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Die religiöse Erziehung des Anton Reiser und ihre Auswirkungen auf seine Entwicklung

Hausarbeit 2006 19 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Religion im 18. Jahrhundert
2.1. Der Quietismus
2.2. Der Pietismus

3. Die religiöse Erziehung des Anton Reiser
3.1. Quietistische Einflüsse des Vaters
3.2. Pietistische Einflüsse der Mutter

4. Religiöse Einflüsse außerhalb des Elternhauses
4.1. Schule
4.2. Hutmacher Lobenstein
4.3. Pastor Paulmann

5. Schlussbetrachtung

6. Bibliographie

1. Einleitung

Karl Philipp Moritz hat mit seinem Werk, wie er selbst bekennt, einen psychologischen und gleichzeitig biographischen Roman verfasst, was zu seiner Zeit ein Novum war. Darin beschreibt er aus der Sicht des Anton Reiser sein Leben und die unterschiedlichen Einflüsse, die auf ihn eingewirkt und gleichzeitig die Grundlage für seine weitere Entwicklung gebildet haben.

In diesem Buch hat Moritz den Fokus vor allem auf die Kindheit und die Jugend von Anton Reiser gelegt, da dies die Zeit ist in der ein Mensch am meisten geprägt wird und sich sein Charakter formt. Dabei spielt der Aspekt der religiösen Erziehung eine sehr wichtige Rolle für ihn, da er seiner Darstellung im Buch viel Platz einräumt und diese aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet.

Mit dieser Arbeit soll untersucht werden, inwiefern Anton Reiser wirklich religiös beeinflusst wurde, von wem dies größtenteils geschah und vor allem ob der religiöse Einfluss allein dazu beigetragen hat, dass er einerseits sehr introvertiert und andererseits immer um Aufmerksamkeit bemüht war.

Als Literatur habe ich dabei, zusätzlich zu der Reclamausgabe von „Anton Reiser“, Werke von Robert Minder, Allgemeinlexika und einige gute recherchierte Internetquellen hinzugezogen, da diese sich mit dem Aspekt der Religion sehr ausführlich beschäftigen und dies für mein Thema von großer Bedeutung war.

2. Religion im 18. Jahrhundert

Das 18. Jahrhundert zählt zu der Epoche der Neuzeit und gilt im Rahmen der europäischen Geschichte als die Zeit der Spätaufklärung. Die politische Entwicklung ist dabei geprägt durch einen Wandel weg vom Absolutismus und hin zu demokratischen Strukturen, was seine Auswirkungen nicht zuletzt in der Französischen Revolution im Jahre 1879 findet[1].

Trotz der sich stetig verändernden Denkweisen und der immer weiter fortschreitenden Säkularisierung findet die Identifikation des Menschen immer noch über die Religion statt. Hinzu kommt, dass Deutschland im Zuge der Reformation[2] in einen protestantischen nördlichen Teil und einen katholischen südlichen Teil gespalten ist, welche sich feindselig gegenüber stehen. Dabei bilden sich in beiden Religionsrichtungen Sekten, wobei die katholischen Sekten diktatorischer und strenger vorgehen als die protestantischen.

Zu den Sekten des Katholizismus gehört unter anderem auch der Quietismus und zum Protestantismus gehört die Reformbewegung des Pietismus, die beide für den Roman von Karl Philipp Moritz bzw. für seine Figur des Anton Reiser eine erhebliche Bedeutung gehabt haben und hier im Folgenden allgemein dargestellt und erläutert werden.

2.1. Der Quietismus

Die Entfaltung des Quietismus fand bereits im 17. Jahrhundert statt und hatte ihre Wurzeln, wie bereits erwähnt, im katholischen Bereich[3].

Das Wort „Quietismus“ wurde dabei abgeleitet vom lateinischen Wort „quietus“, was soviel wie ruhig, still oder gelassen bedeutet[4]. Dies entspricht ebenfalls den Grundsätzen des Quietismus, der von einer passiven Geisteshaltung des Menschen ausgeht, die vor allem durch das Streben nach einer gottgegebenen Frömmigkeit und Ruhe des Seelenlebens gekennzeichnet ist[5]. Durch diesen Lebenswandel eines Quietisten, der außerdem noch das Nachempfinden der Leiden Christi beinhaltet, soll insbesondere eine völlige Hingabe an Gott erreicht werden.

Zu den bedeutsamsten Begründern des Quietismus gehört hierbei der gebürtige Spanier Miguel de Molinos (1627-1696), der mit 18 Jahren nach Valencia übersiedelte und in seinen Schriften unter anderem die völlige Aufgabe des eigenen Willens fordert[6].

