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Städtewachstum durch informellen Wohnungsbau

Referat (Ausarbeitung) 2006 19 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinition

3. Entstehung von Marginalsiedlungen

4. Differenzierung und Deskription von Marginalsiedlungen
4.1. Innerstädtische Marginalsiedlungen
4.2. Randstädtische Marginalsiedlungen
4.2.1. Illegale randstädtische Marginalsiedlungen
4.2.2. Semilegale randstädtische Marginalsiedlungen
4.2.3. Legale randstädtische Marginalsiedlungen
4.3. Theoretischer Hintergrund anhand des Turner-Modells

5. Fallbeispiel: Mexiko-Stadt vs. Mumbai

6. Lösungsansätze Slumsanierung
6.1. Site-and-Service-Projekte
6.2. Core-housing-Projekte
6.3. Upgrading-Projekte
6.4. Unterstützte Selbsthilfe als Lösung?

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

In Art. 25 der „Erklärung der Menschenrechte“ heißt es:

„Jeder Mensch hat Anspruch auf (...) Wohnung (...)“.

1. Einleitung

Dieses Referat soll einen Einblick in die Grundlagen des Städtewachstums durch informellen Wohnungsbau und den damit verbundenen Einfluss auf die Stadtstuktur geben. In Zukunft wird eine halbe Milliarde Menschen in großen und sehr großen Städten leben. Vor allem die Metropolen der Südhalbkugel sind in ihrer Stadtstruktur geprägt durch informelle Siedlungen. Für die Unterschicht bieten Marginalsiedlugen einen Ausweg aus der Wohnmisere, denn die Auswirkungen der Globalisierung, sowie Tertiärisierung und Gentrifizierung der Metropolen führen zu hohen Bodenpreisen, die von der marginalen Bevölkerungsgruppe nicht getragen werden können.

Die grundlegenden Fragen dieser Arbeit haben sich wie folgt gestellt:

- Was ist informeller Wohnungsbau?
- Wie gliedert sich die Genese des Städtewachstums (push-/pull-Faktoren)?
- Welchen Effekt hat das Städtewachstum auf die städtische Bevölkerung?
- Wie gestaltet sich das Leben der städtischen Bevölkerung?
- Welche Zukunftsaussichten gibt es für die städtische Bevölkerung bzw. welche Lösungswege könnten aus der Informalität führen?

Der Schwerpunkt dieses Referates liegt auf der theoretischen Deskription von Marginalsiedlungen, deren Auftreten an einem vergleichenden Fallbeispiel erläutert wird. Die soziokulturelle Misere der Marginalbevölkerung wird besonders im vierten und fünften Kapitel dargestellt.

Die Arbeit von Eike Jakob Schütz „Barrio – Entwicklung und Wohnbau“ ist hierbei sehr zu empfehlen, da sie eine umfassende Darstellung der Wohnungsnot der Unterschicht Lateinamerikas dokumentiert. Zwei Artikel von Jürgen Bähr und Günter Mertins, die in der Geographischen Rundschau publiziert wurden, sind besonders erwähnenswert: „Marginalsiedlungen in Großstädten der Dritten Welt“ und „Marginalviertel in Großstädten der Dritten Welt“. Die Aufsätze zeigen neben theoretischen Kennzeichen von informellen Siedlungen auch interessante Konzepte zur Lösung jener auf.

2. Begriffsdefinition

Zum Verständnis dieser Arbeit bedarf es vorweg der Erklärung der verwendeten Fachtermi:

Der Ursprung des Wortes Marginalität kommt aus dem Lateinischen, demnach bedeutet marginalis: den Rand betreffend. Jedoch ist der Begriff der Marginalität nicht nur im räumlichen, sondern auch im sozialen Sinne zu verstehen.

Eine Marginalsiedlung ist der Teil einer Stadt, der sich hauptsächlich oder ausschließlich aus provisorisch gebauten Unterkünften zusammensetzt.“[1] Eine Marginalsiedlung lässt sich durch folgende Aspekte charakterisieren:

- mangelhafte Bausubstanz
- hohe Wohndichte
- unzureichende Wohninfrastruktur
- unzureichende öffentliche Infrastruktur
- hoher Anteil von Erwerbspersonen mit niedrigem Lohn und/oder unregelmäßigem Einkommen[2]

Auf die unterschiedlichen Typen der Marginalsiedlung wird in Kapitel 4 eingegangen.

