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Lehrjahre einer Romanfigur - Die Entwicklung von Goethes "Wilhelm Meister" unter dem Einfluß der Turmgesellschaft

Seminararbeit 1999 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

Teil I
Buch I-V - die Agenten der Turmgesellschaft
Agent 1
Agent 2
Jarno
Zwischenspiel - Buch IV - oder: vom Turm verlassen
Agent 4 - der Geist und seine Evokation
Buch VII - Wilhelms Initiation
Buch VIII - das Innere des Turmes

Teil II
Die Turmgesellschaft als Sozietät
Jarno
der Abbé
Lothario
Das Theater
Entwicklung der Sängerfiguren
Romantheorie

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Turmgesellschaft in Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre".

Der Schwerpunkt meiner Ausführungen liegt auf der Entwicklung und Veränderung des Titelhelden, der Romanfigur Wilhelm Meister, unter der allgegenwärtigen Beeinflussung der Geheimgesellschaft vom Turm.

Zu diesem Zweck soll zunächst erläutert werden, wo die TGS im I.-V. Buch, z. B. in Form von verdeckten Agenten, in Erscheinung tritt, wie W. auf diese Aktionen reagiert und welche Konsequenzen sich hieraus für den Handlungsverlauf und für sein weiteres Leben ergeben. Anschließend wird das weitere Verhältnis zwischen Turm und W. im VII. und VIII. Buch verdeutlicht. Eine Trennung zwischen diesen beiden groben Abschnitten erscheint mir für die Erörterung des Textes und die weitere Analyse als sinnvoll.

Die Besprechung des VI. Buches muß aus Platzgründen leider entfallen, seine Bedeutung im TGS-Kontext wird lediglich knapp skizziert.

Im zweiten Teil der Arbeit werden nun, aufgebaut auf die gewonnenen Erkenntnisse aus dem ersten Teil, zunächst die einzelnen wichtigen Mitglieder der TGS und ihre Funktion im Roman aufgeführt; damit wird gleichzeitig Näheres zum pädagogischen Konzept der TGS, ihrem Reform- und Erziehungsmodell und ihrer Form als Geheimbund angegeben.

Anschließend widme ich mich zum einen der Theaterthematik des Romans in direktem Bezug zum Auftreten der Turmgesellschaft, zum anderen werden die Veränderungen der sogenannten "Sängerfiguren" unter dem Einfluß der TGS knapp skizziert.

Am Schluß sollen Wilhelm Meisters Lehrjahre aus romantheoretischer Sicht im Fokus der Turmgesellschaft betrachtet werden.

Buch I-V - Die Agenten der Turmgesellschaft

Im 1. bis 5. Buch tritt die TGS nicht direkt in Erscheinung.

Um Wilhelm indirekt zu beeinflussen, begegnen ihm, wie zufällig, Mitglieder der TGS, die ihn zunächst in ein alltägliches Gespräch verwickeln, um dann auf tiefergehende Themen umzuschwenken, und W. so versteckte Denkanstöße und Ratschschläge zu geben.

Diese, im folgenden AGENTEN genannt, sind im einzelnen:

AGENT 1 - I,7 (S.67-72) -

Ein "Unbekannter"1 spricht W. auf der Straße an und verwickelt ihn in ein Gespräch über die alte Gemäldesammlung seines Großvaters.

Der "Unbekannte" gibt sich als Käufer der damaligen Sammlung aus und behauptet, W. als kleinen "muntere[n] Knaben" gekannt zu haben. Eine Diskussion über W.s damaliges "Lieblingsbild", den "kranken Königssohn", beginnt in der W. bemerkt, daß, auch wenn das Werk "nicht gut zusammengesetzt" sei, es schließlich doch "der Gegenstand" sei, der ihn an einem Gemälde reize, und "nicht die Kunst". AGENT 1 gibt W. zu bedenken, er solle "nicht immer nur sich selbst und [seine] Neigung in den Kunstwerken" sehen.

