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Der italienische Futurismus. Eine Untersuchung der ersten drei Manifeste Filippo Tommaso Marinettis

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 22 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Filippo Tommaso Marinetti und der italienische Futurismus

2. Die ersten drei futuristischen Manifeste Marinettis
2.1 Das Manifest des Futurismus
2.2 Tod dem Mondschein!
2.3 Technisches Manifest der futuristischen Literatur

3. Schlußbemerkung

4. Literaturverzeichnis

1. Filippo Tommaso Marinetti und der italienische Futurismus

1909 hob Filippo Tommaso Marinetti in Mailand mit seinem Gründungsmanifest den Futurismus aus der Taufe.[1] Am 04. Februar 1909 erschien das Manifest unter dem Titel „Fondazione e Manifesto del Futurismo“ gleichzeitig in mehreren italienischen Zeitungen[2], am 20. Februar 1909 dann unter dem Titel „Manifeste du Futurisme“ in Paris im Le Figaro[3].

Das Manifest wurde von da an zu dem bevorzugten Medium, durch welches Marinetti und die Futuristen ihre Auffassungen verkündeten. Zwischen 1909 und 1944 veröffentlichten die Mitglieder der Gruppe der Futuristen allein 175 Manifeste[4], von denen gerade zu Beginn der Bewegung ein Manifest das andere jagte. Schmidt-Bergmann weist zudem darauf hin, daß Marinetti das Manifest zu einem ganz eigenen Texttypus entwickelt hat, indem er es zum Sprachrohr des futuristischen Weltgefühls machte.[5]

Der Futurismus – eine Strömung, eine Kunstauffassung, die am Anfang von Dichtern erdacht und für Dichter gedacht war, griff schon bald auf weitere Künste über, wie die bildende Kunst, die Musik, den Tanz und das Theater. So verfaßten zum Beispiel die Maler Umberto Boccioni, Luigi Russolo und Carlo Carrà eigene Manifeste, in denen sie die neuen Aufgaben des Malers postulierten, Valentine de Saint-Point verfaßte ein Manifest über die futuristische Frau und im Herbst 1910 verfaßte der Musiker Francesco Balilla Pratella ein „Manifest der futuristischen Musiker“[6].

Der Futurismus war eine Strömung intermedialen Charakters. Und er wirkte in ganz Europa, von Italien breitete er sich über Frankreich und Deutschland bis nach Rußland aus. Und dies nicht zuletzt durch die Aktivitäten und zahlreichen Vortragsreisen Marinettis.[7]

Neben Marinetti gelten als Hauptvertreter des italienischen literarischen Futurismus A. Soffici, Paolo Buzzi, Enrico Cavacchioli, Auro D’Alba, L. Folgore, C. Govoni, A. Palazzeschi, G. Papini und G. Prezzolini[8].

Marinettis Gründungsmanifest des Futurismus war bereits im Herbst 1908 fertiggestellt, und er selbst bemerkte dazu:

„’Am 11. Oktober, nachdem ich 6 Jahre lang in meiner internationalen Zeitschrift ‚Poesia’ dafür gearbeitete hatte, den vom Tode bedrohten lyrischen Genius Italiens von den Fesseln der Tradition und des Krämergeistes zu befreien, fühlte ich auf einmal, daß die Artikel, die Gedichte und die Polemiken nicht mehr genügten. Wir mußten unsere Methode völlig ändern: hinaus auf die Straße mußten wir, die Theater im Sturm nehmen und den Faustschlag in den künstlerischen Kampf einführen.

Meine Dichterfreunde PAOLO BUZZI, CORRADO GOVONI, ENRICO CAVACHIOLI, ARMANDO MAZZA und LUCIANO FOLGORE suchten mit mir nach einem Losungswort. Ich zögerte einen Augenblick zwischen Dynamismus und Futurismus. Mein italienisches Herz schlug höher, als meine Lippen mit lauter Stimme das Wort Futurismus erfanden. Es war die neue Formel der Kunst-Aktion...’“.[9]

Bereits in dieser kurzen Aussage Marinettis finden sich viele Wörter, die als Schlagwörter des italienischen Futurismus gelten könnten – Sturm, Faustschlag, Kampf, Herz, Dynamismus. Auch das „[H]inaus auf die Straße“[10] war typisch für Marinetti und die Futuristen. So war Marinetti überall in Europa unterwegs, um Vorträge über den Futurismus zu halten, die Futuristen traten vor Leuten auf und schreckten selbst vor spektakulären Flugblattaktionen oder Prügeleien mit ihren Kritikern nicht zurück.

