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Mädchenerziehung vom Spätmittelalter bis in die frühe Neuzeit

Hausarbeit 2007 11 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erziehungsziele und -methoden vom Spätmittelalter bis in die frühe Neuzeit
2.1. Allgemeine Erziehungsziele
2.2. Erziehungsziele bei Mädchen
2.3. Erziehungsmethoden

3. Erziehung adliger Mädchen

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Für unsere Groß- und Urgroßmütter gab es definierte Rollenzuweisungen. Neueste Soapoperas über die „Bräuteschulen“ (ZDF) der 50er Jahre verdeutlichen die untergeordnete und dienende - gesellschaftlich akzeptierte - Rolle der heutigen Großmütter- und Urgroßmüttergeneration.

Nicht erst seit den 60er und 70er Jahren wurde diese Rollenzuweisung zunehmend in Frage gestellt, wurden Diskussionen über Gleichberechtigung, Emanzipation oder Gleichstellung der Frau geführt und gesetzliche Regelungen hinsichtlich deren Verwirklichung getroffen. Auch mit Hilfe der Frauen- oder Gleichstellungsbeauftragten auf den politischen oder administrativen Ebenen entspricht z.B. der Anteil der Frauen in Führungspositionen bekannterweise bis heute noch längst nicht ihrer Bevölkerungsquote.

In dieser Arbeit soll untersucht werden, ob diese Rollenverteilung von Mann und Frau z.B. das Ergebnis der Industriellen Revolution und deren Arbeitsteilung ist, oder ob die Unterdrückung der Frau bzgl. ihrer freien Entfaltungsmöglichkeit auch schon unter dem Feudalsystem des Mittelalters bestand. Dazu werde ich versuchen, Erziehungsziele und - ideale für Mädchen, speziell auch adliger Mädchen, im Mittelalter und der frühen Neuzeit aufzuzeigen.

Ein Problem ergibt sich bei der Literatursammlung zum Thema dieses Referates:

In vielen allgemeinbildenden Werken kann man über das Leben von Knappen, Rittern und Mönchen und dem Lebensalltag der Männer im Spätmittelalter lesen. Wird in einem solchen Werk von Erziehung gesprochen, geht es meist nur um die Erziehung von Jungen. In der Kinder- und Jugendliteratur über das Mittelalter werden Mädchen allenfalls als „holde Maid“ oder als „Burgfräulein“ erwähnt. Von ihren tatsächlichen Lebensbedingungen, ihrer Erziehung, ihren Pflichten und Rechten erfährt man darin nur sehr wenig.

2. Erziehungsziele und -methoden vom Spätmittelalter bis in die frühe Neuzeit

2.1. Allgemeine Erziehungsziele

Höchstes Ziel in allen Ständen der Lehnspyramide des Mittelalters bis hin zur Zeit der Aufklärung und darüber hinaus war die Erziehung zu einem christlichen und gottgefälligen Menschen. Ein guter Christ war der, der alle seine Pflichten gläubig erfüllte. Das bedeutete, dass er die Zehn Gebote1einhalten musste und keine der Sieben Todsünden2 begehen durfte. Von einem guten Christ wurden Liebe, Nächstenliebe, Vernunft, Hoffnung, Mäßigung und Seelenstärke gefordert.3

Außerdem durfte dieser nicht fluchen, niemanden verleumden und sich auf keinerlei Streitigkeiten einlassen. Natürlich gehörte auch die Spendenfreudigkeit für die Kirche dazu, ebenso die Nächstenliebe, die sich durch Almosen für die Armen erweisen ließ. Christenpflicht war es ebenfalls, bei Letzteren im Todesfall für ein christliches Begräbnis zu sorgen.4

Alles dies gehörte zu einem von Gottesfurcht und Liebe zu Gott bestimmten Leben, um später möglichst schnell vom Fegefeuer erlöst zu werden.5

2.2. Erziehungsziele bei Mädchen

Innerhalb der detailliert festgelegten Standes- und Werteordnung war auch die Erziehung der Mädchen genau geregelt. Besonders wichtige Ziele bei deren Erziehung waren u.a. Bescheidenheit, Keuschheit und der Gehorsam. So lernten und übten sie diese als Kindergegenüber Eltern und „Respektspersonen“ als Vorbereitung auf ihre christliche Pflicht,dem späteren Ehemann gegenüber stets eine gute und gehorsame Ehefrau zu sein.

