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Die Aufgaben deutscher Gewerkschaften in ihren Anfängen und am Beginn des 21. Jahrhunderts

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 20 Seiten

BWL - Wirtschaftspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mancur Olsons Logik kollektiven Handelns

3. Anfänge der Gewerkschaften
3.1 Kontextsituation
3.2 Aufgaben
3.3 Bewertung

4. Gewerkschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts
4.1 Kontextsituation
4.2 Aufgaben
4.3 Bewertung

5. Fazit

1. Einleitung

Die Wirtschaft in Deutschland unterliegt seit Jahren einem starken Wandel. Besonders seit Beginn der 1980er Jahre nimmt die Globalisierung zu und wirkt sich auf die Standortbedingungen in Deutschland aus. Während sich die Wirtschaft internationalisiert hat und sich der Standort Deutschland mit anderen Produktionsstandorten in Europa und der Welt vergleichen lassen muss, scheint sich bei den deutschen Gewerkschaften kein Wandel hinsichtlich ihrer Ideologie und der Arbeitsweise vollzogen zu haben. In den Anfangsjahren der Gewerkschaftsbewegung war steter Wandel eine Kernbedingung um bestehen zu können, auch die Übernahme sozialer Aufgaben durch den Staat konnten diese überstehen.

Die Gewerkschaften befinden sich in einer Krise, verlieren zunehmend das Vertrauen ihrer Mitglieder und Rückhalt in der Gesellschaft. Die Standortfrage der Unternehmen und Massenarbeitslosigkeit in Deutschland engen den Spielraum der Gewerkschaften weiter ein.

Die Aufgaben der Gewerkschaften haben sich im Lauf der Geschichte gewandelt und sind immer konkret von den Kontextfaktoren in der Gesellschaft und Wirtschaft abhängig.

Die Bildung der Gewerkschaften lässt sich nicht ohne eine Betrachtung der Kontextsituation erklären. Also ist eine Beschreibung der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Situation in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hilfreich, um die Gründe für das Zustandekommen von Gewerkschaften und deren Aufgaben zu verstehen[1].

Die Aufgaben der Gewerkschaften leiten sich aus diesen Kontextfaktoren ab und erklären die Bildung und den schwierigen Aufstieg der Gewerkschaften zu den heutigen Institutionen. Hierbei müssen die Aufgaben der Gewerkschaft stets einer Anpassung an die wirtschaftliche, politische und soziale Situation unterliegen, um bestehende Mitglieder halten zu können und neue Mitglieder hinzuzugewinnen[2].

Mit dem Thema der Mitgliedschaft bei Gewerkschaften hat sich Mancur Olson in seinem Buch „Die Logik kollektiven Handelns“[3] auf knapp 30 Seiten beschäftigt und die Gruppengröße sowie Anreizbildung als Determinanten des Erfolges von Gewerkschaften genannt.

Daher soll die Bewertung der Aufgaben der Gewerkschaften unter Berücksichtigung von Olsons Theorie erfolgen und insbesondere die Aspekte der Kollektivgüter, der selektiven Anreize und der Freerider Problematik betrachtet werden. Hierfür wird kurz Olsons Logik kollektiven Handelns vorgestellt.

2. Mancur Olsons Logik kollektiven Handelns

Bis zur Veröffentlichung von Olsons Theorie über die Logik des kollektiven Handelns wurde davon ausgegangen, dass mit steigender Gruppengröße die Macht einer Gruppe und dessen Fähigkeit der Herstellung von kollektiven Gütern zunimmt. Dabei wird eine Gruppe als ein Zusammenschluss von Menschen mit gemeinsamen Interessen definiert[4].

Nach Olsons Beobachtung sind kleine Gruppen deutlich handlungsfähiger und können besser eine optimale Menge an kollektiven Gütern anbieten, um die Interessen der Mitglieder zu erfüllen[5]. Dabei sind kollektive Güter dadurch charakterisiert, dass von deren Genuss einzelne Personen nicht ausgeschlossen werden können[6].

Kleine Gruppen zeichnen sich durch starke wechselseitige Beziehungen sowie einen hohen Interaktionsgrad der Mitglieder aus, wodurch die Transparenz gefördert wird. Aufgrund der Transparenz ist sich das einzelne Mitglied der Relevanz seines Beitrages bewusst, ein Ausbleiben des einzelnen Beitrags führt zu einer spürbaren Mehrbelastung der übrigen Gruppenmitglieder und wird von diesen geahndet[7]. Somit wird ein Freerider Verhalten eher unterbunden, als bei großen Gruppen. Als Trittbrettfahrer Verhalten gilt die bewusste Entscheidung zur Nichtleistung eines Beitrages, mit dem Wissen das kollektive Gut dennoch zu erhalten[8]. Hierbei findet eine rationale Abwägung zwischen den Kosten des individuellen Beitrags und dem Nutzen durch das Kollektivgut statt.

Das einzelne Mitglied einer kleinen Gruppe weiß, dass durch das Ausbleiben seines einzelnen Beitrages die Erstellung des Kollektivgutes gefährdet wird. Das „Freerider“- Verhalten ist insbesondere bei großen Gruppen attraktiv, da das kollektive Gut auch ohne den eigenen Beitrag erstellt wird. Weiterhin sind in großen Gruppen keine spürbaren Interdependenzen zwischen den Aktivitäten der Mitglieder vorhanden und es ist für ein einzelnes Mitglied nicht zu erwarten, dass dessen „Freerider“ Verhalten bemerkt und sozial sanktioniert wird. Die Erstellung des kollektiven Gutes wird durch die übrigen zahlenden Mitglieder der Gruppe gewährleistet.

