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Digitale Alterskluft und happiness gaps Internetnutzung als Faktor erfolgreichen Alterns

Magisterarbeit 2006 140 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Exkurs: Altersdefinitionen und Terminologie

3 Digital Divide
3.1 Digital Divide, Zugangsklüfte und Knowledge Gap
3.2 Messung von digitalen Klüften
3.3 Digitale Spaltung – haltbares Bedrohungsszenario?
3.3.1 Exklusionsthese
3.3.2 Sonderfall Alterskluft
3.3.3 Benachteiligungsthese – Positionen und Forderungen
3.4 Nichtnutzerforschung – Forschungsstand, Defizite und neue Perspektiven
3.5 Prämissen der Arbeit

4 Exkurs: Ältere Menschen und Massenmedien

5 Internetnutzung Älterer
5.1 Chancen und Probleme der Internetnutzung durch Ältere
5.1.1 Individuelle Perspektive
5.1.2 Gesellschaftliche Perspektive
5.2 Forschungsstand zur Internetnutzung durch ältere Menschen
5.2.1 Ergebnisse der ARD/ZDF-Medienforschung
5.2.2 Ergebnisse ausgewählter amerikanischer Studien
5.2.3 Zusammenfassung zum Forschungsstand
5.3 Forschungsfragen

6 Grundzüge der empirischen Glücksforschung
6.1 Entwicklung und Gegenstand
6.2 Terminologie
6.3 Messmethoden und Erhebung
6.4 Probleme

7 Relevante Konzepte der Gerontologie
7.1 Entwicklung und Gegenstand
7.2 Erfolgreiches Altern
7.2.1 Theorien erfolgreichen Alterns
7.2.2 Indikatoren erfolgreichen Alterns
7.2.3 Prädiktoren erfolgreichen Alterns
7.3 Einflussfaktoren auf die Internetnutzung im Alter
7.4 Modell zum erfolgreichen Altern im Kontext der Internetnutzung

8 Methodisches Vorgehen
8.1 Auswahl der Befragten
8.2 Darstellung der untersuchten Kohorte
8.3 Durchführung der Befragung
8.3.1 Stichprobenziehung
8.3.2 Durchführung
8.4 Aufbau des Fragebogens
8.5 Rücklauf, Zusammensetzung der Stichprobe

9 Ergebnisse
9.1 Forschungsfrage
9.1.1 Nutzer und Nichtnutzer: Vergleich und Differenzierung
9.1.2 Modellzusammenfassung
9.2 Forschungsfrage 2: Differenzierung der Nutzer
9.2.1 Deskriptiver Überblick über Internetnutzung
9.2.2 Nutzertypen
9.3 Forschungsfrage 3: Differenzierung der Nichtnutzer
9.3.1 Deskriptiver Überblick über die Nichtnutzer
9.3.2 Nichtnutzertypen
9.4 Forschungsfrage 4: Benachteiligung von Nichtnutzern
9.5 Forschungsfrage 5: Sozial-gesellschaftliche Ebene
9.5.1 Soziale Integration
9.5.2 Politische Partizipation
9.5.3 Gesellschaftliche Partizipation und Integration
9.6 Forschungsfrage 6: Individual-psychologische Ebene
9.7 Forschungsfrage 7: Prädiktoren erfolgreichen Alterns

10 Diskussion, Kritik, Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang
Anhang 1: Fragebogen
Anhang 2: Ergänzende Tabellen und Abbildungen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Der Diskurs zur digitalen Kluft

Abbildung 2: Modell zum erfolgreichen Altern im Kontext der Internetnutzung

Abbildung 3: Technikbiographie von Nutzern und Nichtnutzern

Abbildung 4: Internetnutzung und Großelternschaft

Abbildung 5: Eigene Internetnutzung und Internetnutzung des Partners

Abbildung 6: Unterschiede zwischen Nutzern und Nichtnutzern

Abbildung 7: Genutzte Seiten, Inhalte und Dienste

Abbildung 8: „Wie haben Sie den Umgang mit dem Internet erlernt?“

Abbildung 9: Nichtnutzungsgründe

Abbildung 10: „Waren Sie schon einmal in den folgenden Situationen?“

Abbildung 11: Benachteiligungsindikatoren und Nutzungsplanung

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Mediennutzungsdauer und Reichweiten nach Alter

Tabelle 2: Sozial- und technikhistorischer Hintergrund der Befragten

Tabelle 3: Überblick über den Fragebogen

Tabelle 4: Merkmalsverteilung bei Nutzern und Nichtnutzern im Vergleich

Tabelle 5: Haushaltsausstattung und Nutzung technischer Geräte (gesamt)

Tabelle 6: Haushaltsausstattung und Nutzung technischer Geräte

Tabelle 7: Tägliche Zeitbudgets der Mediennutzung von Mo-Fr (normaler Wochentag)

Tabelle 8: Mediennutzung von Onlinern und Offlinern

Tabelle 9: Unterschiede im Freizeitverhalten zwischen Nutzern und Nichtnutzern

Tabelle 10: Ergebnis der Diskriminanzanalyse

Tabelle 11: Clusterzentren der drei Nutzercluster

Tabelle 12: Übersicht über die Unterschiede zwischen den Nutzertypen

Tabelle 13: Clusterzentren der beiden Nichtnutzercluster

Tabelle 14: Überblick über die Unterschiede zwischen den Nichtnutzertypen

Tabelle 15: Internetnutzung und Größe des Bekanntenkreises

Tabelle 16: Internetnutzung und Einsamkeitsempfinden

Tabelle 17: Übersicht Integration – Partizipation

Tabelle 18: Übersicht Wohlbefinden

Tabelle 19: Regression zum subjektiven Wohlbefinden

Tabelle 20: Regression zu Integration und Partizipation

Tabelle 21: Familienstand und Lebenszufriedenheit

Tabelle 22: Überblick über die Forschungsfragen

1 Einleitung

Massenhafte Verbreitung des Internets – ein Mythos?

Mitte der 1990er Jahre, als das Internet durch den ersten Mosaic-Browser von Netscape für ‚die breite Masse’ interessant wurde (Compaine, 2002a: 323), war die von „neoliberalen Technik- und Fortschrittseuphorien“ (Marr, 2004: 77) geprägte Erwartung weit verbreitet, dass es binnen weniger Jahre von allen Bevölkerungsschichten massenhaft genutzt würde. Diffusionstheoretiker gingen davon aus, dass sich das Internet auch ohne staatliche Intervention in der gesamten Gesellschaft durchsetzen würde, wie das bei den älteren ‚neuen’ Medien Telefon und Fernsehen der Fall gewesen war. Das Internet, so die Hoffnung, würde alle Schichten erreichen und so bestehende Ungleichheiten nivellieren (Kubicek/Welling, 2000: 498ff). Doch diese Erwartung wurde enttäuscht. Empirische Untersuchungen der letzten Jahre zeigen, dass auf absehbare Zeit ein „stabiler Sockel an Nichtnutzern“ (Riehm/Krings, 2006: 75) besteht. Die aktuelle Entwicklung scheint jenen Skeptikern Recht zu geben, die davor warnten, dass die Verbreitung des Internets im Gegenteil zu einer ‚Digitalen Spaltung’ der Gesellschaft in zwei Klassen führen würde: Auf der einen Seite die Informationselite, auf der anderen Seite jene ohne Zugang zum Internet (Rosenthal, 1999; zitiert nach Bonfadelli, 2002: 66).

Die Verbreitung des Internets in Deutschland wird systematisch überschätzt (Schweiger, 2004a: 94ff). Die Internetnutzung, so wird in der Öffentlichkeit suggeriert, sei eine absolute Selbstverständlichkeit. Ein Beispiel für die Verbreitung dieser Annahme ist die Vertriebsstrategie der Deutschen Bahn, die Verkaufsschalter und Fahrkartenautomaten reduziert und den Ticketverkauf über das Internet forciert. Es wird davon ausgegangen, dass ein Großteil der Bahnfahrer ihr Ticket online bestellen kann und will.

Empirisch belegt wird die Annahme der massenhaften Internetnutzung an Hand repräsentativer Bevölkerungsumfragen. Für das Jahr 2005 weisen diese zwischen 55[1] und 58[2] Prozent Internetnutzer in der deutschen Bevölkerung aus. Ob man ein Medium, das über ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung nicht nutzt, als massenhaft verbreitet bezeichnen kann, erscheint allerdings fraglich.

Hinzu kommt, dass das Internet nicht in allen Bevölkerungssegmenten in gleichem Maße verbreitet ist. Laut den neuesten Zahlen der ARD/ZDF-Online-Studie 2006 (Eimeren/Frees, 2006: 494) nutzen 59,5 Prozent aller Deutschen über 14 Jahre zumindest gelegentlich das Internet. In der Altersgruppe ab 60 Jahren allerdings sind nur 20,3 Prozent online – von einer „massenhaften Verbreitung des Internets“ kann in dieser Bevölkerungsgruppe also definitiv nicht die Rede sein.

„Generation 50+“ - Die Zielgruppe der Zukunft?

An diesem Punkt berührt die Frage der Diffusion des Internets die Diskussion über den ‚demographischen Wandel’, das Altern unserer Gesellschaft durch sinkende Geburtenraten einerseits und eine noch immer weiter steigende Lebenserwartung[3] andererseits. „Deutschland“, so schreibt die Zeit, „hat die Demografie entdeckt und mit ihr die demografische Katastrophe“ (Schwentker, 2006: 35). Schwarze Zukunftsbilder werden gezeichnet: Kollaps der Sozialsysteme, erbitterte Verteilungskämpfe zwischen Erwerbstätigen und Rentnern, eine graue Welt ohne Kinder, politisches und kulturelles Machtmonopol der Alten, Aussterben der Deutschen. Das Eintreten dieser Panikvision vom „Clash of Generations“ (Burmeister/ Daheim, 2004: 180) gilt mittlerweile als sehr unwahrscheinlich (vgl. Schwentker, 2006: 35). Tatsache ist aber, dass in Deutschland – und nicht nur dort, denn die Alterung der Bevölkerung ist ein weltweites Phänomen[4] – immer mehr immer ältere Menschen leben. Die Zahl der älteren und alten Menschen nimmt sowohl absolut als auch relativ zu.

