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Junge Erwachsene in der unübersichtlichen Moderne oder die Kunst der Entscheidung

Diplomarbeit 2006 110 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

1. BEGRIFFSBESTIMMUNG: JUNGE ERWACHSENE

2. ASPEKTE GESELLSCHAFTLICHEN WANDELS UND MÖGLICHE AUSWIRKUNGEN FÜR JUNGE ERWACHSENE
2.1 Individualisierung
2.1.1 Was unter Individualisierung zu verstehen ist
2.1.2 Auswirkungen der Individualisierungsprozesse auf das Individuum
2.1.3 Individualisierung und Wiedereinbindung
2.2 Pluralisierung der Lebensformen
2.2.1 Pluralisierung und Lebensform
2.2.2 Einflussfaktoren für die Entstehung neuer Lebensformen
2.2.3 Pluralität in Grenzen
2.2.4 Einschränkungen zur Pluralisierungsthese
2.3 Entscheidungsvielfalt und Individualisierungsdruck

3. VERSCHIEDENE AUFGABEN UND ANFORDERUNGEN AN DIE HERKUNFTSFAMILIE
3.1 Was sich hinter dem Begriff Familie verbirgt
3.2 Funktionen von Familie
3.2.1 Sozialisation und Erziehung
3.2.2 Emotionaler Spannungsausgleich
3.2.3 Placierungsfunktion

4. DIE ABLÖSUNG UND VERSELBSTSTÄNDIGUNG ALS ZENTRALE AUFGABEN JUNGER ERWACHSENER UND DIE DAMIT VERBUNDENEN ANFORDERUNGEN
4.1 Partnerwahl und Partnerschaftsformen
4.2 Familiengründung
4.3 Die Ehe
4.4 Kinder
4.4.1 Die schwierige Entscheidung für oder gegen Kinder
4.4.2 Funktionen und Bedeutungen von Kindern
4.4.3 Auswirkungen von Kindern auf den Alltag junger Erwachsener
4.5 Wird die Vielfalt der Optionen genutzt?
4.6 Die Ausbildungsphase
4.6.1 Unentschiedenheit in der Berufsqualifizierungsphase
4.6.2 Verlängerung der Ausbildungsphase
4.6.3 Die Postadoleszenz
4.6.4 Das Bildungsmoratorium
4.6.5 Interpretationen der Berufsqualifizierungsphase und Berufsstart

5. EINFLÜSSE VON ERWERBSARBEIT AUF DAS LEBEN JUNGER ERWACHSENER
5.1 Das Normalarbeitsverhältnis
5.1.1 Erosion des Normalarbeitsverhältnisses
5.1.2 Arbeitsmarktveränderungen und wirtschaftlicher Strukturwandel
5.2 Entwicklungen in der Beschäftigungslandschaft
5.2.1 Erwerbsarbeit als sinnstiftende Instanz
5.2.2 Offenhalten von Handlungsoptionen als Konsequenz

6. ABHÄNGIGKEITEN ZUR HERKUNFTSFAMILIE UND DER AUSZUG AUS DEM ELTERNHAUS
6.1 Abhängigkeiten junger Erwachsener im Einkommenspatchwork
6.2 Ökonomische Abhängigkeit des erwachsenen Kindes aus Sicht der Herkunftsfamilie
6.3 Der Auszug aus dem Elternhaus
6.4 Nesthocker und Nestflüchter
6.5 Wie sich das verlängerte Zusammenleben auf die Eltern-Kind-Beziehung auswirkt
6.6 Die Eltern-Kind-Beziehung nach dem Auszug

7. SCHLUSSFOLGERUNG

8. LITERATURVERZEICHNIS

Einleitung

Beschäftigt man sich heute mit dem Leben junger Erwachsener, wie es Ziel dieser Arbeit ist, wird deutlich, dass sich das Individuum in der modernen Gesellschaft vielen Herausforderungen und Anforderungen gegenüber sieht. Dabei erscheint das Geflecht der Wirkungszusammenhänge so vielschichtig wie umfangreich. Junge Erwachsene gestalten und bewerten ihr Leben subjektiv, individuell und werden dabei von der Gesellschaft und dem näheren sozialen Umfeld beeinflusst. Junge Erwachsene müssen ein vorläufiges Konstrukt darüber entwickeln, wie sie ihr individuelles Leben gestalten wollen und wie ihre Biographie aussehen soll. Dabei begegnet der junge Mensch immer wieder neuen Herausforderungen. Jeden Tag wird Sie oder Er mit neuen Entwicklungen konfrontiert. Es sind tagtäglich Entscheidungen zu treffen, die mitunter weitreichende Auswirkung für das weitere Leben mit sich bringen. Mit den sich daraus ergebenen Konsequenzen muss der jeweils Einzelne umgehen (lernen). »Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied« heißt es im Volksmund. Nach Meinung mancher Autoren trifft dies in der individualisierten und pluralisierten Gesellschaft mehr denn je zu. Der junge Mensch bekommt suggeriert, über eine Fülle an Entscheidungsmöglichkeiten zu verfügen. Ob diese auch faktisch vorhanden sind und individuell genutzt werden, wird u. a. in dieser Arbeit diskutiert.

Das Leben junger Erwachsener setzt sich aus einer Vielzahl verschiedener Bausteine zusammen, die sich im Laufe des Lebens, wie bei einem Puzzle, aus den verschiedenen Teilelementen zusammensetzen. Dabei wird das Puzzlebild im Laufe des Lebens mehr und mehr vervollständigt. Die Erfahrungen und Eindrücke, die gesammelt werden und die Entwicklungen, die sich vollziehen, werden Stück für Stück zusammengetragen. So bleibt der Junge Erwachsene im Laufe seiner Biographie damit konfrontiert, die einzelnen Puzzleteile seines Lebens zu sortieren und an der vermeintlich richtigen stelle zusammen zu setzten.

Das Ziel dieser Arbeit fokussiert sich darin, die einzelnen Puzzleteile des Lebens junger Erwachsener in der modernen Gesellschaft Deutschlands zusammenzutragen und darüber hinaus zu den subjektiven Entscheidungsprozessen in Beziehung zu setzen. So werden im Resultat dieser Arbeit die grundlegendsten Aspekte des Lebens junger Erwachsener beleuchtet werden und ein umfangreiches Bild beschrieben.

Meine Vorgehensweise in der Bearbeitung der Thematik erschließt sich im ersten Kapitel aus der Definition und Eingrenzung des jungen Erwachsenenalters. Anhand von wissenschaftlichen Lebenslaufmodellen des 20. Jahrhunderts wird verdeutlicht, welcher Altersklasse der junge Erwachsene zugeordnet wird und wie sich die Phase des jungen Erwachsenalters von denen der Jugendphase unterscheidet.

Der junge Mensch ist in die Gesellschaft eingebettet, somit Teil der Gesellschaft, wobei seine individuelle Biographie in folge dessen auch von gesellschaftlichen Veränderungen bestimmt wird. Im zweiten Kapitel, werden daher gesellschaftliche Aspekte angesprochen, die auf das Leben junger Erwachsener Einfluss haben. Entwicklungen der individualisierten Gesellschaft in Deutschland und die damit, wie oft postuliert wird, verbundene Pluralisierung der Lebensformen werden diskutiert. Erläutert wird, inwiefern es in der modernen Gesellschaft zu Entscheidungsfreiheiten, aber auch Entscheidungszwängen für das Subjekt kommt und welche Auswirkungen dies auf die Entscheidungsfindung der jungen Erwachsenen haben kann.

