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Autismus. Die Symptomatik der autistischen Störungen

Pädagogische Konsequenzen und Förderung von Kindern mit autistischen Störungen

Hausarbeit 1999 33 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung in die Thematik

2. Definition und Klassifikation
2.1 Einleitung
2.2 Historischer Abriß
2.3 Klassische Ansätze
2.3.1 Kanner: Frühkindlicher Autismus
2.3.2 Asperger: Autistische Psychopathie
2.4 Kontinuum des autistischen Störungsbildes
2.5 Verwandte Störungsbilder

3. Epidemiologie
3.1 Prävalenz, Inzidenz, Intelligenzverteilung
3.1.1 Prävalenz beim Autismus nach Kanner Prävalenzrate
3.1.2 Prävalenz bei der Autistischen Psychopathie nach Asperger

4. Diagnostik

5. Ätiologie
5.1 Prädisponierende Faktoren
5.2 Auslösende Faktoren
5.3 Aufrechterhaltende Faktoren

6. Erklärungsmodelle
6.1 Kognitionspsychologischer Erklärungsansatz
6.2 Tiefenpsychologischer Ansatz
6.3 Multifaktorieller Ansatz
6.4 Sensomotorischer Ansatz
6.5 Lernpsychologischer Ansatz
6.6 Weitere Ansätze

7. Therapeutische Ansätze
7.1 Sensomotoriscche Ansätze
7.1.1 Sensorische Integrationsbehandlung nach J. Ayres
7.1.2 Aufmerksamkeits-Interaktionstherapie
7.1.3 Weitere körpertherapeutische Behandlungen
7.1.4 Gestützte Kommunikation (facilitated communication)
7.1.5 Patterning / Neurologische Organisation
7.2 Lernpsychologischer Ansatz
7.2.1 Lerntheoretische Methode
7.3 Tiefenpsychologische Ansätze
7.3.1 Die psychische Geburt des Menschen
7.3.1 Bettelheims Autismustherapie
7.4 Lautsprachunabhängige Ansätze
7.4.1 Musiktherapie
7.4.1.1 Musiktherapie nach Juliette Alvin
7.4.1.2 Musiktherapie nach Getrud Orff
7.4.1.3 Schöpferische Musiktherapie
7.5 Audiosensorische Ansätze
7.5.1 Audiovokales Training *
7.5.2 Kompensatorische Gehörschulung
7.6 Konfliktpsychologischer Ansatz
7.6.1 Festhaltetherapie / Forced Holding
7.7 Biochemische Ansätze
7.7.1 Vitamin- und Mineralstofftherapie
7.7.2 Medikamentöse Behandlung
7.8 Optionsmethode
7.9 Quantitative Hirnfunktionsanalyse und Neurofeedback *

8. Pädagogische Konsequenzen und Förderung von Kindern mit autistischen Störungen
8.1 Thesen einer angemessene Förderung
8.1.1 Entwicklungspsychologische Förderthesen
8.1.2 Ökologische Förderthesen
8.1.3 Steinadels Förderthesen
Betrachtung der eigenen Rolle
Eigenschaften eines Helfers
Die Familie
8.4 Vorstellung eines Förderprogrammes: Der TEACCH –Ansatz*

Literaturverzeichnis

„(...) In einer Welt unter Glas kannst du die Welt vorbeiziehn sehen.

Und niemand kann Dich berühren, du glaubst, du bist sicher.

Aber der Wind kann kalt wehen, in den Tiefen deiner Seele.

Dort könnte dir nichts wehtun, denkst du, bis es zu spät ist.

Lauf´ bis du fällst, weißt du, wie man anhält?

All die Leute gehen einfach an dir vorbei, du winkst zum Abschied.

Sie lächelten alle nur, denn du sahst aus wie ein Kind.

Nie hätten sie gedacht, daß sie dich verletzen Würden, sie sahen dich weinen.

So laß´ dir raten, frag´ nicht die Experten.

Überleg´ nicht lange, du könntest zuhören.

Lauf´ und versteck´ dich, in den Winkeln deines Geistes, allein.

Wie ein Niemand nirgendwo.

(aus: Donna Williams, 1992, 17)

1. Einführung in die Thematik

Die Symptomatik der autistischen Störungen sowie die kontrovers diskutierten und sich teils ausschließenden Erklärungsmodelle üben eine hohe Faszinationskraft aus, denn es bestehen immer noch Unklarheiten bezüglich der Ätiologie, der kognitiven Fähigkeiten, der Zuordnung zur Behindertenrichtung sowie sinnvoller Interventionsmaßnahmen.

Nachfolgend möchte ich zunächst im Teil A meines Berichtes einen kurzen Einblick in den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand zu dieser Thematik geben. Im Teil B stelle ich das Ergebnis meiner zweijährigen intensiven Beobachtungs- und Betreuungsstudie im Rahmen des Familienentlastenden Dienstes der Lebenshilfe vor.

