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Eine vergleichende Analyse des Herrschaftsbegriffs bei Max Weber und Hannah Arendt

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 25 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Grundlagen der Herrschaftsphilosophie bei Max Weber und Hannah Arendt
2.1 Glaube und Hingabe versus Totalität
2.2 Charisma und Führerkult
2.3 Staatsmacht gleich Staatsgewalt?

3. Kontextuierung und kritische Reflexion
3.1 Charisma als philosophische Kategorie?
3.2 Rationalisierung und Freiheit
3.3 Legitimität zwischen Offenbarungsglauben und Sinnkrise

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

In dem umfangreichen Werk Max Webers nimmt seine Herrschaftssoziologie eine bis heute zentrale Stellung ein. Die Begriffsbildungen sind prägend für die sozialwissenschaftliche Terminologie. Mit ihrer Philosophie der totalen Herrschaft legt Hannah Arendt einen ganz anderen Fokus auf die Herrschaftsproblematik. Ziel dieser Arbeit ist es, wesentliche Aspekte beider Ansätze einander gegenüberzustellen. Glaube und Hingabe bilden bei Max Weber das Fundament jeder legitimen Herrschaft. Demgegenüber beschäftigt sich Hannah Arendt mit der totalen Herrschaft. Was ist unter diesem Begriff zu verstehen? Wie grenzt sich totale Herrschaft von traditionellen Herrschaftskategorien wie Diktatur und Tyrannis ab? Wie entsteht totale Herrschaft und wie wird sie erhalten? Anhand dieser Fragen werden zum Verständnis des politiktheoretischen Denkens Hannah Arendts notwendige Grundlagen erarbeitet. Woher stammt der Charisma-Begriff? Wie wird er bei Max Weber verwendet? Welche Probleme ergeben sich aus der Verwendung des Charisma-Begriffs für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Webers Herrschaftssoziologie? Die Vielschichtigkeit des Charisma-Begriffs und die daraus resultierende mangelnde terminologische Trennschärfe zu verdeutlichen, ist das Ziel dieser Überlegungen. Das Spannungsfeld von Macht und Gewalt ist ein zentraler Gegenstand der Philosophie Hannah Arendts. Von welchem Verhältnis dieser beiden Begriffe geht sie dabei aus, wie grenzt sie sie voneinander ab? Wie unterscheidet sich ihre Verwendung der Begriffe von der Verwendung durch Max Weber und worauf basiert ihre Kritik an Webers Terminologie? Da sich Hannah Arendt hier explizit mit Max Weber auseinandersetzt, scheint dieser Themenbereich besonders geeignet, um Unterschiede des Denkens zwischen beiden Theoretikern zu verdeutlichen.

Im zweiten Teil der Arbeit werden die Herrschaftstheorien Max Webers und Hannah Arendts ideengeschichtlich eingeordnet. Ziel dieses zweiten Teils ist ferner eine Untersuchung des ethisch-moralischen sowie des Legitimitätsaspekts. Inwiefern eignet sich Charisma als philosophische Kategorie? Welche Rolle spielt dabei Max Webers Postulat der Wertfreiheit der Wissenschaft? Wie stellt sich Webers Rationalisierungsthese vor diesem Hintergrund dar? Ein besonderer Fokus liegt hier auf dem Verhältnis von Rationalisierung und Religion sowie Rationalisierung und Freiheit. Dabei wird auch auf die unterschiedliche Stellung der Freiheit in Max Webers und Hannah Arendts Denken Bezug genommen. Zu untersuchen ist vor allem das Erklärungspotenzial der „Entzauberung“ des Lebens als Bestandteil einer historischen Entwicklung hin zu einer kapitalistischen Gesellschaft für Webers Herrschaftsverständnis. Damit eng verbunden ist die Frage der Legitimität von Herrschaft. Max Webers Rationalisierungsthese und Hannah Arendts Philosophie zu Macht und Gewalt werden hier ausgehend von den Fragen der Entstehung, Aufrechterhaltung und des Schwindens von Legitimität problematisiert.