W. geht auf diese Kritik nicht weiter ein, sondern verweist auf das "Schicksal", welches, so ist er sicher, sein "Bestes [...] einzuleiten weiß". AGENT 1 dagegen erklärt, ein junger Mann solle "seine lebhaften Neigungen" nicht "de[m] Willen höherer Wesen unter[]schieben".

Als Alternativkonzept zum Schicksal gibt er folgende Theorie an :

"Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft des

Menschen stellt sich zwischen beide und weiß sie zu beherrschen; sie behandelt das

Notwendige als den Grund ihres Daseins; das Zufällige weiß sie zu lenken, zu leiten

und zu nutzen, und nur, indem sie fest und unerschütterlich steht, verdient der Mensch

ein Gott der Erde genannt zu werden. Wehe dem, der sich von Jugend auf gewöhnt, in

dem Notwendigen etwas Willkürliches finden zu wollen, der dem Zufälligen eine Art

von Vernunft zuschreiben möchte, welcher zu folgen sogar eine Religion sei."

Im weiteren Gespräch wird noch "dieses und mehreres [...] unter ihnen abgehandelt"; als sie auseinander gehen, scheint keiner den anderen "überzeugt zu haben".

In dieser kurzen Begegnung tauchen zwei für den weiteren Verlauf des Romans wichtige Leitmotive auf; zunächst wird Wilhelms emotional begründete Begeisterung für das Bild vom kranken Königssohn, beschrieben; das symbolisiert gewissermaßen W. Neigung zum Theatralischen, seinen Hang zur romantisch verklärten Ich-Bezogenheit.

W.s Ich ist - zumindest zu Beginn der "Lehrjahre" - das Zentrum seines Denkens und Handelns. Dies wird auch in seiner Überzeugung, eine höhere Macht, das "Schicksal", wie er es nennt, leite ihn durch sein Leben, deutlich - das zweite, für W.s Entwicklung elementare Leitmotiv wird eingeführt.

Während AGENT1 im Gespräch eher naturwissenschaftlich argumentiert und eine Position der Aufklärung/des Atheismus vertritt, scheint W. metaphysische Vorgänge für die Ursache der fundamentalen Geschehnisse seines Lebens zu halten.

Anmerkung: Alle folgenden Zitate aus Wilhelm Meisters Lehrjahre werden im weiteren Verlauf der Einfachheit halber durch Buch, Kapitel und Seitenangabe direkt im Text aufgeführt

AGENT1 weist dem Menschen im Leben eine wesentlich aktivere Rolle zu, denn durch den

rechten Gebrauch der "Vernunft" lassen sich "Notwendigkeit und Zufall" beherrschen und somit hat jeder "sein eigen Glück unter den Händen".

W. jedoch fürchtet seine persönliche Rolle in diesem Realitätsmodell als zu unbedeutend und verzichtet daher darauf, sich durch die Thesen des Fremden weiterhin verunsichern zu lassen.

AGENT 2 - II,9 (S.120-124)

Die Schauspielgesellschaft, der W. seit kurzem angehört, unternimmt eine Bootsfahrt, die durch ein Rollenspiel verkürzt werden soll. Ein "wohlgebildeter Mann" -AGENT 2- begleitet die Gruppe und nimmt bald "die Rolle eines Landgeistlichen" an, welche er durchaus gut zu spielen weiß.

Der "Geistliche" lobt die Übung als "die beste Art, die Menschen aus sich heraus und durch einen Umweg wieder in sich hinein zu führen". W. belehrt den Gast nach seiner Ansicht der Theatertheorie und stellt schließlich fest, daß "ein glückliches Naturell [...] das Erste und Letzte" sei, um "eine[m] Schauspieler, ja vielleicht [...] jede[m] Menschen, allein zu einem so hoch aufgesteckten Ziele" zu verhelfen. AGENT 2 gibt zu bedenken, daß erst die "Bildung" einer genialen Begabung den Menschen zu einem "Künstler" werden läßt. W. geht nun zunächst davon aus, das "Genie" werde sich selbst retten; nachdem AGENT 2 dies anschaulich widerlegt, verweist W. auf das "Schicksal", "das jeden nach seiner Weise erzieht".