Um dem Los der gehorsamen Ehefrau zu entgehen, bestand für Mädchen die Möglichkeit, in einen Orden einzutreten. Ihnen blieben dort zwar zumindest die ehelichen Pflichten erspart, aber als Nonnen mussten sie sich den jeweiligen Ordensregeln unterwerfen.6 Ein weiteres Erziehungsziel war, die Ständeordnung als gut und von Gott gewollt anzuerkennen. In Ermangelung eines sozialen Alterssicherungssystems war es außerdem eines guten Christen Pflicht, die Eltern zu ehren und im Alter für sie zu sorgen.

2.3. Erziehungsmethoden

Nach dem siebten Lebensjahr wurde empfohlen, Jungen von Vätern und Mädchen von Müttern erziehen zu lassen.7

Die Hauptaufgabe der Mütter bei der Erziehung ihrer Töchter bestand darin, ihnen den christlichen Glaubensregeln entsprechend die oben genannten Tugenden zu vermitteln und sie auf ihre späteren Aufgaben als Ehe-, Hausfrau und Mutter vorzubereiten. Ebenso galt es, darauf zu achten, dass die Töchter nur in Maßen essen und trinken und sich nur wenig salben, baden und schminken sollten.8

Von den Mädchen wurde Zurückhaltung zur Bewahrung ihrer Keuschheit gefordert. Da Mädchen auf Grund ihres „[…] schwach ausgeprägten Verstandes, ihres Leichtsinns und ihres Hangs zur Sünde […]“9 leicht zu verführen seien, sollten sie das Haus möglichst nicht verlassen und sich nicht ohne Aufsichtsperson in eine Gesellschaft begeben.10 Zwar war es Mädchen erlaubt, mit ihren Brüdern zu sprechen und sogar zu spielen, jedoch durften diese keine Freunde mit nach Hause bringen, damit die Schwestern nicht mit ihnen in Kontakt treten konnten.11

Der Schriftsteller Philipp Novara war im 13. Jahrhundert der Meinung, dass Mädchen weder lesen noch schreiben lernen sollten, da diese Kenntnisse sie zu Sünden verleiten könnten. Dadurch wäre es ihnen beispielsweise möglich, einen Briefwechsel mit Liebhabern zu führen. Eine Ausnahme ließ Novara für Nonnen gelten, die die Kenntnisse des Lesens und Schreibens zum Studieren der Bibel benötigten. Er legte den Mädchen adliger Familien nahe, „[…] nur Weben und Spinnen als Heilmittel gegen den

Müßiggang (der bekanntlich aller Laster Anfang ist) zu lernen und um die Arbeit anderer wertschätzen zu können.“12

Spätere Autoren waren der Meinung, dass Mädchen in der Schule oder zu Hause vor allem in der christlichen Glaubenslehre unterrichtet werden sollten. Dazu gehörte, dass sie Gebete auswendig lernten und die Lesefähigkeit anhand ausgewählter Bibeltexte erlernten.13

Vermutlich waren es ökonomische Gründe, dass Töchter von Kaufleuten und aus dem höheren Adel darin ausgebildet werden durften, später einmal Landbesitz verwalten oder die Haushalts- oder geschäftliche Buchführung übernehmen zu können. Sie sollten in Zeiten, in denen der Ehemann im Krieg, auf Reisen oder verstorben war, in der Lage sein, die Geschäfts- und Haushaltsverpflichtungen weiterführen zu können.14 Weitere Bildungsbereiche standen ihnen nicht offen. Mädchen durften z.T. bis ins 19. Jahrhundert weder eine Universität noch eine kaufmännische Schule besuchen. Ihnen war lediglich gestattet, den Elementarunterricht zu besuchen.15

Hinsichtlich der Sanktionsmaßnahmen gegenüber Frauen gab es unterschiedliche Meinungen. So war zumindest die Prügelstrafe in der Ehe für Frauen umstritten. Einige hielten diese für nicht notwendig, da Frauen zart und zerbrechlich seien, und sie der Meinung waren, eine strenge Aufsicht reiche, um die erwünschten Erziehungsziele zu erreichen.16

Erst im 19. und 20. Jahrhundert verbreitete sich die These, dass mit Lob und Güte bei der Kindererziehung mehr zu erreichen sei als mit Tadel oder Schlägen.17 Im 15. Jahrhundert war Metlinger davon überzeugt, dass ein Kind aus Krankheit ungehorsam handle, deshalb sprach er sich für eine nachsichtige Erziehung aus. Er wollte erreichen, dass Eltern nicht zu streng mit ihren Kindern umgingen. Kleinere Vergehen der Kinder sollten sie übersehen.18

Der Schriftsteller Thomasin von Zerclaere und der Prediger Berthold von Regensburg plädierten dagegen für viel Strenge und Züchtigung bei ungehorsamem Verhalten.19

So hielten sie z.B. den Einsatz der Rute bei der Kindererziehung für eine geeignete

Methode der Abschreckung.20 Begründet wurde dies damit, dass man sein Kind nicht liebe, wenn man es nicht tadele.

