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Die Nachrichtenagentur - Aufbau, Arbeitsweise und Selektionsfunktion einer Nachrichtenagentur mit speziellem Fokus auf die Agentur "Reuters"

Praktikumsbericht / -arbeit 2003 17 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Reuters – Die drittstärkste Nachrichtenagentur in Deutschland
2.1.1. Beobachtungen in der Zentralredaktion Berlin
2.1.1.1. Auslandsredaktion und Inlandsredaktion – Verschiedene Arbeitsweisen
2.1.1.2. Die Arbeit des Bilder-Dienstes
2.2. Die Selektion von Nachrichten – Der Alltag in Nachrichtenagenturen
2.3. Die Selektion von Nachrichten durch Medien und Rezipient
2.4. Das Risiko der Falschmeldung und ihre Konsequenzen
2.5. Über den Einfluss von Nachrichtenagenturen

3. Schlussbetrachtung und Ausblick

4. Humorvolle Nachrichten

5. Literatur

1. Einleitung

Wie kommen die Medien überhaupt zu ihren Nachrichten? – Diese Frage hatte ich mir schön häufiger gestellt. Gut, dass zwischen den Ereignissen vor Ort und den Medien noch Korrespondent und Nachrichtenagentur geschaltet sind, war mir bewusst. Nur das Ausmaß des Einflusses war mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich klar gewesen.

Im Rahmen des von Herrn Dr. Frank Schubert angebotenen Seminars „Die Sprache in Massenmedien – am Beispiel von Nachrichten“ gab es eine Reihe von Projektgruppen, die zum Teil die Möglichkeit hatten in verschiedenen Medienhäusern einen Tag zu hospitieren. Ich gehörte der Projektgruppe „Reuters“ an und konnte dadurch einen Tag, am 27. Mai 2003, in der Reuters Zentralredaktion in Berlin verbringen. Dieser eine Tag verging so schnell und die Dinge, die man beobachten konnte, waren so interessant und neu, dass ich mich entschloss mich näher mit dem „Mythos“ Nachrichtenagentur zu beschäftigen.

Im ersten Teil dieser Hausarbeit erläutere ich den Aufbau einer Nachrichtenagentur am Beispiel von Reuters. Die untergeordneten Abschnitte sind den Journalisten in den einzelnen Arbeitsbereichen und ihrer Tätigkeit in den Nachrichtenagenturen gewidmet. Hierbei werde ich meine Beobachtungen bei der Nachrichtenagentur Reuters einfließen lassen.

Anschließend, im zweiten Abschnitt, möchte ich ganz besonders eine wichtige Funktion der Nachrichtenagentur beleuchten: die Selektion. Diese Bedeutung der Selektion kann man gar nicht hoch genug einschätzen. In einem weiteren Abschnitt möchte ich auch auf das selektierende Verhalten von Medien und Rezipienten eingehen.

Im vierten Abschnitt geht es um das Risiko der Falschmeldung und die Konsequenzen derer infolge von ungenauen Recherchen.

Der fünfte und letzte Abschnitt des Hauptteils beschreibt noch einmal den enormen Einfluss von Nachrichtenagenturen auf die Medienhäuser.

Ich hoffe mit dieser Hausarbeit einen Einblick in die Tätigkeit und die Bedeutsamkeit von Nachrichtenagenturen geben zu können. Mein Blick auf den Einfluss von Nachrichtenagenturen auf den Nachrichtenmarkt und die in den Medien publizierten Meldungen hat sich auf jeden Fall kritisch geschärft.

2. Hauptteil

2.1. Reuters – Die drittstärkste Nachrichtenagentur in Deutschland

Reuters ist die älteste - ohne Unterbrechung arbeitende - Nachrichtenagentur der Welt und ist in Deutschland die drittstärkste Agentur. Die Geschichte des deutschen Dienstes von Reuters beginnt mit der ersten Redaktionskonferenz am 16. November 1971. Der Grund für die verhältnismäßig späte Ausbreitung von Reuters auf dem deutschen Markt ist darin zusehen, dass Reuters bis 1971 einen Kooperationsvertrag mit der Deutschen-Presse-Agentur (dpa) hatte. Dieser Kooperationsvertrag beinhaltete, dass die dpa den internationalen Dienst von Reuters und Reuters den deutschen Dienst von der dpa bezog. Ein weiterer Grund für die Ausweitung auf den deutschen Markt war, dass die amerikanische Weltagentur UPI große finanzielle Schwierigkeiten hatte und 1971 ihren deutschen Dienst einstellte. Dies war die Chance für Reuters als eigenständige Agentur mit deutschem Dienst in Deutschland Fuß zu fassen. (Die bereits im 19. Jahrhundert unternommenen Versuche auch im deutschen Dienst tätig zu sein, waren aufgrund der Bedingungen auf dem Nachrichtenmarkt gescheitert.) Somit trat Reuters nun als eigenständiger Anbieter auf dem deutschen Nachrichtenmarkt auf, der bis dato von der Deutschen-Presse-Agentur und der amerikanischen Agentur AP (Associated Press) bestimmt wurde. Die deutsche, 1985 gegründete Reuters AG, produziert für Medienkunden vor allem den deutschsprachigen Dienst. Darüber hinaus sind jedoch noch weitere Dienste erhältlich wie z.B. deutschsprachige Nachrichten (Allgemein und/oder Wirtschaft), englischsprachiger Nachrichtendienst, Arabischer Dienst, Lateinamerikanischer Dienst (in Spanisch), Bilder-Dienst, Grafik-Dienst. Reuters beliefert mit seinem deutschsprachigen Dienst heutzutage nach eigenen Angaben (Mai 2003) 90% der Tageszeitungen und der privaten Fernsehsender (alle außer Vox), 2 öffentlich-rechtliche Fernsehsender (MDR und BR) und an verschiedene weitere Kunden aus der privaten Wirtschaft (Banken etc.).

