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Ein Ort bewegter Heimkehr - Versuch einer topologischen Interpretation über Hegels Dialektik

Seminararbeit 2001 19 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitende Vorrede

Bewegtes Werden

Nicht ∞ Orte

Endliches Heimkehren

Literaturverzeichnis

Einleitende Vorrede

Noli turbare circulos meos! Störe meine Kreise nicht!

Archimedes, 212 bc

Einleitende Vorrede

Noli turbare circulos meos! Störe meine Kreise nicht! Archimedes, 212 bc.

Störend in Hegels Kreise werfen möchte ich mich, ohne ihn zuvorderst töten zu müssen. Den Momenten seiner Bewegungen, seinen kreisenden Gedanken soll versucht werden nachzudenken. Jeder meiner Gedanken über Hegels Satz-Teile, die je schon Ganzes für sich sind, erscheinen natürlich auch als eine Wiederholung. Aber jeder Anfang ist eben immer schon seine Wieder-holung, um mit einem Worte Derridas meinen Versuch zu entschuldigen. Um Hegels Dialektik soll es im folgenden kreisend gehen. Meine Gedanken kon-zentrieren sich dabei auf die Beschreibungen seines bewegten Unterwegs-seins hin zu einem arche-telos eines zu-sich-selbst-kommenden Weltgeist und der Bedingung seiner Möglichkeit ― einer vollendeten Philosophie als Wissenschaft. Im ersten Teil sollen hernach das sich selbst denkende Bewußtsein beobachtet werden in seinem dialektischen Kreisen und vor allem die Bedeutung der Begriffe Moment und topologischer Ort als Konsequenz der vielen geometrischen Metaphern in Hegels Werk. Der zweite Teil ist inspiriert durch eine Bemerkung Hegels über das Verhält-nis von Teilen der Philosophie zu derem Ganzen als „ein in sich selbst schließender Kreis […]; das Ganze stellt sich daher als ein Kreis von Kreisen dar, deren jeder ein notwendiges Moment ist.”[1] Jene Momente vergleicht Hegel an vielen Stellen mit einer Pendelbewegung. Diese Pendelschläge werde ich innerhalb der Topologie eines Phasendiagramms nach Henri Poincarés Arbeit von 1890 untersuchen. In einem solchen Phasenzustandsdiagramm beschreibt ein Pendel eine Ellipse (Abb. 1). Danach wird die Annahme eines Kreisringes oder Torus als Hüllkurve zwingend anstelle der üblichen euklidisch-geometrischen Anschauung der dialektischen Bewegung als nach oben gerichtete Spirale.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1

Innerhalb einer solchen nicht-euklidischen Topologie wird das Denken nicht vermittels einer Dialektik im Sinne einer Archimedischen Schraube auf eine je-höhere Stufe geistiger Vollkommenheit bewegt, sondern das Denken ist als sein Bewegtsein dieser Prozeß selbst. In jedem Moment sei das Ganze gleich seiner werdenden Teile und denkendes Bewußtsein als unterwegs-daseiende Bewegung sein Selbst.[2] Der dritte Teil versucht abschließend den Dreischritt des Verortens dialektischer Bewegung zwischen Topologie und Poesie. Die zentrale Metapher der Heimkehr verwendet Hegel poetisch in jeder Skalierung: das Zu-sich-kommen des Weltgeistes in Historie als größter Maßstab und als kleinster jeder in sich noch so verwundene Gedanken-Zirkel. Das Prinzip einer fraktalen Selbstähnlichkeit drängt sich geradezu auf, soll aber nicht Gegenstand dieser Untersuchung sein. Mit Hegels damaligem Stifts-Zimmergenossen Hölderlin werde ich kurz die Spur zurückverfolgen, die seine Poesie der Heimkehr hinterließ.

