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Jean-Jacques Rousseaus politische Philosophie. Ist der Gesellschaftsvertrag Vorreiter des heutigen Totalitarismus?

Seminararbeit 2000 22 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Liberalismus vs. Totalitarismus. Eine kurze Begriffsdefinition
2.1 Was ist Liberalismus?
2.2 Was ist Totalitarismus?

3. Die politische Theorie des Contract Social
3.1 Der Contract Social
3.2 Liberale Elemente des Contract Social
3.3 Totalitäre Elemente des Contract Social

4. Bedeutung von Rousseaus politischer Philosophie
4.1 Französische Revolution
4.2 Totalitarismus?
4.3 Liberalismus?

5. Schluss
5.1 Fazit
5.2 Ausblick

6. Bibliografie

1. Einleitung

Jean-Jacques Rousseau war neben Locke, Hobbes, Montesquieu, Hume, Machiavelli und anderen großen Denkern wohl derjenige gewesen, der am meisten zwischen der alten goldenen Zeit der Antike und dem neuen Zeitalter der Konkurrenzgesellschaft hin und her gerissen war. Er war ein Philosoph in der Zeit der Aufklärung und beschäftigte sich neben der Politik, dem Staat und dem Rechtswesen, mit Fortschritts- und Zivilisationskritik, der Sprache und Musik sowie mit Anthropologie, Erziehung und den Geschlechterrollen.

Am 26. Juli 1767 schrieb er in einem Brief an den Grafen Mirabeau, dass in Wirklichkeit nur die Alternative zwischen einem autokratischen Willkürregime und einer terroristischen Massenherrschaft bestehe. Damit verwarf er sozusagen seine eigenen Theorien und bezeichnete sie selbst als utopisch.[1] Zweihundert Jahre später griff der britische Philosoph Bertrand Russell dies auf und behauptete, dass Hitler eine Folgeerscheinung Rousseaus war.[2] Iring Fetscher hingegen behauptet, dass Rousseau im Grunde ein Vordenker des Liberalismus gewesen sei. Er spricht davon, dass seine Theorien in einer Zeit entstanden seien als der liberale Gedanke entstand und starken Zuspruch fand. Weiterhin sagt er: „Im übrigen ist Rousseau keineswegs ein begeisterter Freund des ‚Gesetzemachens’. In einem guten Staat sollten möglichst wenige Gesetze vorhanden sein.“.[3] Solche Elemente sind auch in den Parteigrundsätzen z.B. der FDP oder der Grünen zu finden, die auch die liberale Meinung vertreten, dass Politik durch weniger Staat, weniger Bürokratie und den Abbau von Reglementierungen bestimmt sein sollte.

Welche politische Richtung beeinflusste Rousseau nun mehr? Welche Elemente im „Contract Social“ treffen auf den heutigen Liberalismus zu, und welche tragen die Gefahr des Totalitarismus in sich? Und sind Rousseaus Theorien überhaupt in unsere heutige Zeit übertragbar, oder wurden sie sogar schon realisiert?

Um die Beantwortung dieser Fragen soll es in dieser Hausarbeit gehen.

Die Forschungen und Interpretationen zu Rousseau, seinem Gedankengut, seiner Vorstellungen und seiner Philosophie sind zum heutigen Zeitpunkt sehr umfangreich und detailliert. Sämtliche Aspekte des rousseauischen Denkens wurden schon einmal aufgegriffen, bearbeitet und versucht, in die heutige Zeit und ihren politischen Erscheinungen zu übertragen. Ich werde mich auf die totalitären und liberalen Elemente beschränken und mich zu einem großen Teil auf die beiden wohl bedeutendsten deutschen Rousseauforscher Iring Fetscher und Hermann Röhrs stützen. Aber auch ins Deutsche übersetzte Originaltexte, Biografien, Monografien und andere Forschungsliteratur werden mit einbezogen.