Der (junge) Mensch wächst in der Regel in der Familie auf. Die Herkunftsfamilie stellt sich dabei für seine Entwicklung als eine fundamentale Größe dar. Daraus resultierend wird im dritten Kapitel der Familienbegriff inhaltlich erläutert. Zudem werden die Aufgaben und Anforderungen die gegenwärtig an die (Ursprungs)Familie gestellt werden und für das Leben junger Menschen wichtig sind, expliziert. Weitergehend finden die Funktionen, die die Familie für die Gesellschaft und die Familienmitglieder selbst darstellt, Einklang in die Auseinandersetzung mit der Thematik der Familie.

Im vierten Kapitel stehen die Ablösungsphase junger Erwachsener zum Elternhaus sowie deren Verselbstständigungsprozess im Fokus. Dabei wird auf wichtige Aspekte der Partnerwahl, der Gründung einer eigenen Familie und die (subjektive) Bedeutung der Ehe eingegangen. Ebenso soll der Stellenwert von Kindern und die Motivlagen, die der Entscheidung für oder gegen Kinder zu Grunde liegen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. Ergänzend werden verschiedene Formen möglicher Partnerschaft vor dem Hintergrund vorgestellt und diskutiert, in wie weit sich der junge Mensch für diese Optionen (freiwillig) entscheidet bzw. diese nutzt. Die Phase der Ausbildung bzw. die Berufsqualifizierungsphase stellen ein weiteres wichtiges Moment bzgl. der Selbstständigkeit junger Menschen dar. Aufbauend darauf wird die Unentschiedenheit junger Erwachsener bei der Ausbildungs- und Berufsfindung erläutert, wobei insbesondere eine Auseinandersetzung mit der Verlängerung der Ausbildungsphase und den Auswirkungen für das Leben junger Erwachsener diskutiert wird. In diesem Zusammenhang befasse ich mich weiter mit dem Bildungsmoratorium und den Auswirkungen auf das Leben junger Erwachsener. So werden in diesem Kontext ebenfalls die Ausbildungszeit und das Berufsleben, als weiteres Entscheidungselement der Lebensphase junger Erwachsener erläutert. Im Fünften Kapitel schließt sich die Thematik der Berufwelt bzw. der Erwerbsarbeit an. Mögliche Einflüsse der Arbeitswelt auf das Leben junger Erwachsener werden an dieser Stelle thematisiert. Die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, speziell die des so genannten Normalarbeitsverhältnisses, sowie der wirtschaftliche Strukturwandel in Deutschland, werden eingehend dargelegt. Inwiefern der Beruf bzw. der »Job« für das Leben junger Erwachsener sinnstiftend ist, d. h. welchen Stellenwert die Berufstätigkeit für den Einzelnen besitzt und wie junge Erwachsene auf die zu beobachtenden Veränderungen in der Beschäftigungslandschaft reagieren, finden an dieser Stelle eine ausführliche Darstellung.

Im sechsten Kapitel geht es abschließend um die Abhängigkeiten junger Erwachsener zur Herkunftsfamilie und den Auszug aus dem Elternhaus. Interessant ist es zu beleuchten, wie diese Umstände aus der Eltern- und Kinderperspektive interpretiert werden. Ebenfalls einen zentralen Aspekt stellen die Bedingungen dar, die das Auszugsverhalten der (erwachsenen) Kinder beeinflussen. Was unter dem so genannten „Nesthocker“ zu verstehen ist, und wie sich das verlängerte Zusammenleben auf die Eltern-Kind-Beziehung auswirkt wird folglich daraus abgeleitet. Zum Abschluss dieses Kapitels werden mögliche Entwicklungen in der Beziehung zwischen den Eltern und den Kindern beschrieben, wenn den jungen erwachsenen Kindern der Auszug aus dem Elternhaus »geglückt« ist.

In Anbetracht der Komplexität dieser Thematiken kann bei den Darstellungen der Anspruch auf Vollständigkeit nicht verfolgt werden. In der Reihenfolge der Gliederung soll zudem weder eine Chronologie für das Leben junger Erwachsener, noch eine Hierarchie in der Wertigkeit der einzelnen Baussteine des Lebens wiedergeben werden. Der Aufbau dieser Arbeit erscheint für den Sinnzusammenhang geeignet. Der besseren Lesbarkeit halber wird im Folgenden die maskuline Schreibweise verwendet, die ausdrücklich beide Geschlechter umfasst.

1. Begriffsbestimmung: Junge Erwachsene

Zu Beginn dieser Arbeit, die sich meines Erachtens nach mit den wesentlichen Aspekten des Lebens junger Erwachsener im modernen Deutschland beschäftigt, ist es angezeigt, eine erste Differenzierung bzw. Einordnung der Begrifflichkeit »junge Erwachsene« vorzunehmen. Dem Leser soll ein erster Eindruck vermittelt werden, welcher Altersgruppe junge Erwachsene zugeordnet werden und wie sie sich von der Jugend unterscheiden. Hierfür werden relevant erscheinende Aspekte einiger wissenschaftlicher Lebenslaufmodelle des 20. Jahrhunderts erläutert. Es werden Einschätzungen von Autoren wiedergegeben, die sich um die Klärung der Frage bemühen, wann von jungen Erwachsenen gesprochen wird und welche signifikanten Merkmale damit verbunden sind. Hierbei wird zu einem Großteil auf die Ausführungen von M. Doehlemann aus dem Buch „Leute um die 30, ungebunden. Lebensfragen und Lebensgefühle“ (2005) Bezug genommen.

Bühler (1933) teilt den menschlichen Lebenslauf in fünf Phasen ein. Dabei gilt die zweite Phase, die Zeit zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr, als Aufbauphase und Provisorium1. Die »Lebensrichtung« erscheint in dieser Zeit noch recht unkonkret. Weitreichendere und spezifischere Entscheidungen, in welche Richtung sich die Biographie entwickeln soll, werden nach Bühler erst ab dem 30. Lebensjahr getroffen. Bei Ortega y Gasset (1940) wird die Zeit zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr als Jugend und Lehrphase bezeichnet. In dieser Phase findet ein sukzessiver Wechsel ins »Erwachsenendasein« statt. Der junge Mensch startet erste Versuche, sich in der Gesellschaft zu verorten. Nach Gasset kann sich die „Jugend“ bis zum 30. Lebensjahr hinziehen, obgleich für Sie der Begriff der Jugend nur bis zum 19. Lebensjahr gültig ist. Wird das 30. Lebensjahr erreicht, beginnt der „eigentliche Ernst des Lebens.“ (vgl. Doehlemann, 2005; 28).

Nach Moers (1953) die sich u. a. auch auf die Erläuterungen von Bühler bezieht, handelt es sich bei der ersten Etappe des Erwachsenenalters um eine „vielfach beschwingte Zeit [voller] Lebens- und Kraftgefühl[…]“ (Doehlemann, 2005; 29).

Für Frauen beginnt die Phase des jungen Erwachsenenalters um das 21. Lebensjahr, beim Mann etwa mit 24 und erstreckt sich bis zum 30. - 32. Lebensjahr. Erikson (1955) macht für das frühe Erwachsenenalter und Erwachsenenalter keine genauen Altersangaben. Die Grenzlinie kann nach Doehlemann jedoch um das 30. Lebensjahr gezogen werden. Im frühen Erwachsenenalter stellt sich dem Individuum die Aufgabe zu „lieben“ und zu „arbeiten“. Es geht darum, zwischen der Arbeitswelt und dem Privatleben eine Balance zu finden und nicht vollständig von der Arbeitswelt vereinnahmt zu werden.

Wie bei Doehlemann weiter notiert ist, liegen nach Havighurst (1955) die hauptsächlichen Entwicklungsaufgaben für das frühe Erwachsenenalter (18. bis 30. Lebensjahr) darin, einen passenden Partner zu finden, eine Familie zu gründen und für diese, für sich selbst und andere Verantwortung zu übernehmen. Zudem geht es darum eine berufliche Existenz aufzubauen. Havighurst orientiert sich bei seinen Angaben an der amerikanischen, männlichen Bevölkerung aus der mittleren Sozialschicht, zur Mitte der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Nach Doehlemann kann in Frage gestellt werden, ob die damit verbundenen Normalitätsvorstellungen für junge Erwachsene heute noch Gültigkeit beanspruchen.

