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Die Funktion der "Rip van Winkle" Episode in Max Frischs Roman "Stiller" aus erzähltheoretischer Sicht mit Gèrard Genette

Hausarbeit 2002 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Funktionale Beziehungsmöglichkeiten von "Metageschichte" und "erster Geschichte" nach Gerard Genette

III. Die Rip van Winkle Episode als Metageschichte

IV. Funktionen der Metaerzählung
a) für den Erzählenden
b) für den Verteidiger
c) für den Leser

V. Für den Leser erkennbare Gemeinsamkeiten der Metageschichte "Rip van Winkles" mit der Situation Stillers
a) Zum ersten Abschnitt:
b) Zweiter Abschnitt:
c) Dritter Abschnitt:

VI. Schluß

VII. Literatur

I. Einleitung

Gegenstand dieser Hausarbeit ist die Untersuchung der Funktion der Rip van Winkle Geschichte in Max Frischs Roman Stiller. Die Untersuchung soll anhand literaturtheoretischer Überlegungen Gerard Genettes[1] vorgenommen werden. Hierbei lässt sich die Frage stellen, inwieweit eine erzähltheoretische Herangehensweise dem literarischen Text – als Kunstwerk verstanden - überhaupt gerecht werden kann. Zur Zerstörung der ästhetischen Erfahrung durch den Interpreten bemerkt Horst Steinmetz: „Im Grunde versucht jeder Rezipient, weil er den Text `verstehen´ will, ihn zu depoetisieren, ihn derjenigen Phänomene zu berauben, die ihn als literarischen Text auszeichnen und die zu Anfang den Reiz der Lektüre ausmachen.[2]“ Darüber hinaus liegt jeder wissenschaftlichen Methode, aber auch schon jeder Fragestellung liegt darüber hinaus bereits eine gewisse Auswahl und damit eine Wertung zugrunde, keine Methode ist die richtige, wahre oder gar objektive. Im vorliegenden Fall liegen zum Beispiel bei der Frage nach der Funktion dieser Geschichte gewisse Vorannahmen zugrunde. Sei es die Vorannahme, es müsse sich ein rational nachweisbarer Sinn für das Einfügen der Geschichte auffinden lassen oder die Annahme, diese Erzählung müsse im Zusammenhang mit den zentralen Themen des Romans stehen. Dem Nachspüren solcher Fragen haftet stets ein starkes intuitives, wissenschaftlich letztlich nicht ausweisbares Moment an. Um die daraus resultierende Relativität jeder Deutung muss man wissen, da sie sich nie ganz überwinden lässt. Trotzdem hat diese Fragestellung ihre Legitimität, zumal die Frage nachdem „Warum“ des Erzählens dieser Geschichte im Roman selbst vom Zuhörenden und somit quasi stellvertretend für den Leser gestellt wird. Auch das Hinzuziehen einer Erzähltheorie scheint für die Bearbeitung der Frage hilfreich, da eine kritische Auseinandersetzung mit bereits Vorhandenem eine gute Basis für eine Untersuchung bildet.[3] Dabei wird zu prüfen sein, ob die Rip van Winkle Geschichte einem der von Genette vorgeschlagenen drei Typen von funktionaler Beziehung zwischen Metaerzählung und erster Erzählung zuzuordnen ist. Konkret auf den Roman Stiller bezogen wird es um die Frage gehen, warum White/Stiller dieses Märchen erzählt, in welchem funktionalen Verhältnis das Märchen zum Roman steht und damit verbunden um die Frage, inwieweit schon anhand dieses Märchens Bezüge in Richtung der zentralen Themen möglich sind. Hierbei wird der erste Schritt die Vorstellung und Erläuterung der drei von Genette unterschiedenen möglichen funktionalen Beziehungen zwischen Metageschichte und Roman sein. In einem zweiten Schritt folgt die Applikation dieser theoretischen Überlegungen auf den konkreten Fall des Märchens Rip van Winkles, wobei sich eine Unterscheidung der Perspektive des Erzählers (White), des Zuhörers (Verteidiger) und des Lesers als notwendig erweisen wird. In einem letzten Schritt werden die für den Leser erkennbaren Gemeinsamkeiten der Metageschichte Rip van Winkles mit der Situation Stillers herausgestellt.

II. Funktionale Beziehungsmöglichkeiten von "Metageschichte" und "erster Geschichte" nach Gerard Genette

Genette unterscheidet drei Möglichkeiten der funktionalen Verbindung von Metaerzählungen mit der ersten Erzählung. Der erste Typ wird durch ein unmittelbares Kausalverhältnis bestimmt, wobei "a lle diese Erzählungen, ob explizit oder nicht, auf eine Frage vom Typ "Welche Ereignisse haben die gegenwärtige Situation herbeigeführt?"antworten." [4] Der zweite Typ von Metageschichten steht in einer rein thematischen Beziehung zur ersten Geschichte, innerhalb der Genette zwischen einer Beziehung der Ähnlichkeit und einer Kontrastbeziehung unterscheidet. Der dritte Typ schließlich weist keinerlei explizite Beziehung zwischen beiden Erzählungen auf und erfüllt damit lediglich eine Funktion des Herauszögerns und / oder der Zerstreuung. Obwohl die Grenze zwischen einer rein kausalen Beziehung und einer thematischen Beziehung hinsichtlich des Inhalts oft fließend ist, läßt sich dennoch auf formaler Ebene ein Unterscheidungskriterium auffinden.