Der deutschsprachige Dienst von Reuters wird in zwei Zentralredaktionen produziert, wobei sich eine in der Hauptstadt Berlin, die zweite in der „Bankenstadt“ - Frankfurt am Main befindet. Die Lage einer Zentralredaktion in Frankfurt am Main lässt sich durch die Spezialisierung auf Finanzmarktdaten erklären. Zudem gibt es eine Reihe von Außenbüros (z.B. in Stuttgart, Düsseldorf, München, Hamburg), die für die Berichterstattung aus der jeweiligen Region verantwortlich sind (vgl. Zschunke 2000, S. 78). Des Weiteren sind den Zentralredaktionen Korrespondenten und Redakteure im deutschsprachigen Ausland bzw. an für Europa entscheidenden/strategisch wichtigen Punkten untergeordnet (z.B. Brüssel, Wien, Zürich, Moskau, Warschau).

Die beiden Zentralredaktionen in Deutschland sind wiederum einer Zentrale in London unterstellt. Alle Nachrichtentexte, Bilder und Grafiken werden von Berlin und Frankfurt am Main aus nach London via Satellit geschickt. Von London erfolgt die Verteilung zu den Kunden. Es gibt drei Zentralen, die so auf dem Globus verteilt sind, dass eine Reuters Redaktion auf jeden Fall immer besetzt ist. Eine Zentrale befindet sich in Washington – hier laufen alle Nachrichten etc. aus Amerika auf, eine weitere Zentrale befindet sich in London, die für Europa, Afrika und den Mittleren Osten verantwortlich ist. Die dritte Zentrale befindet sich in Singapur, wo alle Nachrichten etc. aus Asien, Japan, Australien und Ozeanien auflaufen. Die Zentrale in London ist nicht nur für die beiden deutschen Zentralredaktionen zuständig, sondern darüber hinaus auch für alle weiteren Zentralredaktionen in Europa, Afrika und Mittelasien. Diese eben beschriebene Verteilung der Zuständigkeiten trifft auch für die Korrespondenten vor Ort zu.

2.1.1. Beobachtungen in der Zentralredaktion Berlin

Anhand der Hospitanz am 27. Mai 2003 in der Reuters Zentralredaktion in Berlin, möchte ich nun die verschiedenen Arbeitsbereiche von Reuters darstellen.

Die Zentralredaktion von Reuters in Berlin befindet sich im Zentrum der Stadt im Stadtbezirk Mitte unweit des Reichstages und des Bundespresseamtes. Das Büro ist ein Großraumbüro, was den Nachteil der stets etwas höheren Geräuschkulisse hat, aber auch wichtige Vorteile bietet. Denn nur so ist eine direkte und zeitsparende Kommunikation zwischen den einzelnen Arbeitsbereichen möglich. An einem Ort wie diesem, wo Entscheidungen im Sekundentakt getroffen werden, ist dies ein entscheidender Vorteil.

Die Reuters Zentraldirektion ist grob in sechs Arbeitsbereiche unterteilt: Auslandsredaktion, ESU (Editorial Supporting Unit), Bilder-Dienst, Online-Redaktion, Inlandsredaktion (Politik und Vermischtes), Wirtschaft-Redaktion. Die Wirtschaftsredaktion ist in der Zentralredaktion in Berlin mit nur wenigen Redakteuren besetzt, da der Großteil der Wirtschaftsmeldungen direkt von der Zentralredaktion in Frankfurt am Main bearbeitet wird. Am Beispiel der Auslandsredaktion, Inlandsredaktion und des Bilderdienstes möchte ich nun einen Einblick in die Arbeitsweise bei Reuters geben.

2.1.1.1. Auslandsredaktion und Inlandsredaktion – Verschiedene Arbeitsweisen

Die Auslandsredaktion ist die redaktionell am stärksten besetzte Redaktion in der Berliner Zentralredaktion. Sie ist auch der einzige Arbeitsbereich, der rund um die Uhr besetzt ist, denn gerade die Nachrichten aus dem Ausland kommen durch die Zeitverschiebung eher in den späten Abendstunden bzw. den frühen Morgenstunden über den „Ticker“ von den Zentralen hinein. Den „Ticker“ gibt es in der Reuters Auslandsredaktion in zwei verschiedenen Arten: Zum Einen in der wichtigen digitalen Form, wo alle Nachrichten, die von den Zentralen geschickt werden digital auf einem Monitor sichtbar werden, zum Anderen laufen alle diese Meldungen zur Sicherheit zusätzlich noch auf eine Art Drucker auf, der diese dann auf langen Papierstreifen ausdruckt. Der Ticker arbeitet rund um die Uhr – ohne Pause wirft er Nachricht für Nachricht aus.