Nach Wurzbacher (1968) beginnt das »jung-erwachsen-sein« ca. mit dem 18. Lebensjahr und findet seinen Abschluss mit der Ehe. Bei der Frau findet dies ungefähr mit 22,9 Jahren, beim Mann mit 25,6 Jahren statt. Während dieser Zeitspanne stehen die Suche nach einem Partner, der Familiengründung sowie der Beruf im Zentrum des Interesses. Das mittlere Erwachsenenalter beginnt mit der Heirat etwa mit dem 24. Lebensjahr und endet mit dem Auszug der Kinder aus dem Hausalt der Herkunftsfamilie.

Für Levinson (1978), ist das frühe Erwachsenenalter „Lehrzeit“ und findet im Alter zwischen dem 22. und etwa dem 40. bis 45. Lebensjahren statt. Zwischen dem 20. und dem 30. Lebensjahr bildet das Subjekt eine provisorische Erwachsenenidentität aus. Es werden wichtige und für das weitere Leben richtungweisende Entscheidungen getroffen. Diese beziehen sich auf die Ausgestaltung der eigenen individuellen Lebensart, den Beruf und der Gründung einer eigenen Familie. In der Zeit von 28 bis 33 bietet sich dem jungen Erwachsenen die Chance, Versäumnisse und Missgriffe der ersten Jahre des jungen Erwachsenenalters wieder »gut zu machen« bzw. aufzuholen.

Bei Bocknek (1986) ist der junge Erwachsene zwischen 20 und 40 Jahre alt. Wie schon bei den anderen Autoren ersichtlich wird, bilden auch hier die Partnerwahl, Partnerschaft, die Familiengründung und der Aufbau einer Berufskarriere primäre Entwicklungsfragen und Aufgaben für die jungen Erwachsenen (vgl. Doehlemann, 2005; 27 ff.).

In Anlehnung an Meulemann (2001) und andere Autoren kann man zwischen dem „Jugendlichen“ und dem „Erwachsenen“ in folgender Weise unterscheiden: Für den Jugendlichen geht es um die „Identitätsfindung.“ Es dreht sich darum herauszufinden, wer man ist und wer man (gerne) sein möchte. Der Erwachsene indes ist sich seiner Selbst relativ sicher und bleibt wer er ist, kennt seinen Platz in der Gesellschaft und identifiziert sich durch die Familie, den Beruf u. Ä.. Bei Erwachsenen geht es somit um die „Identitätswahrung.“ (vgl. Doehlemann, 2005; 157).

Wann „Jugend“ aufhört und der Beginn des Erwachsenenalters »eingeläutet« wird, hat nach Doehlemann etwas damit zu tun, wie der Erwachsenenstatus gesellschaftlich und subjektiv definiert und kategorisiert wird. Steht der junge Mensch auf eigenen Füßen, ist also finanziell und emotional von der Ursprungsfamilie und anderen in Frage kommenden unterstützenden Instanzen unabhängig, gilt sie oder er als erwachsen. Wird zudem mit dem Partner der »Bund fürs Leben« geschlossen, der Auszug aus dem Haushalt der Eltern in die Tat umgesetzt und im eigenen Haushalt die eigene Familie gegründet, ist der Mensch vollständig im Erwachsendasein »angekommen« (vgl. Doehlemann, 2004; 116).

Nach Rerrich verwischen traditionelle biographische Markierungen für den Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen. Zwischen der Phase der Kontrolle der Herkunftsfamilie und den neuen Abhängigkeiten durch die eigene Familie nimmt ein eigenständiger neuer Lebensabschnitt immer deutlicher Konturen an. Die Phase, des »jung-erwachsen-seins« zeichnet sich heute dadurch aus, das sich die Frauen und Männer den Alltag gleich gestalten und viele Erfahrungen bereits vorwegnehmen, die früheren Generationen erst durch die Eheschließung und Familiengründung möglich waren (vgl. Rerrich, 1988; 115 ff.).

Die Übergänge zum Erwachsenalter und die damit verbundene Rollenübernahme von jungen Menschen sind nach Silbereisen (2001) von der Aufnahme einer Vollzeitbeschäftigung, Auszug aus dem Elternhaus, Heirat und Elternschaft gekennzeichnet (vgl. Juang & Silbereisen, 2001; 159).

Vor dem Hintergrund der Frage welche Merkmale für das Erwachsensein aus Sicht der jungen Menschen signifikant sind, ist bei Böhnisch und Müller zu lesen, dass für den jugendliche Großstädter die klassischen Kennzeichen, wie Beruf und Familiengründung an Bedeutsamkeit eingebüßt haben. Der Erwachsenenstatus sei für junge Menschen vielmehr mit der Vorstellung verbunden, in der Lage zu sein, sich ein eigenverantwortliches Leben aufzubauen, die individuelle Lebensplanung umzusetzen und mit den gefällten Entscheidungen und den damit verbunden Konsequenzen umzugehen und leben zu können (vgl. Böhnisch & Müller, 1989; 325 f.).

Diese Arbeit, die sich mit wichtigen Aspekten des Lebens junger Erwachsener in der unübersichtlicher gewordenen modernen Gesellschaft in Deutschland beschäftigt, nimmt in Anlehnung an die oben angeführten Modelle des Lebensalters, die Altersgruppe der 20- bis 35jährigen in den Blick. Diese Altersspanne soll für die Gruppe der jungen Erwachsenen stehen.

Die in den folgenden Kapiteln beschriebenen Wirkungen und Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels, der Familie, der Erwerbsarbeit uvm. sind auch für die Lebensphasen vor und nach den definierten Begrenzungen bedeutend. Diese stehen jedoch nicht im Zentrum des Beobachtungsinteresses und werden daher nicht weiter beschrieben.

2. Aspekte gesellschaftlichen Wandels und mögliche Auswirkungen für junge Erwachsene

Im zweiten Abschnitt sollen nun wichtige Aspekte des gesellschaftlichen Wandels der letzten Jahrzehnte erläutert werden. Anhand der Schlagwörter Individualisierung und Pluralisierung der Lebensformen werden wichtige Veränderungen und Auswirkungen für das Alltags(er)leben junger erwachsener Menschen näher beschrieben. In Anbetracht der Komplexität dieser Thematiken kann der Anspruch auf Vollständigkeit nicht verfolgt werden.

2.1 Individualisierung

Will man sich einem so „schillernden“ Begriff wie dem der Individualisierung nähern, wie es in diesem Kapitel in angemessener Kürze geschehen soll, so bietet sich an, für eine erste Orientierung mit einer Definition zu beginnen.

Gibt man den Begriff Individualisierung auf der Internetseite www.wissen.de ein, fällt der Ertrag für den Sinnzusammenhang dieser Arbeit fruchtbar aus. Hier ist zu lesen:

Individualisierung [lateinisch] - die Abl ö sung der durch famili ä re, gruppenspezifische und wirtschaftliche Bindungen gekennzeichneten Rollenmuster vor dem Hintergrund

grundlegend ver ä nderter gesellschaftlicher (auch sozialstaatlicher)

Rahmenbedingungen. In der postindustriellen Gesellschaft treten gesellschaftliche Strukturmuster zu Gunsten von stark individualistisch gepr ä gten, teilweise auch ungesicherten Lebensplanungen zur ü ck. Gleichzeitig ver ä ndern neue Medien und Technologien die Art der sozialen Kontaktaufnahme auf radikale Weise (Quelle: www.wissen.de 06.03.06).

