet bis zum Bodensee gab es kaum eine Region, die von deutlichen Arbeitsplatzverlusten verschont wurde.[71] Mitte der 90er allerdings konnten sich, so eine Studie der Universität Tübingen[72], die südlichen Bundesländer allesamt wieder stabilisieren. Insgesamt weisen Bayern, Baden-Württemberg und mit leichten Abstrichen auch Hessen fast durchgängig gute Leistungsdaten auf. Im Vergleich zu anderen West-Bundesländern ist die Arbeitslosenquote in Süddeutschland auf einem deutlich niedrigeren Wert, und pendelt sich im Jahresdurchschnitt 2005 bei 8,2 % ein.

Der Westen

Der Westen Deutschlands hat sich in den 60er Jahren günstiger entwickelt als der Norden; aber auf Grund der mangelnden wirtschaftlichen Dynamik in den folgenden Jahrzehnten zeigt sich das BIP als gering. Von 1980 bis 1990 nahm die Beschäftigung in der Gruppe „West“ im Vergleich zu Süddeutschland nur punktuell überdurchschnittlich zu (v.a. in den östlichen und westlichen Teilen von Nordrhein-Westfalen sowie im Raum Bonn). Eine besondere Rolle in Westdeutschland spielen das Saarland und das Ruhrgebiet. Bereits in den 60er und 70er Jahren haben sich die Beschäftigungszahlen nachteiliger entwickelt als im Rest Deutschlands. In den 80er Jahren waren diese die einzigen Ballungsräume, in denen die Arbeitsplatzzahlen zurückgingen. Dadurch ist die Entwicklung in diesem Teil Deutschlands erheblich beeinflusst worden. Im darauf folgenden Jahrzehnt hat sich trotz ungünstiger Entwicklungen im Bergbau und im verarbeitenden Gewerbe der Westen im tertiären Sektor festigen können. Einige Branchen wie beispielsweise der Güterverkehr, Großhandel und Filmwirtschaft sind sogar stärker gewachsen als der Bundesdurchschnitt.[73] Im Gesamten konnte sich der Westen allerdings nicht von seiner unterdurchschnittlichen Entwicklung lossagen.

Der Norden

Das wirtschaftliche Wachstum von 1,5% pro Jahr in Norddeutschland reichte nicht aus, um die gesamtwirtschaftliche Lage in der BRD zu verbessern. Der Anteil Norddeutschlands an der Wirtschaftskraft sank seit 1970 von 19,3% bis 1988 auf 18,3%.[74]

Der Abstand des Nordens und des Westens vom Süden in den wirtschaftlichen Kennzahlen hat sich in den zurückliegenden drei Jahrzehnten- ebenso in den Zeiten des konjunkturellen Aufschwungs- immerzu vergrößert. Ebenso sind die Beschäftigungszahlen in den 80er Jahren nur in einzelnen Gebieten überdurchschnittlich angestiegen. Erst nach der Wende expandierte die Wirtschaft im Norden bei insgesamt schwacher Konjunktur mit ähnlicher Geschwindigkeit wie der Süden der Republik. 1997 erreichte der Norden einen Anstieg der Erwerbstätigenquote um mehr als 1% (im Vgl. Süddeutschland erreichte diesen Wert nicht. Anstieg von 1989 bis 1997: 0,4%).[75] Von der Wiedervereinigung profitierte vor allem das Ballungszentrum Hamburg. Hier nahm die Beschäftigung von 1990 bis 1993 um ca. 5,5% zu.[76] Im Gegensatz zu den Stadtstaaten Berlin und Bremen mit „besonders ungünstigen Beschäftigungschancen“ verzeichnete die Hansestadt nach der Wende bessere Arbeitslosenquoten und konnte sich in die Reihe der Flächenstaaten Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland mit einordnen.[77]

1998 trat eine leichte Besserung auf dem Arbeitsmarkt in den Alten Bundesländern ein, die sich bis zum Jahr 2001 fortsetzte. Die Zahl der Arbeitslosen sank in diesen drei Jahren auf 2,32 Millionen, was einer durchschnittlichen Arbeitslosenquote von 8% entsprach. Verglichen mit dem Jahr 2001 stieg die Arbeitslosigkeit bis 2005 jedoch um fast 4% auf einen Höchststand von 11,7%, wobei sich diese unterteilte in Norddeutschland mit 14,3%, Westdeutschland mit 11,6% und dem Süden mit 9,2%.[78]

5.1.2 Arbeitslosenstruktur in Ostdeutschland

Eine ganz andere Dimension hat das Arbeitsmarktgefälle entlang der “West-Ost-Schiene”. Im Jahr 1989 hatten in der damaligen DDR 9,8 Millionen Bürger einen Arbeitsplatz. Grund dafür war die Beschäftigungsgarantie, die regelte, dass die Zahl der Erwerbstätigen mit der Zahl der Erwerbspersonen übereinstimmte. Nach der Wiedervereinigung begann ein dramatischer Abbau der Arbeitsplätze (vgl. Abbildung 5): Waren 1991 noch 7,8 Millionen Ostdeutsche erwerbstätig, so lag 1992 die Erwerbs- tätigenzahl bei nur noch 6,39 Millionen, die seither relativ stabil gehalten wurde (2002: 6,4 Millionen).[79] Hierbei handelt es sich allerdings nicht ausschließlich um Vollerwerbstätige. Seit 1989 hat sich die Vollerwerbstätigkeit um vier Millionen Beschäftigte reduziert, d.h. 40% des Volumens von 1989 wurden abgebaut.