Zwar wird zu Recht auf Probleme wie Altersarmut hingewiesen, doch insgesamt betrachtet geht es den Alten heute finanziell so gut wie nie zuvor – und sie sind grundsätzlich auch bereit, ihr Geld auszugeben (Krieb, 1999: 39ff). Diese Entwicklung macht sie als Kunden nicht mehr nur für Pharmafirmen und Anbieter altenspezifischer Dienstleistungen interessant. Vielmehr gilt die ‚Generation 50plus’ mittlerweile für nahezu alle Produkte als die Zielgruppe der nahen Zukunft.

„Die Älteren von heute sind [...] gebildeter als frühere Seniorengenerationen, haben erweiterte finanzielle Spielräume und weniger Verpflichtungen. [...] Vor allem aber hat sich die Genuss- und Konsumorientierung der Älteren deutlich erhöht. So will sich heute die Hälfte der Bevölkerung im Alter von 50 bis 79 Jahren lieber ein schönes Leben machen statt zu sparen – vor zehn Jahren waren es lediglich 27 Prozent. [...] Die Älteren werden also nicht nur aufgrund ihrer wachsenden Zahl, sondern auch aufgrund ihrer steigenden Neigung zum Konsum und ihrer Finanzstärke zu einer zentralen Zielgruppe. Einige Zahlen mögen als Beleg dienen: Die Deutschen über 60 Jahre verfügen über ein Nettovermögen von zwei Billionen Euro, und die Bevölkerung ab 65 Jahre besitzt über 30 Prozent des gesamtdeutschen Vermögens bei einem Bevölkerungsanteil von lediglich 16 Prozent. [...] Es ist auch kein Wunder, dass der durchschnittliche BMW-Käufer schon heute ein Alter von 53 Jahren erreicht hat“ (Burmeister/Daheim, 2004: 179f, Belege siehe dort).

Marketingstrategen stellen sich dieser Situation einerseits mit speziellen Werbestrategien, andererseits mit speziellen Produkten bzw. speziellem Produktdesign für die sensiblen Konsumenten, die unter keinen Umständen als ‚alt’ angesprochen werden sollen[5]. In der Werbung sieht man zunehmend Models mit grauen Haaren, ‚im Leben stehende’ Rentner oder – freilich nicht als solche bezeichnete – ‚Seniorenprodukte’ wie beispielsweise spezielle Handys, Einrichtungsgegenstände oder Autos.

Fragestellung

Hier schließt sich der Bogen zum Internet und anderen neuen Technologien. Denn galten ältere Menschen noch vor 20 Jahren als technikfeindlich und weder gewillt noch fähig zum Umgang mit neuer Technik, „beginnen inzwischen [nach amerikanischen auch, Anm. d. Verf. ] europäische Firmen, ältere Menschen als relevante Nutzer moderner Technologien ernst zu nehmen, und erwägen, ihre Produkte auch Senioren gezielt anzubieten“ (Meyer/Schulze, 1998: 58). Über enormes Zuwachspotential verfügen ältere Menschen einerseits als Käufer von Computern, Nutzer von Internetanschlüssen oder Besucher entsprechender Kurse, aber auch als Rezipienten von Werbung im Internet, während bei jüngeren Gruppen mittlerweile eine Sättigung von Ausstattung und Nutzung in greifbare Nähe rückt. Nur logisch also, dass der Wirtschaft daran gelegen ist, ältere Menschen zur Nutzung des Internets zu bewegen.

Doch nicht nur die IT-Branche möchte möglichst viele Ältere zu ‚ Silver Surfern ’ machen, auch die Politik ist auf diesen Zug aufgesprungen und lanciert umfangreiche Steuerungsaktivitäten, um die Verbreitung des Internets (auch) unter älteren Menschen zu erhöhen. Unterstützt wird sie dabei durch Wissenschaftler, die in der Nichtnutzung größerer Bevölkerungssegmente ein gesellschaftliches Problem sehen, da Nichtnutzer „von der Teilhabe am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Leben“ (Welsch, 2002: 195) ausgeschlossen blieben.

Allen Initiativen zur ‚ digitalen Alphabetisierung ’ liegt implizit die Annahme zu Grunde, Personen, die das Internet nicht nutzen, seien Internetnutzern gegenüber benachteiligt. Dies leuchtet ein, insofern es dabei beispielsweise um Chancen auf dem Arbeitsmarkt geht. Bei älteren Menschen ist der Fall aber anders gelagert: Ohne die Plausibilität der Aussage ernsthaft zu hinterfragen, wird allgemein von einer Benachteiligung älterer Offliner ausgegangen. Dabei wird insbesondere die Frage nach dem individuellen Nutzen zu wenig gestellt und übersehen, dass von verschiedenen Seiten Interesse an der „massenhaften Internetnutzung“ älterer Menschen besteht – vielleicht größeres Interesse als von Seiten der Alten selbst.

Die Grundfrage dieser Arbeit lautet daher: Welchen konkreten individuellen Nutzen bringt die Internetnutzung älteren Menschen? Oder andersherum gefragt: Sind ältere Menschen, die das Internet nicht nutzen, tatsächlich benachteiligt?

Nutzen bzw. Benachteiligung kann man in diesem Kontext auf verschiedene Weise definieren – etwa durch Unterschiede im Wissensstand oder durch finanzielle Vorteile. Im Zusammenhang mit dem Konzept des ‚ erfolgreichen Alterns ’, auf das im Weiteren näher einzugehen sein wird, untersucht diese Arbeit den Einfluss auf Wohlbefinden sowie soziale, gesellschaftliche und politische Integration bzw. Partizipation. Pointiert lässt sich das Forschungsinteresse dieser Arbeit auf die Formel bringen:

Macht die Internetnutzung ältere Menschen glücklich?

Aufbau der Arbeit

Diese Frage wird vor dem Hintergrund der Diskussion über die ‚Digitale Kluft’ mit Hilfe von Ansätzen aus der Glücksforschung und der Gerontologie beantwortet.

Daher widmet sich Kapitel 3 – nachdem im 2 . Kapitel kurz die Terminologie in Bezug auf die Zielgruppe ‚ ältere Menschen ’ geklärt wird – zunächst der Definition (3.1) und Messung (3.2) von digitalen Klüften, also der unterschiedlich schnellen Ausbreitung des Internets in verschiedenen Bevölkerungssegmenten. Die Ursprünge der These von der Digitalen Spaltung in der Wissenskluft-Perspektive werden ebenso dargelegt (3.1) wie die verschiedenen Positionen in der Diskussion um die Digitale Spaltung (3.3), die um zwei zentrale Fragen kreist: Löst sich das Problem mit der Zeit, weil die Kluft von selbst verschwindet? Und: Hat die Nichtnutzung nachteilige Folgen, bedeutet die digitale Kluft also wirklich eine ‚ digitale Spaltung’ ? Besonderes Gewicht liegt dabei auf der Alterskluft, die in diesem Zusammenhang ein besonders komplexes Phänomen darstellt (3.3.2). Auch Forschungsstand und Defizite der Nichtnutzerforschung werden beschrieben (3.4), bevor zusammenfassend die Prämissen der Arbeit dargelegt werden (3.5).

Daran schließt sich in Kapitel 4 ein kurzer Überblick über Erkenntnisse zur Beziehung zwischen älteren Menschen und Massenmedien an, in deren Kontext auch die Internetnutzung steht.

Kapitel 5 beschäftigt sich mit der Internetnutzung durch Ältere. Zunächst werden die Argumente dargelegt, die das Internet vor allem vor dem Hintergrund eingeschränkter Mobilität als bedeutende Chance für ältere Menschen begreifen (5.1). Doch auch kognitive und physische Voraussetzungen sowie mögliche Probleme und Kosten, die für Personen im Dritten und Vierten Lebensalter mit der Internetnutzung verbunden sein können, werden diskutiert. Dabei wird sowohl die individuelle (5.1.1) als auch die gesellschaftliche (5.1.2) Perspektive berücksichtigt sowie die Feststellung getroffen, dass die Diskussion über Nutzen und Kosten der Internetnutzung für ältere Menschen weitestgehend theoretisch bleibt und die Argumente bislang kaum empirisch belegt sind.

Es folgt ein Überblick zum Forschungsstand bezüglich der Internetnutzung im höheren Alter (5.2). Deutsche Forschung zum Thema, wie sie vor allem durch die ARD/ZDF-Medienforschung durchgeführt wird (5.2.1), ist größtenteils rein deskriptiv und bleibt dabei an der Oberfläche. Insbesondere wird nicht untersucht, wodurch sich Nutzer und Nichtnutzer – abgesehen von sozio-demographischen Merkmalen – voneinander unterscheiden. Im Gegensatz dazu werden in Nordamerika auch mögliche Auswirkungen der Internetnutzung durch Ältere empirisch untersucht (5.2.2). Auch hier bestehen aber Defizite, vor allem in Bezug auf die Auswahl der Untersuchungspersonen. Von diesen Defiziten ausgehend werden in Punkt 5.3 die konkreten Forschungsfragen der Arbeit erläutert.

Daran schließt sich eine kurze Darstellung der Wissenschaftsbereiche Gerontologie und Glücksforschung an, auf deren Erkenntnisse zur Beantwortung der Forschungsfragen zurückgegriffen wird. Die Glücksforschung (Kapitel 6 ) befasst sich mit der Problematik, was Lebenszufriedenheit bedeutet und wie man sie operationalisieren und messen kann. Die Gerontologie (Kapitel 7) fragt danach, was erfolgreiches Altern ausmacht und wie es sich messen lässt. Erkenntnisse der Gerontologie legen aber auch Vermutungen darüber nahe, welche Faktoren die Internetnutzung im Alter beeinflussen können.

Den angenommenen Zusammenhang zwischen Internetnutzung, erfolgreichem Altern und weiteren intervenierenden Faktoren verdeutlicht das Modell zum erfolgreichen Altern im Kontext der Internetnutzung (7.4), bevor im 8 . Kapitel das methodische Vorgehen der Studie beschrieben wird. Als Methode wird die Befragung gewählt; die Auswahl der Befragten sowie die Durchführung der Befragung werden erläutert. Daran schließen sich die Präsentation der Ergebnisse (Kapitel 9 ) sowie deren abschließende Diskussion an.