„Unter slums versteht man (Wohn-)Gebiete (in Städten), die eine Reihe von Merkmalen

der Bewohner und der Behausungen aufweisen, die unter den Standards des betreffenden Landes liegen.“[3]

Konsolidierung meint das Um- und Ausbauen der Behausungen der Bewohner, insbesondere zwecks späterer Untervermietung.[4]

Metropolisierung meint die Konzentration der Stadtbevölkerung auf einige wenige, aber in ihren Dimensionen gewaltige Ballungsräume.“[5]

3. Entstehung von Marginalsiedlungen

Wie in Kapitel 2 bereits erläutert, definiert sich marginal als „den Rand betreffend“. Fragt man nach der Ursache für das Entstehen informeller Viertel, die außerhalb der – offiziellen Planung und Normen entstehen, so sucht man gleichzeitig nach der Ursache für Verstädterung und Metropolisierung. Diese assoziiert man wiederum unmittelbar mit dem Begriff der Landflucht, die eine Migrationsbewegung vom ruralen in den städtischen Raum darstellt. Die Migrationsmobilität der ländlichen Bevölkerung hat eine struktur- und funktionsverändernde Wirkung auf den städtischen Raum. Auch das generative Verhalten (→ Geburtenüberschuß) der städtischen Bevölkerung selbst, ist ein zusätzlicher Faktor für eine sukzessive Verstädterung und wird zunehmend für das natürliche Wachstum der Städte in Entwicklungsländern verantwortlich gemacht.

Um den Verstädterungsprozeß und somit die Entstehung von Marginalsiedlungen, die auch „Viertel der Armen“ genannt werden, besser nachzuvollziehen zu können, muss der rural-urbane Migrationsverlauf gedeutet werden. Dieser Prozess war vor allem zu Beginn des demographischen Übergangs in Lateinamerika von großer Bedeutung.[9] Der Bevölkerungsdruck auf dem Land stieg infolge des hohen natürlichen Wachstums, so dass es nur noch eine unzureichende Ernährungsgrundlage gab. Auch die Eigentumsverhältnisse verringerten sich durch die immanente Aufteilung des Besitzes. Die immobile Sozialstruktur auf dem Land zählt ebenfalls zu den sog. Push-Faktoren, also zu den Kräften, die vom Land „abstoßen“. Die Pull-Faktoren, jene, die zur Stadt hin „anziehen“, bilden den Umkehrschluß, d.h. man erhofft sich bessere Arbeits-, Verdienst- und Bildungsmöglichkeiten, Infrastruktur etc.. Die scheinbare „Magnetwirkung“ der Städte wird durch Informationen der Massenmedien forciert, denn sie schüren das Phantasma der Migranten einer vermeintlich besseren Lebenssituation in der Stadt.

Der Zuwandererstrom aus dem ruralen Hinterland in die Großstadt gliedert sich in zwei Richtungen. Zum einen richtet er sich auf die freigewordenen Wohnviertel der Oberschicht in Citynähe, die sich nunmehr in Slums verwandeln. (→ innerstädtische Marginalsiedlung siehe Kapitel 4.1.) Zum anderen entstehen improvisierte Hüttenviertel in Altstadtnähe als Auffangquartiere für die neu Zugewanderten. Die Bebauung erfolgt häufig in Zonen, die wegen ihrer Lage (sumpfiger Boden, extreme Hanglage) für eine reguläre Bebauung nicht in Frage kommen.1 0 Ermöglicht wird die Migration in die degradierten Wohnviertel der Ober- und Mittelschicht durch den Wegzug jener. Die zunehmenden Immissionen und Lärmbelästigungen sowie die steigende Kriminalitätsrate führen dazu, dass die Altstadt ihr Prestige, ihre Attraktivität verliert. Urbanität gilt nicht mehr zwangsläufig als Lebensform. Die Ober- und Mittelschicht konzentriert sich in Lateinamerika daher vor allem auf Gated Communities, „Luxusghettos“, im suburbanen Raum. Dieses Wanderungsverhalten erfüllt das primäre Interesse der Zuwanderer an einer Wohnlage im Citybereich. Für sie ist die gute Verkehrsinfrastruktur, der schnelle Weg zur Arbeit, bzw. zur Arbeitsuche der Leitgedanke. Gegenwärtig ist es jedoch schwer in den ehemaligen Oberschichtviertel eine Wohnung zu beziehen. Dieser Zustand ist zurückzuführen auf die längere Wohndauer der Zugewanderten im Altstadtbereich.