2.Grundlagen der Herrschaftsphilosophie bei Max Weber und Hannah Arendt

2.1 Glaube und Hingabe versus Totalität

Max Weber definiert Macht und Herrschaft folgendermaßen:

„Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht. […] Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angegebenen Personen Gehorsam zu finden“.[1]

Den Begriff „Macht“ hält Max Weber für „soziologisch amorph“[2], da jeder Mensch in jeder denkbaren Situation unter bestimmten Voraussetzungen Macht ausüben kann. Er schlägt vor, Macht präziser als „für einen Befehl Fügsamkeit finden“ zu definieren.[3] Noch deutlicher formuliert Hannah Arendt eine Abhängigkeitsbeziehung der Mitglieder einer Gruppe als Voraussetzung für Macht, wenn sie Macht als „menschliche[…] Fähigkeit, […] sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen zu handeln“ definiert.[4] Über Macht kann somit niemals ein Einzelner für sich allein verfügen, sondern lediglich eine Gruppe. Selbst wenn einer Einzelperson Macht zugeschrieben ist, ist damit die Tatsache gemeint, dass diese Person von einer Gruppe ermächtigt ist, in ihrem Namen zu handeln.[5]

Max Weber nennt drei „reine Typen legitimer Herrschaft“: 1. die rationale beziehungsweise legale Herrschaft, die auf dem Glauben an die Legalität gesetzter Ordnungen beruht, 2. die traditionale Herrschaft, deren Grundlage der Alltagsglaube an die Heiligkeit von jeher geltenden Traditionen gilt und 3. die charismatische Herrschaft, die auf der außeralltäglichen „Hingabe an die Heiligkeit oder Heldenkraft“ oder allgemein auf der Vorbildlichkeit einer Person basiert.[6] Als konkrete Formen rationaler beziehungsweise legaler Herrschaft nennt Weber: mit Verwaltung verbundene Herrschaft, Herrschaft durch ökonomische Differenzierung, Herrschaft durch Parteien. Formen traditionaler Herrschaft sind Herrschaft der Honoratioren und Ältestenherrschaft. Unter charismatischer Herrschaft ist die Herrschaft durch einen Führer zu verstehen. Als weitere Form der Herrschaft, die sich keiner der drei Gruppen eindeutig zuordnen lässt, benennt Max Weber die Herrschaft durch Geheimhaltung.[7]

Stellt man diesem soziologisch orientierten Herrschafts-Verständnis das Herrschafts-Verständnis Hannah Arendts gegenüber, so sind zunächst deren grundlegend andere Prämissen festzustellen. Herrschaft bedeutet bei ihr totale bzw. totalitäre Herrschaft.[8] Eine präzise Definition des Begriffes gibt Hannah Arendt nicht. Folgender Satz benennt zumindest wesentliche Merkmale:

„Vergleicht man den totalen Herrschaftsapparat mit einem der vielen uns aus der Geschichte bekannten Staatsapparate, so kann man ihn nur als strukturlos bezeichnen. Dabei vergisst man, dass nur ein Gebäude eine Struktur haben kann, dass aber eine Bewegung, nimmt man dies Wort so buchstäblich ernst, wie die Nazis es genommen haben, nur eine Richtung haben kann und dass jegliche gesetzliche oder staatliche Struktur für eine immer schneller werdende Bewegung nur ein Hindernis ist.“[9]

Hannah Arendts Interesse konzentriert sich auf die Formen totaler Herrschaft des Nationalsozialismus und Stalinismus. Hannah Arendt geht bei ihrer Erklärung der Ursprünge totaler Herrschaft von der Situation einer erfolgreichen Revolution aus, deren Dynamik nach Erreichung der Revolutionsziele nachlässt.

„In Stalins wie in Hitlers Falle […] lagen die Dinge an sich außerordentlich ähnlich: In beiden Fällen war die Existenz der Bewegung durch eine offenbare Normalisierung der Verhältnisse ernstlich in Gefahr; die Revolution war an ihr Ende gekommen, und die Bevölkerung wünschte sich nichts sehnlicher als die Stabilisierung der bestehenden Verhältnisse.“[10]