2 Exkurs: Altersdefinitionen und Terminologie

Die angemessene Bezeichnung von Personen höheren Alters ist eine heikle Frage. ‚Alt’ gilt als Unwort, seit sich in den 1950er Jahren ein heute teilweise noch immer wahrnehmbares Altersbild durchsetzte, im Zuge dessen Alter mit negativen Assoziationen wie Abhängigkeit, Benachteiligung, Ausgrenzung, Krankheit und Warten auf den Tod belegt wurde. Um das Unwort zu vermeiden, wurden Umschreibungen für die Bezeichnung ‚die Alten’ gefunden – etwa ‚ältere Mitbürger’ oder seit Mitte der 1970er Jahre ‚Senioren’, was nichts anderes bedeutet als ‚der Ältere’ (Verbraucherzentrale NRW, 2005: 13). Doch gegen diesen weit verbreiteten Terminus regt sich Widerstand:

„Mit dem Namen ‚Senioren’, den manche Institution bevorzugt, um die negativen Konnotationen von ‚Alte’ und selbst ‚Ältere’ zu vermeiden, können sich nicht allzu viele ältere Menschen anfreunden, da sie ihn nach den Wahlkampagnen der Parteien, der kommerziellen Werbung und dem Bemühen der Massenmedien um zusätzliche Hörer und Zuschauer als ‚verbraucht’ empfinden, mit dessen Hilfe man sie zudem zu gefügigen Wählern, Konsumenten und Abnehmern zu machen sucht – und die Sensiblen und Kritischen unter ihnen verweigern sich unauffällig oder wehren sich vernehmbar gegen derartige Manipulation, auch gegen solche mit Hilfe einer spezifischen Sprache“ (Reimann/Reimann, 1994: 6).

Die Ablehnung der Alten gegenüber dieser oft verwendeten Zielgruppenansprache ist in jedem Fall ein Grund, den ‚Senior’ in der Werbung nicht zu verwenden. Auch im wissenschaftlichen Kontext ist der Begriff ungeeignet, da er zum einen einseitig positive Assoziationen weckt (der „aktive, erfolgreich alternde Senior“), zum anderen sehr undifferenziert ist. Je nach Blickwinkel werden bereits Vierzigjährige – oder im Sport sogar unter Dreißigjährige – als Senioren bezeichnet.

Nicht besser verhält es sich mit den modernen Zielgruppennamen, die sich Marketingtreibende für die ‚Generation 50plus’ ausgedacht haben. Woopies (well-off older people), Wollies (well income old leisure people) und Selpies (second life people) sind nur einige Beispiele hierfür (Krieb, 99: 78).

Um zu entscheiden, wie man welche alten Menschen sinnvoller Weise bezeichnen kann, ist eine Auseinandersetzung mit den zahlreichen verschiedenen Altersdefinitionen hilfreich. Weitgehend Einigkeit herrscht zum einen darüber, dass es zunehmend schwerer wird, die Lebensphase Alter als Teil des Lebenslaufs abzugrenzen (Backes, 98: 23). Das liegt einerseits daran, dass der Eintritt in den Ruhestand „einen Teil seiner determinierenden Wirkung verloren“ (ebd.) hat, da er immer früher und uneinheitlicher erfolgt (Vorruhestand, gleitender Übergang in den Ruhestand...) und sich außerdem zum vielzitierten ‚Unruhestand’ entwickelt hat; und andererseits daran, dass die Lebensformen im Alter zunehmenden Pluralisierungstendenzen unterworfen sind (siehe dazu Gliederungspunkt 8.2 ).

Ebenfalls breit akzeptiert ist die Auffassung, dass das kalendarische oder chronologische Alter nicht ausreicht, um eine „Grenze für das Eintreten in das Alter“ (Reimann/Reimann, 1994: 4) zu bestimmen. Mindestens drei Alterskategorien kann man nennen, die über das individuell wahrgenommene Alter mehr aussagen als die Anzahl der Lebensjahre allein. Mehr noch als in anderen Lebensphasen (wie Kindheit oder Jugend) determinieren im Alter „vorangegangene Sozialisations- und Personalisationsprozesse“ (ebd.) das psychisch-intellektuelle Alter, d.h. die Einstellung zum eigenen Alter, die Neigung zu Aktivität oder Rückzug. Doppelt individuell bestimmt ist das biologische oder physische Alter – einerseits von genetischen Veranlagungen, andererseits von äußeren Einflüssen im Laufe des Lebens.

Normierungen einer Gesellschaft oder Gesellschaftsgruppe, wie Alterseinteilungen und Erwartungen an das Verhalten im Alter, beeinflussen das soziale Alter ebenso wie Zäsuren im Familienzyklus, die einen neuen Lebensabschnitt einleiten – der Auszug des letzten Kindes oder die Geburt des ersten Enkels.

Nichtsdestoweniger müssen statistische Ämter sowie verschiedene bürokratische Instanzen kalendarische Altersgrenzen festlegen. Das administrative Alter beginnt in der Regel noch immer mit dem offiziellen Renteneintrittsalter, also mit 65 Jahren. Diese Definition ist allerdings schon deswegen unbefriedigend, weil de facto die berufliche Altersgrenze mehrheitlich bei unter 60 Jahren liegt. Außerdem ist es sinnvoll, innerhalb der oft 25 oder mehr Jahre dauernden Altersphase weiter zu differenzieren.

Mit seinem Konzept vom „Dritten Alter’“ distanziert Laslett (1994) sich ausdrücklich von kalendarischen Alterseinteilungen. Er plädiert für eine vierteilige Abgrenzung der Lebensstufen, wobei die Einschnitte zwischen den vier Altern nicht auf Geburtstage fallen, sondern sich aus den Lebensumständen ergeben:

„Am Anfang steht die Zeit der Abhängigkeit, Sozialisation, Unreife und Erziehung; zweitens folgt die Zeit der Unabhängigkeit, Reife und Verantwortung, des Verdienens und Sparens, drittens die Zeit der persönlichen Erfüllung und viertens die Zeit der unabänderlichen Abhängigkeit, der Altersschwäche und des Todes“ (35).

Der so eingeteilte Lebenslauf hat seinen Höhepunkt im Dritten Alter. Dieses kann gleichzeitig mit dem Zweiten oder gar dem Ersten Alter gelebt werden, für die meisten Menschen beginnt es aber erst mit Ende des Zweiten Alters und dem Eintritt in den Ruhestand. Laslett nennt das Dritte Alter die „Krone des Lebens“ – eine Zeit des aktiven, selbstbestimmten Lebens ohne die Verantwortung, die Pflichten und die Einschränkungen, die Erwerbstätigkeit und Familie mit sich bringen. Er plädiert vehement dafür, die „weit verbreitete Untätigkeit“ als einzige mögliche Lebensform im Dritten Alter zu verwerfen und stattdessen anzuerkennen, dass selbstgewählte Aktivitäten Teil der „persönlichen Erfüllung“ des Ruhestands sind.

Zur Operationalisierung der vier Altersstufen kann man auf „nicht völlig befriedigende [...] demographische Näherungswerte“ zurückgreifen (ebd.: 129). Laslett schlägt vor, den Beginn des Zweiten Alters bei 25 Jahren anzusetzen. Nach seiner Definition beginnt das Dritte Alter in Deutschland heute circa mit 55 Jahren, also um die Zeit, wenn die Kinder selbstständig werden und der Gedanke an den Ruhestand aufkommt, das Vierte Alter mit circa 80 Jahren, denn ab diesem Alter steigt der Anteil der pflegebedürftigen Menschen steil an: Drei Prozent der 65-69-Jährigen sind pflegebedürftig, aber 40 Prozent der über 85-Jährigen (Tichy, 2003: 62).

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich also mit Personen im Dritten und Vierten Alter. Erstere werden im Folgenden auch als ‚Ältere’ oder ‚jüngere Alte’ bezeichnet, letztere auch als ‚Alte’ oder ‚ältere Alte’. Der Arbeit liegt außerdem die Annahme zu Grunde, dass Alter weder ein determinierter noch ein determinierender Status ist, sondern vielschichtige Prozesse und Veränderungen umfasst, und die Gruppe der Alten daher nicht homogen, sondern ebenso bunt zusammengesetzt ist wie andere Bevölkerungsgruppen auch.

3 Digital Divide

3.1 Digital Divide, Zugangsklüfte und Knowledge Gap

In bestimmten Bevölkerungsgruppen ist die Verbreitung des Internets beeindruckend hoch. Trotzdem kann man kaum von einer massenhaften Verbreitung sprechen, da der Anteil der Internetnutzer in anderen Gruppen sehr gering ist. Für diese Diskrepanz wurde Mitte der 1990er Jahre in den USA der Ausdruck ‚Digital Divide’ geprägt. Darunter versteht man den Umstand, dass die Zugangsmöglichkeiten zum Internet sowie seine Nutzung zwar zunehmen, dieses Wachstum aber in privilegierten soziodemographischen Schichten deutlich stärker stattfindet als in unterprivilegierten Schichten, und diese Kluft sich im Zeitablauf vergrößert statt verringert[6] (Riehm/Krings, 2006: 75).

Öffentliche Aufmerksamkeit erlangte der Begriff durch die Internetnutzungs-Analysen der National Telecommunications and Information Administration (NTIA), einer untergeordneten Behörde des U.S. Department of Commerce[7] (U.S. Department of Commerce, 1995&1998).

Eine adäquate Übersetzung von ‚Digital Divide’ ins Deutsche ist problematisch – ‚Digitale Spaltung’ oder ‚Digitale Kluft’ klingen dramatischer als der englische Ausdruck (Kubicek & Welling, 2000: 500). Dem Großteil der deutschsprachigen Literatur zum Thema folgend, sollen die beiden Begriffe hier dennoch verwendet werden.

Die Digital Divide-These beschreibt keine neue Problematik. Besonders in den USA wurden seit Anfang der 1980er Jahre Zugangsklüfte im Zusammenhang mit PC und verschiedenen Telefondiensten untersucht. Auch in Deutschland wurden anlässlich der Einführung des Bildschirmtextes Feldversuche durchgeführt, die zeigten, dass überproportional viele Personen mit höherem sozio-ökonomischen Status unter den Nutzern dieses frühen Online-Dienstes waren (Bonfadelli, 1994: 155). Man unterschied schon damals zwischen ‚information haves und have-nots’, ‚user und loser’ oder ‚information rich und information poor’ (Kubicek/Welling, 2000: 500; Compaine, 2000: 6). Erstmals thematisiert wurden Zugangsklüfte in den USA aber bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Unter dem Slogan ‚universal service’ wurde gefordert, „telephone service for everyone“ bereitzustellen (Compaine, 2001d: 101).

Auch der Wissenskluft-Perspektive[8] ist die Digitale Divide-These verwandt, was allerdings selten explizit angesprochen wird, wie Bonfadelli (2002: 65) kritisiert. Die ursprüngliche Hypothese von 1970 lautet:

„As the infusion of mass media information into a societal system increases, segments of the population with higher socio-economic status tend to acquire this information at a faster rate than the lower status segments, so that the gap in knowledge between these segments tends to increase rather than decrease“ (Tichenor et al., 1970: 159f).