Abschließend kann festgestellt werden, dass Städte nicht nur aufgrund von Migration und generativem Verhalten expandieren, sondern ebenfalls infolge von intraurbanen Wanderungen.

4. Differenzierung und Deskription von Marginalsiedlungen

Die Großstädte der Dritten Welt definieren sich dadurch, dass die Flächenexpansion weitaus schneller zunimmt als das Bevölkerungswachstum.1 1 Zurückzuführen ist dieser Umstand darauf, dass die randstädtisch-informellen Siedlungen sich horizontal und nicht vertikal ausdehnen, d.h. es wird eingeschossig gebaut. Wie im vorherigen Kapitel aufgezeigt wurde, sind randstädtische Marginalsiedlungen Ergebnis der rural-urbanen Mobilität sowie intra-urbaner Wanderungen. Die hohen Zuwanderungsraten in die Städte implizieren einen großen Wohnungsbedarf, der durch selbstgebaute Hüttenviertel gedeckt wird. Das flächenexpansive Bauen prägt das lateinamerikanische Großstadtbild entscheidend, denn es wird davon ausgegangen, dass geringstenfalls die Hälfte der metropolitanen Bausubstanz außerhalb formeller Normen entstanden ist1 2.

Der Terminus Marginalsiedlung definiert zwei unterschiedliche Siedlungsformen: die innerstädtischen und die randstädtischen Marginalsiedlungen. Wobei der innerstädtische Raum „nur“ sozial segregiert und somit „am Rande“ liegt, wohingegen das randstädtische Hüttenviertel sowohl sozial, als auch räumlich segregiert ist. Die Struktur und das Vorkommen beider Ausprägungen von Marginalsiedlungen soll im Folgenden erklärt werden.

4.1. Innerstädtische Marginalsiedlungen

„Unter innerstädtischen Marginalsiedlungen versteht man die barrios1 der Armen, die sich im Kern der Städte gebildet haben.“1 3 Sie werden im Allgemeinen als Slums bezeichnet und stellen die abgewerteten Wohnviertel der Ober-, Mittel- und oft ehemalige Arbeiterquartiere (vecindades) dar. Neben den allgemeingültigen Charakteristika der Marginalsiedlungen (siehe Kapitel 2) können zusätzliche Kriterien aufgeführt werden:

[...]


[1] Siehe Marginalsiedlung: www.wikipedia.org/wiki/Marginalsiedlung.

[2] Siehe Bähr, Jürgen/Mertins, Günter (1984): Marginalsiedlungen in Großstädten der Dritten Welt. In: Geographische Rundschau, Bd. 36, Heft 9, S.434.

[3] Siehe Stewig, Reinhard (1983): Die Stadt in Industrie- und Entwicklungsländern, Paderborn, S. 201.

[4] Siehe Heineberg, Heinz (Hrsg.) (2001): Stadtgeographie, 2. Auflage, Paderborn, S. 43.

[5] Siehe Schütz, Eike Jakob (1987): Städte in Lateinamerika. Barrio-Entwickulung und Wohnbau, Aachen, S. 42.

[9] Siehe www.bpb.de/publikationen/ (...), S. 2. 10 Siehe ebd., S. 5.

9 Siehe www.bpb.de/publikationen/ (...), S. 2.

[10] Siehe ebd., S. 5.

11 Siehe Bähr, Jürgen/Mertins, Günter (1981): Idealschema der sozialräumlichen Differenzierung lateinamerikanischer Grosstädte. In: Geographische Zeitschrift, Bd. 69, Heft 1 , S. 7.

12 Siehe Mertins, Günter/Thomae, Brigitte (1995): Suburbanisierungsprozesse durch intraurbane/-metropolitane Wanderungen unterer Sozialschichten in Lateinamerika, S. 1.

1 Anm. des Verf.: barrio ist die spanische Bezeichnung für (Wohn-)Viertel.

13 Siehe Schütz, Eike Jakob (1987): Städte in Lateinamerika. Barrio-Entwicklung und Wohnbau, S. 80.

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638612043
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68912
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Geographisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Städtewachstum Wohnungsbau Bevölkerungsprobleme Dritten Welt

Autor

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Titel: Städtewachstum durch informellen Wohnungsbau