Im Folgenden soll nun, um zu versuchen den Begriff Individualisierung weiter zu erhellen, umfassendere Literatur beansprucht werden. Bei dem Streifzug durch die Literatur ist festzustellen, dass wenn über Individualisierung gesprochen wird, viele Autoren auf die Ausführungen von Ulrich Beck in seinem Buch „Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne.“ aus dem Jahr 1986 zurückgreifen. Daher beziehen sich die Erläuterungen dieses Kapitels zu großen Teilen auf diesen Autor und das genannte Werk.

Beck selbst gibt an, dass es sich bei seinen Prognosen um „…ein Stück empirisch orientierter, projektiver Gesellschaftstheorie ohne alle methodischen Sicherungen…“ (Beck, 1986; 13) handelt. Jedoch sind nach Wieland unter Bezugnahme auf mehrere Autoren viele seiner Vorhersagen mittlerweile zu empirisch verifizierter Gewissheit für unsere Gegenwart geworden (vgl. Wieland, 2004; 71 ff.).

2.1.1 Was unter Individualisierung zu verstehen ist

Im allgemeinen Sinn wird mit der Individualisierung die Ausdifferenzierung und Umgestaltung von sozialen Beziehungen angesprochen. Im Rahmen der Individualisierung wird das Subjekt aus althergebrachten (Familien)Verbänden und Traditionen herausgelöst (vgl. Elias, 1996; 240).

Individualisierung bedeutet das Herauslösen des Subjektes aus Traditionen und Bindungen. Der Einfluss des kulturellen Rahmens als Steuerungselement für das individuelle Handeln verringert sich. Das Subjekt selbst wird zur zentralen „Steuerungseinheit“ für den Verlauf der Biographie (vgl. Keupp, 1999; 51 f.). Beck beschreibt einen für die Gesellschaft bedeutenden Veränderungstrend, dieser wird wie Keupp erwähnt gleichzeitig des Öfteren fehlerhaft interpretiert. Dazu hat Beck 1995 ergänzt, dass Individualisierung „…nicht Atomisierung, Vereinzelung, nicht Beziehungslosigkeit des freischwebenden Individuums, auch nicht Individuation, Emanzipation, Autonomie…“, meint (Beck 1995; 304 zit. n. Keupp, 1999; 37). Keupp stellt die Frage was der Begriff beinhaltet, wenn dies alles nicht gemeint sei (vgl. Keupp, 1999; 37)?

Für die erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts bescheinigt Beck der Gesellschaft in Deutschland trotz einer Vielzahl von Veränderungen eine relative Beständigkeit was traditionelle Norm- und Wertorientierungen und den Stil der Lebensführungen betrifft. Seit den fünfziger Jahren des zurückliegenden Jahrhunderts bis zur Gegenwart gilt dies jedoch nicht mehr. Seit dieser Zeit sei ein Auseinanderbrechen sozialer Klassen zu beobachten (vgl. Beck, 1986; 129).

Es geht um die Auflösung gültiger Lebensstile, Traditionen, gelebtem Bewusstsein, und dem Arrangement zwischenmenschlicher Netzwerke. Wuchs man in früheren Zeiten in einer Arbeiterfamilie auf, so war auch der weitere Lebensweg »in groben Zügen« von der Herkunft vorherbestimmt. Beck spricht von einem „naturwüchsigen Prozess“ (ebd.; 129).

In allen Lebensbereichen, von der Familie, dem sozialen und soziokulturellen Umfeld bis hin zur Berufswelt war die jeweilige Biographie bzw. die Lebensgeschichte des Einzelnen nicht unumstößlich, jedoch relativ vorhersehbar. Dieses „übergreifende Erfahrungs- und Kontrollband eines klassenkulturell geprägten Sozialmilieus“ sei heute zum Großteil außer Kraft gesetzt (vgl. ebd.; 129).

Dimensionen von Individualisierung

Innerhalb der Gesellschaft kommt es im Verlauf von Modernisierungsprozessen nach Beck zu einer dreifachen Individualisierung. Die Vereinzelungsprozesse prägen sich in den Wirkungen in verschiedenen Richtungen aus. Beck teilt diese gesellschaftlichen Prozesse in drei Dimensionen ein.

Zum ersten wird die „Freisetzungsdimension“ (Beck, 1986; 206) erwähnt, in der es um die Herauslösung des Individuums aus bislang vorgegeben traditionellen sozialen Bedingungen und Bindungen geht. Zum zweiten wird die „Entzauberungsdimension“ (ebd.; 206) genannt, die sich auf den Verlust von althergebrachten Sicherheiten mit Blick auf erworbene Lebenseinstellungen, alltagstauglichem Handlungswissen und der Orientierung an normativen Werten bezieht. Traditionen, gewohnte Sicherheiten, lebensphilosophische Fragen verlieren aufgrund der Veränderungsprozesse für die Alltagsbewältigung an Gültigkeit. Die dritte Dimension ist die „Kontroll-, bzw. Reintegrationsdimension“ (ebd.; 206) die beschreibt, dass es infolge von Vereinzelungs-, bzw. Individualisierungsprozessen zu neuen Formen sozialer (Wieder)Einbindungen kommt.2 Es geht um die Entstehung neuer Abhängigkeiten des Individuums (vgl. Wieland, 2004; 206 & Keupp, 1999; 37).

Diese beschriebenen Entwicklungen führen nach Beck zur Auflösung lebensweltlicher Grundlagen „eines Denkens in traditionalen Kategorien von Großgruppengesellschaft…“, (Beck, 1986; 117). Die Bedeutung der sozialen Herkunft und die Klassen- und Schichtzugehörigkeit verblasst. Das Subjekt muss selbstständig die einzelnen Facetten des Lebens individuell entdecken (lernen). Der Mensch werde aus gewohnten Familienstrukturen und sozialen Klassenbedingungen herausgelöst und ist für sich und seinen persönlichen Werdegang eigens verantwortlich. Das Individuum hat mit möglichen Chancen umzugehen, oft mit Widersprüchen sowie mit Risiken, die sich im Laufe einer Biographie für den einzelnen Menschen ergeben können (vgl. ebd.; 209, 217 ff.). Es kommt zu einer „Freisetzung des Individuums“ (ebd.; 116).

Die Lebensbedingungen werden ausgehöhlt. Diese Entwicklung wurde u. a. auch durch die „wohlfahrtstaatliche Aufschwungsphase“ im Nachkriegsdeutschland ausgelöst bzw. begünstigt (vgl. ebd.; 116).

Nach Wieland ist die Wichtigkeit der Eigenverantwortung für die individuelle Lebensgestaltung und der Verortung in der Gesellschaft in den letzten Jahren gestiegen. Die zu beobachtenden Individualisierungstendenzen und die damit verbundenen Auswirkungen für die Gesellschaft und das Subjekt sind jedoch nicht neu. Es handle sich um Entwicklungen, die im Laufe der Geschichte immer wieder vorkommen und meist durchdringende Erneuerungen für den Einzelnen und die Gemeinschaft bedeuten (vgl. Wieland, 2004; 195 f.).

Individualisierungsschub

Im Zusammenhang mit der Individualisierungsdebatte ist von einem „gesellschaftlichen Individualisierungsschub“ die Rede, der durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen begünstigt wird (vgl. Beck, 1986; 116). Durch Individualisierungsschübe werden Menschen aus Klassen-, Bindungen und Bedingungen herausgelöst (vgl. ebd.; 123 f.). Frieden, die Beseitigung von leiblicher und finanzieller Not, die Versorgung der Grundbedürfnisse des Menschen sind die Grundvorrausetzungen und zuträgliche Faktoren für Individualisierungsprozesse (vgl. Doehlemann, 2004; 25).