Personen mit höherem sozio-ökonomischem Status und/oder höherer Bildung eignen sich nach dieser Hypothese Informationen schneller und effektiver an als solche mit niedrigerem Status. Demnach wirken Medien entgegen der gängigen Meinung nicht funktional, indem sie das Wissen in einer Gesellschaft vergrößern, sondern dysfunktional: Medienberichterstattung wirkt nicht homogenisierend, sondern verstärkt bestehende Ungleichheiten in Hinblick auf den Wissensstand zwischen den sozialen Gruppen (Trendverstärkerthese; Bonfadelli, 1994: 41).

Das bedeutet nicht, dass die in diesem Sinne Benachteiligten vollkommen unwissend bleiben oder ihr Wissen absolut gesehen abnimmt. Der Zusammenhang ist vielmehr relativ: „Der Wissenszuwachs [ist, Anm. der Verf.] bei den statushöheren Segmenten relativ grösser, weil sie das themenbezogene Informationsangebot der Medien schneller bzw. effektiver aufzunehmen vermögen“ (ebd.: 62). Dieser Prozess ist unter Umständen umkehrbar. Vor allem beim „Typus des nicht-vermehrbaren Ereigniswissens“ (ebd.: 79) wie etwa Unglücksfällen und Katastrophen holen weniger Informierte mit der Zeit und mit zunehmender Berichterstattung auf, und der Wissensstand zu einem bestimmten Thema gleicht sich an (Deckeneffekt). Es bleibt die Möglichkeit einer Benachteiligung durch die zeitliche Verschiebung.

Die Gründe für die Entstehung von Wissensklüften liegen nach Tichenor et al. in einer höheren Medienkompetenz, größerem Allgemeinwissen, relevanten Sozialkontakten und selektiver Zuwendung bzw. Mediennutzung besser gebildeter Schichten (ebd.: 72). Als Voraussetzung für das Auftreten von Wissensklüften nannten sie, dass erstens die Berichterstattung zum Thema ansteigend ist bzw. ihren Höhepunkt noch nicht überschritten hat und es sich zweitens um politische Probleme des öffentlichen Lebens – so genannte public affairs – handelt (ebd.: 63).

Die ursprüngliche Wissenskluft-Hypothese wurde von verschiedenen Seiten modifiziert und präzisiert, indem intervenierende Drittfaktoren formuliert wurden, die Stärke und Dynamik von Wissensklüften beeinflussen können (Bonfadelli, 1994: 102). Beispielsweise wurde argumentiert, dass die Konfliktivität eines Themas sowie die Intensität und Dauer der Berichterstattung Wissensklüfte ebenso beeinflussen wie die sozialen Netzwerke, das Vorwissen sowie die Rezeptionskompetenzen des Rezipienten. Auch die Relevanz des Themas für den Rezipienten, sein individuelles Interesse sowie seine Mediennutzung, etwa verstärkte Printmediennutzung oder informationsorientierte Medienzuwendung, wurden als intervenierende Faktoren genannt (ebd.: 135)[9].

Eine entscheidende Modifizierung erfuhr die Wissenskluft-Hypothese durch die Überlegungen von Ettema und Kline. Tichenor et al. gingen davon aus, dass Wissensklüfte durch situationsübergreifende Defizite niedriger Segmente, etwa in Hinblick auf die Medienkompetenz, entstehen. Die Ausgangshypothese zur Wissenskluft stellt insofern eine Defizithypothese dar. Im Gegensatz dazu formulierten Ettema und Kline (1977: 188) eine Differenzhypothese zur Wissenskluft:

„As the infusion of mass media information into a social system increases, segments of the population motivated to acquire that information and/or for which that information is functional tend to acquire that information at a faster rate than those not motivated or for which it is not functional, so that the gap in knowledge between these segments tends to increase rather than decrease“.

Demnach sind also situationsspezifische Differenzen zwischen den verschiedenen sozialen Segmenten verantwortlich für die Entstehung von Wissensklüften. So betrachtet sind Wissensklüfte gesellschaftspolitisch weniger brisant, da unterschiedliche Bedürfnislagen der verschiedenen sozialen Segmente als ihre Ursache angesehen werden (Arnhold, 2003: 95), nicht ihre strukturelle Benachteiligung.

Die Wissenskluft-Hypothese lässt sich aus verschiedenen Gründen nicht eins zu eins auf Klüfte in der Internetnutzung übertragen. Zum einen wurde sie für ein voll entwickeltes Mediensystem mit hoher Absättigung aufgestellt, wie es in der 1970er Jahren in den westlichen Industriegesellschaften vorherrschte (Bonfadelli, 1994: 65). Obwohl Zeitungen und (die damals noch wenigen) Fernsehsender nahezu universell genutzt wurden, galt die ungleiche Verteilung von Informationen für Tichenor et al. als Normalfall. Heute sind wir mit einem vollkommen anderen Mediensystem konfrontiert. Das Angebot hat sich vergrößert, das Fernsehen hat in Relation zur Zeitung deutlich an Bedeutung gewonnen, das Internet ist neu hinzu gekommen – und der Zugang zum Internet ist eben nicht universell gewährleistet . Schon seit den 1980er Jahren wird die Frage diskutiert, ob mit der Ausbreitung neuer Medien Wissensklüfte eher verstärkt oder tendenziell ausgeglichen werden. Das Bestehen von schichtabhängigen Internet-Zugangsklüften und die damit verbundene Verstärkung sozialer Ungleichheiten geht konform mit den Annahmen der Wissenskluft-Perspektive (ebd.: 60 und 152).

Zum anderen bezieht sich die Ausgangshypothese ausschließlich auf Wissensunterschiede bezüglich bestimmter politischer oder öffentlich relevanter Themen. Im Zuge späterer Modifikationen wurde der Ansatz dahingehend erweitert, dass neben Unterschieden im Wissensstand auch andere Klüfte, etwa bezüglich der Aneignung von Innovationen oder der politischen Partizipation, berücksichtigt wurden (Arnhold, 2003: 106). Die Knowledge Gap-Perspektive wurde von der Communication Gaps -Perspektive abgelöst.

In diesen Rahmen lässt sich auch die Digital-Divide Problematik einordnen, da ihr Fokus die unterschiedlich schnelle Aneignung der Innovation Internet in Abhängigkeit der Schicht- bzw. Gruppenzugehörigkeit ist. Digital Divide bezieht sich dabei zunächst nur auf eine Kluft in der technischen Ausstattung, die zur Internetnutzung nötig ist. Die Verstärkung von Wissensklüften wäre ein zweiter Schritt, folgt aus Zugangsklüften aber nicht zwangsläufig. Neben der Entstehung oder Verstärkung von Wissensklüften sind jedoch auch andere negative Effekte von Digitale Divide denkbar, was im weiteren Verlauf der Arbeit dargestellt wird.

3.2 Messung von digitalen Klüften

Digitale (Zugangs-)Klüfte, die durch eine demographisch ungleichmäßige Diffusionsgeschwindigkeit des Internets entstehen, beschreiben eine empirisch einfach messbare Tatsache (Marr, 2004: 78f).

Das gebräuchlichste, auch von der NTIA angewandte Maß für Digital Divide ist die Prozentsatzdifferenz. Diese wird als Differenz des Internetnutzeranteils zweier Gruppen innerhalb einer sozialen Kategorie (Alter, Bildung, Einkommen etc.) ermittelt[10] (Riehm/Krings, 2006: 78). Das Maß für die Digitale Kluft erhält man, indem man für diese Differenz die Gruppen mit dem höchsten und dem niedrigsten Nutzeranteil heranzieht.

Laut ARD-ZDF-Onlinestudie 2006 nutzen 59 Prozent der deutschen Bevölkerung über 14 Jahre und sogar 97 Prozent der 14 bis 19-Jährigen (höchster Nutzeranteil) das Internet, aber nur 20 Prozent der Gruppe 60 Jahre und älter (niedrigster Nutzeranteil). Das Maß der Digitalen Kluft für das Alter beträgt demnach 77 Prozentpunkte (Eimeren/Frees, 2006: 404). Umstritten ist aber, ob diese Kluft auch Ursache für eine ‚Digitale Spaltung’ ist – das heißt, ob ‚have-nots’ tatsächlich ‚loser’ sind.

3.3 Digitale Spaltung – haltbares Bedrohungsszenario?

Digitale Klüfte sind also einfach messbar und ihre Existenz steht außer Frage. Der ‚typische Internetnutzer’ ist männlich, jung, wohlhabend und gut gebildet. Am größten ist die digitale Kluft für das Alter, gefolgt vom Geschlecht. Die Alterskluft ist immer weiter angewachsen, während sich die Onlinenutzung von Frauen und Männern in den letzten Jahren angeglichen hat (Gerhards/Mende, 2005b: 115). Ob diese sozial segregierte Nutzung des Internets aber negative Folgen für Individuum und Gesellschaft hat, und wenn ja welche, ist umstritten. Die Diskussion um die digitale Spaltung kreist um zwei Fragen.

Erstens:

Hat die Nichtnutzung des Internets nachteilige Folgen oder nicht? Trägt das Internet zur Entstehung von Wissensklüften bzw. anderer Ungleichheiten bei?

Und, wenn ja, zweitens:

Handelt es sich bei „Digital Divide“ um ein vorübergehendes Phänomen, das bei der Einführung und Verbreitung einer neuen Kommunikationstechnologie normalerweise auftritt? Löst sich das Problem also mit der Zeit, weil die Kluft von selbst verschwindet?

3.3.1 Exklusionsthese

Ausgangspunkt der Diskussion ist die Behauptung einer Benachteiligung der Nichtnutzer (Nr.2 in Abb. 1). Folgt man dieser unter Punkt 3.3.3 näher beschriebenen ‚Benachteiligungs-’ oder ‚Handicapthese ’, lassen sich zwei Gruppen unterscheiden:

Eine Gruppe geht, gestützt auf innovationstheoretische und marktökonomische Modelle, davon aus, dass es sich bei digitalen Klüften um temporäre Erscheinungen handelt, das Problem sich also mit der Zeit „through natural forces“ (Compaine, 2000: 3) selbst lösen wird (Nr. 5 in Abb.1, etwa Compaine, 2000 oder 2001a). Bis zum Ende der laufenden Dekade würden die Kosten der Internetnutzung so weit fallen und die Nutzung so einfach werden, dass in erster Linie freiwillige Nichtnutzer ‚übrigblieben’, die gegen Initiativen der Zugangsförderung ohnehin immun seien (ebd., 21f). Die anfänglichen Disparitäten würden im Zuge eines ‚Trickle-Down-Effekts’ (d.h. einer Ausbreitung nach unten) verschwinden, das Internet sich in allen sozialen Schichten gleichmäßig ausbreiten. Die Annahme, es gebe eine digitale Spaltung, sei „the result of stereotypes and misleading survey data, well-meaning but misguided interest groups, and a mass media machine that keeps the perception alive.“ (Compaine, 2001e: 301).

