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Über Henri Bergsons RaumZeit und Wille

Essay 1999 5 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Eine glückliche Erinnerung ist vielleicht

auf Erden wahrer als das Glück.

Alfons de Musset (1810-1857)

Der einflußreichste aller neueren Lebensphilosophen ist der Franzose Henri Bergson, der von 1859 bis 1941 lebte. Als Schüler von J. Lachelier war Berg-son der Hauptvertreter einer Philosophie, die in der Entwicklungslinie des französischen Voluntarismus und Spiritualismus stand. Auch sein Haupt-werk Zeit und Freiheit zeichnet sich nicht zuletzt durch seine Schönheit der Sprache und Reichtum an Bildern aus. Seine Gedanken gehen aus von dem Verhältnis von Raum und Zeit; ihrer Verbundenheit und Bedingtheit. Gegen-über Einsteins strikt physikalischer Definition hatte Bergson bereits in den zwanziger Jahren die Dauer betont, die jedem Zeitablauf zugrunde liegt. Zeit kann nur vergehen vor dem Hintergrund dessen, was bestehenbleibt. Dauer können wir nur empfinden durch das, wovon alle Musik und alles Erzählen lebt: Pausen und Langsamkeit.[1]

Im dritten Kapitel seines Haupwerks beschreibt Bergson ein grundlegendes Phänomen des menschlichen Bewußtseins – das Gefühl eines freien Willens – anhand der zwei gegensätzlichen Positionen des Determinismus uns Indeter-minismus. Bergson entwirft eine Grafik (Abb. 1), in der eine Linie die Zeit darstellt, auf der das Bewußtsein M einer Person entlang lebt und sich im Glauben an einen freien Willen an einer Gabelung O erlebt:

links oder rechts, x oder y? Diese räumliche Symbolik hat eine entscheidende Schwäche. Berg-son beschreibt sie als Aporie, in der sich die Deterministen und Indeterminis-ten in kindlicher Ausweglosigkeit gegenüberstehen: „Die Handlung ist vollzo-gen, wenn sie erst einmal vollzogen ist, aber bevor die Handlung vollzogen wurde, war sie noch nicht vollzogen.“[2] Offensichtlich macht diese Argumenta-tion keinen Sinn. Beide Parteien begehen den Fehler der Trennung von Raum und Zeit. Wille und Tat werden rückwirkend als räumlich getrennt vom In-der-Zeit-Sein betrachtet und die Tat als etwas Statisches, losgelöst von allen Antezedentien. Diese sind aber bis zur infinitesimalen Nähe des Augenblicks der Handlung eben die Handlung selbst. So ist das Gefühl einer willkürlichen Tat das Gefühl selbst und als solches nicht nachträglich beschreibbar.

[...]


[1] Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung 1999, Nr.1.

[2] Bergson 1994, 136, Abb. Von Seite 132. Alle Seitenangaben im Text hierzu.

Details

Seiten
5
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638609838
ISBN (Buch)
9783656697817
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68374
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Henri Bergsons RaumZeit Wille

Autor

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Titel: Über Henri Bergsons RaumZeit und Wille