Damit in einer Gesellschaft Vereinzelungsprozesse „angeschoben“ werden, muss ein Konglomerat3 an Faktoren vorhanden sein. Wirtschaftliche Prosperität4, eine ausgebautes gesellschaftliches soziales Sicherungssystem, das Vorhandensein von Mobilitätschancen und die Reduzierung der Arbeitszeit gelten als für den Individualisierungsschub zuträgliche Faktoren, wie sie sich u. a. in Deutschland im Rahmen der wohlfahrtstaatlichen Modernisierung ergeben haben (vgl. Beck, 1986; 116). Verfügt die Gesellschaft also insgesamt über mehr Einkommen, eine höheres Maß an Bildungs- und Mobilitätschancen, elaborierte5 Wissenschaft, rechtlich abgesicherten Rahmenbedingungen und ist das Ausmaß des Massenkonsums gestiegen, ist die Gesellschaft „insgesamt eine Etage höher gefahren“ (ebd.; 122).

Beck bringt in diesem Zusammenhang den Begriff des „Fahrstuhleffektes“ ein und fasst damit die, den Individualisierungsprozess begünstigen Entwicklungen zusammen. Diese sind nach Beck: Eine erhöhte Lebenserwartung, die Verringerung der Erwerbsarbeit bzw. der Arbeitszeit generell sowie ein höheres Einkommen für den Einzelnen. Die Auswirkungen dieses Fahrstuhleffektes sind für jeden in der persönlichen Biographie zu spüren (vgl. ebd.; 122, 124 f.).

Infolge des Individualisierungsschubs kommt es zur Steigerung der Auswahl von (Handlungs-)Alternativen. Zudem erhöht sich die Mannigfaltigkeit an Lebensformen. Aufgrund der Tatsache, dass viele Anteile von Biographien heute, im Vergleich zur z.

B. Ständegesellschaft, aus fixierten sozialen Rahmenbedingungen gelöst werden, sind viele Lebensbereiche »entscheidungsabhängig« geworden. Antworten auf Fragen wie; welcher Schultyp für mein Kind richtig ist, was für eine Ausbildung ich oder mein Kinder antreten sollen, welchen Wohnort ich für mich und meine Familie wähle, und welchen Beruf ich ausüben will, werden vielfach nicht mehr durch gesellschaftliche Vorgaben bestimmt, sondern müssen vom Subjekt selbstständig gewählt werden. Der (junge erwachsene) Mensch ist selbst auf der Suche nach dem „roten Faden“ seiner Biographie. Es entsteht eine „Wahlbiographie“ bzw. „Bastelbiographie“. Der junge Mensch ist für Sich und sein »Tun«, auch hinsichtlich scheiternder Beziehungen, wenn im Rahmen der Ausbildung versagt wird und es z. B. im Beruf zu Misserfolgen kommt, selbstverantwortlich (vgl. Doehlemann, 2004; 113).

Nach Wieland bleibt bei den Ausführungen von Beck zu bedenken, dass es sich bei den prognostizierten Auswirkungen der Individualisierungsprozesse und „Schüben“ für die Gesellschaft und den Einzelnen, um Spekulationen handelt. Die Aussagen seien überspitzte Prognosen, die auf subjektiv interpretierten Beobachtungen der Gesellschaft basieren. Beck selbst macht deutlich, dass die von ihm angeführten Prognosen und Argumentationslinien nicht den Anspruch von wissenschaftlich verifizierten Daten erheben. In Bezug auf mehrere Autoren (Hradil 1996, Hörning 1996, Michailow 1994) stellt Wieland resümierend fest, dass viele der von Beck prognostizierten »Szenarien« mittlerweile zur gesicherten Gewissheit für die Gesellschaft geworden sind (vgl. Wieland, 2004; 71 ff.).

2.1.2 Auswirkungen der Individualisierungsprozesse auf das Individuum

Infolge der soeben genannten Individualisierungsschübe und Vereinzelungsprozesse kommt es auf der gesellschaftlichen sowie individuellen Ebene zu Umgestaltungen und die soziale Umwelt des Subjekts verändert sich (vgl. Wieland, 2004; 197). Diesen Veränderungen sei eine Handlungsaufforderung für das Subjekt immanent, weil das Individuum und die Gesellschaft in einem reziproken6 Verhältnis zueinander stehen. Der Mensch kann nicht als „passives Produkt der Gesellschaft [die Gesellschaft nicht] als reine Ansammlung von autonomen Individuen betrachtet werden“ (ebd.; 197). Das Individuum muss sich den neuen (gesellschaftlichen) Situationen anpassen. Der Mensch ist nach Elias in die Gesellschaft eingebettet und die Gemeinschaft prägt sich auf den Menschen und seine individuelle Persönlichkeit aus, wie sich auch der Mensch auf die Gesellschaft auswirkt. Das Individuum wird vom sozialen Umfeld und der gesellschaftliche „Gesamtsituation“ in der es sich bewegt, geprägt. Wertvorstellungen, Normen, Lebenseinstellungen, Philosophien, Arbeitsmoral, der Bezug zum eigenen Körper und Geist etc. werden im Umfeld abgeschaut, gelernt, übernommen, internalisiert,7 in Handlungen umgesetzt und stellen sich in der Summe, wie es Elias beschreibt, als sozialer Habitus dar, welcher sich je nach Herkunft ausgestaltet (vgl. Elias, 1996; 220 f., 224 f., 233, 241 f.).

Dabei verändert sich Wieland zufolge das Beziehungsgefüge zwischen Individuum und der Gesellschaft fortwährend. Verändert sich die Gesellschaft, so muss sich auch der Einzelne verändern und sein Verhalten an die neue Bedingungen und Anforderungen anpassen. Das Individuum und die Gesellschaft können in ihrem Wirkungszusammenhang nie gänzlich voneinander getrennt betrachtet werden. Die gesellschaftliche Entwicklungen sind nicht ohne das Individuum- sowie das (Bewusst)Sein und Verhalten des Individuums nicht separat von der Gemeinschaft zu erklären (vgl. Wieland, 2004; 197).

Für das, in die Gesellschaft eingebettetes Individuum kann es nach Wieland in der Individualisierten Gesellschaft bedeuten, dass Probleme innerhalb eines Systems (z. B. Gesellschaft, Politik, Soziales Sicherungssystem, Arbeitsmarkt, Markt usw.) in persönliches Versagen des Individuums umgedeutet werden.

Krisensituationen innerhalb der Gesellschaft, wie z. B. das Problem der Massenarbeitslosigkeit, werden als individuelle Krisen erlebt. In Zeiten von Diversifizierungen von Lebenslagen und Lebenswegen, werden gesellschaftliche Krisen dem einzelnen Menschen als persönlich empfundenes Schicksal auferlegt. Durch die fortwährende Vereinzelung der Menschen kommt es nicht mehr zu einem kollektiven Erleben von gesellschaftlichen Krisen. Das von Krisen betroffene Individuum muss die Situation „mit sich selbst austragen“ (ebd.; 144). Der Einzelne erfährt, im Gegensatz zu Zeiten die von „armutserfahrenen, klassengeprägten Lebenszusammenhänge“ (ebd.; 144) geprägt waren, keine Entlastung seitens der Gemeinschaft mehr. Es geht nicht mehr um das Mitglied einer entsprechen Klasse oder Schicht innerhalb der Gesellschaft. Das Schicksal des Kollektivs avanciert, in Zeiten individualisierten Lebenslagen, zum Einzelschicksal, dass zwar in den Statistiken deutlich wird, aber nicht mehr in der Gemeinschaft sozial erlebt wird. „Was hinter den Zahlen steckt, ist mit der Individualisierung hinter die Mauern des Einzelfalls verschwunden“ (ebd.; 150).