3. Erziehung adliger Mädchen

Meist wurde die Geburt eines Mädchens weniger geschätzt als die eines Jungen.21

Im Gegensatz zu Jungen blieben Mädchen in der Regel auch nach dem siebten Lebensjahr bei ihren Eltern wohnen.

Für die Adligen unter ihnen gab es häufig folgende von den Eltern bestimmte Alternativen:

- Sie wurden in fremde Haushalte geschickt. Vorzugsweise wurden sie bereits im Kindesalter verlobt und auf das Anwesen des zukünftigen Ehemanns geschickt.22
- Sie wurden bis zu ihrer Hochzeit in ein Kloster gegeben.23
- Sie lebten bei ihren Eltern und lernten bei Lehrern. Mädchen aus dem niederen Adel lernten beim Pfarrer. Adlige Stadtmädchen konnten die öffentlichen Schulen besuchen.24

Oberstes Erziehungs- und Lernziel war immer die Vorbereitung auf die Rolle als Ehefrau. „Sie lernten, sich schicklich zu verhalten und sich in ihren Mußestunden die Zeit zu vertreiben.“25

Das Mädchen wurde auf ihre Rolle als spätere Hausfrau vorbereitet, die für alle Angelegenheiten im Haus zuständig war.26Diese in den nichtadligen Schichten anerkannten Erziehungsziele unterschieden sich kaum von denen des Adels. So sollten adlige Mädchen ebenfalls die Gebote des Christentums befolgen und nach den beschriebenen Tugenden streben. Auch für sie galten die zu erstrebenden Tugenden Frömmigkeit, Gehorsam, Ergebenheit und Keuschheit. Auf letzteres wurde vom Adel sicherlich nicht nur wegen der oft vorgeplanten Heiratspolitik besonders viel Wert gelegt.27

Großherzigkeit oder Großmut schickten sich nur bedingt für eine Edelfrau, auf gar keinen Fall jedoch, wenn es sich um die körperliche Hingabe handelte.28

In höfischer Literatur steht die Frau im Mittelpunkt. Hier ist sie die Edelfrau, die ihrem Mann die Spielregeln vorgibt. Der Ritter muss sich erst als Krieger bewähren, bevor sich die Frau für ihn entscheidet.

In der höfischen Literatur wird weniger Wert auf die Tugenden Gehorsamkeit und mögliche Selbstaufopferung der Edelfrau gelegt. In einigen Schriften ist selbst die Erwähnung der Keuschheit nicht zu finden.29

Die Ausbildung der adligen Mädchen unterschied sich im 12. und 13. Jahrhundert kaum von der der angehenden Ritter. Sie lernten in der Volkssprache lesen und schreiben, manchmal rechnen und in lateinischer Sprache Bibelstellen auswendig, Auszüge aus den Heiligen Leviten, Gebete und Psalmen. Außerdem wurden sie in den Grundlagen der Heilkunde, die mit der heutigen Ersten Hilfe vergleichbar ist, unterrichtet.30 Mädchen lasen Verserzählungen und Epen. Eine wohlerzogene Edelfrau lernte reiten, Falken züchten und abrichten, Schach und andere Gesellschaftsspiele, Geschichten erzählen, rezitieren, Rätsel stellen und lösen. Außerdem lernten sie singen, tanzen, ein Saiteninstrument spielen, stricken und weben. Indem das Mädchen der Hausherrin tatkräftig zur Seite stand, lernte sie, einen Haushalt zu führen.31

Im Laufe des 13. Jahrhunderts klafften die Erziehung adliger Mädchen und die zukünftiger Ritter immer weiter auseinander.32

Nur wenige Mädchen bekamen eine so umfassende Erziehung33wie Jungen.34Mädchen spielten mit Puppen und ahmten Edeldamen nach.35

Von Beziehungen zwischen Eltern und kleinen Mädchen ist nur selten die Rede. Vermutlich hatten Väter in adligen Familien kaum Kontakt zu ihren Töchtern. Erst gegen Ende der zweiten oder zu Beginn der dritten Kindheitsphase begann der Vater sich um seine Tochter zu kümmern. Dies geschah indem er für sie einen geeigneten, das heißt vermögenden, Ehemann suchte.36

