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Die Liebesszenen im "Erec" - Ein Vergleich von Chretien de Troyes zu Hartmann von Aue

Hausarbeit 2004 21 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Liebesszenen im Vergleich von Chrétien zu Hartmann
2.1 Die erste Liebesszene
2.1.1 Der Heimritt zum Artushof
2.1.2 Das Warten auf den Hochzeitstag
2.2 Die zweite Liebesszene
2.2.1 Die Hochzeitsnacht am Artushof
2.2.2 Die Liebesszene auf Karnant
2.3 Die dritte Liebesszene
2.3.1 Die Versöhnungsszene
2.3.1.1 Die Frage nach der Prüfung
2.3.1.2 Der Wortschatz
2.3.1.3 Schuld und Vergebung

3. Die Unterschiede in der Figurendarstellung und die damit verbundene Absicht der Dichter

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Vergleich der Liebesszenen des Romans „Erec et Enide“[1] von Chrétien de Troyes und Hartmann von Aues Roman „Erec“[2] steht im Mittelpunkt dieser Arbeit. Mit dem Vergleich sollen zunächst die textimmanenten Unterschiede, die die Gestaltung der Liebesszenen, den Inhalt und die Wortwahl betreffen, herausgestellt und interpretiert werden, um auf die folgenden Fragen, die sich bei der Lektüre stellen, eine mögliche Antwort zu finden und um die aufgestellten Thesen zu untersuchen.

Als erstes stellt sich die Frage, ob Hartmanns „Erec“ als Original gelten kann, oder ob der deutsche Roman eine Interpretation bzw. eine Umdeutung der französischen Vorlage ist, so dass der „Erec“ nur als Betonung und Verdeutlichung der Problematik Chrétiens gesehen werden kann?

Die Unterschiede in den Darstellungen der Liebesszenen weisen meiner Meinung nach deutlich auf die jeweilige Absicht der Dichter hin: Chrétien hat einen Roman über ein Ehepaar geschrieben, in dem die Vervollkommnung der Frau im Vordergrund steht. Der französische Dichter will mit seinem Roman die Liebe in der Ehe rehabilitieren. Mit der Formulierung dieser These wird gleichzeitig die Frage aufgeworfen, welche Rolle die provenzalische Minnedoktrin und die Liebesauffassung der Troubadoure für die höfischen Dichter spielte.[3] In Hartmanns Roman stehen dagegen vielmehr die Entwicklung des Mannes und die Absicht, einen „arthurischen“ Roman zu schreiben, im Vordergrund.

Die einzelnen Liebesszenen der Romane habe ich in drei Hauptszenen gebündelt. Dort werden die Szenen vorgestellt, das Stadium, in dem sich die Liebesbeziehung von Erec und Enite befindet erläutert und die Unterschiede bzw. die Gemeinsamkeiten von Chrétien und Hartmanns Fassung werden herausgestellt. Die Gliederung in drei Hauptszenen soll die Entwicklung der Liebe zwischen Erec und Enite und die der Figuren selber, die sich in drei Stufen vollzieht, deutlich machen. Im Anschluss an die dritte Liebesszene wird in drei Unterpunkten nochmals auf die Unterschiede in den beiden Werken vertieft eingegangen. Der dritte Punkt dieser Arbeit fasst die Verschiedenheit in der Figurendarstellung zusammen und versucht die unterschiedlichen Motivationen bzw. Absichten der Dichter durch ihre Darstellung der Figuren zu erläutern. Im abschließenden Punkt der Arbeit werden die hier gestellten Fragen und formulierten Thesen nochmals aufgegriffen, das Ergebnis des Vergleiches wird beurteilt und auf möglicherweise offen gebliebene Fragen und den Vergleich ergänzende Aspekte wird hingewiesen.

2. Die Liebesszenen im Vergleich von Chrétien zu Hartmann

2.1. Die Erste Liebesszene

2.1.1 Der Heimritt zum Artushof

Erec und Enite befinden sich in dieser Szene (Chrétien: 1459-1496; Hartmann: 1484-1496)auf dem Heimweg zum Artushof. Sie sind zum ersten Mal allein, abgesondert von der Gesellschaft und ganz aufeinander angewiesen. Die Privatsphäre, in der sie sich hier zum ersten Mal befinden, ist kennzeichnend für diese Liebesszene. Obwohl das Paar unter verhältnismäßig günstigen Umständen zueinander gefunden hat, stellt sich hier so etwas wie Vertrautheit nicht ein, denn beide Dichter lassen Erec und Enite nicht miteinander reden.