Im ersten Teil wird dazu erst einmal eine allgemeine Definition der Begriffe Liberalismus und Totalitarismus gegeben. Daraufhin gehe ich auf die politische Theorie des Contract Social ein, um Belege für die Beantwortung meiner Frage zu finden. Dabei gebe ich eine kurze Darstellung seines Gesellschaftsvertrages mit Hauptaugenmerk auf die liberalen und totalitären Aspekte des Werkes. Die Begrifflichkeiten des Gemeinwillens, des Gesetzes und der Freiheit, die relevant für die Beantwortung der Hauptfrage meiner Arbeit sind, werden im ersten Teil mit angerissen. Die Bedeutung von Rousseaus politischer Philosophie stellt den letzten großen Teil dar, wobei im speziellen auf die Französische Revolution, dem Marxismus und Kommunismus, dem Totalitarismus und der Demokratie eingegangen wird. Der letzte Teil formuliert abschließend die Antwort auf die Hauptfrage, ob der Gesellschaftsvertrag ein Vorreiter des heutigen Totalitarismus ist, obwohl sie zuvor schon implizit beantwortet sein sollte. Ein kleiner Ausblick auf die Philosophie des großen Denkers aus der Zeit der Aufklärung und des Absolutismus bildet den Endpunkt meiner Arbeit.

2. Liberalismus vs. Totalitarismus. Eine Kurze Begriffsdefinition

2.1 Was ist Liberalismus?

Der Liberalismus, genauso wie der Totalitarismus, sind komplexe Theorien die in dieser Arbeit nicht detailliert untersucht werden. Es gibt unzählige Definitionen und Begriffsbestimmungen, die sich im Laufe der Zeit einige Male verändert haben. Es soll nur eine allgemeine Beschreibung und Abgrenzung erfolgen und eine Idee vermittelt werden, was hinter diesen Begriffen steckt. Dies soll die Grundlage bilden, zur anschließenden Auseinandersetzung mit den politischen Vorstellungen im Contract Social.

Die Anfänge der liberalen Ideen liegen, wie schon am Anfang erwähnt, im 17. Jahrhundert. Schon sehr früh war der Liberalismus nicht nur zu einer politischen Idee geworden, sondern auch in der Wirtschaft setzte alsbald eine liberale Strömung ein. Und diese Forderung hat sich auch noch bis heute, in den entsprechenden Kreisen, gehalten. Dennoch soll in meiner Betrachtung des Begriffes nur die politische Philosophie des Liberalismus Beachtung finden.

Der Liberalismus stellte einen Versuch dar, sich von überlieferten Dogmen des Absolutismus zu befreien. Im Zentrum seiner Philosophie steht die individuelle Freiheit jedes einzelnen Individuums. Als Grundnorm der menschlichen Gesellschaft markiert nur die Freiheit des einzelnen die Schranken der öffentlichen Gewalt. Die individuelle Freiheit endet jedoch, wo die Freiheit des anderen beginnt.[4] Man kann also sagen, dass der Liberalismus das Ergebnis eines langen geschichtlichen Werdegangs der Menschheit ist, und dessen Wurzeln im menschlichen Urverlangen liegen, frei und autonom zu sein. Die Menschen haben nämlich schon immer versucht, die eigene Persönlichkeit nach selbstständig und nicht nach fremden Willen zu entwickeln.

Thomas Hobbes war einer der Ersten, der ein liberales Staatsmodell entwickelte. Bei ihm wurde der Herrscher nicht von Gott eingesetzt, sondern es wurde ein Vertrag, ähnlich dem Contract Social von Rousseau, zwischen allen Bürgern begründet, und sie selbst bestimmten daraufhin ein Staatsoberhaupt. Dem Liberalismus widersprechend, hatte dieser bei Hobbes jedoch absolute Macht. Hier liegt ein wichtiger Unterschied zu Rousseau. Er hebt die individuelle Freiheit des Bürgers nicht nur stärker als Hobbes hervor, sondern die Teilnahme am politischen Geschehen ist für das rousseauische Staatsmodell sogar unabdingbar.