Das liegt meines Erachtens nach auch daran, dass die umfassende Bedeutung für die Gesellschaft durch Medien und deren jeweiligen Kanäle der Vermittlung (TV, Radio, Presse etc.) nur unzureichend an die Massen und den Einzelnen (zurück)transportiert werden können. Dies passiert ebenfalls in Bezug auf das Problem der Arbeitslosigkeit, wenn zu Beginn eines jeden Monats der Vorsitzende der Bundesagentur für Arbeit (F. J. Wiese) die neuen Arbeitslosenzahlen verkündet. Die gesellschaftlichen Probleme werden durch die Medien vermittelt. Im Falle der Veröffentlichung der Arbeitslosenzahlen geschieht dies u. a. live auf dem „Erlebniskanal und Dokumentationskanal“ Phoenix. Die Arbeitslosigkeit der Massen wird aufgrund von Vereinzelungsprozessen nicht mehr im Kollektiv sichtbar und gesellschaftlich erlebt. Die Bewohner der Haushalte erleben die Krise individuell vor dem Fernseher, dem Radio oder der Zeitung. Die sozialen Unterschiede zwischen den einzelnen Klassen, denen die Individuen angehören, verlieren an identitätsstiftender Funktion. Postuliert wird eine „Individualisierung sozialer Risiken“, in die die sozialen Ungleichheiten umgedeutet werden. Denkt man diese Entwicklung zu Ende, schlagen sich die Probleme der Gesellschaft auf die emotionale und psychische Verfassung des Subjekts nieder. Das kann zu Neurosen, seelischen und psychischen Konflikten, Angstzuständen und Schuldgefühle beim Individuum führen (vgl. ebd.; 117).

Der Einzelne als Regisseur und Darsteller des individuellen Lebenslaufes

Menschen in Vereinzelungsprozessen sind einerseits Darsteller, andererseits Regisseure für die jeweils gewählte, individuell zu organisierende und zu planende Biographie. Beck spricht im Rahmen von Individualisierungsprozessen von „neue[n] Suchbewegungen“ (Beck, 1986; 119) der Individuen. Junge Erwachsene müssen sich mit komplexen Themen befassen, welche die individuelle Lebensrichtung entscheidend beeinflussen. Es geht dabei um Themen und die damit verbundene »Qual der Wahl«, Ausbildung, Partnerwahl, Ehe, Kinderwunsch, Berufswahl, Erwerbsarbeit, alternative

Lebensmodelle, Verweigerung oder Integration in die Gesellschaft, Lebensphilosophien, Politik, Werte, Normen, etc. (vgl. ebd.; 217). „Subjekte erleben sich als Darsteller auf einer gesellschaftlichen Bühne ohne fertige Drehbücher.“ (Keupp, 1999; 53). In diesem Zusammenhang wird die Ambivalenz ersichtlich: Es scheint verlockend, das eigene Leben selbst planen und kreieren zu können, also das Drehbuch für die Biographie selbst zu verfassen. Andererseits setzt dies einiges, für diese »Regiearbeit« erforderliche materielle, soziale und psychische Ressourcen voraus. Stehen diese dem Individuen nicht im benötigten Umfang zur Verfügung, dann wird die Selbstgestaltung zu einer schwer erträglichen Aufgabe, der das Subjekt dann u. U. gerne entfliehen will (vgl. Keupp, 1999; 53).

Nach Buba ist zu beachten, dass Individualisierungsprozesse zur Ausdifferenzierung der Vielfalt der Möglichkeiten für das Individuum führen. Allerdings können diese „Optionen“ faktisch nur in Grenzen realisiert werden (vgl. Buba, 1996; 346). Nach Keupp verlangt es in modernen individualisierten Gesellschaften einer individuellen „Planungs- und Gestaltungshoheit für das eigene Leben. Es erhöhen sich die Chancen, Vorstellungen von einem Stück eigenem Leben zu realisieren (…) Die zeitgemäßen Webmuster der sozialen Beziehungen setzen ein aktives Subjet voraus. Jeder von uns wird zum Baumeister seines eigenen Beziehungsnetzwerkes. Aber das ist, nicht nur eine Freiheit, sonder eine unabdingbare Notwendigkeit“ (Keupp, 1999; 38).

Medial vermitteltes Expertenwissen f ü r Jedermann

Neben den oben bereits beschrieben Faktoren kommt noch einer weitere Herausforderung bzw. Erwartung auf (junge) Erwachsene zu. Die (inter)nationale Politik, globale Wirtschaftszusammenhänge, wissenschaftliche Diskurse, aktuelle Diskussionen um Umweltbelastungen, der internationale Terrorismus, medizinisches- psychologisches- und pädagogisches Grundwissen, Familie, Ausbildung und Beschäftigung, Erwerbsarbeit, Konsum usw., sind Aspekte, die mittlerweile zum Bestandteil von Einzelbiographien gehören. Es wird anscheinend als Selbstverständlichkeit angesehen, dass das Subjekt über ein enormes Wissen verfügen muss. Im Zuge der Enttraditionalisierung und dem immer weiter voranschreitenden Ausbau des globalen Mediennetzwerkes wird die Person im alltäglichen Abendprogramm aus dem persönlichen Lebensumfeld herausgelöst. Jedermann wird über Ländergrenzen hinweg für eine Weltmoral sensibilisiert. Jeder Mensch verfügt über ein von den Medien verbreitetes (oftmals nicht hinterfragtes bzw. hinterfragbares) Wissen, was globalen Entwicklungen betrifft. Der „Jedermann“ wird zum Experten.

Beck schreibt: „bei gleichzeitiger Versenkung in die Unbeutendheit wird er auf den scheinbaren Thron eines Weltgestalters gehoben (…) die Weltgesellschaft wird Teil der Biographie, auch wenn diese Dauerüberforderung nur durch das Gegenteil: Weghören, Simplifizieren, Abstumpfen zu ertragen ist…“ (vgl. Beck 1986; 219). Anders formuliert es Dieter Nuhr: „Das einzige, was man selbstbestimmt in der von Medien bestimmten Welt tun kann, ist abschalten“ (vgl. www.nuhr.de).

2.1.3 Individualisierung und Wiedereinbindung

Beck warnt davor, bei aller „Ausdifferenzierung von Individuallagen…“ (Beck, 1986; 119) diese Umstände als gelungene »Emanzipation« zu interpretieren. Das noch vorher aus sozialen Schichten, Familien, Klassen und Ständen entkoppelte Subjekt, wird in Bezug auf Arbeitsmarktmechanismen, Bildung, Konsum, und Institutionen des sozialen Sicherungssystems als abhängig erklärt. Stichwort: Kontroll- und

Reintegrationsdimension.8 „Ständisch geprägte, klassenkulturelle oder familiale Lebenslaufrhythmen werden überlagert oder ersetzt, durch institutionelle Lebenslaufmuster wie: Eintritt und Austritt aus dem Bildungssystem, Ein- und Austritt aus der Erwerbsarbeit…“ (ebd.; 209). Dies bezieht sich auf jeden Abschnitt im Leben der Menschen vom Kindes- über das Jugendalter, dem jungen Erwachsenenalter, sowie allen anderen Phasen. Individualisierung ist nach Beck unausweichlich mit Marktabhängigkeit verbunden.

„Der Vereinzelte“ übernimmt, oftmals nicht hinterfragte, von den Medien aufoktroyierte9 Meinungen, Einstellungen zum Alltag, Sinnfragen, genauso wie er sich auf dem Markt vorhanden Wohnraum entscheiden muss und durch marktvermittelte Bedürfnisse Alltagsgüter konsumiert (vgl. ebd., 209 f.).

2.2 Pluralisierung der Lebensformen

Beschäftigt man sich heute mit dem Leben junger Erwachsener, kommt man meines Erachtens nach neben dem Themenkomplex der Individualisierung, der in den letzten Kapiteln beschrieben wurde, auch auf eine Debatte zu sprechen, die sich in Hinblick auf den in Deutschland zu beobachten Wandel ergibt. Von vielen Autoren wird diskutiert, wie die gesellschaftlichen Veränderungen zu interpretieren sind und ob von einer Pluralisierung der Lebensformen die Rede sein kann.