Der "Geistliche" legt ihm darauf seinen eigenen Schicksalsbegriff dar:

"Das Schicksal ist ein vornehmer, aber teurer Hofmeister. Ich würde mich immer

lieber an die Vernunft eines menschlichen Meisters halten. Das Schicksal [...] mag an

dem Zufall, durch den es wirkt, ein sehr ungelenkes Organ haben. Denn selten scheint

dieser genau und rein auszuführen, was jenes beschlossen hat."

Dies erläutert er durch ein "willkürliches Beispiel", welches zufällig aber genau eine frühkindliche Neigung zum Puppenspiel aufgreift und W. damit "einige[] Bestürzung" verursacht.

Im Verlauf dieser zweiten Begegnung mit der TGS, argumentiert W. wiederum sehr Ich-bezogen. So wie er einige Seiten zuvor seinen Freund Werner zu überzeugen versucht, das "Schicksal" habe "den Dichter" "wie einen Gott über alles [...] hinübergesetzt"(II,2 [S.82]), so ist er auch hier zunächst noch sicher, daß ein wahres "Genie" - damit meint er zuerst einmal sich selbst -, keinerlei Bildung benötige, er verkauft sich ganz im Sinne eines jungen Sturm&Drang-Dichters. Das Schicksal-Motiv taucht erneut auf. W. rechtfertigt seine Thesen durch eine unergründliche, über allem wachende Autorität. Interessanterweise will AGENT 2, im Kontrast zum letzten Abgesandten, W. durchaus nicht in seinem Glauben an die Vorsehung widersprechen; er fügt lediglich noch eine Kleinigkeit hinzu: wenn das Schicksal wirklich für alles verantwortlich ist, so hat derjenige, den es durch sein "ungelenkes Organ" vielleicht benachteiligt, leider Pech gehabt. Ein gebildeter Mensch sollte sich, so sein Rat, lieber an seine "Vernunft" halten, um diesem Los zu entgehen.

AGENT 2 argumentiert pädagogisch. Er lobt das "aus sich heraus" gehen, weist auf die Notwendigkeit des Irrtums hin und stellt die "Bildung" als wichtigste Zugabe zum talentierten Menschen dar. Der eindrucksvolle Puppenspiel-Exkurs trifft W. mitten ins Herz und bringt ihn zum ersten Mal dazu, über sein egozentrisches Persönlichkeits-und Kunstverständnis nachzudenken. W. ahnt, daß, wenn er mit seinem Realitätskonzept wirklich Recht haben sollte, sich dies vielleicht eines Tages als sehr negativ für ihn - und für sein Ego - erweisen könnte.

- JARNO - III,4-III,11

Im dritten Buch nimmt W.s Theaterlaufbahn allmählich Gestalt an. Am Hofe des Grafen zeichnet sich für ihn eine Möglichkeit zur theatralischen Tätigkeit ab. Genau in dieser Situation trifft W. auf Jarno, den ersten Agenten der TGS, der sich namentlich zu erkennen gibt, ihn über längere Zeit als Kritiker und Mentor begleitet und schließlich sogar ein "Freund" (III,11[S.199]) wird. Nach ihrer ersten Begegnung (III,4[S.166]) befragt W. den Baron nach diesem Mann. Der hat aber "nicht viel Gutes von ihm zu sagen" :

Jarno "sei eigentlich ein Günstling des Prinzen, versehe dessen geheimste Geschäfte und werde für dessen rechten Arm gehalten, [... ], er werde überall sehr distinguiert und das

mache ihn einbildisch; er wähne die deutsche Literatur aus dem Grund zu kennen und erlaube sich allerlei schale Spötteleien gegen dieselbe. "

W. spürt nach dieser Beschreibung zwar etwas "Kaltes und Abstoßendes", empfindet zugleich aber "eine gewisse Neigung" gegen Jarno.