In dieser Liebesszene steht das gegenseitige Anschauen und Betrachten im Mittelpunkt ihrer Beziehung, denn Erec und Enite sehen sich wie zum ersten Mal. Bis zu diesem Zeitpunkt war jedes dem anderen ein Ereignis, das ihm schicksalhaft „geschah“. Von einer bewussten Wahl kann hier nicht die Rede sein.[4] Hier heißt es erstmalig: „ir herze wart der minne vol:/ si gevielen beide ein ander wol/ und ie baz unde baz.“(V.1492-1494).Ähnlich lautet es bei Chrétien in Vers1494: „li uns a l’autre son cuer anble;“. Das gegenseitige Anschauen (Chrétien:1466-1481; Hartmann: 1484-1491), besonders bei Chrétien eine Anlehnung an Ovid, stellt metaphorisch gesehen das Ergreifen oder Fesseln des anderen Herzens dar. Über den Blick, durch die Augen hindurch wird das Herz, die Seele von der Liebe ergriffen. Dieses Verhalten, dass Erec und Enite sich nur gegenseitig betrachten und nicht miteinander reden drückt Einiges über ihre Beziehung und ihren Gemütszustand zu diesem Zeitpunkt aus: Da beide noch nie außerhalb der Gesellschaft mit dem anderen Geschlecht in Kontakt gekommen sind, zeigt ihr Verhalten ihre Verlegenheit und Unsicherheit. In der Gesellschaft waren sie sicher, dort herrschte eine Ordnung im Umgang zwischen Mann und Frau. In dieser Situation fehlt ihnen diese sichernde Instanz, wodurch ihr Unvermögen, der für sie völlig neuen Situation gerecht zu werden, deutlich wird. Möglicherweise ist das Anschauen auch ein Ausdruck dafür, dass Erec und Enite von ihren Gefühlen überwältigt sind und nur durch den Blick kommunizieren können. Kein Wort kann ihre Empfindungen zum Ausdruck bringen, die Sprache reicht nicht aus, weshalb sie im Blick verweilen. Der Umstand, dass Erec und Enite sich nur betrachten und nicht miteinander sprechen kann auch als Ausdruck für das reine Interesse am Äußeren des Gegenübers stehen, also das ausschließliche Interesse an der Schönheit, Ritterlichkeit und Höfischkeit des anderen. Dies wird besonders deutlich an der Beschreibung der liebreizenden Gestalt Enidens von Kopf bis Fuß bei Chrétien (1470-1477).

Auf Grund dieses Verhaltens des Paares stellen sich die Fragen, wie es um die Liebe von Erec und Enite bestellt ist und ob in ihrer Beziehung überhaupt von Liebe oder eher von Begierden gesprochen werden kann? Die Autoren sagen mit: „ir herze wart der minne vol:“ (1492), „zewârẹ ich iu daz sagen will/ dâ was der Minnen gewin:“ (1857f) und bei Chrétien von Vers 1492 bis1496 ausdrücklich, dass Erec und Enite sich lieben. Es ist also offensichtlich, dass zwischen den beiden Liebe herrscht, fraglich ist nur, was Erec und Enite zu diesem Zeitpunkt unter Liebe verstehen. Enite fühlt sich zu Erec seiner ritterlichen und höfischen Qualitäten wegen hingezogen (Chrétien: 1478-1481) und Erec scheint eher stolz auf die Schönheit und die übrigen Vorzüge der jungen Frau, als von dem Gedanken berauscht zu sein, dass er jetzt eine Frau fürs Leben gefunden habe (Chrétien: 1462-1477).

Um den Standpunkt der Liebesbeziehung eindeutig und zusammengefasst darstellen zu können, ist es notwendig noch eine weitere Szene aus Hartmanns Roman, die auf diese erste Liebesszene folgt, zu betrachten.

2.1.2 Das Warten auf den Hochzeitstag

Diese Szene (1840-1888), in der das ungeduldige Warten der Verlobten auf die eheliche Minne im Mittelpunkt steht, ist von Hartmann im Vergleich zu Chrétien neu eingeführt worden.[5]

Erec und Enite sind am Artushof eingetroffen und nachdem sie freudig von der Hofgesellschaft empfangen wurden, der König sein Recht Enite zu küssen wahrgenommen hatte, warten beide sehnsuchtsvoll auf den Tag ihrer Hochzeit, denn „der tage dûhtẹ in ze lanc, / daz er ze langern zîten / ir minne solde bîten / dan unz an die næhsten naht.“ (1847-1850). Das Warten ist für beide so grausam, so dass sie denken: „ ‚ jâ enwirdẹ ich nimmer vrô, / ich engelige dir noch bî / zwô naht oder drî.’“ (1873-1875). Obwohl dies für ein frisch verlobtes Paar normal ist, wird hier schon auf die Unmäßigkeit ihrer Leidenschaft auf Schloss Karnant hingedeutet.

[...]


[1] Chrétien de Troyes: Erec et Enide. Übers. u. hrsg. v. Albert Gier, Stuttgart 2000. Im Folgenden wird aus dieser Ausgabe zitiert.

[2] Hartmann von Aue: Erec. Übers. v. Thomas Cramer, Frankfurt a. M. 252003. Im Folgenden wird aus dieser Ausgabe zitiert.

[3] Vgl. Köhler Erich: Ideal und Wirklichkeit in der höfischen Epik. Tübingen 21970, S. 139. Köhler stellt hier in Anlehnung an Gaston Paris sehr prägnant die Liebesauffassung der Troubadoure in vier Punkten dar.

[4] Vgl. Carne, Eva Maria: Die Frauengestalten bei Hartmann von Aue. Ihre Bedeutung im Aufbau und Gehalt der Epen. Marburg 1970, S. 36.

[5] Vgl. Kellermann, Wilhelm: „Die Bearbeitung des > Erec-und-Enide <-Romans Chréstiens [sic.] von Troyes durch Hartmann von Aue.“ In: Hartmann von Aue. Hrsg. v. Hugo Kuhn u. Christoph Cormeau, Darmstadt 1973, S. 519. Kellermann stellt sehr ausführlich die Umgestaltungen, Kürzungen u. Ausweitungen etc. von Hartmann dar.

Details

Seiten
21
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638601498
ISBN (Buch)
9783638844536
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v69662
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Schlagworte
Liebesszenen Erec Vergleich Chretien Troyes Hartmann Einführung Literatur Mittelalters

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