Bei vielen Autoren verbindet sich mit der Begrifflichkeit Pluralisierung von Lebensformen der nach Brüderl nicht eindeutig definiert ist, die Vorstellung, dass die Bedeutung der „Parsons´schen Normalfamilie“10 schwindet und es zu einer enormen Vielfalt von Lebensformen gekommen ist (vgl. Brüderl, 2004; 3). Auch Beck spricht von der „Ausdifferenzierung und Pluralisierung von Lebensformen“ (Beck, 1986; 195).

2.2.1 Pluralisierung und Lebensform

Pluralisierung bedeutet in diesem Sinnzusammenhang Vervielfältigung. Es geht um die Zunahme der Vielfalt und Heterogenität der Lebensformen (vgl. Wagner; 2001; 53f.). Unter Pluralisierung ist nach Huinink und Wagner die Vergrößerung der Anzahl in einer Gruppe vorzufindenden Differenzierungen zu verstehen. Wenn sich die Heterogenität in einigen oder allen Subklassen der Gesellschaft erhöht, spricht man von einer Pluralisierung der Lebensformen. Der Begriff Lebensform umfasst die Struktur des Aufbaus von sozialen und privaten Beziehungen des Menschen (vgl. Huinink & Wagner, 1998; 88).

Das Statistische Bundesamt beschreibt den Begriff „Lebensformen“ folgendermaßen: „Unter Lebensformen werden […] die relativ stabilen Beziehungsmuster der Bevölkerung im privaten Bereich verstanden, die allgemein mit Formen des

Alleinlebens oder Zusammenlebens [mit oder ohne Kinder] beschrieben werden können“ (vgl. Niemeyer & Voit, 1995; 437).

Der wissenschaftliche Diskurs, ob es in Deutschland zu einer Pluralisierung gekommen ist, findet seinen Ursprung im Jahre 1982, als die Arbeit „Staatliche Sozialpolitik und Familie“ von F.X. Kaufmann und Alois Herlth erscheint. Kaufmann und Herlth nehmen an, dass es zu einer Pluralisierung familialer Formen kommt und die Normalfamilie im Sinne von Parsons in Zukunft nicht mehr den dominierenden Typus von Familie darstellt (vgl. Wagner & Franzmann, 2000; 151). Die jüngere Forschung, die sich mit den Familieformen vor und zu Beginn der Industrialisierung beschäftigt, hat in vielen familienhistorischen Untersuchungen belegt, dass es schon damals eine außerordentliche große Vielfalt von familialen Lebensformen gegeben hat. Im 16. Jahrhundert gab es nach Mitterauer nebeneinander eine bunte Vielfalt von sehr unterschiedlichen Familientypen, die in der Verschiedenheit ausdifferenzierter war als dies in der Gegenwart der Fall ist (vgl. Mitterauer 1989; 179). Nach Herlth und Kaufmann hat es eine gewisse Pluralität in der Vergangenheit bereits gegeben, jedoch ist das Ausmaß heute um ein Vielfaches ausgeprägter (vgl. Herlth & Kaufmann, 1982; 5).

Die Lebensformen Single, gleichgeschlechtliche Partnerschaften, und Alleinerziehende seien bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorzufinden. In der (heutigen) individualisierten Gesellschaft erscheinen diese Ausprägungen von Lebensformen nicht mehr außergewöhnlich, sondern gehören nach Lakemann zur Normalität. Auch deshalb nehme die Verbreitung dieser Lebensformen zu (vgl. Lakemann, 1999; 37). Vergleicht man die Beiträge verschiedener Autoren miteinander, können verschiedene Positionen zur Thematik, ob eine Pluralisierung von Lebensformen kommt bzw. gekommen ist, festgestellt werden (vgl. Schneider, 2001; 85 f.).

Pluralisierung als Faktum in der Ö ffentlichkeit

In Deutschland kann seit den 60er Jahren eine „…zunehmende Pluralisierung und Individualisierung der Lebensformen…“ beobachtet werden (vgl. Peuckert, 2002; 19). Dieser Standpunkt wird nach Schneider auch in der öffentlichen, gesellschaftlichen sowie der politischen Diskussion vertreten. Evident hierfür sind u. a. die auf den Internetseiten politischer Parteien veröffentlichten Positionen. Hier wird z. B. auf der Homepage der CDU deutlich gemacht, dass es durch die Individualisierung des Lebenslaufes zur Pluralisierung von Lebensformen kommt.

Auf der Site des deutschen Bundestages (www.bundestag.de) wird erwähnt, dass die Kleinfamilie und die Ehe als die, dominierende Form von Familie der Vergangenheit angehören. Auf der Internetpräsenz des Ministeriums für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit heißt es am 14. Mai. 2001: „Der Lebensalltag der Familien wird zunehmend von der (…) Pluralisierung der Lebensformen bestimmt.“ (vgl. Schneider, 2001; 85). Die Behauptung, dass es zu einer Pluralisierung von Lebensformen gekommen ist und dieser Prozess anhält, gilt nach Brüderl als anerkannte Wahrheit (vgl. Brüderl. 2004; 3). Diese Position, die nach Schneider im öffentlichen Diskurs durchgesetzt hat, orientiert sich zu einem Grossteil an der Individualisierungsthese von Beck11 (vgl. Schneider, 2001; 85).

Reduktion der Normalfamilie

Definiert man den Begriff der Familie in Anlehnung des Modells von Parson (Vater, Mutter und gemeinsame Kinder) ist nach Nave-Herz festzustellen, dass diese Art von Familie quantitativ eine beträchtliche Reduktion erfahren hat. Dieser Umstand beruht u.

a. auf der Zunahme der Erwerbstätigkeit der Frauen. Das Modell der Kernfamilie findet heute nur noch für eine Minorität ihre Entsprechung (vgl. Nave-Herz, 1997; 37). Die so genannte Normalfamilie ist seltener geworden und hat im Vergleich zu anderen Lebensformen ihre Monopolstellung verloren (vgl. Meyer 1992). In dem Umfang, indem die Anzahl der Einpersonenhaushalte und die der nichtehelichen

Lebensgemeinschaften12 ohne Kinder gestiegen ist, ist der Anteil der Normalfamilie zurückgegangen (vgl. Peuckert, 2002; 32). Im Vergleich zum „Leitbild der bürgerlichen modernen Familie“13 (ebd., 2002; 29) ist heute eine Wandlung in der Struktur der Haushalte und der Familienformen zu erkennen. Peuckert spricht von einer Krise der Normalfamilie. Die alternative Lebensformen unterscheiden sich im Vergleich zum erwähnten Leitbild von Familie (vgl. ebd., 2002; 29 f.).

Ver ä nderungen der Lebensformen

Im Zeitraum von 1977 bis 1996 hat sich die Verteilung der Lebensformen in Deutschland drastisch verändert. Der Anteil der Ehen mit Kindern hat stark abgenommen. Dafür hat die Verbreitung der »NEL« und der Singlehaushalte zugenommen. Für viele Autoren ist das prozentuale Wachstum »NEL« ohne Kinder ein Indiz für die Pluralisierung der Lebensformen (vgl. Wagner & Franzmann, 2000; 159). Beachtenswert ist, wie bei Peuckert zu lesen ist, der Anstieg der Haushalte im Zeitraum von 1972 bis 1999 um insgesamt 34%. Dieser Umstand wird durch Zunahme der Einpersonenhaushalte von insgesamt 86 % erklärt. Dabei ist der Anteil der Einpersonenhaushalte mit Hinblick auf die Gesamtheit der Haushalte von 26% auf 36% gestiegen (vgl. Peuckert, 2002; 31).