Eine weitere wichtige Vertreterin des Quietismus, der sich auch nach Deutschland ausbreitete, war die französische Mystikerin Jeanne-Marie Bouvieres de la Mothe Guyon (1648-1717)[7]. Diese besaß schon als Kind den Drang zu asketischer Frömmigkeit, lebte ihr ganzes Leben im Gebet und geißelte sich bis aufs Blut. Außerdem hatte sie brieflichen Kontakt zu dem französischen Schriftsteller François de Salignac de la Mothe-Fénelon, dessen Werk „Les Aventures de Télémaque, fils d'Ulysse“ auch von Anton Reiser bzw. Karl Philipp Moritz gelesen wurde[8].

In Deutschland fand vor allem der von Madame Guyon vertretene Quietismus sehr großen Anklang. Man kann daher in diesem Zusammenhang dem Quietismus keinen Status einer Religion zumessen, da dieser sich nicht wie beispielsweise das Christentum auf die Bibel allein oder der Islam auf den Koran beruft, sondern viele verschiedene Lehren beinhaltet. Die meisten davon besagen einerseits, dass der Mensch durch sein Leiden und Verzicht auf fast alle Dinge irgendwann sein Ziel erreicht, das in der Suche nach Gott besteht.

Dennoch wird sich in diesen Lehren gleichzeitig widersprochen, da Gott sich seine Schützlinge auf der anderen Seite selbst aussucht und Frömmigkeit eines Menschen allein nicht ausreicht um von ihm auserwählt zu werden.

Diese Erfahrung musste auch Anton im Laufe seines Lebens machen, worauf aber später im Detail eingegangen wird.

2.2. Der Pietismus

Den Pietismus, der ebenfalls im 17. Jahrhundert entstanden ist, kann man als das genaue Gegenstück zum Quietismus bezeichnen. Zum einen war der Pietismus eine evangelische, also aus dem Protestantismus entstandene, Bewegung und zum anderen wurde die Bezeichnung abgeleitet vom lateinischen Wort „pietas“ was übersetzt in etwa „Frömmigkeit“ bedeutet.

Mit Frömmigkeit meint man dabei vor allem Herzensfrömmigkeit, die auf aktive Menschenliebe basiert, wodurch die christliche Haltung eines jeden Menschen betont wird[9]. Hinzu kommt die sorgfältige Beschäftigung mit dem eigenen Inneren, wodurch die Gotteserfahrung individualisiert wird und was ebenfalls gegensätzlich zum Quietismus steht, der die völlige Abtötung des eigenen Willens fordert[10].

Ein weiterer Gegensatz ist die Bibeltreue der Pietisten, die sich allein auf die Bibel als Lehrwerk stützen und keine weiteren Lehren, außer der Programmschrift „Pia Desideria“ von Spener, mit einbeziehen. So ist das ausführliche Studium der Bibel für einen Pietisten unerlässlich, was in Moritz` Roman an der Figur der Mutter sehr deutlich wird. Das Ziel des Pietismus ist dabei in erster Linie das Erreichen der Wiedergeburt, indem man sein Leben in Frömmigkeit lebt[11].

[...]


[1] Duden: Lexikon der Allgemeinbildung. Mannheim u. a.: Dudenverlag 1998, S. 234

[2] Definition Reformation: [lat. Erneuerung] Die theologische Bewegung des 16. Jahrhunderts, die von Martin Luther durch seine Kritik an Missständen der katholischen Kirche ausgelöst wurde. Diese führte zur religiösen Spaltung und zur Bildung der evangelischen Kirche. (Duden: Lexikon der Allgemeinbildung. S. 314)

[3] Minder, Robert: Die religiöse Entwicklung von Karl Philipp Moritz auf Grund seier autobiographischer Schriften. Studien zum „Reiser“ und „Hartknopf“. Berlin: Junker und Dünnhaupt Verlag 1936, S. 36

[4] Duden: Das Fremdwörterbuch. Mannheim u. a.: Dudenverlag 1990, S. 656

[5] Minder 1936, S. 109

[6] http://www.bautz.de/bbkl/m/molinos_m_d.shtml

[7] http://www.bautz.de/bbkl/g/guyon_j_m.shtml

[8] Moritz, Karl Philipp: Anton Reiser. Ein psychologischer Roman. Stuttgart 2001: Philipp Reclam jun. S. 26

[9] Duden: Das Fremdwörterbuch. S. 605

[10] http://www.heiligenlexikon.de/Glossar/Pietismus.html

[11] http://www.fischer-kompakt.de/sixcms/media.php/308/FK%2016130%20Leseprobe.pdf

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638600798
ISBN (Buch)
9783638834735
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68951
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Deutsches Seminar
Note
2,7
Schlagworte
Erziehung Anton Reiser Auswirkungen Entwicklung

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Titel: Die religiöse Erziehung des Anton Reiser und ihre Auswirkungen auf seine Entwicklung