Die Erziehung eines Mädchens war zwar weniger kostspielig als die eines zukünftigenRitters, trotzdem bekam jedes Mädchen eine Mitgift zur Heirat.37

Das westeuropäische Heiratsmuster war durch eine relativ späte Heirat gekennzeichnet. Im Mittelalter wurden in ganz Westeuropa die jungen Adligen schon sehr früh verheiratet, manchmal schon vor dem zwölften Geburtstag. Das Mindestalter für eine Heirat war auf zwölf bzw. dreizehn Jahren festgelegt. Das durchschnittliche Heiratsalter bei adligen Mädchen lag im Spätmittelalter bei siebzehn Jahren. Eine Verlobung, die vor dem zwölften Lebensjahr stattfand, konnte auf eigenen Wunsch annulliert werden. Seit dem

12. Jahrhundert war das Einverständnis von Jungen und Mädchen zur Hochzeit erforderlich. Häufig jedoch wurden Mädchen zur Zustimmung gedrängt.38 Der Übergang von der ersten zur zweiten Kindheitsphase war bei den Mädchen, die im Elternhaus blieben, weniger einschneidend. Die meisten Mädchen wurden mit Beginn der Adoleszenz verheiratet und bekamen dann schon bald ihr erstes Kind. Danach blieb in der Regel die Schwangerschaft bei Frauen im gebärfähigen Alter der Normalzustand. Wobei es als durchaus normal galt, wenn die Frau mehr als zehn Kinder gebar.39 Adlige Mädchen wurden oft vor ihrer Volljährigkeit verheiratet und konnten somit nie ihre entsprechenden Rechte einfordern.40

[...]


1Vgl. Exodus 20, 2 - 17 und Deuteronomium 5, 6 - 19:

1. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben

2. Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen

3. Du sollst den Feiertag heiligen

4. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren

5. Du sollst nicht töten

6. Du sollst nicht ehebrechen

7. Du sollst nicht stehlen

8. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden

9. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus

10. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib

2Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche zur Todsünde:

1. Hochmut (Übermut, Eitelkeit, Stolz)

2. Geiz (Habgier, Habsucht)

3. Völlerei (Gefräßigkeit, Unmäßigkeit, Maßlosigkeit, Selbstsucht)

4. Zorn (Wut, Vergeltung, Rachsucht)

5. Wollust (Unkeuschheit)

6. Neid (Missgunst, Eifersucht)

7. Trägheit des Herzens/des Geistes (Überdruss)

3Vgl. Shahar (1993), S. 196

4Vgl. ebd.

5Vgl. ebd.

6Vgl. ebd.

7Vgl. ebd., S. 205

8Vgl. ebd.

9Ebd.

10Vgl. ebd.

11Vgl. ebd.

12Vgl. ebd., S. 206

13Vgl. ebd.

14Vgl. ebd.

15Vgl. ebd.

16Vgl. ebd.

17Vgl. Loffl-Haag (1991), S. 70

18Vgl. ebd., S. 71f.

19Vgl. ebd.

20Vgl. ebd.

21Vgl. Hammerstein (Hg.) (1996), S. 144.

22Vgl. Shahar (1993), S. 250f.

23Vgl. ebd., S. 251

24Vgl. ebd.

25Ebd.

26Vgl. Hammerstein (Hg.) (1996), S. 144.

27Vgl. Shahar (1993), S. 252

28Vgl. ebd. und vgl. Hammerstein (Hg.) (1996), S. 144

29Vgl. Shahar (1993), S. 253

30Vgl. ebd.

31Vgl. ebd.

32Vgl. ebd.

33Persönliche Anmerkung: gemeint ist die Erziehung im Sinne von Bildung

34Vgl. Shahar (1993), S. 253f.

35Vgl. ebd., S. 254

36Vgl. Shahar (1993), S. 255

37Vgl. ebd.

38Vgl. ebd.

39Vgl. ebd., S. 256

40Vgl. ebd.

Details

Seiten
11
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638610742
ISBN (Buch)
9783638782890
Dateigröße
405 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68529
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Schlagworte
Mädchenerziehung Spätmittelalter Neuzeit Kinderspiel Problematik Geschichte Kindheit

Autor

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Titel: Mädchenerziehung vom Spätmittelalter bis in die frühe Neuzeit