Der Anteil der Haushalte kinderloser Ehepaare14 hat sich um 44%, die der Ein-Eltern- Familien um 21% erhöht. Im Jahre 1999 machten die Haushalte von Mehrgenerationsfamilien in ihrer Verteilung nur noch einen Gesamtanteil von 1% aller Haushalte aus und haben somit im Vergleich zu 1977 um 65% abgenommen. Die Anzahl der Haushalte, in denen die Personen miteinander nicht verwandt sind,15 ist 9mal, die Zahl der Paare ohne Trauschein mit Kindern 14mal höher (vgl. ebd., 2002; 32). Dabei ist nach Wagner und Franzmann die Ehe mit Kind immer noch die Familienform mit der größten Dominanz. Ihr Anteil sei in dem Ausmaß zurückgegangen, wie der Anteil der »NEL« mit Kindern und der Alleinerziehenden gestiegen ist. Dieser Umstand hat zwar die Vielfalt familialer Lebensformen erhöht, doch liegt ihr Ausmaß weit unterhalb der nichtfamilialen Lebensformen (vgl. Wagner & Franzmann, 2000; 168).

2.2.2 Einflussfaktoren für die Entstehung neuer Lebensformen

War es in früheren Zeiten großenteils der Tod des Ehepartners, sind es heute Trennungen und Scheidungen, die zum Bruch von Partnerschaften führen (vgl. Huinink und Wagner, 1998; 98). Der Rückgang der Geburtenzahlen, der Anstieg der Haushalte nicht verheirateter Paare, sowie die hohe Scheidungsrate sind nach Peuckert Indizien, die auf die Herausbildung neuer familialer Lebensformen schließen lassen.

Der Rückgang der Heiratsbereitschaft sowie das verzögerter „Einstiegsalters“ der Ehe innerhalb individueller Lebensverläufe, werden als Gründe betrachtet, die zur Zunahme lediger, alleinlebender Menschen führen (vgl. Peuckert, 2002; 32). Sie werden als Beleg für die Herausbildung neuer familialer Lebensformen angesehen (vgl. Wagner, M., 2000; 152). Der gestiegene gesellschaftliche Wohlstand verstärkt den Pluralisierungsprozess noch. Neue Lebensformen seien oft erst möglich, wenn man sich eine eigene Wohnung leisten kann. Die Frau wird durch die Erwerbsbeteiligung (im materiellen Sinne) unabhängiger. Somit stehen ihr mögliche Alternativen zur Ehe offen. Mit dem gestiegenen Wohlstand kommt es nach Brüderl auch zur Konkurrenz der Genüsse, was, nach Auffassung des Autors, den Willen zur Heirat oder eine eigene Familie zu gründen mindern kann (vgl. Brüderl. 2004; 9). Die Quote der Ledigen und die Zahlen der Kinderlosigkeit sind gestiegen. Als eine Ursache wird der Verlust in der Beständigkeit von Paarbeziehungen gesehen. Nave-Herz stellt in diesem Zusammenhang fest, dass das Heiratsalter in der individuellen Biographie immer weiter nach hinten verlagert wird

(vgl. Nave-Herz, 1997; 38).

Pluralisierung und Wechsel der Lebensformen als vielschichtiger Prozess

Die Pluralität der Lebensformen als gesellschaftliches Phänomen betrachtet, resultiere aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen innerhalb der Gesellschaft, der Familien und für die Individuen selbst. Diese umfassen sowohl aktive und rationale Entscheidungen in der zwischenmenschlichen Interaktion, als auch erzwungene oder passive Übergänge zwischen den Lebensformen. Darüber hinaus werden diese Übergänge von strukturellen und normativen Faktoren mit beeinflusst. Die Zunahme der Vielfalt der Lebensformen sind demnach als ein vielschichtiger Prozess zu sehen

(vgl. Wagner, 2001; 57).

Nach Wagner ist es zu kurz gegriffen, den Wechsel von einer in eine andere Lebensform mit der frei gewählten Entscheidung des Einzelnen begründen zu wollen. Die Veränderungen und der Wechsel von einer Lebensform in eine andere sind in einen komplexen Rahmen verschiedener, gesellschaftlicher und persönlichen Variablen eingespannt. Bei Ereignissen wie Geburt, Verwitwung, Scheidung u. Ä. verändern sich die Lebensformen des Menschen bzw. es vollzieht sich ein Wechsel. Diese Veränderungen betreffen nicht nur Personen, die den Wechsel aktiv selbst initiiert haben, sondern auch die, die mit den Menschen z. B. zusammen in einem Haushalt leben und quasi passiv die Lebensform wechseln (müssen).

[...]


1 Provisorium: etwas, was provisorisch ist; Übergangslösung (Quelle: Duden, das große Fremdwörterlexikon, 2000)

2vgl. Kap. 2.1.3

3Konglomerat: allgemein Zusammenballung, Anhäufung; Gemenge, Gemisch. (Quelle: www.wissen.de, 07.03.06)

4Prosperität: Wohlstand, Blüte, Periode allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwungs (Quelle: Duden. Das große Fremdwörterbuch, 2000)

5elaboriert: differenziert, ausgebildet (Quelle: Duden. Das große Fremdwörterbuch, 2000)

6reziprok: wechsel-, gegenseitig, aufeinander bezüglich. (Quelle: Duden, Das große Fremdwörterbuch, 2000)

7internalisieren: Werte, Normen, Auffassungen o. Ä. übernehmen u. sich zu eigen machen; verinnerlichen (Quelle: Duden, Das große Fremdwörterbuch, 2000)

8vgl. Kap 2.1

9 oktroyieren: aufdrängen, aufzwingen, aufoktroyieren (Quelle: Duden, Das große Fremdwörterbuch, 2000)

10Die Normalfamilie der 50er 60er und 70er besteht aus einem Ehepaar, das mit den gemeinsamen Kindern (zwei) in einem Haushalt lebt. Zwischen dem Elterpaar gibt es eine klare Aufgabenverteilung. Der Vater gilt als Haupternährer und ist für die wirtschaftliche Versorgung der Familie verantwortlich. Nach Parsons wird der Vater als der instrumentelle Führer der Familie bezeichnet. Der Mutter kommt die Aufgabe der Haushaltsführung zu und ist für die Erziehung der Kinder verantwortlich. Sie wird als expressive Führerin der Familie betitelt und trägt für die emotionalen Bedürfnisse der Familienmitglieder Sorge. Zugleich soll sie jedoch auch für den Spannungsausgleich des Vaters von den Anforderungen der Erwerbsarbeit sorgen. Zwischen der Eltern- und Kindgeneration existiert eine Machtdifferenz (vgl. Parsons, T. & Bales, F., 1956)

11vgl. Kap. 2.1

12Im weiteren Verlauf dieser Arbeit steht »NEL« als Abkürzung für die Nichteheliche(n) Lebensgemeinschaft(en)

13Das „Leitbild der bürgerlichen modernen Familie“ stellt sich folgendermaßen dar: Eine legale, lebenslange, monogame Partnerschaft zwischen Mann und Frau, die mit den gemeinsamen Kindern in einem Haushalt leben. Mann ist der Haupternährer und Autoritätsperson und die Frau ist primär für den Haushalt und die Erziehung der Kinder zuständig (vgl. Macklin 1987).

14Es kann sich auch um Haushalte nach dem Auszug der Kinder aus dem Elternhaus handeln

15Hierbei handelt sich um »NEL« ohne Kinder, um Wohngemeinschaften jeglicher Art und Weise, sowie gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften

Details

Seiten
110
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638600323
Dateigröße
702 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68597
Institution / Hochschule
Fachhochschule Münster
Note
1,7
Schlagworte
Junge Erwachsene Moderne Kunst Entscheidung

Autor

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Titel: Junge Erwachsene in der unübersichtlichen Moderne oder die Kunst der Entscheidung