Im Fall der kausalen Beziehung wird nach einer Ursache gefragt, die dem Erzählen der Geschichte zeitlich vorausgeht, d.h. man befindet sich auf der Ebene der Zeitlichkeit. Davon unterscheiden läßt sich die von Genette innerhalb der thematischen Beziehung vorgenommene Trennung von Ähnlichkeits- und Kontrastbeziehung insofern, als die Kontrastbeziehung auf der Ebene der Räumlichkeit gesehen werden kann, es sich hier also um eine Gleichzeitigkeit handelt. Betrachtet man hingegen die Ähnlichkeitsbeziehung, überschneiden sich der erste und zweite Beziehungstyp, da die Beziehung der Kausalität eben auch auf thematischer Ebene liegen kann.

III. Die Rip van Winkle Episode als Metageschichte

Bei der von White erzählten Geschichte Rip van Winkle handelt es sich um eine Erzählung in der Erzählung oder, mit Gerard Genette gesprochen, um eine Metaerzählung bzw. um eine Erzählung zweiter Stufe. Die Rip van Winkle Geschichte befindet sich im ersten Heft, es handelt sich um eine Heimkehrergeschichte, die White seinem Verteidiger erzählt, um seine Situation zu verdeutlichen. Das Märchen handelt von einem Mann, Rip, der den Anforderungen, die er von der Umwelt an sich gestellt sieht, nicht entspricht. Nach seinem letzten vergeblichen Versuch, sich als Jäger zu etablieren, wird er von einem Mann in eine Schlucht geführt. Dort verbringt er Jahre mit dem Versuch, den Anforderungen der dortigen Gesellschaft zu entsprechen, bis ihm schließlich die Sinnlosigkeit seines Tuns bewußt wird, und er beschließt, in sein heimatliches Dorf zurückzukehren. Im Dorf erkennt ihn nach all den Jahren niemand mehr, und er gibt sich auch seiner Tochter nicht zu erkennen und bleibt dadurch ein Fremder in einer ihm fremd gewordenen Welt.

Grundlage dieser Geschichte ist ein amerikanisches Märchen von Washington Irving. Frisch selbst hat dieser Stoff durch vier Jahrzehnte hindurch beschäftigt, wobei die Form, die 1954 im Stiller erscheint, weder die erste noch die letzte Fassung ist. Unter anderem taucht der Stoff des Märchens 1953 im Hörspiel mit dem Titel Rip van Winkle auf, welches man als eine dramatisierte Kurzform des Romans Stiller betrachten kann. Die thematische Beziehung wird schon durch eine dem Hörspiel von Frisch vorangestellte Deutung offenbar: "Das ist die Skizze von einem Menschen, der nie gelebt hat: weil er von sich selber forderte, so zu sein, wie die anderen es von ihm forderten. Und eines Tages, als er aus diesem Spuk erwachte, siehe da, die Leute konnten es nicht dulden, daß einer ohne Namen lebte. Sie steckten ihn in das Gefängnis, sie verurteilten ihn zu sein, was er gewesen ist, und duldeten nicht seine Verwandlung."

Darüber hinaus zieht sich die, in der Rip van Winkle Geschichte anklingende Problematik der Identität und die damit im Zusammenhang stehenden Fragen des Rollenspiels und des Bildnisses wie ein roter Faden durch das gesamte Werk Frischs:

"Das Ringen des Protagonisten um seine Identität nimmt im Roman eine alle anderen Probleme weit überragende Stellung ein. Was die Identität der Person subjektiv gefährdet, ist die neurotische Sehnsucht nach einem anderen Ich, nach einem erfüllteren Leben. Sie bestimmt im Zusammenhang mit dem Identitätsproblem das gesamte Werk Frischs. Seine Helden leiden an der begrenzten Alltagswirklichkeit, in der sie sich in eine Rolle gedrängt fühlen, die sie daran hindert, sie selbst zu sein."[5]

[...]


[1] Gerard Genette: Die Erzählung

[2] Horst Steinmetz, S. 30

[3] Siegfried J. Schmidt bestimmt empirisches Forschen auch in der Literaturwissenschaft als „theoriegeleitete operationalisierte Produktion von Erfahrungswissen (=Fakten, Tat-Sachen), das kommunikativ anschlussfähig ist und dessen Interpretation als Fremdreferenz auf signifikante Zeit nicht widersprochen wird, weil es intersubjektiven Überprüfungen standhält“. [S. J. Schmidt: Interpretation – eine Geschichte ohne Ende, S.41 In: Interpretation 2000: Positionen und Kontroversen]

[4] Gerard Genette: Die Erzählung, S.166

[5] Kindlers Neues Literaturlexikon Band 5, S. 859

Details

Seiten
18
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638609227
ISBN (Buch)
9783638754187
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68269
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Germanistik I
Note
1,3
Schlagworte
Funktion Winkle Episode Frischs Roman Stiller Gèrard Genette Untersuchungen Erzählperspektive Gèrard Genette Max Frisch Rip van Winkle Literaturtheorie Metaerzählung Märchen Schweizer Autoren Erzähltheorie Literatur nach 1945

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