Abbildung 5: Beschäftigungsabbau in den neuen BL (in %)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: H. Friedrich, S. 32 (abgeändert)

In den letzten Jahren pendelt sich die Arbeitslosigkeit zwischen 1,5 Millionen und 1,6 Millionen ein. Dies entspricht einer Arbeitslosenquote zwischen 18,5% und 19,5%. Im Jahr 2005 lag die durchschnittliche Arbeitslosigkeit bei 18,7%, wobei regionale Unterschiede aufzuweisen sind. Die niedrigste Quote gab es 2005 in Thüringen mit 17,1%, die Höchste in den Neuen Ländern und somit im gesamten Bundesgebiet in Mecklenburg-Vorpommern mit 20,3%.[80]

[...]


[1] vgl. Unrein, S. 7

[2] Mikl-Horke, S. 1

[3] Unrein, S. 7

[4] Friedrich, S. 15

[5] vgl. Schöppner

[6] Datenreport, S. 98

[7] Datenreport, S. 98

[8] Brombierstäudl, S. 62

[9] Friedrich, S. 226

[10] ebd.

[11] Hradil, S. 182

[12] Datenreport, S. 98

[13] Statistisches Bundesamt (4)

[14] Statistisches Bundesamt (1)

[15] Friedrich, S. 37

[16] Grobe, S. 7

[17] Dietrich (1), S. 6

[18] Brombierstäudl, S. 60f

[19] Brombierstäudl, S. 63

[20] ebd., Schubert, S. 28f

[21] Hradil, S. 185

[22] ebd.

[23] Schäfers, S. 18f

[24] vgl. Baur, S. 37ff

[25] vgl. Friedrich, S. 79ff

[26] Hradil, S. 184f

[27] Friedrich, S. 82

[28] vgl. Friedrich, S. 101f.

[29] Schäfers, S. 27, Hradil, S. 186

[30] Bauerdick., S. 256

[31] vgl. Wilke, S 22

[32] vgl. Schäfers, S. 28

[33] ebd.

[34] vgl. Hradil, S 187

[35] Hradil S. 188

[36] Hradil, S. 187

[37] Hradil, S. 190

[38] Hradil S. 190

[39] vgl. Friedrich, S. 26

[40] vgl. Hradil, S. 188ff

[41] Friedrich, S. 27

[42] Unrein, S. 28

[43] Hradil, S. 190

[44] Schäfers, S. 28

[45] vgl. Friedrich, S. 102f

[46] Kommission, S. 81

[47] vgl. Friedrich, S. 26f

[48] Kommission, S. 84

[49] vgl. Friedrich, S. 24

[50] vgl. Friedrich, S. 32

[51] Schubert, S. 27

[52] Kommission, S. 79

[53] Datenreport, S. 108

[54] BA (2)

[55] Bach, S. 2

[56] Statistisches Bundesamt (2)

[57] Datenreport, S. 110

[58] Fuchs, S. 2f

[59] vgl. Kommission, S. 80

[60] ebd.

[62] ebd.

[63] Kommission, S. 80f

[64] Mikl-Horke, S. 315

[65] Miegel, S. 104

[66] Miegel, S. 110

[67] vgl. Miegel, S. 104

[68] Vollbeschäftigung ist nicht gleichzusetzen mit keinerlei Arbeitslosigkeit. In einer Volkswirtschaft herrscht stets ein gewisses Maß an friktioneller AL. Deswegen muss bereits bei einer ALQ unter 2% von Überbeschäftigung gesprochen werden.

[69] vgl. Miegel, S. 119f

[70] vgl. VGR

[71] Geppert, S. 9

[72] vgl. Blancke, S. 14ff

[73] Geppert, S. 7

[74] VGR

[75] vgl. Gornig, S. 172 (Tab. 3)

[76] ebd.

[77] vgl. Hradil, S. 200

[78] BA (2)

[79] vgl. Datenreport, S. 98

[80] BA (2)

Details

Seiten
108
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638594356
ISBN (Buch)
9783656380122
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68239
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Erziehungswissenschaftliche Fakultät
Note
2
Schlagworte
Soziale Ungleichheiten Arbeitslosigkeit Theorien Ursachen Folgen

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Titel: Soziale Ungleichheiten durch Arbeitslosigkeit - Theorien - Ursachen - Folgen