Eine weitaus größere Gruppe bezweifelt diese Annahme jedoch. Sie geht, theoretisch begründet durch ein „stratifikatorisches Diffusionsmodell“ (Marr, 2004: 80), von einer anhaltenden „Zugangsexklusion“ (ebd.: 78) von Teilen der Bevölkerung aus (Exklusionsthese), und fordert gesellschaftspolitische Interventionen, um möglichst alle Schichten ans Internet heranzuführen (Nr. 4 in Abb.1, etwa Kubicek/Welling, 2000).

Eine Reihe von Faktoren wird dafür verantwortlich gemacht, dass die Internetverbreitung in unterprivilegierten Schichten auf niedrigem Niveau stagnieren werde:

„Hierzu zählen etwa der Mangel an Anwendungskompetenz gepaart mit ungenügender Benutzerfreundlichkeit der Software, die Dominanz inhaltlicher Angebote, die vorwiegend an den Bedürfnissen der technologischen und intellektuellen Eliten ausgerichtet werden, Berührungsängste mit der neuen Technologie, der geringere finanzielle Spielraum zur Anschaffung internettauglicher Hardware und zur Abdeckung der permanent anfallenden Folgekosten oder schlicht fehlendes Interesse an den Vorzügen des neuen Verbreitungsmediums“ (Marr, 2004: 80).

Die aktuelle Entwicklung scheint den Vertretern der Exklusionsthese Recht zu geben. „Die Bilanz ist ernüchternd“, schreiben Riehm und Krings (2006: 78). Während sich das Internet in seiner Frühphase mit einer sehr hohen Geschwindigkeit ausgebreitet hat, ist das Wachstum mittlerweile fast zum Erliegen gekommen. Ein „Internet für alle“ (Nr. 7 in Abb.1) ist noch lange nicht erreicht und vielleicht auch nie zu erreichen. Angesichts der nach wie vor sozial stark segregierten Nutzung des Internets sowie der Komplexität des PC-basierten Zugangs erscheint es unwahrscheinlich, dass das Internet (in seiner gegenwärtigen Form) eine ähnlich hohe Verbreitung erfahren wird wie z.B. Telefon oder Fernsehen. Mittlerweile wird vermutet, dass in einigen Jahren eine Sättigung der Internetverbreitung in Deutschland bei ca. 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung eintreten wird (etwa Eimeren et al. 2004: 370 oder Oehmichen, 2004: 102). Erwartungen aus dem Jahr 2000, wonach die Durchdringungsrate bis 2003 auf 70 Prozent und bis 2006 auf 75 Prozent ansteigen würde (Booz-Allen & Hamilton, 2000: 21), erscheinen heute zu optimistisch. Doch die Entwicklung der absoluten Internetverbreitung allein sagt noch nichts über die Entwicklung sozialer Zugangsklüfte. Während der Frühphase technologischer Innovationen gelten sozial ungleichmäßige Diffusionsgeschwindigkeiten als Normalfall (Marr, 2004: 79). Doch auch in den letzten Jahren hat die digitale Kluft eher weiter zu- als abgenommen und scheint sich auf absehbare Zeit nicht von selbst zu lösen.

Die Frage, ob die digitale Kluft sich in den nächsten Jahren schließen wird, kann nicht mit Sicherheit beantwortet werden. Gegenwärtig sieht es nicht danach aus. Zumindest mittelfristig werden mindestens 30 bis 40 Prozent der Deutschen das Internet nicht nutzen. „Damit kann der Vorwurf, die Zugangsförderung unterstütze einen Verbreitungsprozess, der auch ohne sie stattfinden würde und renne deshalb offene Türen ein, als ungerechtfertigt zurückgewiesen werden“ (Marr, 2004: 90).

Abbildung 1: Der Diskurs zur digitalen Kluft

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.3.2 Sonderfall Alterskluft

Die altersbezogene Zugangskluft stellt in diesem Zusammenhang ein besonders komplexes Phänomen dar, da hier neben den ‚üblichen’ Einflussfaktoren wie Bildung, Geschlecht, Einkommen usw. auch Kohorten- bzw. Generationeneffekte eine wichtige Rolle spielen.

Obwohl die Internetnutzung Älterer schon seit Jahren deutlich stärker ansteigt als die der Jüngeren, ist die altersbezogene Zugangskluft im selben Zeitraum stetig gewachsen. 1997 betrug sie zwischen der stärksten Nutzergruppe (den 20-29 bzw.14-19-Jährigen) und der schwächsten (60 Jahre und älter) 13 Prozentpunkte, im Jahr 2000 bereits 50 Prozentpunkte, und 2006 77 Prozentpunkte. Derzeit liegt der Anteil der Onliner bei den über 60-Jährigen um fast 40 Prozentpunkte unter dem Bevölkerungsdurchschnitt (Basis: Daten der ARD/ZDF-Online-Studie). „Aufgrund der extrem niedrigen Ausgangszahl der Altersklasse der über 60-Jährigen [reicht die höhere Zuwachsrate bei der Nutzung nicht aus, Anm. d. Verf. ], um den prozentualen Abstand zur Gruppe der 14- bis 19-Jährigen zu verringern, so dass sich dieser Abstand weiter vergrößert hat. Wenn die Entwicklung in gleicher Weise weiter verlaufen würde, müssten noch viele Jahre vergehen, bis sich die digitale Kluft zwischen den beiden Altersgruppen merklich verringert und die über 60-Jährigen den heutigen Anteil der Internetnutzer bei den 14-19-Jährigen erreichen“ (Kubicek/Welling, 2000: 506).

Will man die Frage beantworten, ob die Alterskluft bei der Internetnutzung sich irgendwann schließt, stößt man auf ein grundlegendes Problem: „Wenn wir Unterschiede zwischen Altersgruppen beschreiben, können wir fast nie sicher sein, ob diese altersbedingt oder auf unterschiedliche Geburtskohorten zurückzuführen sind“ (Maas et al., 1996: 109).

Bei der Ausbreitung neuer Technikformen können verschiedene Effekte auftreten:

1.) Kohorteneffekte – eine Innovation wird vor allem von einer oder mehreren bestimmten Geburtskohorten aufgegriffen, andere Kohorten eignen sich diese Innovation nicht an;
2.) historische Periodeneffekte – eine Innovation setzt sich nach gewisser Zeit allgemein durch;
3.) Alterseffekte – bestimmte Altersgruppen besitzen ein Gerät „aufgrund finanzieller Einschränkungen oder biologischer Gegebenheiten“ (Sackmann/Weymann, 1994: 32) nicht, egal wie lang es schon auf dem Markt ist.

Die Tatsache, dass ältere Menschen neue technische Geräte (oder Medien allgemein) anders nutzen als Junge, wird häufig mit dem Unterschied zwischen Jugend und Alter im Umgang mit technischen Neuerungen, also als Folge des Alterns, erklärt. „Bei genauerem Hinsehen jedoch erweist sich die plausible Erklärung solcher Beobachtungen als ‚altersgemäßer’ Umgang mit Technik als zu einfach, ja falsch. Nicht so sehr das Alter eines Menschen, sondern vor allem seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation[11] mit ihren besonderen Technikerfahrungen erklärt Akzeptanz und Beherrschung technischer Innovationen im Alltag“, schreiben Sackmann und Weymann (1994: 7).

Sie prägten den Begriff der Technikgenerationen, die „aufgrund einer je spezifischen Lagerung von Kohortengruppen im historischen Fluß technischer Innovationen“ (ebd.: 183) entstehen. Sie gehen davon aus, dass jede Technikgeneration in jungen Jahren besonders intensive Erfahrungen mit den technischen Innovationen ihrer Zeit macht und so ein jeweils spezifisches Verhältnis zur Technik entwickelt. Jüngere Technikgenerationen greifen Innovationen schneller auf als ältere, indem sie früher neue Geräte kaufen und neue Kompetenzen erwerben. Mit der Zeit, wenn eine technische Innovation wie z.B. Pkw und Telefon zum Alltag gehört, gleichen sich Kaufverhalten, Kompetenzunterschiede und Einstellungen zwischen den Generationen an (ebd.: 183). Dies schließt nicht aus, dass bei bestimmten, vor allem kurzlebigen technischen Geräten Kohorten- und Alterseffekte stärker sind als Periodeneffekte[12].

Trifft diese Hypothese zu – und das erscheint einigermaßen plausibel - wird sich das Internet nach einer gewissen Übergangsperiode unter älteren Menschen genau so verbreiten wie unter jüngeren. Wie lange diese Übergangsperiode dauern wird, ist allerdings ungewiss. Angesichts der Altersstruktur der deutschen Gesellschaft ist es unbefriedigend, allein auf einen Generationenwechsel zu warten – denn dann bliebe noch ca. zwei Jahrzehnte lang die Hälfte der Bevölkerung offline. Gegenwärtig und auf absehbare Zeit ist also ein beträchtlicher Teil der deutschen Bevölkerung – und dazu gehören insbesondere ältere Menschen – von der Internetnutzung ausgeschlossen. Die „Exklusionsthese“ trifft also zu. Im Folgenden wird diskutiert, ob dies auch für die Benachteiligungsthese gilt.

3.3.3 Benachteiligungsthese – Positionen und Forderungen

„Sicherlich wird es auch weiterhin eine Reihe von Tätigkeiten, Rollen und Lebensstilen geben, für die der Umgang mit dem Internet nicht zwangsläufig gegeben oder notwendig ist. [Es ist jedoch, Anm. d . Verf. ] davon auszugehen, dass diejenigen, die sich dem Zugang zu den neuen Medien verschließen bzw. denen der Zugang zu den neuen Medien nicht erschlossen wird, in vielen Bereichen zeitlich (Geschwindigkeit der Informationsgewinnung), inhaltlich (Informationsdichte) und dadurch auch teilweise wirtschaftlich benachteiligt sein werden“ (Stadelhofer/Marquard, 2004: 10).