Beim Lesen eines Textes oder Anschauen eines Bildes erscheinen aufgerissenen Lücken, Abgründe gleichzeitig überbrückt und für sich beste-hen gelassen zu sein. In diesem Sinne begegnete Hegel in der Liebe erstmals einem Kraftmoment, das er in jedweder Realität wiederfand ― der Dialektik ―, deren Wurzeln mithin nicht im Abstrakten an sich liegen, son-dern in der Kontemplation konkret-ästhetischer Phänomene. Dann scheint Dialektik in Bewegung nicht als originär philosophische Methode, sondern als ein wesent-lich topologisches Strukturprinzip der Wirklichkeit. In jener Liebe ist Dialektik als ein ganzes philosophisches System nur möglich in Synthesen des Sein-lassens unversöhnlich-antinomischer Sachverhalte aus Thesen und Antithe-sen. Schon immer gilt: „Die Aufgabe, der unendliche Bezug, ist geblie-ben.”[3] Als Strukturprinzip ist Dialektik somit schwerlich experimentell zu prü-fen, „man kann die Weltgeschichte nicht so einstellen, daß Dialektik entsteht. Andererseits ist ihre Geschichte in Europa alt.“[4] Auch bedeutet Hegels Durch-gang durch die Dialektik nicht eine Mystifikation im Annähern an Begriffe wie Geist und Religion,[5] sondern das Sein-lassen des Mystischen überhaupt, das im nicht-existenten Zentrum aller Diskurse ewig anwest. Bevor ich Hegels Kreisbewegungen mitdenke, sei noch eine Bemerkung Adornos zitiert über die Bedingung der Möglichkeit des Denkens innerhalb des akademischen Univer-sums und dessen erkennenden Lücken. Gerade weil für Adorno dialektisches Denken ein Versuch bedeutet, den „Zwangscharakter der Logik mit deren eigenen Mitteln zu durchbrechen“ und mithin die Vernunft in jedem Moment in der Gefahr steht, „dem Zwangscharakter selber zu verfallen“[6]:

Lücken. ― Die Aufforderung, man solle sich der intellektuellen Redlichkeit beflei-ßigen, läuft meist auf die Sabotage der Gedanken heraus. Ihr Sinn ist, den Schrift-steller dazu anzuhalten, alle Schritte explizit darzustellen […] den Prozeß nachzu-vollziehen. [Das] ist falsch auch als Prinzip der Darstellung selber. Denn der Wert eines Gedankens mißt sich nach der Distanz von der Kontinuität des Bekannten. […] je mehr er sich dem vorgegebenen Standard annähert, um so mehr schwindet seine antithetische Funktion, und nur in ihr, im offenbaren Verhältnis zu seinem Gegen-satz, nicht in seinem isolierten Dasein [[7]] liegt sein Anspruch begründet. […] Jedem Gedanken jedoch, der nicht müßig ist, bleibt wie ein Mal [Grab, Inschrift] die Unmöglichkeit der vollen Legitimation einbeschrieben.[8]

[...]


[1] Hegel, 1979, Bd. 8, 60.

[2] Vgl. Hegel 1979, Bd. 3, 80.

[3] Gadamer 1975, XXIV.

[4] Benn 1964, 123.

[5] Vgl. Marx 1947, Bd. 1, 18.

[6] Adorno 1982, 199.

[7] Derrida 1990, 114f. Für jedweden Diskurs kann es kein positives Strukturzentrum, keinen Punkt der Präsenz, keinen festen Ursprung geben: „Das Zentrum ist nicht das Zentrum.” Vgl. Deleuze 1980, 10: „Ausgangspunkt, Endpunkt existiert nicht.”

[8] Adorno 1982, 99f.

Details

Seiten
19
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638594523
ISBN (Buch)
9783638754248
Dateigröße
821 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68382
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,0
Schlagworte
Heimkehr Versuch Interpretation Hegels Dialektik

Autor

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Titel: Ein Ort bewegter Heimkehr - Versuch einer topologischen Interpretation über Hegels Dialektik