Marinetti und seinen Anhängern ging es darum, den künstlerischen Traditionen, die sie ablehnten, den Kampf anzusagen; neue Konzepte, Mittel und Wege sollten gefunden werden, um die Kunst dem veränderten Zeitgeist anzupassen, um eine neue, freie, der Zeit angemessene Kunst zu ermöglichen. Dies ging von einfacher Ablehnung überlieferter Traditionen bis hin zu solch provokanten Aufrufen, die Syntax zu zerschlagen, die Sprache zu befreien. „Parole in libertà!“, oder anders ausgedrückt, die völlige stilistische Freiheit für den Dichter, war eines der großen Schlagwörter des Futurismus.[11]

2. Die ersten drei futuristischen Manifeste Marinettis

2.1 Das Manifest des Futurismus

In Marinettis „Manifest des Futurismus“ finden sich, eingebettet in eine Art kleine Erzählung, die von einem Protagonisten (unzweifelhaft Marinetti selbst) und seiner Freunde handelt, elf Punkte, elf Forderungen. Sie beschreiben die Ansprüche, die die Futuristen von nun an an sich und ihre Poesie stellen wollten.

„1 Wir wollen die Liebe zur Gefahr singen, die gewohnheitsmäßige Energie und die Tollkühnheit.“[12] Die Futuristen priesen die Gefahr und die Tollkühnheit; eine gefährliche und tollkühne Lebensweise sollte als Antriebsmotor für die Dichtkunst fungieren, sollte neue kreative Energien freisetzen.
„2 Die Hauptelemente unserer Poesie werden der Mut, die Kühnheit und die Empörung sein.“[13] Der zweite Punkt bezieht sich direkt auf den ersten Punkt und bildet seine logische Schlußfolgerung. Allein in den ersten zwei Forderungen des Manifests finden sich bereits sechs Schlagworte, die einen großen Teil der futuristischen Grundstimmung einfangen bzw. bezeichnen: Gefahr – Energie – Tollkühnheit – Mut – Kühnheit – Empörung. Das sind klare Worte, die nichts von romantischer Schwärmerei oder intellektuellem Ästhetizismus beinhalten.

Der dritte Punkt benennt die Themen der Literatur, die die Futuristen ablehnten und die nicht mehr Gegenstand von Dichtung sein sollten, nämlich „die nachdenkliche Unbeweglichkeit, die Ekstase, de[r] Schlummer“[14]. Statt dessen wollten die Futuristen „die aggressive Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den gymnastischen Schritt, den gefahrvollen Sprung, die Ohrfeige und den Faustschlag preisen“[15]. Ihre Texte sollten die Menschen aufrütteln, sie in Bewegung versetzen, ihnen Ohrfeigen verpassen. Es sollte vorbei sein mit Ruhe, Behaglichkeit und Nachdenken. Die Tat stand von nun an im Mittelpunkt.

Im vierten Punkt wird das Auto gepriesen, denn es hat die „Schönheit der Schnelligkeit“[16] in die Welt gebracht. Man geht sogar soweit, das „heulende[] Automobil“[17] als schöner zu beurteilen als den „‚Sieg bei Samothrake’“[18].

Die moderne, neue Welt, für die hier das Auto steht, ist schöner und der altbekannten Welt, für welche die Nike von Samothrake steht, vorzuziehen. Die alten Kunstwerke sind obsolet geworden, nicht mehr von Interesse. Die neue Kunst muß dazu dienen, die Maschinen zu besingen, zu preisen, zu bedichten. Die Futuristen schreiben Gedichte, in denen das Flugzeug, das Auto und sogar die Elektrizität zum Sujet werden.[19] Das Auto war noch jung und für die damalige Generation stellte seine Schnelligkeit eine rauschhafte Erfahrung dar.[20] Marinetti selbst preist im Gründungsmanifest immer wieder die Vorzüge des Autos, vergleicht es mit einem Hai, läßt es brüllen und schnauben. Baumgarth bemerkt dazu außerdem: „Der Ablehnung des Vergangenen und der Ewig-Gestrigen stellten die Futuristen den Kult des Modernen entgegen, für den sie das Wort Modernolatria erfanden. Darunter verstanden sie ganz allgemein die Verherrlichung des modernen Lebens in all seinen Manifestationen, aber die Begeisterung für die moderne Technik und vor allem für die schnellen modernen Verkehrsmittel – Auto und Flugzeug – nahm dabei einen bevorzugten Platz ein. Denn die Geschwindigkeit wurde als der wesentliche Ausdruck der Moderne empfunden.“[21]

[...]