Die Nachrichten, die über den Ticker der Auslandsredaktion reinkommen sind fast ausschließlich fertige Meldungen, die nun von den Redakteuren aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt werden müssen. Ein Großteil, der von den Redakteuren in der Auslandsredaktion getätigten Arbeiten, ist also das Übersetzen der Nachrichten ins Deutsche – weniger das eigenständige Verfassen.

Während die Quellen der Auslandsredaktion auf die Zentralen und die unterstellten Korrespondenten begrenzt sind, gibt es bei der Inlandsredaktion eher eine übermäßige Zahl von Quellen. Für die Inlandsredaktion dienen die Reporter vor Ort (Inland) als wichtige Informationsquellen, da diese teilweise (zeitweilig) auch Politiker begleiten und so über herausragendes Hintergrundwissen verfügen. Eine weitere wichtige Nachrichtenquelle sind die Außenbüros, die zum Teil bereits fertige Meldungen in die Zentralredaktion nach Berlin schicken. Weitere Quellen sind Bundespressekonferenzen, Telefaxe, Telexe und Interviews anderer Zeitungen oder Rundfunkanstalten sowie Pressemitteilungen, die über die verschiedensten Kanäle (wie Post, Telefax, Email, per Kurier) die Nachrichtenagentur erreichen. Den Anteil der Pressemitteilungen, die nicht in Nachrichten verarbeitet werden, schätzt man auf 90 bis 95% (vgl. Bauer/Wilke 1993, S. 28). Die Redakteure der Inlandsredaktion schreiben zu einem großen Teil die Beiträge selbst. Damit unterscheiden sie sich stark von denen der Auslandsredaktion, die zum großen Teil bereits fertig ausformulierte Nachrichten übersetzen.

2.1.1.2. Die Arbeit des Bilder-Dienstes

Während der Hospitanz am 27. Mai 2003 hatte ich zusammen mit weiteren Mitgliedern der Projektgruppe die Möglichkeit einen Fotografen zu einem Außentermin begleiten zu können und bei seiner Arbeit „über die Schulter zu schauen“. So ergab sich die Gelegenheit Herrn Arndt bei den Vorbereitungen anlässlich des Ökumenischen Kirchentages zu begleiten. Dabei zeigte sich die Schwierigkeit des Fotografen, stets ein aussagekräftiges, den Text einer Nachricht unterstreichendes Motiv für ein Foto zu finden. Wir waren ca. zwei Stunden unterwegs von einer Location zur nächsten und suchten – in diesem Falle vergeblich – nach guten, aussagekräftigen Motiven. Die Veranstaltungsorte, die wir besuchten waren nicht sehr ergiebig und so trafen sich dort auch ratlose Fotografen anderer Nachrichtenagenturen (wie AP oder ddp). Einer dieser Fotografen einer anderen Agentur tat dann etwas – um des guten Bildes willen – was ein Reuters Fotograf nach eigenem Selbstverständnis nicht macht: Der Fotograf einer anderen Agentur forderte Personen auf, sich noch einmal für seine Bildaussage passender zu positionieren. Dies würde ein Reuters Fotograf nach eigenen Aussagen niemals tun. Wichtig für die Fotografen von Reuters ist es, ein Foto nie zu manipulieren, sondern solange zu warten, bis z.B. die gewünschte Position der Personen von selbst eingenommen wird. Eine Aufforderung zur Einnahme einer bestimmten Position ist einer Manipulation gleichzusetzen.

Um ein aussagekräftiges Foto zu erzielen, welches den Text einer Nachricht widerspiegelt und unterstreicht, werden zuweilen bis zu vier Fotografen zu einem (Top-)Ereignis geschickt. Nur so kann garantiert sein, dass von wichtigen Ereignissen ein gutes Foto gemacht wird. An dem Tag, wo wir mit einem Reuters Fotografen unterwegs waren, führte weder das Warten auf gute Motive noch das Wechseln der Locations zu einem guten, aussagekräftigen Foto. Keines der vielen Fotos, die an diesem Tag an dieser Location gemacht wurden, wurde an die Zentrale nach London geschickt. Am folgenden Tag waren die Fotos der Titelseiten der Zeitungen wie „Der Tagesspiegel“, „Berliner Morgenpost“ und „Berliner Zeitung“ von anderen Nachrichtenagenturen.

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638611725
ISBN (Buch)
9783638890960
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68845
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,0
Schlagworte
Nachrichtenagentur Aufbau Arbeitsweise Selektionsfunktion Fokus Agentur Reuters

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Titel: Die Nachrichtenagentur - Aufbau, Arbeitsweise und Selektionsfunktion einer Nachrichtenagentur mit speziellem Fokus auf die Agentur "Reuters"