2.2 Was ist Totalitarismus?

Dieser relativ neue Begriff tauchte erstmals in Italien, in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts auf. Italienische Antifaschisten verwendeten ihn, als sie Benito Mussolini vorwarfen, einen stato totalitario errichten zu wollen. Die Ursprünge des totalitären Gedankengutes lassen sich, nach Karl Popper, aber bis zu Platon zurückverfolgen.[5]

Der Begriff des Totalitarismus ersetzte den der Autokratie und ist von älteren Herrschaftsformen wie Despotismus, Absolutismus und Tyrannei zu unterscheiden. Während in diesen älteren Gesellschaftsformen die Menschen vergleichsweise unabhängig lebten und arbeiteten, bezog sich der Machtanspruch der Herrscher „nur“ auf das politische Geschehen. Der moderne Totalitarismus ist dagegen in allen Bereichen des Lebens anzutreffen. Die Menschen sind vollkommen hilflos den Wünschen und Launen einer bestimmten Gruppe oder ihres Führers unterworfen. Anstelle des absolutistischen Monarchen tritt in modernen totalitären Staaten oft eine politische Partei. Deren Ideologie muss strengstens eingehalten werden und beinhaltet umfassende Autorität. Ein kritisierender oder gar konkurrierender Anspruch auf Loyalität oder Gewissen wird nicht zugelassen. Aber nicht nur Parteien können einen totalitären Charakter aufweisen, sondern auch Verbände, Institutionen und Einzelpersonen. Und zwar dann, wenn sie sich im Besitz einer absoluten und objektiven Wahrheit glauben.[6]

Totalitäre Staaten weisen bestimmte Merkmale auf, wodurch sie sich als solche klassifizieren lassen. Ihre Ideologie richtet sich gegen bestimmte Klassen oder Rassen, und diese wird mit Hilfe eines umfassenden Terrorsystems durchgesetzt. Die Wirtschaft des Staates ist ebenfalls der vollkommenen staatlichen Kontrolle unterworfen und stellt damit eine Befehlswirtschaft dar. Desweiteren wird die Macht von einem geschlossenen Einparteienregime ausgeübt, an deren Spitze sich ein allmächtiger und gottähnlicher Führer befindet. Außerdem verfügt der Staat noch über das absolute Nachrichten- und Waffenmonopol.[7]

[...]


[1] Vgl. Fetscher, Iring: Rousseaus politische Philosophie. Zur Geschichte des demokratischen Freiheitsbegriffs. Frankfurt, 1993, S. 97.

[2] Vgl. Russell, Bertrand: Philosophie des Abendlandes. Ihr Zusammenhang mit der politischen und sozialen Entwicklung. Frankfurt a. M., 1950, S. 567.

[3] Fetscher, Iring: Rousseaus politische Philosophie. Zur Geschichte des demokratischen Freiheitsbegriffs. Frankfurt, 1993, S. 150.

[4] Vgl. Microsoft Corporation: Microsoft Encarta 99 Enzyklopädie.

[5] Vgl. Wippermann, Wolfgang: Totalitarismus/Totalitarismustheorie. In: Nohlen, Dieter (Hrsg.): Wörterbuch Staat und Politik. München, 1995, S. 785.

[6] Vgl. Microsoft Corporation: Microsoft Encarta 99 Enzyklopädie.

[7] Vgl. Wippermann, Wolfgang: Totalitarismus/Totalitarismustheorie. In: Nohlen, Dieter (Hrsg.): Wörterbuch Staat und Politik. München, 1995, S. 785.

Details

Seiten
22
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638143592
ISBN (Buch)
9783638697156
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6902
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz – Politik
Note
Gut
Schlagworte
Rousseau Gesellschaftsvertrag Totalitarismus Liberalismus Französische Revolution

Autor

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