2. Definition und Klassifikation

2.1 Einleitung

Gemäß des historischen Hintergrundes unterscheidet man zwischen dem Kanner–Autismus (auch `low–functioning–autism´) und dem Asperger–Autismus (auch `high–functioning–autism).

Wing (1981) stellte eine Triade auf, nach der sie die autistische Störung durch drei Symptome definiert:

1. „ernstes Defizit beim sozialen Zusammensein;
2. Defizit in verbaler und nonverbaler Kommunikation
3. Defizit in flexiblen, phantasiegeleiteten Aktivitäten, statt dessen ein Verhaltensmuster, das von Wiederholungen und Stereotypien dominiert wird.“ (vgl. Kari Steinadel, S.11 ff)

2.2 Historischer Abriß

Der Begriff `autistisch´ (autos (griech.) = selbst) wurde erstmals 1911 vom Psychiater Bleuer zur Bezeichnung eines spezifischen Symptoms erwachsener Schizophrener verwendet (vgl. Myschker, 1999).

Unabhängig voneinander publizierten Leo Kanner 1943 in den U.S.A. und Hans Asperger 1944 in Österreich erste Beschreibungen der autistischen Symptomatik.

2.3 Klassische Ansätze

2.3.1 Kanner: Frühkindlicher Autismus

Der frühkindliche Autismus nach Kanner definiert sich als eine schwere Entwicklunsstörung im emotionalen und motorischen Bereich sowie Kontakt- und Wahrnehmungsstörungen.

Im DSM – IV (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen) werden folgende Kardinalsymptome bzw. Primärsymptome für frühkindlichen Autismus nach Kanner aufgeführt:

1. qualitative Abweichung in der sozialen Interaktion (eingeschränkter Gebrauch von Mimik, Gestik, Körperhaltung als Instrument sozialer Interaktion; Unfähigkeit der Beziehung zu Gleichaltrigen; Mangel an Empathie[1] ; Mangel am sozio - emotionaler Gegenseitigkeit)
2. qualitative Abweichung im Kommunikationsmuster (verzögerte oder Ausbleiben der Sprache; Sprache ist idiosynkratisch, stereotyp oder repetitiv; Fehlen von Imitations- und Rollenspiel)
3. begrenzte, stereotypes und sich wiederholendes Repertoire von Interessen und Aktivitäten (starre Rituale und Gewohnheiten; stereotype und repetitive Manierismen, ständige Objektbeschäftigung,)

Weiterhin liegt der Beginn der Störung vor dem 3. Lebensjahr, und es zeigt sich eine Verzögerung oder abnorme Funktionsfähigkeit in den folgenden Bereichen:

a) soziale Interaktion oder
b) Sprache als Kommunikationsmittel oder
c) Symbolisches oder Phantasiespiel.

(vgl. Klicpera und Innerhofer, 1993)

Dilling und Reimer (1997) erwähnen weiterhin die Eventualität folgender Sekundärsymptome:

kein soziales Lächeln, keine Reaktion auf Zuwendung der Mutter, starr und emotionslos; Spielstörungen, Veränderungsängste, verbale und Handlungsstereotypien, Wahrnehmungsschwäche, motorische Koordinationsschwäche, intellektuelle Retardierung, deutliche Intelligenzminderung, schwere Sprachentwicklungsstörung: zunächst motorische Entwicklung, dann verspätete, teilweise auch ausbleibende, Sprachentwicklung Echolalie[2], Neologismen[3], starke Abkapselung, defizientes Ich-Bewußtsein, prominale Umkehr.

Zur Divide ist zu sagen, daß es weiterhin zu psychogenen Autismus bei Deprivation, Autismus bei Oligophrenie[4] und Pseudoautismus bei blinden und gehörlosen Kindern kommen kann.

2.3.2 Asperger: Autistische Psychopathie

Autistische Psychopathie nach Asperger definiert Dilling Reimer (1997) als eine frühe sprachliche und späte motorische Entwicklung, eine unauffälige intellektuelle Entwicklung sowie autistische Symptome, die sich erst im Kleinkindalter äußern können.

Weiterhin können sich folgende Symptome zeigen:

1. Motorische Ungeschicklichkeit
2. Sprache mit Wortschöpfungen
3. Sonderinteressen und Spezialkenntnisse / Inselbegabungen
4. keine synthetischen Intelligenzleistungen

In den diagnostischen Kriterien des F 84.5 der ICD-10 Forschungskriterien, WHO 1993, werden oben genannte Kriterien bestätigt, allerdings durch die qualitative Beeinträchtigung der gegenseitigen Interaktion und stereotypen Verhaltensmuster ergänzt, wie sie auch als Kardinalsymptome des Kanner-Autismus beschrieben sind.