Stabilisierung durch totale Herrschaft bedeutet jedoch die künstliche Etablierung eines Zustands der permanenten Unstabilität, einer „permanenten Revolution“[11]. Paradoxerweise ist das Ziel dieses Zustands, das zu verhindern, was der Machthaber versprochen hat.[12] Verwaltungstechnische und ökonomische Faktoren spielen dabei nicht nur keine Rolle, sondern wären sogar – bei Entwicklung eigener Strukturen – kontraproduktiv.[13] Eine Besonderheit des Führerprinzips, das einen wesentlichen Bestandteil von totaler Herrschaft darstellt, besteht darin, dass keinerlei Hierarchie existiert. Herrschaft ist im engen Wortsinn total. Das heißt, sie erstreckt sich über alle Bereiche des Lebens, ohne bestimmten Gesetzen und Regeln zu folgen. Damit verbunden ist das Fehlen von Autorität. Während Autorität zum Zweck der Beschränkung von Freiheit eingesetzt wird, zielt das Führerprinzip auf die Eliminierung der Freiheit ab.[14] Hierin liegt ein Widerspruch zu der von Max Weber als ein Element der Herrschaft benannten ökonomischen Differenzierung. Diese setzt unverzichtbar Freiheit voraus. Auch eine Beteiligung anderer an der durch einen Führer ausgeübten Herrschaft, die Max Weber im Zusammenhang mit der Herrschaft durch Parteien thematisiert, kommt in Hannah Arendts Ansatz nicht vor. Zwar brauchte Hitler die Unterstützung der Anhänger der von ihm geführten „Bewegung“ um an die Macht zu gelangen. Einmal dort angekommen, hat er jedoch jegliche Beteiligung anderer an der Macht abgelehnt. Anders als Stalin, der Cliquenbildung durch physische Liquidierungen unterband, hat Hitler die Machtverhältnisse immer wieder verschoben.[15] Auf diese Weise hat er nicht nur Cliquenbildung verhindert, sondern zugleich die Etablierung fester Strukturen und damit das Entstehen von „Normalität“ unmöglich gemacht. Die Differenzierung ist bei Max Weber auch dasjenige Prinzip, das der Herrschaft durch Honoratioren und jeder anderen Form von Herrschaft zugrunde liegt. Die Gesellschaft wird als differenziertes, arbeitsteiliges Zusammenleben von Menschen verstanden, unter denen es Bevorzugte und Benachteiligte, Menschen mit hohen und Menschen mit niedrigerem Prestige gibt. Totale Herrschaft hingegen kennt all diese Unterschiede nicht. Ebenso wenig unterscheidet sie zwischen Information und Nicht-Information der Beherrschten über Planungen und Handlungen, sondern führt das Prinzip der Geheimhaltung durch eine Medienpolitik propagandistischer Pseudoinformation ad absurdum, während sie zugleich jede Selbstinformation der Beherrschten rigoros unterdrückt. Da der Machthaber nicht gänzlich verhindern kann, dass geheime Informationen aus dem Kreis der Eingeweihten nach draußen dringen, muss die Bedrohung für diejenigen, die diese Information weiter verbreiten, immens sein. Jedermann muss sich darüber klar sein, „dass es nichts Gefährlicheres und nichts Verboteneres gibt, als über diese offenen Geheimnisse zu sprechen oder sich gar nach ihnen zu erkundigen“[16]. Diese Situation erschwert es den Beherrschten, zwischen der Information über Tatsachen und Geschichten und Gerüchten zu unterscheiden, „da Menschen für Wissen wie Erfahrungen der Mitmenschen bedürfen, die das Gewusste und Erfahrene mitverstehen und bestätigen können“[17]. Max Weber begründet seine Theorie der Herrschaft durch Verwaltung mit der Gleichheit aller in einer Gesellschaft lebenden Menschen hinsichtlich ihres sozialen Status. Diese Prämisse ist bei totaler Herrschaft undenkbar.

„Was immer wir von der Hitler- und der Stalin-Diktatur wissen, deutet darauf hin, dass die Isolierung und Atomisierung, welche der totalen Herrschaft ihre Massenbasis verschaffen, sich bis in die Spitze der Führung fortsetzen, und dass der Führer auch im intimsten Kreise niemals als ein Primus inter pares auftritt.“[18]

[...]


[1] Max Weber: Grundriss der Sozialökonomie. III. Abteilung: Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen 19473. S. 28

[2] Ebd. S. 28

[3] Vgl. ebd. S. 29

[4] Vgl. Hannah Arendt: Macht und Gewalt. München 2000. S. 45

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. ebd. S. 124

[7] Vgl. ebd. S. 612

[8] Vgl. Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München 200611. S. 814 f.

[9] Ebd. S. 832

[10] Ebd. S. 818

[11] Vgl. Leo Trotzki: Die permanente Revolution. Essen 1993

[12] Vgl. Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München 200611. S. 819

[13] Vgl. ebd. S. 841

[14] Vgl. ebd. S. 843

[15] Vgl. ebd. S. 846

[16] Ebd. S. 902

[17] Ebd.

[18] Ebd. S. 846

Details

Seiten
25
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638613545
ISBN (Buch)
9783638673594
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v69500
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,0
Schlagworte
Eine Analyse Herrschaftsbegriffs Weber Hannah Arendt

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