Die Gesamteffektivität und Versorgung mit dem kollektiven Gut nimmt durch das „Trittbrettfahrer“ Verhalten einzelner Mitglieder jedoch ab. Dies könnte dazu führen, dass die Stabilität der großen Gruppe leidet und sich immer mehr Mitglieder zu einem „Trittbrettfahrer“ Verhalten entschließen.

Daher sind die selektiven Anreize für große Gruppen wichtig, um das Bestehen zu gewährleisten. Selektiv wirkende Anreize gehen von privaten Gütern und Sanktionen aus und können nach Personen differenziert ihre Wirkung entfalten[9]. Positive selektive Anreize wie Güter und Sonderleistungen werden nur den zahlenden Mitgliedern gewährt[10], nicht zahlende Mitglieder können von der Nutzung ausgeschlossen werden. Somit erhöhen die selektiven Anreize den Nutzen für die Mitglieder und diese sind bereit ihren Beitrag weiterhin zu leisten. Sanktionen stellen hierbei negative selektive Anreize dar. Eine weitere Möglichkeit zur Stabilisierung der großen Gruppe stellt die Zwangsmitgliedschaft dar. Olson[11] beschreibt dies im Zusammenhang mit den amerikanischen und englischen Gewerkschaften. Im Gegensatz zu den heute bestehenden deutschen Gewerkschaften, in denen eine Zwangsmitgliedschaft abgeleitet aus dem Art. 9 (3) GG nicht erlaubt ist, konnten diese den closed shop und einen union shop durchsetzen. Bei dem Fall eines closed shops dürfen in einem Unternehmen nur Gewerkschaftsmitglieder arbeiten. Der union shop ist ein gewerkschaftlich gebundener Betrieb, bei dem Arbeitnehmer entweder innerhalb kurzer Zeit zur Gewerkschaft beitreten oder zumindest die Gewerkschaft finanziell unterstützen müssen[12].

3. Anfänge der Gewerkschaften

3.1 Kontextsituation

Staatliche Reformen in Preußen, wie die schrittweise Einführung der Gewerbefreiheit, die Gründung eines einheitlichen Zoll- und Handelsgebietes sowie Handelsrechts förderten die beginnende Industrialisierung in Deutschland. Die Bauernbefreiung und Gewährung der Arbeitsvertragsfreiheit trugen zur Herausbildung einer modernen Arbeiterschaft bei[13]. Durch die ländlichen Reformen wurde auch noch ein stärkeres Bevölkerungswachstum[14] bedingt und aus wirtschaftlichen Nöten heraus setzte eine massive Landflucht ein. Somit erfolgte ein starker Zuzug in die industrialisierten Gebiete und eine einhergehende Konzentration des Arbeitskräfteangebots für die einsetzende Industrialisierung. Der Strukturwandel weg vom primären Sektor der Landwirtschaft hin zum sekundären Sektor nahm langsam seinen Lauf[15]. Die gewerkschaftliche Verbandsbildung wurde durch viele weitere Impulse vorangetrieben. Die Übergangszeit zwischen Spätfeudalismus und Frühindustrialisierung prägte das Bewusstsein vieler Menschen durch die individuelle Erfahrung von materieller Not und sozialer Benachteiligung, von gesellschaftlicher Ungleichheit und politischer Unterdrückung.

Hinzu kamen Anpassungsprobleme der Menschen bedingt durch die Entstehung des modernen Industrieproletariats aus zünftigen und agrarischen Traditionen, dem starken Wandel oder Niedergang der alten Produktionsformen, dem Aufkommen der Fabrikarbeit als Massenphänomen, der Binnenwanderung und der rasanten Urbanisierung von industriellen Ballungsräumen[16]. Mobilität und sozialer Wandel wurden zu Kennzeichen des beginnenden industriellen Zeitalters.

[...]


[1] Vgl. Schneider 1989, S. 17

[2] Vgl. Burda 2004, S. 7

[3] 1. Auflage 1968

[4] Vgl. Olson 1992, S. 7

[5] Vgl. ebenda, S. 21f, S. 27, S. 33

[6] Vgl. ebenda, S. 13

[7] Vgl. Eickhof 1973 b, S. 169

[8] Vgl. Winkelhake 1994, S. 15

[9] Vgl. Eickhof 1973 b, S. 170

[10] Durch die Möglichkeit des Ausschlusses von Nichtzahlenden Personen vom Konsum sind diese Güter als private Güter charakterisiert.

[11] 1992, S. 65ff

[12] Vgl. Olson 1992, S. 38; Eickhof 1973a, S. 48

[13] Vgl. Schneider (1989), S. 19f

[14] Die Einwohnerzahl Deutschlands stieg von 24 Millionen im Jahre 1800 über 36 Millionen (1856) auf 56 Millionen im Jahre 1900, vgl. Kocka 1990, S. 37f

[15] Vgl. Fehrmann/ Metzner 1981, S. 26

[16] Vgl. Kocka 1990, S. 2ff

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638612616
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v69105
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Schlagworte
Aufgaben Gewerkschaften Anfängen Beginn Jahrhunderts Wirtschaftspolitik

Autor

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