Zur theoretischen Begründung der Benachteiligungsthese wird auf die veränderten Lebensbedingungen in der ‚Informationsgesellschaft’ oder ‚Wissensgesellschaft’ verwiesen. Die beiden Begriffe werden, obgleich sie nicht exakt die gleiche Bedeutung haben, de facto synonym verwendet und wurden durch den amerikanischen Soziologen Daniel Bell popularisiert, der in den 1970er Jahren für die postindustrielle Gesellschaft den „Transport von Information als das zentrale Problem definiert, woraus sodann die Errichtung von Informations- bwz. Kommunikationsnetzen als typische Problemlösung erwächst“ (Burkart, 2002: 183). „Der Unterschied zu früheren Zeiten liegt [heute, Anm. d. Verf. ] darin, dass in der modernen Informationsgesellschaft Informationen zunehmend – und zunehmend ausschließlich – in technisierter Form verfügbar sind und über digitale Informations- und Kommunikationssysteme vermittelt werden“ (Mollenkopf, 1998: 126).

Vertreter der Benachteiligungsthese nehmen an, dass es „in der Wissensgesellschaft mehr noch als in der Industriegesellschaft für den volkswirtschaftlichen und den individuellen Wohlstand auf Informations- und Kommunikationskompetenzen ankomme“ (Kubicek/Welling, 2000: 500), da Informationen und Wissen zu gesellschaftlicher Macht führten. In stärkerem Maße als traditionelle Medien sei das Internet dazu geeignet, gravierende Wissensklüfte zu verursachen:

„To sum up, it can be hypothesized that in comparison to the traditional media the Internet fosters audience fragmentation and individualized information seeking; and this could result in an increasing disintegration of individual agendas and the amount of shared knowledge“ (Bonfadelli, 2000: 73).

Darüber hinaus wird die Position vertreten (etwa von Welsch, 2002: 195f), dass die Internetnutzung über die Teilhabe an „gesellschaftlichen Prozessen und deren Ergebnissen“ entscheide. Die Verbreitung des Internets führe dazu, dass immer mehr „gesellschaftliche und wirtschaftliche Transaktionen“ (kostengünstig) online abgewickelt werden: E-Commerce, private Post per E-Mail, Weiterbildung, öffentliche Dienstleistungen und Verwaltungsvorgänge (Bürgerinformationen, Meldeangelegenheiten etc., sog. ‚E-Government’). Außerdem hält sich die (unrealistische) Erwartung, dass in näherer Zukunft sogar die Teilnahme an politischen Wahlen über das Internet möglich sein werde (Stadelhofer/Marquard, 2004: 10). Die Konsequenz sei, dass Personen, die diese Möglichkeiten nutzen, „ihre Position in gesellschaftlichen Macht- und wirtschaftlichen Marktstrukturen“ verbesserten, während solche, die offline bleiben, von der „Teilhabe am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Leben“ ausgeschlossen blieben. Zugang zum Internet und die Fähigkeit, es effektiv zu nutzen, würden daher in der Wissensgesellschaft für alle Bürger zu „einer unverzichtbaren Grundlage für gesellschaftliche Teilhabe und Chancengleichheit“ (Welsch, 2002: 195f).

Initiativen zur digitalen Alphabetisierung

Als Vertreter der Benachteiligungsthese forderten Kubicek und Welling 2000 (513) gezielte politische Interventionen, um die Internetnutzung zu verbreiten, da sich sonst besser gebildete Bevölkerungsgruppen den Umgang mit dem Internet deutlich schneller aneignen und ihren Vorsprung weiter ausbauen würden. Um dem gegenzusteuern, müsse Nichtnutzern die Möglichkeit geboten werden, sich ohne hohe Einstiegskosten und unter Anleitung quasi ‚unverbindlich’ ein Bild des Nutzens zu machen, den das Internet bieten kann. Außerdem sei es wichtig, auch bislang im Internet unterrepräsentierten Gruppen (z.B. ältere Menschen oder Migranten) relevante Inhalte zu bieten. Auch Welsch (2002: 201) vertritt die Ansicht, der Staat müsse eingreifen, um die digitale Kluft abzubauen und so die mit ihr verbundenen gesellschaftlichen Probleme wie wirtschaftliche Benachteiligung oder „Demokratieverlust durch Exklusion eines Teils der Bürgerinnen und Bürger aus online-basierten Willensbildungsprozessen“ zu entschärfen.

In einem „weltweiten Initiativwettbewerb“ (Marr, 2004: 76) nahmen sich politische Akteure, staatliche Behörden, Wirtschaftsvertreter, Interessengruppen sowie Wissenschaftler dieser Forderungen an und lancierten umfangreiche Steuerungsaktivitäten, um die Verbreitung des Internets zu erhöhen. Eine großes Projekt zur ‚digitalen Alphabetisierung’ Deutschlands ist beispielsweise die ‚Initiative D21’, eine Partnerschaft zwischen Politik und Wirtschaft (Public Private Partnership). Neben anderen Projekten (etwa der Förderung der Akzeptanz der elektronischen Gesundheitskarte oder Gewinnung junger Frauen für technische Studienfächer) ist die Umsetzung des von der Bundesregierung 1999 formulierten Ziels ‚Internet für alle’ zentrale Aufgabe von D21[13] (Initiative D21, 2006). Eine besonders wichtige Zielgruppe sind dabei ältere Menschen[14], die seit 2004 im Rahmen des Projekts ‚Mittendrin im Leben – Ganz einfach Internet. Aktionsprogramm zur Internetnutzung für die Generation 50plus’ durch ein flächendeckendes Angebot günstiger, auf ältere Teilnehmer zugeschnittener Onlinekurse verstärkt zur Internetnutzung bewegt werden sollen. Im Mai 2006 wurde von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO e.V.) gar das ‚Online-Jahr 50plus’ unter der Schirmherrschaft der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ausgerufen (Initiative 50plus ans Netz, 2006). Gerade zur ‚digitalen Alphabetisierung’ älterer Menschen existiert eine (unübersichtliche) Vielfalt weiterer von Wirtschaft und Politik/öffentlicher Hand gemeinsam getragener Initiativen.

Kritik an der Benachteiligungsthese

Der Ruf nach Zugangsförderung durch den Staat wurde also erhört. Doch sowohl Angemessenheit als auch Notwendigkeit staatlicher Steuerung mit dem Ziel ‚Internet für alle’ werden mittlerweile zunehmend in Frage gestellt:

„Eine gute Förderungspolitik sollte nicht nur gut gemeint, sondern auch gut begründet sein. Dies gilt insbesondere für die Förderung des Internetzugangs für alle, nicht nur weil sie in Zeiten knapper Förderungsressourcen ihre Priorität gegenüber anderen, vielleicht ebenso berechtigten Steuerungszielen rechtfertigen muss, sondern auch weil sie – seitdem es sie gibt – dem Verdacht ausgesetzt ist, ihr eigentlicher Effekt bestehe vor allem darin, dass der Absatz von Hard- und Software gesteigert und die Reichweite des Internets als Marketing-, Verkaufs- und Vertriebskanals erhöht werde“ (Marr, 2004: 90).

Die Angemessenheit der vielfältigen Initiativen kann man aus verschiedenen Gründen in Frage stellen. Zum einen scheinen die Initiativen ihr Ziel ‚Internet für alle’ nicht zu erreichen. Zwar war die Vorgabe der Bundesregierung – 40 Prozent Internetnutzer – bereits im Dezember 2001 erreicht, doch im Vergleich zu den übrigen europäischen Staaten und den USA hat das die Position Deutschlands nicht verbessert: Nach wie vor nimmt das Land Platz 9 bei der Internetverbreitung ein. Man kann dieses Ranking unerheblich finden, Tatsache ist aber, dass die soziodemographischen Zugangsklüfte im selben Zeitraum ebenfalls gewachsen sind (Kubicek, 2004: 2ff).

Zum anderen setzt sich die Erkenntnis durch, dass technischer Zugang allein nicht alle Probleme löst. Bereits in Zusammenhang mit der Wissenskluft-Forschung wurde unterschieden zwischen ‚ Access-Gaps’ (Wissensklüfte aufgrund der bildungsspezifisch unterschiedlichen Intensität der Mediennutzung) und ‚ Usage-Gaps’ (Wissensklüfte durch differenzielle Unterschiede in der Mediennutzung) (Bonfadelli, 1994: 179). Im Zusammenhang mit dem Internet spricht Bonfadelli (2002: 83) von „a double digital divide“, Eszter Hargittai (2002) von „second-level digital divide“, da es neben einer zugangsbedingten Kluft ebenso eine nutzungs- oder rezeptionsbedingte Kluft (Wirth, 1999: 12f) gebe, eine „gap between those who can effectively use new information and communication tools, [...] and those who cannot“ (Digital Divide Network, zitiert nach Arnhold, 2003: 16).

Es ist nicht allein entscheidend, ob ein Internetzugang vorhanden ist, sondern auch, wie er genutzt wird – kompetent oder nicht, primär als ein Instrument der Information oder ausschließlich zum Zwecke der Unterhaltung[15]: „Internet access alone obviously does not automatically guarantee an informed and knowledgeable public“ (Bonfadelli, 2002: 83), sorgt also noch nicht für Chancengleichheit. Eichmann (2000: 161) befürchtet, dass sich (auch) in Bezug auf die Internetnutzung eine Segmentierung der Gesellschaft in „Informationselite“ und „Unterhaltungsproletariat“ (Eichmann, 2000) entwickeln werde. Unter diesem Gesichtspunkt steht die Angemessenheit von Initiativen in Frage, die sich alleine auf die Zugangsförderung beschränken (Marr, 2004: 77).

In letzter Zeit werden aber auch Stimmen laut, die die Notwendigkeit von Steuerungsmaßnahmen grundsätzlich hinterfragen und konkrete Nachweise der Benachteiligung von Nichtnutzern fordern (Nr. 3 in Abb.1, etwa Marr, 2004):

„Die Zugangsförderung ist herausgefordert, das Bedrohungsszenario einer digitalen Spaltung, auf dessen Abwendung sie zielt, so gut wie möglich zu plausibilisieren. [...] Die der Handicapthese zugrunde liegende Annahme, dass das Internet tatsächlich einen relevanten sozialen Unterschied macht, ist zwar ein Gemeinplatz, der sowohl von den Technikeu-phorikern als auch von den Vertretern der These einer digitalen Spaltung behauptet wird, faktisch aber alles andere als zwangsläufig“ (Marr, 2004: 78ff).