Die Prognose scheint günstiger als beim frühkindlichen Autismus zu sein.

2.4 Kontinuum des autistischen Störungsbildes

Diese Form der Aufgliederung der Symptomatik wird stark diskutiert (vgl. Ghaziuddin u.a. 1992, Rutter & Schopler 1992, Tossebro 1993). So können einzelne Kinder im Vorschulalter die klassischen Symptome des Kanner-Autismus aufweisen, während sie aber im Jugend- und Erwachsenenalter sich nicht mehr von Personen mit high-functioning-autism unterscheiden (Wing, 1991).

Ferner erschwert die breite Streuung der Störung die Aufstellung von Diagnosekriterien, die weder zu weit noch zu eng gefaßt sind und Entwicklungsveränderungen erfassen.

Um das Kontinuum der autistischen Störung eindeutiger klassifizieren zu können nimmt Wing eine Untergruppeneinteilung vor:

1. Die `Fernen´: sind sozial zurückgezogen und gleichgültig gegenüber ihren Mitmenschen.
2. Die `Passiven´: zeigen eine hohe soziale Passivität; Annäherung der Mitmenschen wird zugelassen, aber sie ergreifen selbst keine Initiative.
3. Die Aktiven und Merkwürdigen´: sie sind zwar auf der kommunikativen Ebene aktiv, legen aber sonderbare Interaktionen an den Tag. Sie haben soziale Kontakte zu Erwachsenen, teilweise auch zu Kindern. Ihr Sozialverhalten und ihrer Sprache adaptieren sich wenig an den jeweiligen Interaktionspartner adaptiert und sie bekunden ihm wenig Empathie. Sie wirken oft rücksichtslos bezüglich der Bedürfnisse ihrer Mitmenschen (nach Wing & Gould 1979; Wing & Attwood 1987).

Gemäß der klassischen Ansätze lassen sich Kanner-Autisten in die Untergruppen der `Fernen´ und ´Passiven´ einordnen, während Asperger-Autisten oft der Untergruppe der `Akitven und Merkwürdigen´ angehören.

2.5 Verwandte Störungsbilder

Die diagnostische Abgrenzung der autistischen Störung ist diffizil, so daß der Weg zur Diagnosestellung `Autismus´ mit zahlreichen Fehldiagnosen gepflastert ist: die häufigsten sind: semantisch-pragmatische Sprachstörungen, nonverbale Lernschwierigkeiten, minimalen zerebrale Dysfunktion (MCD / MBD), hyperkinetisches Syndrom, Tourette-Syndrom, Gilles-de-la-Tourette-Syndrom ferner psychiatrische Diagnosen (Zwangsstörungen, Schizophrenie), Rett-Syndrom und die desintegrative Störung des Kindesalter (Dementia infantiles, Heller – Syndrom) (84.3) sowie Hospitalismus, geistige Behinderunge und andere Persönlichkeitsstörungen.

3. Epidemiologie

3.1 Prävalenz, Inzidenz, Intelligenzverteilung

3.1.1 Prävalenz beim Autismus nach Kanner

Klicpera und Innerhofer sprechen von 4-10 Kinder auf 10.000 und gehen von einer weitaus größeren Zahl aus, in Anbetracht der Korrelation schwerer geistiger Behinderungen und autistischer Störung. Alle Studien weisen einen Jungenüberschuß auf, insbesondere auf dem mittleren und höherem Intelligenzniveau, und eine stärkere intellektuelle Beeinträchtigung autistischer Mädchen.

Nach der Wingschen- Triade findet sich folgende Geschlechterverteilung:

[...]


[1] Empathie bezeichnen Gruhle und Worringer als ein „Nacherleben, das Sichhineinversetzen in ein fremdes Erleben, das Miterleben des fremden Ichs aufgrund der Wahrnehmung des Ausdrucks oder der Mitteilung der Erlebnisse einer anderen Person bzw. Der Kenntnis ihrer seelischen Situation“ (vgl. Dorsch, 1994)

[2] Als Echolalie wird die Reproduktion der phonematische Repräsentaion bezeichnet, d.h. das gesagte wird papageienhaft Nachgeplappert.

[3] Unter Neologismen versteht man Wortneuschöpfungen, die durch ungewöhnliche Kombination von Silben mit unterschiedlichen Bedeutungsinhalten entstehen.

[4] Oligophrenie ist synonym für Intelligenzminderung, die von Debilität(IQ von 50 – 69) bis Idotie (IQ von 0-19) reichen kann.

Details

Seiten
33
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638144063
ISBN (Buch)
9783638697187
Dateigröße
709 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6981
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Diplom-Pädagogik
Note
1
Schlagworte
Autismus Symptomatik Störungen Pädagogische Konsequenzen Förderung Kindern

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Titel: Autismus. Die Symptomatik der autistischen Störungen