[1] Genaugenommen kann man kein exaktes Gründungsdatum angeben, so schreibt z.B. Schmidt-Bergmann: „F. T. Marinetti, der geschickte Aktionist und [...] ‚Manager’ des Futurismus, begründete die futuristische Bewegung um 1908 in Mailand [...].“ (Schmidt-Bergmann, Hansgeorg: Futurismus. Geschichte, Ästhetik, Dokumente. Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 1993. S. 35.).

[2] Stahl, Enno: Anti-Kunst und Abstraktion in der literarischen Moderne (1909-1933): vom italienischen Futurismus bis zum französischen Surrealismus. Frankfurt a. M.: Lang 1997. S. 75.

[3] Harenberg Lexikon der Weltliteratur. Autoren – Werke – Begriffe. Band 2 Coc-Hea. Dortmund: Harenberg Lexikon Verlag 1995. S. 1033.

[4] Blumenkranz, Noёmi: Die futuristischen Manifeste – Theorie und Praxis. In: Otto Kolleritsch. Der musikalische Futurismus. Ästhetisches Konzept und Auswirkungen auf die Moderne. Graz: Universal Edition für Institut für Wertungsforschung 1976. S. 65.

[5] Schmidt-Bergmann, Hansgeorg: Futurismus. Geschichte, Ästhetik, Dokumente. Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 1993. S. 58.

[6] Baumgarth, Christa: Geschichte des Futurismus. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1966. S. 63.

[7] „Marinettis Vorträge in Rußland im Januar und Februar 1914 bauten die Brücke zum gleichnamigen russischen Futurismus und vor allem zu Majakowski [...].“ (Konstantinović, Zoran: Wissenschaft und Utopie in der Literatur des 19. Jahrhunderts. In: Propyläen Geschichte der Literatur. Literatur und Gesellschaft in der westlichen Welt. 5. Bd. Das bürgerliche Zeitalter. 1830-1914. Hg. v. Erika Wischer. Frankfurt a. M.: Propyläen 1988. S. 451).

[8] Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. FRU-GOS. Band 8. 19. A. Mannheim: F.A. Brockhaus 1989. S. 69.

[9] Baumgarth, Christa: Geschichte des Futurismus. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1966. S. 7.

[10] Ebd.

[11] Lexikon der Weltliteratur. Bd. 2. Biographisch-bibliographisches Handwörterbuch nach Autoren und anonymen Werken. L-Z. Hg. v. Gero von Wilpert. München: dtv 1997. S. 979.

[12] Demetz, Peter: Worte in Freiheit. Der italienische Futurismus und die deutsche literarische Avantgarde 1912-1934. München: Piper 1990. S. 174.

[13] Ebd.

[14] Ebd.

[15] Ebd.

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] Ebd.; d.h., der Nike von Samothrake, das Vorbild griechischer Kunst schlechthin, wird der Vorbildcharakter aberkannt.

[19] So verfaßte zum Beispiel Auro D’Alba ein Gedicht mit dem Titel „Das Auto spricht“, Luciano Folgore das Gedicht „Elektrizität“, Marinetti ein Gedicht mit dem Titel „An das Rennautomobil“.

[20] Schmidt-Bergmann, Hansgeorg: Futurismus. Geschichte, Ästhetik, Dokumente. Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 1993. S. 31.

[21] Baumgarth, Christa: Geschichte des Futurismus. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1966. S. 123.

Details

Seiten
22
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638612937
ISBN (Buch)
9783638673266
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v69174
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz – Philosophische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Futurismus Eine Untersuchung Manifeste Filippo Tommaso Marinettis Hauptseminar Carlfriedrich Claus Dada

Autor

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Titel: Der italienische Futurismus. Eine Untersuchung der ersten drei Manifeste Filippo Tommaso Marinettis