Empirische Nachweise der Benachteiligungsthese fehlen bislang. Ein Grund dafür dürfte neben der „Plausibilität“ der These die Tatsache sein, dass der Nachweis der Wirkung von Internetnutzung bzw. Nichtnutzung methodisch viel schwieriger ist als etwa der Nachweis von Zugangsklüften. Außerdem stellen sich solche Folgen wahrscheinlich mit einer gewissen Zeitverzögerung ein. Und schließlich muss entsprechende Forschung interdisziplinär vorgehen, da vielfältige Wirkungserwartungen aus verschiedenen Bereichen existieren – in Bezug auf ältere Menschen etwa aus Kommunikationswissenschaft, Soziologie, Psychologie, Pädagogik, Medizin/Geriatrie, Gerontologie, Politik oder Wirtschaft/Konsumforschung.

Eine pauschale Bestätigung der Haltbarkeit oder Unhaltbarkeit der Benachteiligungsthese kann es nicht geben (Marr, 2004: 83f). Vielmehr müssen möglicherweise benachteiligte Gruppen differenziert betrachtet sowie mögliche Benachteiligungen konkret formuliert und einzeln überprüft werden.

Schon vor der Ausbreitung des Internets hat Bonfadelli (1994: 74) dazu treffend bemerkt:

„Die Gefahr einer unkritischen politischen wie medienpolitischen Anwendung der Wissenskluft-Hypothese ist immer dann gegeben, wenn vorschnell pauschale Bewertungen und Prognosen abgegeben werden, und zwar z.B. dergestalt, dass als gesellschaftliche Folgeeffekte der Einführung der sog. Neuen Medien einerseits einseitig negativ nur intellektuelle Verelendung, soziale Isolation und Abhängigkeit, andererseits aber einseitig nur positiv umfassende Informiertheit und Chancengleichheit für alle prognostiziert wird. Der Vorteil der Wissenskluft-Perspektive liegt ja gerade umgekehrt in der differenzierenden Sichtweise, indem sie eben nicht nach pauschalen Medieneffekten, sondern nach der sozial differentiellen Verteilung von Wissen und Kommunikationseffekten fragt“.

3.4 Nichtnutzerforschung – Forschungsstand, Defizite und neue Perspektiven

Die differenzierte Überprüfung der Benachteiligungsthese könnte einen neuen Ansatz in der Nichtnutzerforschung (Nr. 8 in Abb.1) darstellen, die bislang „zur Erreichung des Ziels ‚Internet für alle’ instrumentalisiert wurde“ (Riehm/Krings, 2006: 77). Ziel der Nichtnutzerforschung ist es zumeist, Gründe und Motive für die Nichtnutzung zu erheben und Kenntnis der Zusammensetzung der Nichtnutzerschaft zu erlangen, um so die Maßnahmen zur Förderung der Internetnutzung (Nr. 4 in Abb.1) zu verbessern. Teilweise werden Nichtnutzer dabei als „Verweigerer gegenüber einem quasi naturwüchsigen Trend zur Internetnutzung“ (ebd.) betrachtet, die sich auf Grund von Ignoranz oder unbegründeter Vorbehalte gegen die Internetnutzung sträuben, und die es zur Nutzung zu bewegen gilt. Ein Beispiel für diese Position findet man im (N)Onliner-Atlas der ‚Initiative D21’, der zunächst ‚Verweigereratlas’ hieß (TNS Emnid, 2001, TNS Infratest, 2005 a). Dieser jährlich erscheinende ‚Internetatlas’ teilt die Bevölkerung in Nichtnutzer, Nutzungsplaner und Nutzer ein und ignoriert dabei beispielsweise, dass es neben der Entwicklung vom Nichtnutzer zum Nutzer auch den umgekehrten Weg vom Nutzer zum Nichtnutzer gibt.

Eine andere Strömung der Nichtnutzerforschung (etwa Gehrke: 2004) konzentriert sich auf Kosten-Nutzen-Abwägungen der Nichtnutzer: „Doch selbst wenn dabei teilweise konstatiert wird, dass bestimmte Milieus und Gruppen wahrscheinlich nie den Schritt zur Internetnutzung machen werden, bleibt auch diese Forschung in erster Linie der Markterschließung für das Internet verpflichtet“ (Riehm/Krings, 2006: 78). Dass die Nichtnutzung des Internets eine bewusste individuelle Entscheidung darstellen kann, wird weitgehend ausgeklammert.

Die Nichtnutzerforschung kann als „noch unterentwickelt“ bezeichnet werden (Riehm/Krings, 2006: 80). Der Aspekt der Nichtnutzung wird in zahlreichen Studien zu Digital Divide zwar berücksichtigt, es bestehen aber deutliche Defizite. Auch wenn eine gleichberechtigte Untersuchung von Nutzern und Nichtnutzern programmatisch angekündigt wird, wird die Perspektive der Nichtnutzer der der Nutzer untergeordnet oder es werden zur Nichtnutzung erhobenen Daten nur teilweise veröffentlicht. Die Nichtnutzung wird als ‚Übergangsphänomen’ wahrgenommen. Dies trifft sowohl für die in der Digital Divide-Debatte wegweisenden amerikanischen Studien der NTIA[16] sowie die UCLA Internet Reports[17] zu, als auch für deutsche Studien wie ‚Internet 2002’[18] oder den bereits erwähnten (N)Onliner-Atlas[19]. Unter den deutschen Publikationen sticht die ARD/ZDF-Online-Studie positiv hervor, in deren Rahmen seit 1997 jährlich Daten zur Internetnutzung und seit 1999 parallel auch Daten zur Nichtnutzung erhoben werden. 2005 beispielsweise wurden sowohl soziodemographische Faktoren wie Alter, Geschlecht und Bildungsgrad als auch generelle Einstellungen gegenüber dem Internet, Gründe der Nichtnutzung sowie allgemeine Mediennutzung von knapp 800 Offlinern abgefragt. Außerdem wurde erhoben, ob das Internet früher bereits genutzt wurde, ob eine Vorstellung vom Internet besteht und ob Pläne zur Anschaffung eines Internetzugangs existieren (Gerhards/Mende, 2005a). Auf Basis dieser Erhebungen wurde eine Offliner-Typologie entwickelt, in der fünf Typen unterschieden werden.[20] Zwar wird eingestanden, dass die Nichtnutzung eine bewusste Entscheidung sein kann, doch ist man auch hier der Markterschließung für das Internet verpflichtet, denn es sollen die „Potenziale unter den Offlinern, in der nächsten Zeit online zu gehen“ (Gerhards/Mende, 2005b: 115) ermittelt werden. Die Untersuchung konkreter Benachteiligungen aus der Nichtnutzung erfolgt höchstens ganz am Rande. So wird in der ARD/ZDF-Offline Studie lediglich danach gefragt, ob ein „Anpassungszwang“, ein sozialer Druck zur Internetnutzung, spürbar sei (Gerhards/Mende, 2005a: 389).

3.5 Prämissen der Arbeit

„Wenn eine Sättigung der Internetnutzung bei ca. zwei Dritteln eintritt, würde dies die Rentabilität vieler Investitionen im E-Commerce und die Verwirklichung eines E-Government in Frage stellen. [...] Die Aussage ‚Ich brauche es [das Internet, Anm. d. Verf. ] nicht für mein Leben’ steht in deutlichem Widerspruch zu den Visionen von der Informationsgesellschaft und den Erwartungen an das E-Business. Sollte diese Aussage fundiert sein und die Absicht, nicht online zu gehen, konsequent eingehalten werden, dann befinden sich Wirtschaft und Wirtschaftspolitik auf einem riskanten Kurs, Angebote am Bedarf vorbei aufzubauen bzw. zu fördern“ (Kubicek/Welling, 2000: 499ff).

Die Interessenlage in der normativ und ideologisch aufgeladenen Diskussion um die digitale Spaltung und das Ziel ‚Internet für alle’ ist komplex. Um so wichtiger ist es, sich über die Interessen der verschiedenen Akteure klar zu werden, will man sich differenziert mit dem Problem auseinander setzen. Mindestens drei Nutznießer (scheinbar und tatsächlich) hoher Nutzerzahlen kann man nennen: Zum einen steigt für Wissenschaftler, die sich schwerpunktmäßig mit Onlinemedien beschäftigen, mit den Nutzerzahlen auch die Relevanz ihrer eigenen Arbeit. Zweitens profitiert die Wirtschaft vom „werbenden Charakter“ hoher Nutzerzahlen: Je stärker in der Öffentlichkeit der Eindruck vermittelt wird, die Internetnutzung sei selbstverständlich, desto höher ist der soziale Druck auf Offliner, zu Onlinern zu werden. Außerdem ist „gerade Wirtschaftsunternehmen an einer baldigen Internet-Vollversorgung in Deutschland gelegen. Denn dann können viele Einkäufe, Überweisungen usw. [...], die heute noch von Mensch zu Mensch vorgenommen werden und entsprechend teuer sind, ausschließlich als Online-Variante angeboten werden. Solange es noch einen nennenswerten Anteil sogenannter Offliner gibt – diese sind nicht nur unter Senioren zu suchen, sondern besonders auch unter weniger gebildeten Jüngeren – müssen herkömmliche Transaktionswege erhalten werden“ (Schweiger, 2004b: 46).

Und drittens ist die massenhafte Internetverbreitung für die Politik von Vorteil. Zum einen, da sie als Indikator für gesellschaftlichen Fortschritt angesehen wird und daher als Standortvorteil gilt (Schweiger, 2004a: 94ff). Zum anderen könnte auch der Staat bei einer Internet-Vollversorgung massiv Kosten sparen: „Wenn aber ein signifikanter Bevölkerungsanteil ohne Internet-Zugang bleibt, muss der Staat Parallelstrukturen anbieten. Dies führt zu zusätzlichen Kosten und weiterer Komplexität. Das Einsparungspotenzial von ‚e-Government’ – einem durch das Internet gestützten politischen Willensbildungsprozess mit entsprechenden Verwaltungsstrukturen – bliebe stark eingeschränkt“ (Booz-Allen & Hamilton, 2000: 7).