W. ist sich seiner Berufung zum Theater, die nun als eine reale Chance greifbar vor ihm liegt, zunächst nicht wirklich sicher - er resümiert: "du mußt immer noch in Sorge sein,

ob du denn auch [...] soviel Talent als Neigung hast"(III,5[S.168]) - entscheidet sich dann aber schließlich doch - gegen den Rat Mignons - "Lieber Vater! Bleib auch du von den Brettern" (III,7[S.177]) - für eine Theatertätigkeit am Hofe des Grafen und bereitet zusammen mit Melina unter der scheinbaren Leitung des Fürsten ein Stück zu Ehren des Prinzen vor.

Diese Bemühungen bezeichnet Jarno später etwas abfällig als "mit hohlen Nüssen um hohle Nüsse spielen", ein Satz der W. noch "mehrere Tage [...] im Sinne" liegt (III,8 [S.180]).

Bald darauf regt Jarno ihn dazu an, die Stücke Shakespeares (III,8 [S.184-185]) zu studieren, und obwohl W. zunächst einwirft, daß alles, was er von den Werken dieses Dichters gehört habe ihn "nicht neugierig gemacht [habe], solche Ungeheuer näher kennenzulernen", so fühlt er dennoch eine gewisse Faszination gegen Jarno, "der ihm wiewohl eine unfreundliche Art, neue Ideen [gibt], Ideen derer er [bedarf]" (III,8[S.184-185]). Bei der anschließenden Lektüre gerät W.s "ganze Seele in Bewegung" und er sucht Jarno auf, um ihm "für die verschaffte Freude zu danken" (III,11[S.197]).Im folgenden Gespräch bietet Jarno, der über die "Gemütsverfassung" des Shakespeare-begeisterten W. sehr erfreut ist, seine weitere Unterstützung und einen Platz in den Reihen der Armee an, zugleich aber führt er aus, daß W. für die Theatergesellschaft, in der er sich aufhält, "weder geboren noch erzogen" ist und sein Herz auch nicht "an einen herumziehenden Bänkelsänger und an ein albernes, zwitterhaftes Geschöpf " hängen sollte (III,11 [S.198-199]). Diese Bemerkung verletzt W. schwer.

Kurz darauf trifft ein "Offizier" - AGENT 3 - auf die beiden, empfiehlt W. "dem Rate [seines] Freundes zu folgen" und dadurch zugleich die Wünsche eines Unbekannten zu erfüllen,

"der herzlichen Anteil" (III,11 [S.199]) an ihm nehme. Als die beiden W. dann verlassen, bleibt dieser "tief verwundet" zurück, bricht "gegen sich selbst in Vorwürfe aus" und stellt schließlich fest: "Alles, was du mir anbieten magst, ist der Empfindung nicht wert, die mich an diese Unglücklichen bindet". Als er auf Mignon trifft ist W. sicher : "Nein, uns soll nichts trennen, du gutes, kleines Geschöpf"(III,11 [S.200]). Der Einfluß der TGS auf W. nimmt zu.

Im dritten Buch lernt W. zum ersten Mal die höfische Welt und das Leben der Edelleute kennen. Beeinflußt durch seine Neigung zu der schönen Gräfin, der er durch sein Schauspiel zu "gefallen" versucht (III,5 [S.169]) und die ebenfalls in entfernter Verbindung zum Turm steht, projiziert er sein egozentrisches Persönlichkeitsbild in die für ihn neue Welt des Adels : "Geburt, Stand und Vermögen stehen in keinem Widerspruch zu Genie und Geschmack" (III,9[S.190]).

[...]


1 Goethe, Johann Wolfgang: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Nachdruck der Ausgabe Berlin 1795, Stuttgart 1982; I,17, S.67

Details

Seiten
20
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638600514
ISBN (Buch)
9783638956437
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68738
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Institut für Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
Lehrjahre Romanfigur Entwicklung Goethes Wilhelm Meister Einfluß Turmgesellschaft Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre Hermetik Religion Weltbild des jungen Goethe

Autor

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