Das Interesse der Wirtschaft an der weiteren Ausbreitung der Internetnutzung ist verständlich und legitim. Die wissenschaftliche Forschung aber sollte nicht unreflektiert auf diesen Zug aufspringen. Ihre Aufgabe ist es, unvoreingenommen die Entwicklung der Internetnutzung und ihre Implikationen zu untersuchen. Dass diese Ansicht sich innerhalb der Nichtnutzerforschung bislang nicht flächendeckend durchgesetzt hat, wurde bereits ausgeführt. Zusammenfassend lassen sich folgende Kritikpunkte und daraus resultierende Grundlagen für die vorliegende Arbeit formulieren:

1.) Bislang wird die Nichtnutzung in erster Linie unter dem Aspekt ihrer Überwindung betrachtet, nicht (auch) als alternative Mediennutzungsstrategie (Riehm/Krings, 2006: 75). Nichtnutzer werden teilweise undifferenziert als ‚homogene Verweigerer’ angesehen und als zurückgeblieben oder technikfeindlich stigmatisiert. In dieser Arbeit jedoch sollen sie – genau wie die Nutzer - differenziert betrachtet werden, indem zum Beispiel nach vorhandenen Vorstellungen vom Internet, nach Art der Gründe für die Nichtnutzung, nach Nutzungsplanung oder nach früherer Internetnutzung unterschieden wird, und nicht ausschließlich bipolar nach ‚Nutzer’ und ‚Nichtnutzer’. Die Nichtnutzung wird wertfrei betrachtet als eine legitime individuelle Entscheidung.

2.) „Generell wird die Frage nach dem Nutzen der Nutzung – für die Person und für die Gesellschaft – zu wenig gestellt“ (Riehm/Krings, 2006: 91). Andererseits wurde bislang nicht geklärt, welche Benachteiligungen aus der Nichtnutzung des Internets konkret erwachsen und welche Alternativen es zum Internet gibt, um solche Benachteiligungen gegebenenfalls zu verhindern oder zu kompensieren. Diese Arbeit fragt daher nach möglichen individuellen Benachteiligungen von Nichtnutzern im Vergleich zu Nutzern.

Die untersuchte Zielgruppe sind dabei die jüngeren Alten, die – wie eingangs bereits erläutert – von besonders hohem Interesse für die IT-Wirtschaft sind. Bei jüngeren Gruppen ist mittlerweile eine Sättigung der Internetausstattung und -nutzung in greifbare Nähe gerückt. Über Zuwachspotential in diesem Bereich verfügen vor allem die über 60-Jährigen. Der Wirtschaft ist daher daran gelegen, die Nutzerzahlen bei den Älteren nach oben zu treiben (Eimeren/Frees, 2005: 365).

Vor diesem Hintergrund ist es angebracht, die Internetnutzung durch ältere Menschen unter verschiedenen Aspekten genauer zu analysieren. Dazu sollen sowohl Chancen und Probleme der Internetnutzung im Alter diskutiert als auch Benachteiligungen älterer Nichtnutzer bzw. Vorteile älterer Nutzer untersucht werden.

Zunächst aber soll ein Überblick über die Forschung zur Mediennutzung und Medienpräsenz älterer Menschen, in deren Kontext auch die Internetnutzung steht, einen Einstieg ins Thema bieten.

[...]


[1] Quelle: (N)Onliner Atlas; TNS Infratest, 2005 b

[2] Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudie; Eimeren et al., 2005

[3] Allein von 1950 bis 1990 stieg die Lebenserwartung eines Neugeborenen in Deutschland (West) für Männer um 8,1 Jahre und für Frauen um 10,6 Jahre(Lehr, 1998: 17). Heute liegt sie bei ca. 76 bzw. 81,5 Jahren.

[4] Zur Diskussion über die Alterung der amerikanischen Gesellschaft sowie den internationalen Kontext siehe Hayward/Zhang, 2001.

[5] Zu Marketingstrategien für die Zielgruppe der Älteren siehe Balazs, 2004.

[6] Diese Definition von Digital Divide bezieht sich auf Unterschiede innerhalb einer Gesellschaft, in diesem Fall der deutschen. Der Begriff wird auch für Unterschiede der Internetverbreitung zwischen höher und weniger entwickelten Staaten gebraucht. Diese internationale Dimension von Digital Divide ist für meine Arbeit jedoch nicht relevant (vgl. Compaine, 2001: 2).

[7] Compaine (2000: 5) weist darauf hin, dass „Digital Divide“ sich in früheren NTIA-Studien zunächst auf den Besitz eines PCs, dann auf Internetzugang und seit 2000 schließlich auf den Zugang zu high speed Internet bezog. Er bezeichnet „Digital Divide“ daher als „a moving target“ (ebd.) und definiert es als „the perceived gap between those who have access to the latest information technologies and those who do not“ (Compaine, 2001b: XI, Hervorhebung durch Verfasserin).

[8] Den Ausdruck „Wissenskluft-Perspektive“ hat Bonfadelli (1994: 137) geprägt, da es sich „nicht um ein explizit ausformuliertes und geschlossenes theoretisches System handelt, sondern eher um eine theoretische Perspektive, die auf verschiedenste Wirkungsphänomene anwendbar ist“ (ebd.).

[9] Die empirische Erforschung von Wissenskluft-Phänomenen ist „methodisch gesehen als mangelhaft zu bezeichnen“ (Bonfadelli, 1994: 140), da es kaum Studien mit großen, repräsentativen Stichproben gibt, die als Panelstudien konzipiert sind und gleichzeitig Medienberichterstattung sowie Kontrollgruppen mit einbeziehen. Die Vergleichbarkeit der Studien ist gering. Auch widerlegen viele Studien die These einer Spaltung des Gesellschaft in Informations-Reiche und Informations-Arme. Vgl. auch Burkart, 2002: 257ff und Wirth, 1999.

[10] Riehm und Krings (2006: 78) weisen darauf hin, dass diese gängigste Digital Divide-Maßzahl wenig reflektiert ist und komplexere Indikatoren existieren, die eine Alternative darstellen könnten.

[11] Kohorte und Generation: Der Unterschied zwischen Generation und Kohorte wird unterschiedlich definiert. Der soziologischen Generationstheorie Karl Mannheims (1964) folgend stellt die Kohorte eine ‚strukturelle Kategorie’ dar, im Gegensatz zur Generation, die eine ‚soziale Kategorie’ beschreibt.

Eine Kohorte ist ein „Aggregat von Individuen [...], die zur gleichen Zeit von einem gleichen Ereignis wie Geburt, Schuleintritt, Eheschließung, Scheidung, Eintritt in den Ruhestand [...] technische Innovationen pp. betroffen sind und damit aufgrund einer spezifischen Situierung in der Geschichte eine besondere Prägung erfahren“ (Prahl, 1996: 251). Eine Geburtskohorte bezeichnet enger gefasst eine Gruppe von Individuen, die im selben Abschnitt der Kalenderzeit geboren wurden, z.B. im selben Jahr.

Der Begriff der Generation wird mit verschiedenen Bedeutungen verwendet: 1) als Synonym zum Kohortenbegriff; 2) zur Beschreibung einer Lebensphase (‚Altersgeneration’, ‚die alte/junge Generation’); 3) zur Beschreibung der Abstammungsfolge (‚Eltern- , Kindergeneration); und 4) als zeitgeschichtliche Generation im Sinne Mannheims (‚Nachkriegsgeneration’). Im letzten Fall bezeichnet eine Generation eine Gruppe von Kohorten, die, bedingt durch gesellschaftlichen Wandel, ein gemeinsames Bewusstsein entwickeln (‚Generationszusammenhang’) und sich durch ihre Erfahrungen (zum ungefähr selben Zeitpunkt im Lebensverlauf) von anderen Kohorten unterscheiden (Sackmann/Weymann, 1994: 16ff). Angehörige einer solchen Generation „teilen gemeinsame historische Erfahrungen und entwickeln damit allmählich gemeinsame Reaktionsmuster, Definitionen und Überzeugungen“ (Backes, 1998: 143). Das Konzept der Technikgeneration kann als Sonderform der zeitgeschichtlichen Generation verstanden werden.

[12] Zum Problem der Alters-, Perioden- und Kohorteneffekte im Zusammenhang mit Mediennutzung siehe auch Peiser, 1991 und 1996.

[13] Zum Hintergrund: Im ersten Bericht der Europäischen Kommission zur Computer- und Internetnutzung in der Europäischen Union 1999 lagen die Nutzerzahlen Deutschlands nur in der unteren Hälfte, weit hinter denen der skandinavischen Länder oder der USA. Die damals neue rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder sah darin eine ernste Gefährdung des wirtschaftlichen Wachstums und der Wettbewerbsfähigkeit des Landes und formulierte im Rahmen des Aktionsprogramms „Innovation und Arbeitsplätze in der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts“ das Ziel, den Anteil der Internetnutzer von 9% im Jahr 1999 auf mehr als 40% im Jahr 2005 zu steigern (Kubicek, 2004: 2).

[14] Ursprünglich standen Frauen und Arbeitslose und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt der ‚Wissensgesellschaft’ im Mittelpunkt der Bemühungen. Seit der 2001 gestarteten Kampagne „Digitale Integration“ liegt das Hauptaugenmerk bei Kindern und Jugendlichen mit geringer Interneterfahrung, Menschen mit Behinderungen sowie Älteren und Alten (Kubicek, 2004: 2; Welsch, 2002: 202).

[15] Diese Überlegung zur Mediennutzungskompetenz wurde freilich auch schon in Bezug auf traditionelle Medien angestellt. Eichmann (2000: 150) schreibt etwa: „Es ist wohl weniger entscheidend, wieviel jemand liest, sondern weit mehr, was gelesen wird und vor allem wie und aus welchen Motiven heraus die Rezeption erfolgt. Aus dem Faktum der quantitativen Mediennutzung pro Zeiteinheit ist kaum etwas über das Ausmaß an Informiertheit, über die Qualität der rezipierten Lektüre (z.B. Qualitäts- oder Boulevardpresse) oder über die kommunikativen Kompetenzen abzuleiten“.

[16] U.S. Department of Commerce, 1995&1998

[17] UCLA Center for Communication Policy, 2000

[18] Groebel/Gehrke, 2003

[19] TNS Infratest, 2005 a, genaueres zu diesen Studien siehe Riehm/Krings, 2006: 81f.

[20] Wichtiges Gruppierungsmerkmal für diese Typologie ist das Alter – somit ist sie für diese Arbeit unbrauchbar. Ältere Nichtnutzer kommen hauptsächlich in den Typen „Desinteressierte“ und „Ablehner“ vor.

Details

Seiten
140
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638602167
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68898
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung
Note
2,0
Schlagworte
Digitale Alterskluft Internetnutzung Faktor Alterns

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Titel: Digitale Alterskluft und happiness gaps Internetnutzung als Faktor erfolgreichen Alterns